Codename Minotaurus
Humorvoller Action-Thriller
Hauptcharaktere
Einheitlich formatierte Charakterbilder fuer die visuelle Buchvorschau.
Dr. Mikaela Ricci
Mike Nowak
Brian Schuster
Chris Hartinger
Terry Flow
Fatty
Niclas "The DON" Dominique

Codename Minotaurus
Ein humorvoller Action-Thriller, der als Textversion und Graphic-Novel weiter finalisiert wird. Die Vorschau sammelt Rohfassungen, Analyse und Audio-Kritik als Werkstattmaterial.
- Status
- Textversion und Graphic-Novel in Finalisierung
- Ausrichtung
- Action, Humor, Tempo und überzeichnete Figurenenergie.
Manuskript & Analyse
Werkstattmaterial als Vorschau. Beim Anklicken öffnet sich der extrahierte Textauszug direkt auf der Seite.
DOCXVorschau
260314_Codename Minotaurus_Rohfassung
Arbeitstitel Codename Minotaurus Cliff Aßmann Codename Minotaurus Für Alle, die an mich glauben… Originalausgabe 2021 Printausgabe 2021 TF Taschenbuch Verlag Alle Rechte vorbehalten Layout: C. Aßmann ISBN Contact: terryflow@terryflow.de Lady Mystic, Still know, what to do… „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge,...
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Arbeitstitel Codename Minotaurus Cliff Aßmann Codename Minotaurus Für Alle, die an mich glauben… Originalausgabe 2021 Printausgabe 2021 TF Taschenbuch Verlag Alle Rechte vorbehalten Layout: C. Aßmann ISBN Contact: terryflow@terryflow.de Lady Mystic, Still know, what to do… „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“ (Exodus 21,23–25) Dramatis Personae Dramatis Personae 2 Inhalt Inhalt 11 Prolog 14 Berlin 2019 17 Irgendwo in der Wüste 2011 22 Nächtliche Waldbegegnungen 33 Auf den Straßen Hamburgs 41 Berührung mit dem Tod, Juni 2011 49 Der perfekte Plan 58 OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin 69 Washington, USA 76 Der Auftrag 84 Nachts in der Nähe von Mannheim… 96 Office Ralph Keller, Chief Finance Officer, Berlin 101 The Don… 116 Die Flucht 122 Das Verhör 131 Rückblende 135 München 144 Pathologisches Institut der LMU München 147 OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin 152 Nächtliches Dilemma, Berlin 154 Der Absturz, Juni 2011 159 Taxifahrt durch die Nacht 176 Freiburg, Schwarzwald 186 Der Hinterhalt 195 OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin 206 West-Side, London 209 6. Etage, Supreme HQ Allied Powers Europe 217 Gesprengtes Team, Juni 2011 224 Der Befehl 228 Washington, USA 238 Lauf gegen die Zeit 250 Newham, London 257 Haus der Kubickis, USA 263 Oval Office, USA 271 Die Entführung 285 Celsia Air, Berlin 288 Paris 295 Situation X 308 Situation ungelöst 313 München, Gartenstr. 20 316 Die Rückkehr 320 In der Höhle des Löwen 332 Kriminalfachdezernat 1, München 343 Wahre Liebe 359 Vertrauen 374 Des Wahnsinns Grauen 382 Von Rindern und Eseln 392 Falsche Freunde 403 Die Jagd 414 End of chapter 1 428 Epilog 453 Pamphlet des Bösen 459 Dankwort 462 Zusammenfassung 465 Prolog An einem heißen Freitagnachmittag in Medina schlug eine Gestalt im traditionellen muslimischen Stoffgewand den Teppichboden unter einem Fenster des Hotelzimmers zurück und nagelte die Füße einer Staffel mit einem Tacker an den Parkettboden fest. Die Ausrüstung war mittels mehrerer großen Koffer ins saudische Dar Al Interkontinental Hotel gebracht worden. Zusammengebaut und aufs Abschussgestell montiert, bot die TOW-2-Kurzstreckenrakete der zweiten Generation einen imposanten Anblick. Obwohl die Waffe mit ihrem 1,00-Meter-Profil noch genauso aussah wie die Teile, die von den Israelis 1973 im Jom-Kippur-Krieg eingesetzt worden waren, hatte die effektive Reichweite um fast einen Kilometer zugelegt und entsprach nun über 4.000 Meter. Mehr als genug, um heute ihre tödliche Wirkung zu erzielen. Die optische Zieleinheit der Rakete war im Nachbarzimmer sicher montiert und das Fadenkreuz auf ihr Ziel ausgerichtet. Ein Infrarotsensor verfolgte Flugbahn und Vorwärtsbewegung der Rakete, um im Bedarfsfall letzte Korrekturen vorzunehmen. Auf so kurze Distanz dürften allerdings keine nötig sein. Der digitale Zünder war auf 15 Minuten nach Beginn des Abendgebetes in der Prophetenmoschee eingestellt, der zweitheiligsten Stätte des Islam. Im muslimischen Glauben galt der Freitag als wichtigster Tag der Anbetung, weshalb die Moschee stark frequentiert wurde. Der Zeitpunkt des Anschlags sorgte für ein Höchstmaß an Opfern, ein wahres Blutbad. Der Terrorist hängte an beide Türen ein „Bitte nicht stören!“-Schild. Unmittelbar nach Abschuss der Rakete wollte er es sich bereits auf einem Erste-Klasse-Flug Richtung Kairo bequem machen. Von Kairo aus ging die Heimreise über ein geheimes Transport-Netzwerk weiter. Die Spätnachrichten dürften zu diesem Zeitpunkt bereits von dem Vorfall berichten. Der digitale Zünder nahm seinen verheerenden Countdown auf. Der Terrorist sprühte unterdessen mit einer Spraydose eine große Hand an die Wand, die einen Davidstern hielt. Die normalerweise hellblauen Augen des Terroristen funkelten vor Hass so schwarz wie Kohle, während er die letzten Buchstaben unter die Hand sprühte. Eine schlichte, aus drei Wörtern bestehende Botschaft, die den späteren Ermittlern dennoch einen Schauder über den Rücken jagen würde: „Terror für Terror“. Zwei Stunden später wälzten sich Andächtige zügig vorwärts. Beim Betreten der Prophetenmoschee, mit dem rechten Fuß zuerst, wie die Tradition es vorschrieb, flüsterten die Eintretenden: „Ich suche Zuflucht bei Allah dem Allmächtigen, bei Seinem ehrenwerten Antlitz und bei Seiner ewig währenden Macht … Oh Allah! Vergib meine Sünden und öffne die Tore Deiner Gnade für mich.“ Sie schwärmten ins Innere des islamischen Gotteshauses und begaben sich auf die Suche nach freien Plätzen, um sich zwischen den Tausenden Gläubigen hinzuknien, als über ihren Köpfen ein lautes Grollen erscholl, mit dem eine massive, mit zwei Sprengköpfen bestückte Rakete die Dachkonstruktion durchbrach, explodierte und todbringendes Feuer auf sie herabregnen ließ. Gegen Mittag des folgenden Tages gaben die Rettungskräfte allmählich die Hoffnung auf, unter den Trümmern noch Überlebende zu finden. Während sich die Einwohner Medinas hinter den Absperrungen der Rettungsdienste drängten und nach dem Warum fragten, ging bei den Zeitungen und Nachrichtenagenturen in aller Welt zeitgleich per Fax ein Bekennerschreiben mit folgendem Wortlaut ein: „Seit Jahrzehnten unterstützt und ermutigt die arabische Welt den gegen Israel gerichteten Terror. Öffentlich distanzieren sich die arabischen Staaten von Terroristen, unter der Hand jedoch werden sie von ihnen ausgebildet und finanziert. Der Staat Israel wird Gewaltakte auf unserem Grund und Boden beziehungsweise gegen unser eigenes Volk nicht länger hinnehmen. Von nun an werden wir der arabischen Welt in der Sprache antworten, die sie ersonnen und uns so bitter entgegengespuckt hat – in der Sprache des Terrors. Wie es bei Hiob heißt: ›Wer Unrecht pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch.‹“ Das Fax war im Namen einer Organisation verfasst, die sich „Hand Gottes“ nannte. Unter dem Schriftzug prangte dasselbe Piktogramm, das die Polizei von Medina auch an der Wand von Zimmer 911 des Dar Al Interkontinental Hotels angetroffen hatte: eine große Hand, die einen Davidstern umklammerte. Die Operation hatte begonnen! Berlin 2019 Berlin im November war kein Ort, es war ein Zustand. Ein nasskalter, bleigrauer Schleier lag über dem Potsdamer Platz und schluckte die Konturen der futuristischen Glaspaläste. Michael Kahrmann stand am deckenhohen Fenster seines Büros im zehnten Stock des SEC-ON-Towers. Er beobachtete, wie die roten Rücklichter der Autos in der Tiefe wie ein langsamer Strom aus Lava durch den Regen flossen. Normalerweise fand er in dieser Ordnung der Stadt seine Ruhe. Doch heute fühlte sich die Symmetrie Berlins falsch an. Hinter ihm summten die Hochleistungsserver in ihrem klimatisierten Glaskasten – ein vertrautes, monotones Lied aus Milliarden von Rechenoperationen. Michael war ein Mann der Logik, ein Architekt von Firewalls, ein Dompteur von Datenströmen. Er glaubte an Algorithmen. Aber Algorithmen kannten keinen Verrat. Ein plötzliches Aufleuchten auf seinem Hauptmonitor riss ihn aus den Gedanken. Ein grelles, pulsierendes Rot. Keine Fehlermeldung, sondern eine Kapitulation. Michael Kahrmann starrte auf den Monitor, während das fahle Licht der Server-LEDs lange Schatten in sein Büro warf. Als IT-Sicherheitsexperte bei SEC-ON war er eigentlich dafür bezahlt, nachts ruhig zu schlafen, weil seine Systeme die Drecksarbeit machten. Doch was er dort sah, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Es war kein bloßes Hintergrundrauschen im Netz, kein „Script-Kiddie“, das gegen die digitale Festung klopfte. Es war ein chirurgischer Eingriff. Seine wichtigste Aufgabe war es, die streng geheimen Daten zu schützen. Doch genau in diesem Moment sickerte das Lebenselixier der Firma durch eine Lücke nach draußen, die es eigentlich gar nicht geben durfte. Michael spürte eine aufsteigende Übelkeit. Kurz blitzte der Gedanke auf, den Monitor einfach auszuschalten, die Logs zu löschen und am nächsten Morgen den ahnungslosen Kollegen zu mimen. Doch er wusste: Wer auch immer da am anderen Ende der Leitung saß, hatte ein Ziel. Wenn die biometrischen Daten des Kanzleramtes auf dem Schwarzmarkt landeten, war SEC-ON als Unternehmen Geschichte – und er vermutlich der Sündenbock der Nation. Michael arbeitete seit fast fünf Jahren hier. Nach dem Studium hatte er die dunkle Seite der Branche kennengelernt: ein Jahr Arbeitslosigkeit, ein Jahr voller Verzweiflung. Er hatte sich hochgearbeitet, jede Zertifizierung mitgenommen und galt als Spezialist, dem man blind vertraute. Und nun? Jemand hatte ihn schlichtweg ausgetrickst. Er dachte an seine Familie, an die mühsam aufgebaute Sicherheit. Mit zitternden Fingern griff er zum Hörer, um seinen Chef aus den Federn zu holen. Die Firma SEC-ON war kein gewöhnlicher IT-Laden. Ihr Stolz waren biometrische Sensoren – Handabtastung statt Schlüssel. „Zugang nur mit Ihrem Daumen“, lautete der Werbeslogan. Fingerabdrücke waren unverwechselbar, ein biologisches Passwort, das man nicht im Café liegen lassen konnte. Sogar das Bundeskanzleramt vertraute auf diese Technik. In Michaels Datenbank lagen die Sicherheitskopien der Fingerabdrücke der mächtigsten Menschen des Landes – inklusive derer des Bundeskanzlers. Und genau dieses „digitale Gold“ wurde gerade geraubt. Eigentlich hatte Michael nur routinemäßige Wartungsarbeiten durchführen wollen, als er um zwei Uhr nachts diesen einen Einwahlversuch bemerkte. Ein Username ohne Rechte, eine Kennung, die in keiner Liste stand. Der Fremde versuchte, auf den Server mit den Sensorspezifikationen zuzugreifen – jene Daten, mit denen man jedes Schloss der Firma wie mit einem magischen Generalschlüssel öffnen konnte. Nur Michael und der Geschäftsführer hatten Zugriff. Zumindest theoretisch. „Komm schon, verweigere den Zugriff... wirf ihn raus!“, flüsterte Michael gegen den Bildschirm. Doch das System tat das Gegenteil. Es verneigte sich förmlich vor dem Eindringling und gewährte ihm Zugang zum Allerheiligsten. Alle Sicherheitsbarrieren, die Michael über Jahre perfektioniert hatte, versagten kläglich. „Wer bist du und wie zur Hölle machst du das?“, fluchte er, während er hilflos zusah, wie die Fortschrittsbalken des Datendiebstahls unerbittlich nach rechts wanderten. Verzweiflung schlug in Aktionismus um. Er konnte nicht länger zusehen. Er tat das, was jeder Admin im absoluten Super-GAU tut: Er setzte auf die physikalische Lösung und riss den Netzstecker aus der Wand. Stille. Das interne Netzwerk war nun eine Insel, isoliert vom Internet. Keine Fernwartung mehr, kein Alarm – aber auch keine Hacker. Michael sackte auf seinem Stuhl zusammen. Das war kein primitiver Angriff gewesen. Der Fremde hatte Rechte besessen, die eigentlich nur ihm zustanden. Es war professionell, geschickt und unheimlich zugleich. „Du bist zu gut für mich“, murmelte Michael bitter. Doch die bittere Wahrheit blieb: In der kurzen Zeit hatte der Hacker die Umgehungscodes für das Kanzleramt bereits erwischt. Stefan Dürr, der Geschäftsführer, klang am Telefon, als hätte man ihn mitten in einer wichtigen Verhandlung mit dem Sandmännchen gestört. „Michael? Wenn das kein Lottogewinn ist, dann hoffe ich für dich, dass das Büro brennt“, brummte er verschlafen. „Stefan, hör zu. Jemand ist drin. Er hat Daten gezogen“, presste Michael hervor. „Was? Und du hast daneben gesessen und ihm beim Packen geholfen?“, schrie Stefan, nun schlagartig hellwach. „Ich fand es auch nicht lustig, Stefan! Wir haben es mit Profis zu tun“, entgegnete Michael nervös. „Welche Daten, Michael? Sag mir nicht, es ist das, was ich denke...“. „Die Umgehungscodes. Kanzleramt.“. „Wir bitte? Sag das nochmal, damit ich weiß, ob ich direkt aus dem Fenster springen muss!“. Michael versuchte, die Lage herunterzuspielen, erwähnte, dass er den Hacker gestört habe. Doch Stefan war bereits im Kampfmodus. „Wenn das bekannt wird, können wir unsere Büros in eine Suppenküche verwandeln! Wir verkaufen Sicherheit, verdammt! Wer kauft ein Schloss von jemandem, der sich nachts die Hose klauen lässt?“. „Spar dir den Vortrag, Stefan. Ich bin genauso fertig wie du. Wir schicken morgen früh einen Techniker ins Kanzleramt, deklarieren es als Routine-Check und ändern die Codes vor Ort“. „Du holst mich nachts um zwei Uhr aus dem Bett, ruinierst meine Rente und willst keine Vorwürfe hören?“, zischte Stefan. „Ich bin in einer halben Stunde da. Hab bis dahin Antworten, oder fang an, deinen Lebenslauf zu aktualisieren!“. Stefan Dürr brauchte nur 25 Minuten. Er stürmte ins Büro, die Krawatte schief, der Blick mörderisch. „Wie konnte das passieren? Wir haben Millionen in dieses System gesteckt, weil DU gesagt hast, es sei sicher! Und heute Nacht spaziert da jemand durch wie durch eine geöffnete Schwingtür?“. Michael versuchte, ruhig zu bleiben, während er Stefan die Logs zeigte. „Es ist das beste System auf dem Markt. Aber der Eindringling ist nicht eingebrochen – er ist marschiert. Als hätte er den Generalschlüssel gehabt. Den Stecker zu ziehen war die einzige Option. Was ich hier gesehen habe, dürfte technisch gar nicht existieren“. „Ich will keine philosophischen Abhandlungen über die Unmöglichkeit des Seins!“, brüllte Stefan. „Ich will wissen, wer uns hier so richtig verarscht!“. „Ich habe seine IP-Nummer geloggt“, warf Michael ein, in der Hoffnung auf einen Moment der Entspannung. „Und? Ist es der Weihnachtsmann?“. Michael erklärte geduldig, dass jeder Surfer eine eindeutige Adresse hinterlässt. „Sie gehört zu Netzgermania. Aber das hilft uns nicht direkt weiter“. Er erklärte seinem ungeduldigen Chef das Prinzip der dynamischen IP-Adressen: Hunderttausende Nutzer, ständige Wechsel. Netzgermania war der Riese unter den Providern – die Nadel im Heuhaufen war dagegen ein Kinderspiel. „Können wir die Identität nicht erzwingen? Du hast doch geloggt!“. „Nur der Netzbetreiber kann das zuordnen. Und die rücken nichts raus ohne die Staatsanwaltschaft. Datenschutzgesetz“, erklärte Michael resigniert. Stefan schüttelte den Kopf. „Keine Polizei. Kein Aufsehen. Wenn das rauskommt, sind wir für immer weg vom Fenster. Michael, du findest heraus, was hier los ist. Ich will heute früh einen Bericht, der mir nicht den Rest des Tages versaut“. Stefan verließ den Raum, und Michael blieb in der dröhnenden Stille des Serverraums zurück. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der versucht, einen Ozean mit einem Teelöffel auszuleeren. Ohne große Hoffnung verfasste er eine E-Mail an das Kontrollzentrum von Netzgermania und bat um Hilfe in einer „brisanten Angelegenheit“. Er ahnte nicht, dass er damit eine Lawine lostreten würde, die weit über die Grenzen Berlins hinausreichte. Irgendwo in der Wüste 2011 Am fernen Himmel flammte ein Lichtblitz auf. Der Fahrer des Land-Rovers schaute genauer hin. Die Sonnenbrille mit Polfilter fing zwar einen Teil der Sonnenstrahlen ab, aber er musste die Augen zusammenkneifen, weil die Reflexion auf der Windschutzscheibe ihn blendete. Angestrengt versuchte er, das brennende Objekt besser zu erkennen, das auf die Erde zu trudelte. Ein schwelender Kometenschweif aus schwarzem Rauch folgte mit einiger Verzögerung. Es handelte sich um einen Helikopter, genauer gesagt: um einen großen Super-Puma-Helikopter der GSG 9. Der Fahrer bedauerte den Absturz des Super-Pumas zwar, fühlte sich aber gleichzeitig erleichtert, dass es nicht seine Evakuierungsmaschine erwischt hatte. Er verfolgte das unkontrollierte Trudeln mit den Augen. Brennender Treibstoff verschleierte den blauen Himmel unmittelbar vor ihm. Der Mann wendete den Land Rover in einer scharfen Rechtskurve und trat aufs Gas, fuhr Richtung Osten. Er wollte so schnell wie möglich weg von der potenziellen Absturzstelle. So sehr er sich wünschte, etwas für die Deutschen an Bord des Hubschraubers tun zu können, wusste er doch, dass ihr Schicksal nicht in seinen Händen lag. Er hatte ganz eigene Probleme, um die er sich kümmern musste. Fünf Stunden lang war er über die westirakische Ebene gerast, um Abstand zwischen sich und die schmutzige Arbeit zu bringen, die er erledigt hatte. In weniger als 20 Minuten sollte seine Exfiltration stattfinden. Ein abgeschossener Hubschrauber bedeutete allerdings, dass es in der Gegend binnen Minuten von bewaffneten Kämpfern nur so wimmelte. Sie würden die Leichen schänden, ihre Sturmgewehre in die Luft abfeuern, und wie die Wahnsinnigen in der Gegend herumspringen. Der verletzte Fahrer verspürte wenig Lust, bei dieser Party als lebendiges Spielzeug für die Gäste zu enden. Der Super-Puma stürzte zu seiner Linken ab und verschwand hinter einem braunen Bergkamm in der Ferne. Er lenkte den Blick zurück auf die Straße. „Nicht mein Problem!“, ermahnte er sich. Er war weder für den Rettungsdienst ausgebildet noch als Sanitäter, und erst recht nicht als Unterhändler, der mit diplomatischem Geschick Geiseln rausboxen konnte. Man hatte ihn zum Töten ausgebildet. Das war es auch, was er jenseits der Grenze in Syrien getan hatte. Und nun wurde es höchste Zeit, diese Region zu verlassen. Der Rover beschleunigte. Er raste mit über 100 Stundenkilometer durch den staubigen Dunst. Der Fahrer kämpfte mit widersprüchlichen Gefühlen. Seine innere Stimme mahnte ihn umzukehren, um an der Absturzstelle nach Überlebenden zu suchen. Aber was er laut aussprach, klang wesentlich pragmatischer. „Immer weiter geradeaus, Dominique. Denen ist nicht mehr zu helfen, keine Chance.“ Natürlich lag er damit richtig, aber seine innere Stimme wollte trotzdem keine Ruhe geben. Die ersten Bewaffneten, die an der Absturzstelle eintrafen, gehörten nicht zu al-Qaida und hatten rein gar nichts mit dem Abschuss zu tun. Es handelte sich um vier Jungs aus der Gegend mit alten Kalaschnikows, die noch einen Holzschaft besaßen. Sie hatten gelangweilt an der Straßensperre rumgelungert, als der Hubschrauber keine 100 Meter entfernt auf der Straße mitten im Stadtzentrum aufschlug. Die jungen Männer drängten sich durch die schnell anwachsenden Reihen der Gaffer, der Ladenbesitzer und Straßenkinder, die hastig in Deckung gegangen waren, als der Helikopter mit dem Rotor auf sie zustürzte. Die vier jungen Schützen näherten sich vorsichtig der Unfallstelle, ließen dabei aber jedes taktische Geschick vermissen. Sie duckten sich sofort, als ein lauter Knall aus dem wütenden Feuer erscholl. Ein einzelner Schuss löste sich aus dem Inferno. Sie zögerten einen Moment, dann ruckten ihre Köpfe hoch. Sie zielten auf das brennende Metall und feuerten ihre ratternden und störrischen Waffen ab. Ein Mann in verkohlter deutscher Militäruniform kroch aus dem Wrack. Sie empfingen ihn mit einem Kugelhagel. Sein Todeskampf dauerte nicht lange. Das Adrenalin ließ die Jungs mutiger werden. Sie hatten gerade vor den Augen johlender Zivilisten einen Mann getötet. Nun kamen sie aus ihrer Deckung und wagten sich näher an das Wrack heran. Sie luden die Gewehre nach und richteten sie auf die brennenden Körper der beiden Piloten im Cockpit. Aber noch bevor sie abdrücken konnten, schossen von hinten drei Fahrzeuge heran. In den Pick-ups saßen bewaffnete Araber. Fremde. Al-Qaida. Die Jungs aus der Stadt waren klug genug, sich unter die Zivilisten zu mischen, während die vermummten Männer rund um die Absturzstelle ausschwärmten. Sie murmelten ein Gebet. Neben einer verstümmelten Leiche von einem Soldaten, fielen 2 weitere, stark verletzte Soldaten aus dem Heck des Hubschraubers. Dabei handelte es sich um die ersten Bilder des Unglücks, die drei Kameraleute von Al Jazeera einfingen, nachdem sie von dem dritten Pick-up gesprungen waren. Keine zwei Kilometer entfernt lenkte Dominique den Wagen von der Straße in ein ausgetrocknetes Flussbett. Er steuerte den Land-Rover so tief wie möglich in das hohe bräunliche Schilfgras am Ufer, stieg aus, rannte nach hinten, setzte den Rucksack auf und zog einen länglichen ockerfarbenen Koffer aus dem Laderaum. 30 Sekunden später stieg er die Böschung hinauf und robbte vorwärts, so schnell er konnte. Das Gepäck schob er vor sich her. Als Dominique sich zwischen Sand und Schilf ausreichend unsichtbar fühlte, zog er ein Fernglas aus dem Rucksack und richtete es auf die dunklen Rauchschwaden, die in einiger Entfernung die Sicht erschwerten. Seine Kiefermuskeln verkrampften sich. Der Super-Puma war auf einer Straße des kleinen Dorfes heruntergekommen. Ein Mob hatte sich um die Trümmer versammelt. Das Fernglas erlaubte es ihm nicht, alle Einzelheiten zu erkennen. Er rollte sich zur Seite ab und ließ die Schlösser des Koffers aufschnappen. Darin verbarg sich ein Barrett M107, ein gigantisches Scharfschützengewehr, das Projektile so groß wie Bierflaschen abfeuerte, die mit Leichtigkeit innerhalb einer Sekunde die Distanz von 10 Fußballfeldern überwanden. Dominique lud die Waffe nicht etwa, sondern begnügte sich damit, die Mündung auf die Absturzstelle zu richten, um das Zielfernrohr einzusetzen. Durch die 16-fach vergrößernde Linse konnte er das Feuer, die Pick-ups, die unbewaffneten Zivilisten und die bewaffneten Schützen genau beobachten. Einige von ihnen waren unmaskiert. Kleine Gangster aus der Gegend. Aber die anderen trugen schwarze Masken oder ums Gesicht gewickelte Tücher. Das mussten die Leute von al-Qaida sein. Die Arschlöcher, die nicht hierhergehörten, sondern lediglich gekommen waren, und sich dabei die anarchischen Zustände in der Region zunutze zu machen. Plötzlich blitzte etwas Metallisches auf und beschrieb einen raschen Bogen nach unten. Ein Schwert, mit dem einer der Männer auf eine Gestalt am Boden einhackte. Selbst durch das Zielfernrohr konnte Dominique nicht ausmachen, ob der Liegende tot oder lebendig gewesen war, als die Klinge auf ihn niedersauste. Sein Kiefer spannte sich erneut an. Dominique selbst war kein Soldat. Er hatte nie Militärdienst geleistet. Aber er war Deutscher. Und obwohl er keinen Eid auf die Verfassung geleistet hatte, seinem Land zu dienen, erinnerte ihn das Abschlachten, dessen Zeuge er soeben wurde, unweigerlich an viele Fernsehbilder vergangener Jahre. Abscheu und Zorn nagten an seiner beachtlichen Selbstkontrolle. Die Männer rund um den Hubschrauber wogten wie ein einziger Lindwurm hin und her. Die flirrende Hitze, die aus dem trockenen Boden zwischen seinem Beobachtungsposten und der Absturzstelle aufstieg, ließ ihn für einen Moment im Unklaren, was genau dort passierte. Aber dann erkannte er den unvermeidlichen Ausbruch des Triumphs und der Freude, dem diese Metzger freien Lauf ließen. Die Bastarde tanzten um die Leichen ihrer Feinde herum. Dominique nahm die Hand von der Sicherung der riesigen Barrett. Die Fingerspitze strich über den glatten Auslöser. Der lasergesteuerte Entfernungsmesser zeigte ihm an, wie weit entfernt sich der Gegner aufhielt. Ein paar Zelte, deren Segeltücher in der Brise flatterten, lieferten ihm ausreichend Hinweise auf die Windverhältnisse. Er hätte zu gern abgedrückt, aber er wusste es besser. Wenn er die Waffe lud und abfeuerte, konnte er zwar ein paar von den Wichsern töten, aber die Nachricht von einem Scharfschützen in diesem Sektor würde sich schneller als das sprichwörtliche Lauffeuer verbreiten. Jeder Halbstarke mit Waffe und Handy nahm dann an der Treibjagd auf ihn teil und er konnte seine Evakuierung vergessen. Sie würden alles abblasen und dann konnte er sehen, wie er allein aus der Gefahrenzone rauskam. Nein, ermahnte Dominique sich selbst. Die Vergeltung wäre zwar gerechtfertigt, aber der Shitstorm, den er damit heraufbeschwor, war eine Nummer zu groß für ihn. Dominique hielt sich nicht für einen Zocker. Er war eher ein Mann fürs Grobe, ein Auftragskiller, ein skrupelloser Mörder. Natürlich stellte es für ihn kein Problem dar, ein halbes Dutzend dieser Kerle innerhalb weniger Sekunden niederzumähen, aber er wusste, dass der Einsatz für diese Art der Rache definitiv zu hoch ausfiel. Er spuckte eine Mischung aus Sand und Speichel auf den Boden und packte die sperrige Waffe zurück in den Koffer. Die Kameracrew von Al Jazeera war eine Woche vorher über die syrische Grenze eingeschmuggelt worden, und zwar nur zu einem einzigen Zweck. Sie sollten einen al-Qaida-Sieg im Nordirak dokumentieren. Der Kameramann, der Tontechniker und der Reporter, der gleichzeitig als Produzent fungierte, waren auf einer al-Qaida-Route hergebracht worden und hatten gemeinsam mit der al-Qaida-Zelle in sicheren Schlupfwinkeln der Organisation übernachtet. Heute hatten sie den Abschuss der Rakete ebenso eingefangen wie ihren Einschlag in die Maschine und den daraus resultierenden Feuerball am Himmel. Jetzt nahmen sie gerade die rituell anmutende Enthauptung eines toten deutschen Soldaten auf. Ein Mann im mittleren Alter mit handgeschriebenem Namensschild auf der Körperpanzerung: ›Phillip‹. Von der Kameracrew sprach niemand Englisch geschweige denn Deutsch, aber sie gingen davon aus, soeben der Auslöschung einer Eliteeinheit der CIA beigewohnt zu haben. Der übliche Lobgesang auf Allah begann mit dem Tanz der Kämpfer, die ihre Waffen in die Luft abfeuerten. Die Zelle bestand lediglich aus 16 Männern, aber nun sprangen hier mehr als 30 Bewaffnete im Gleichtakt vor dem schwelenden Stahlwrack herum. Der Kameramann hielt direkt auf den Muhtar, einen lokalen Stammesfürsten, der im Zentrum der Festlichkeiten stand. Es lieferte eindringliche Bilder, wie er vor der Unglücksmaschine tanzte. Vor dem Hintergrund der schwarzen Rauchfahne leuchtete seine fließende weiße Kandora beinahe. Der Muhtar hüpfte auf einem Bein über dem enthaupteten Deutscher, während er den blutigen Krummsäbel mit der rechten Hand über dessen Kopf kreisen ließ. Das stellte eindeutig den Höhepunkt des Rituals dar. Das Bild, das später um die Welt ging. Der Kameramann lächelte und gab sich Mühe, nicht in den Rhythmus einzufallen, mit dem die Tänzer zunehmend enthusiastischer Allahs Größe feierten. Er und sein Team übernahmen die Aufgabe, alles fürs Fernsehen aufzuzeichnen. Der Muhtar brüllte gemeinsam mit den anderen sein „Allāhu akbar!“ in den Himmel hinauf. Gott ist größer! Er sprang euphorisch mit den maskierten Ausländern im Gleichtakt und der wollige Bart teilte sich, um ein Grinsen preiszugeben, das sämtliche Zähne präsentierte. Sein Blick richtete sich auf das verkohlte, blutgetränkte Stück toten deutschen Fleisches, das unter dem erhobenen Bein auf der Straße lag. Die Al-Jazeera-Crew fiel in das allgemeine Brüllen und den Freudentaumel ein. Der Kameramann filmte mit ruhiger Hand und hielt, ganz Profi, die Linse ohne jegliches Zittern weiter auf den Stammesfürsten gerichtet. Bis zu dem Augenblick, als der Kopf des Muhtar zur Seite gerissen wurde und wie eine zerquetschte Traube platzte. Sehnen, Blut und Knochensplitter spritzten in alle Richtungen gleichzeitig. Nun zuckte die Hand mit der Kamera doch noch heftig. Dominique hatte es einfach nicht lassen können. Er feuerte eine Ladung nach der anderen auf die Bewaffneten in der nunmehr panischen Menge ab, während er gleichzeitig lautstark seine Disziplinlosigkeit verfluchte. Er war gerade auf dem besten Weg, nicht nur den Zeitplan, sondern die gesamte Operation in den Wind zu schießen. Nicht dass er seine eigenen Flüche überhaupt hörte. Selbst mit den Ohrstöpseln klangen die Schüsse aus dem Barrett ohrenbetäubend, als er ein riesiges Projektil nach dem anderen in die Menge jagte. Der Rückstoß wirbelte Sand und kleine Steine vom Boden auf, die in sein Gesicht und gegen die Arme flogen. Als er das Schießen kurz unterbrach, um ein zweites schweres Magazin in das Gewehr zu rammen, zog er gedanklich Bilanz. Strategisch betrachtet hätte er es kaum dümmer anstellen können. Genauso gut konnte er gleich mit den Armen wedeln und den Rebellen um sich herum zurufen, dass sich ihr Todfeind genau hier versteckte. Aber es fühlte sich verdammt richtig an, so zu handeln. Er rückte die große Waffe unter der Achsel zurecht. Die Schulter schmerzte bereits vom dauernden Rückstoß. Er fixierte die Absturzstelle durch das Zielfernrohr und setzte seinen Vergeltungsschlag fort. Durch das große Objektiv sah er Körperteile durch die Luft wirbeln, als ein weiteres riesiges Geschoss einen maskierten Schützen voll in den Bauch traf. Bei seinen Taten handelte es sich um blinde Wut und Rache, nichts weiter. Ihm war bewusst, dass er auf diese Weise nicht wirklich etwas bewirkte, abgesehen davon, ein paar Hundesöhne zu Hackfleisch zu schreddern. Sein Körper feuerte unablässig auf die Mörder, die inzwischen panisch in alle Richtungen davonstürmten, aber sein Verstand beschäftigte sich bereits mit den nächsten Schritten. Er würde gar nicht erst versuchen, die Landezone zu erreichen. Ein weiterer Hubschrauber in dieser Gegend bot den wütenden Überlebenden der al-Qaida-Zelle schließlich ein gefundenes Fressen. Nein, entschied Dominique. Er wollte abtauchen, einen Abflusskanal oder einen ausgetrockneten Flusslauf finden, wo er sich unter Erde und Geröll verstecken konnte. Das bedeutete, den ganzen Tag in der Hitze liegen zu müssen, den Hunger und die Insektenstiche ignorieren zu müssen – und auch den Drang zu pinkeln. Das versprach ein echter Scheißtag zu werden. Er steckte das dritte und letzte Magazin in das rauchende Gewehr und beschloss, dass seine falsche Entscheidung doch ihre guten Seiten hatte. Ein halbes Dutzend toter Penner war immerhin ein halbes Dutzend toter Penner. Vier Minuten nach der letzten Salve des Scharfschützen streckte einer der Überlebenden vorsichtig den Kopf aus dem Türrahmen der Autowerkstatt, in der er in Deckung gegangen war. Mit jeder weiteren Sekunde ohne Schusswechsel stieg seine Zuversicht, dass er heute nicht sterben musste. Entschlossen trat der 36-jährige Mann aus dem Jemen einige Augenblicke später auf die Straße. Kurz darauf kamen weitere Männer aus der Deckung. Gemeinsam mit einigen Landsleuten nahm er das Blutbad in Augenschein. Er kam auf sieben Tote, indem er die zerfetzten Beine im blutigen Straßenstaub zählte und durch zwei teilte. Köpfe und Oberkörper ließen sich kaum noch als solche identifizieren. Fünf der Toten hatten seiner Zelle angehört, darunter der Ranghöchste und sein Hauptmann. Bei den beiden anderen musste es sich um Städter handeln. Der Super-Puma schwelte in der Morgenhitze. Er ging darauf zu, vorbei an Männern in Deckung hinter Autos und Mülltonnen, deren Pupillen vor Schreck geweitet waren. Einer der Stadtbewohner hatte die Kontrolle über seine Blase verloren. Er wälzte sich im Dreck und der eigenen Pisse wie ein Besessener. „Steh auf, du Narr!“, brüllte der maskierte Jemenit ihn an. Er versetzte dem Mann einen Tritt in die Seite und lief zum Helikopter. Vier seiner Kollegen standen hinter einem der Pick-ups. Die Al-Jazeera-Crew war auch noch da. Der Kameramann rauchte eine Zigarette und seine Hand zitterte wie die eines Parkinsonkranken im fortgeschrittenen Stadium. Die Kamera hing ihm über der Schulter. „Alle, die noch leben: Ab in die Wagen. Wir werden diesen Schützen finden.“ Er ließ den Blick über die Ebene schweifen, über die Felder, die trockenen kleinen Hügel, die Pisten im Süden. Etwa zwei Kilometer weit entfernt hing eine Staubwolke über einer Anhöhe. „Da!“ Der Jemenit zeigte mit ausgestrecktem Arm in die Richtung. „Wir ... wir sollen da hin?“, fragte der Tonmann der Filmcrew. „Inschallah.“ Wenn es Allahs Wille ist. In diesem Moment rief ein Junge den al-Qaida-Kämpfern zu, dass sie zu ihm kommen und sich das ansehen sollten. Der Junge hatte sich in den Eingang einer Teestube zurückgezogen, keine 15 Meter von der zerdrückten Schnauze des Helis entfernt. Der Jemenit und zwei seiner Männer machten nacheinander einen weiten Satz über einen blutigen Körper hinweg, der nur noch von einer zerfetzten schwarzen Tunika zusammengehalten wurde. Das war der Jordanier gewesen, ihr Anführer. Ein breiter Pfad aus hochgespritztem Blut hatte die Vorderwand des Teehäuschens rot gestrichen – dort, wo der Mann gegen das Gebäude gestürzt war. „Was ist los, Junge?“, herrschte der Jemenit den Kleinen wütend an. Der Junge sprach mit gehetzter Stimme und überschlug sich fast vor Aufregung. Er schaffte es aber, einen Satz hervorzubringen: „Ich habe etwas gefunden.“ Der Jemenit und seine Begleiter folgten dem Jungen in die kleine Teestube, wären in einer Blutlache beim Eingang fast ausgerutscht und spähten gerade hinter einen umgestürzten Tisch, als der Junge auf die Theke deutete. Dahinter hockten zwei deutsche Soldaten mit dem Rücken zur Wand auf dem Boden. Die Augen von einem standen offen und er blinzelte heftig. Er hielt einen weiteren Ungläubigen im Arm, entweder bewusstlos oder tot. Sie schienen unbewaffnet zu sein. Der dritte Soldat starrte sie nur mit schmerzverzerrtem Gesicht ausdruckslos an. Der Jemenit lächelte und klopfte dem Jungen auf die Schulter. Er drehte sich um und brüllte den anderen draußen zu: „Bringt den Wagen her!“ Gute zehn Minuten später erreichten die drei Pick-ups eine Kreuzung. Zwei der Wagen fuhren mit insgesamt neun Männern nach Süden. Sie forderten bereits per Handy Helfer aus der näheren Umgebung an, um die Gegend nach dem einzelnen Scharfschützen zu durchkämmen. Der Jemenit und seine beiden Kollegen fuhren die drei Verletzten zu einem sicheren Unterschlupf im nahe gelegenen Hatra. Dort wollte der Jemenit seine Anführer kontaktieren, um in Erfahrung zu bringen, was sie mit dieser unverhofften Beute anfangen sollten. Er saß am Steuer, einen jungen Syrer neben sich auf dem Beifahrersitz. Hinten auf der Ladefläche bewachte ein Ägypter den wie gelähmt wirkenden Soldaten und seine beiden verletzten Partner. Nächtliche Waldbegegnungen In der Dunkelheit huschte ein Mann von Baum zu Baum und näherte sich behutsam dem großen Haus. Das Landgut aus dem 19. Jahrhundert, das knapp 15 Kilometer südlich von Frankfurt a. Main lag, erstreckte sich über 30 Hektar hügeliger Wälder und Wiesen. Es war Heinrich Himmelhagen, der das Anwesen im Jahr 1872 anlegen ließ, um damit in der Gunst König Wilhelms I. von Preußen zu steigen, der im Jahr zuvor zum deutschen Kaiser proklamiert worden war. Verschiedene Teile des Anwesens waren im Laufe der Jahre verkauft worden, weil es zu kostspielig wurde, so viel Land zu erhalten und in Schuss zu halten. Der Mann, der lautlos durch den Wald schlich, hatte zuvor hunderte Fotografien von dem Gut und seinem Besitzer studiert. Einige der Aufnahmen stammten von Satelliten, die tausende von Kilometern über der Erde ihrer Bahn folgten, doch die meisten hatte das Überwachungsteam angefertigt, das in der vergangenen Woche hier postiert gewesen war. Der Killer war erst diesen Nachmittag aus New York angekommen und wollte nun mit eigenen Augen sehen, womit er es zu tun hatte. Fotografien waren ein guter Anfang, aber sie konnten nie ein Ersatz dafür sein, sich selbst ein Bild zu machen. Er hatte den Kragen seiner schwarzen Lederjacke hochgeschlagen, um sich gegen die empfindliche Kälte des Herbstabends zu schützen. Die Temperatur war seit Sonnenuntergang um mindestens zehn Grad gesunken. Zum zweiten Mal, seit er durch den Wald schlich, blieb er wie angewurzelt stehen und lauschte. Er glaubte, hinter sich etwas gehört zu haben. Der schmale Pfad, den er entlangging, war mit braunen Kiefernnadeln bedeckt. Die Nacht war bewölkt und das Blätterdach über ihm so dicht, dass nur ganz wenig Licht hindurchdrang. Er trat an den Rand des Weges und blickte sich langsam um. Ohne sein Nachtsichtgerät sah er höchstens drei Meter weit. Mike Nowak wollte eigentlich auf das Nachtsichtgerät verzichten, weil er sichergehen wollte, dass er sich auch so zurechtfand – doch nun sagte ihm irgendetwas, dass er nicht allein war. Nowak zog seine 9 mm-Glock-Automatik hervor und schraubte lautlos einen Schalldämpfer an den Lauf. Dann nahm er das kleine zylinderförmiges Nachtsichtgerät heraus, das er anstelle seiner Wärmebildkamera ersatzweise dabeihatte, schaltete es ein und hob es ans rechte Auge. Der Weg vor ihm wurde augenblicklich von einem gespenstisch anmutenden grünen Licht erleuchtet. Nowak suchte auch die Wegränder aufmerksam ab. Das Nachtsichtgerät durchdrang mit Leichtigkeit die Dunkelheit, die für seine Augen undurchdringlich war. Er achtete besonders auf den Boden rund um die Bäume, die direkt am Weg standen – auf der Suche nach einer Schuhspitze, die ihm verraten hätte, dass sich jemand hinter einem Baum verborgen hielt. Nowak wartete fünf Minuten geduldig und fragte sich schließlich, ob das verdächtige Geräusch vielleicht von einem Hirsch oder irgendeinem anderen Tier verursacht worden war. Nach fünf weiteren Minuten kam er widerstrebend zu dem Schluss, dass er einen Vierbeiner und keinen Zweibeiner gehört haben musste. Nowak steckte das Nachtsichtgerät wieder ein, behielt aber die Pistole in der Hand. Er hätte wohl kaum das reife Alter von 38 Jahren erreicht, wenn er nicht beizeiten gelernt hätte, keine unnötigen Risiken einzugehen. Als echter Profi wusste er genau, wann er etwas riskieren konnte und wann es besser war, sich zu verdrücken. Nowak ging einen halben Kilometer auf dem Weg weiter; er sah bereits die Lichter des Hauses vor sich und beschloss, den Rest des Weges im schützenden Unterholz zurückzulegen. Lautlos drang er durch das Dickicht vor, bog hier und dort vorsichtig einen Strauch zur Seite und duckte sich unter den Zweigen hindurch. Als er sich dem Waldrand näherte, trat er mit einem lauten Knacken auf einen Zweig, dann huschte er rasch zur Seite, um hinter einem Baum Schutz zu suchen. Höchstens hundert Meter von ihm entfernt brachen Jagdhunde in lautes Gebell aus. Nowak stieß einen lautlosen Fluch hervor und blieb regungslos stehen. Genau aus diesem Grund war es so wichtig, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Seltsamerweise hatte ihm niemand gesagt, dass es hier Hunde gab. Das Gebell schwoll zu einem wütenden Geheul an, als plötzlich eine Tür aufging. Eine tiefe Stimme rief den Tieren zu, still zu sein. Der Mann wiederholte den Befehl noch zweimal, woraufhin die Hunde sich schließlich beruhigten. Nowak spähte vorsichtig hinter dem Baumstamm hervor und sah, dass die Hunde, die immer noch unruhig auf und abliefen, angekettet waren. Die Tiere waren ein echtes Problem für ihn. Ausgebildete Wachhunde wären zwar noch schlimmer gewesen, aber auch diese Hunde verfügten über sehr scharfe Sinne. Nowak stand am Waldrand, lauschte und beobachtete aufmerksam. Was er da sah, gefiel ihm gar nicht. Zwischen dem Wald und dem Haus war viel freies Feld. Er konnte zwar versuchen, sich im Schutz der Gärten dem Haus zu nähern – doch es würde alles andere als leicht werden, auf den Kieswegen lautlos voranzukommen. Die Hunde wiederum machten es schwierig, sich von Süden an das Haus anzuschleichen. Die anderen Zugangswege waren mit Überwachungskameras abgesichert – außerdem hatte man dort besonders große Freiflächen zu überwinden. Das einzig Positive war, dass keine Mikrowellen- und Drucksensoren und auch keine Bewegungsmelder installiert waren. Offiziell hatte Nowak nichts mit der amerikanischen Regierung zu tun. Inoffiziell arbeitete er bereits für die CIA, seit er vor über 6 Jahren, nach der Auflösung seiner ehemaligen Spezialeinheit bei der deutschen GSG 9, von der CIA angeworben wurde. Nowak war in eine streng geheime Anti-Terror-Gruppe, das so genannte Orion-Team, aufgenommen worden. Die CIA hatte Nowaks beträchtliche physische Fähigkeiten und seine Intelligenz als eine präzise und äußerst wirksame Waffe bei mehreren gemeinsamen Missionen unter anderem gegen die Taliban erkannt und sich diese Killermaschine gesichert. Die wenigen Menschen, die er etwas näher an sich heranließ, kannten ihn als erfolgreichen Unternehmer, der eine Computer-Beratungsfirma führte und zu diesem Zweck häufig reisen musste. Damit alles seine Richtigkeit hatte, wickelte Nowak auf seinen Auslandsreisen tatsächlich oft Geschäfte ab – doch diesmal würde er darauf verzichten. Er war gekommen, um einen Mann zu töten. Einen Mann, der bereits zweimal gewarnt worden war, gewisse dunkle Transaktionen zu unterlassen. Nowak studierte die Umgebung fast eine halbe Stunde lang. Als er genug gesehen hatte, machte er sich auf den Rückweg – aber nicht auf dem Pfad, auf dem er gekommen war. Falls sich da irgendjemand im Wald aufhielt, wäre es dumm gewesen, in die Falle zu tappen. Nowak schlich lautlos einige hundert Meter in südlicher Richtung durch das Unterholz. Er blieb dreimal stehen und blickte auf seinen Kompass, um sicherzugehen, dass die Richtung noch stimmte. Von den Informationen, die er bekommen hatte, wusste er, dass es südlich des Weges, auf dem er gekommen war, noch einen anderen Pfad gab. Beide Wege führten von einer schmalen Schotterstraße aus zum Anwesen und verliefen annähernd parallel zueinander. Nowak hätte den zweiten Weg beinahe verfehlt. Er schien nicht so oft begangen zu werden und war ziemlich überwuchert. Als er schließlich die gewundene Schotterstraße erreicht hatte, kniete er nieder und zog wieder sein Nachtsichtgerät hervor. Mehrere Minuten lang suchte er die Straße ab und lauschte. Als er sich sicher war, dass niemand in der Nähe war, ging er in südlicher Richtung weiter. Nowak machte seinen Job schon über zehn Jahre, und er hatte in letzter Zeit oft das Gefühl gehabt, dass es höchste Zeit war, auszusteigen. Ja, er ging eigentlich davon aus, dass das sein letzter Auftrag sein würde. Er hatte vergangenen Frühling eine Frau kennen gelernt, die ihm etwas bedeutete, und er spürte, dass es Zeit war, ein neues Leben zu beginnen. Die CIA wollte ihn nicht gehen lassen – doch darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Er hatte schon bei der GSG9 genug geopfert. Wenn man so einen Job zehn Jahre lang machte, dann reichte das für ein ganzes Leben. Er konnte von Glück sagen, dass er körperlich und auch psychisch unbeschadet aus dem Job aussteigen konnte. Kurz dachte er an seine ehemaligen Teamkollegen, die er seit der Auflösung des Teams weder gesehen noch sonst wie in irgendeiner Form kontaktiert hatte. Aber hier zurück in good old Germany überkamen ihn dann doch zwischendurch ein paar Erinnerungen an die Jungs. Die besten ihrer Art, jeder spezialisiert auf alle erdenklichen Einsatzgebiete und auf jeden einzelnen von ihnen war zu 100% Verlass! Nach knapp zwei Kilometern kam Nowak zu einem kleinen Forsthaus. Die Fensterläden waren geschlossen, und aus dem Schornstein stieg Rauch empor. Er ging zur Tür, klopfte zweimal, wartete einen Augenblick und klopfte noch dreimal. Die Tür ging einen Spalt auf, und ein Auge spähte zu ihm heraus. Als der Mann Nowak erkannte, öffnete er die Tür ganz. Mike trat in den karg eingerichteten Raum und knöpfte seine Lederjacke auf. Der Mann, der ihn hereingelassen hatte, sperrte die Tür hinter ihm zu. Die Kiefernholzwände waren weiß getüncht, während man die dicken Dielenbretter mit einem glänzend grünen Anstrich versehen hatte. Auf dem Fußboden lagen mehrere bunte Teppiche von ovaler Form, und die Möbel waren alt und massiv. Die Wände waren mit verschiedenen Gegenständen der hiesigen Volkskunst und einigen alten Schwarz-Weiß-Fotografien geschmückt. Unter normalen Umständen wäre es ein ideales Plätzchen gewesen, um ein gemütliches Herbstwochenende zu verbringen, am offenen Kamin ein gutes Buch zu lesen und lange Spaziergänge durch den Wald zu unternehmen. Am Küchentisch saß eine Frau, die einen Kopfhörer aufhatte. Vor ihr auf dem Tisch stand eine Hightech-Überwachungsanlage, die wohl eine viertel Million Dollar wert war. Die Anlage war in zwei alten schwarzen Samsonite-Koffern untergebracht. Falls unerwarteter Besuch kam, konnte man die Koffer binnen Sekunden schließen und irgendwo verstauen. Nowak hatte weder den Mann noch die Frau je zuvor gesehen. Er wusste nur, dass sie Tom und Judith Schumacher hießen, wobei hier selbstverständlich davon auszugehen war, dass es sich dabei genauso wie bei seinem Eigenen auch nur um Decknamen handelte. Sie waren beide Mitte vierzig und allem Anschein nach miteinander verheiratet. Die Schumachers hatten Zwischenstopps in zwei Ländern eingelegt, ehe sie in Frankfurt eingetroffen waren. Sie hatten ihre Tickets unter falschen Namen erworben – mit den entsprechenden Kreditkarten und Pässen, die ihnen ihr Kontaktmann übergeben hatte. Sie hatten auch ihr Standardhonorar von zehntausend Dollar für eine Woche Arbeit bekommen – und zwar im Voraus und in bar. Man hatte ihnen gesagt, dass sich ihnen jemand anschließen würde und dass sie, wie immer, keine Fragen stellen sollten. Die Ausrüstung wartete bereits auf sie, als sie in dem Forsthaus eintrafen, und sie begannen sogleich mit der Überwachung des Anwesens und seines Besitzers. Einige Tage nach ihrer Ankunft bekamen sie Besuch von einem Mann, den sie nur als den „Professor“ kannten. Sie bekamen weitere fünfundzwanzigtausend Dollar mit der Aussicht auf noch einmal so viel, wenn die Mission abgeschlossen war. Der Professor hatte ihnen eine kurze Beschreibung des Mannes gegeben, der sich ihnen anschließen würde. Er verriet ihnen nicht den richtigen Namen des Mannes und versicherte ihnen nur, dass er äußerst kompetent war. Tom Schumacher schenkte Nowak eine Tasse Kaffee ein und brachte sie ihm an den Kamin, in dem ein Feuer knisterte. „Also, was meinen Sie?“, fragte er. Nowak zuckte die Achseln und sah Schumacher an. Dessen Gesicht war nicht gerötet wie das von Nowak, der soeben aus der kalten Nachtluft hereingekommen war. „Es wird nicht einfach werden“, antwortete er schließlich. Nowak hatte zuvor bereits einen Blick auf das Gesicht und die Schuhe der Beiden geworfen. Sie waren beide nicht draußen gewesen. Es musste tatsächlich ein Tier gewesen sein, das er vorhin im Wald gehört hatte. „Einfach ist es fast nie“, stellte Schumacher fest und nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse, während er den Fremden musterte. Der groß gewachsene muskulöse Mann, den er nur als Carl kannte, bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze. Sein Gesicht war sonnengebräunt und von feinen Fältchen überzogen, was darauf schließen ließ, dass er sich oft im Freien aufhielt. Nowak wandte sich von Schumacher ab und blickte ins Feuer. Er wusste, dass der Mann ihn aufmerksam musterte. Mike hatte sich die beiden Leute seinerseits genau angesehen, und er würde sie weiter im Auge behalten, bis sich ihre Wege wieder trennten. Während er in die Flammen starrte, konzentrierte er sich auf seinen Plan. Er wusste, dass man in einer solchen Situation normalerweise versuchte, einen Plan auszutüfteln, der so raffiniert war, dass man an allen Sicherheitsvorkehrungen vorbei ins Haus gelangte und unbemerkt wieder herauskam. Das war wohl tatsächlich die beste Strategie – vorausgesetzt, man hatte genug Zeit, um einen solchen Plan auszuarbeiten. In diesem Fall blieben ihnen jedoch gerade einmal noch 23 Stunden, um die Sache vorzubereiten und durchzuziehen. Nachdem ihm das schon vorher klar gewesen war, hatte sich Nowak bereits eine Strategie zurechtgelegt. Er wandte sich vom Feuer ab und blickte zu der Frau hinüber. „Judith“, fragte er, „wie viele Leute sind zu der Party morgen Abend eingeladen?“ „Ungefähr fünfzig.“ Nowak strich sich mit der Hand durch sein schwarzes Haar, starrte einige Augenblicke ins Feuer und verkündete schließlich: „Ich habe eine Idee.“ Auf den Straßen Hamburgs „Wohin fahren wir?“ fragt Linda verwirrt, als sie erkennt das die Fahrt hier nicht zu Ende ist. „Busbahnhof“, sagt Brian. „Du musst eine Weile aus der Stadt verschwinden.“ Linda gerät in Panik. „Warum?“ „Zu deiner eigenen Sicherheit.“ Falls Fatty sich rächen will. „Das geht nicht“, sagt Linda. „Ich habe nirgendwo anders einen Dealer.“ „Du musst aber weg.“ „Bitte, bitte nicht!“, sagt Linda und fängt tatsächlich an zu heulen. „Wenn ich da auf Entzug bin, krepiere ich.“ „Willst du lieber nach Santa Fu?“, fragt Brian. „Du hast die Wahl.“ „Warum bist du so ein Schwein, Brian?“ „So bin ich eben.“ „So warst du früher nicht“, sagt Linda. „Stimmt. Früher ist nicht mehr.“ „Wo soll ich denn hin?“ „Was weiß ich? Berlin. München.“ „Ich hab eine Cousin in München.“ „Dann fahr dahin“, sagt Brian. Er pellt fünf Hunderter von der Rolle und reicht sie rüber. „Aber nicht alles für Stoff ausgeben. Verschwinde aus Hamburg und bleib eine Weile weg.“ „Wie lange denn?“ Panik und Verzweiflung. Wahrscheinlich ist sie nie aus St. Pauli rausgekommen, geschweige denn aus der City. „Ruf mich in einer Woche an, dann geb ich dir Bescheid“, sagt Brian. Er hält vor dem Busbahnhof und lässt Linda raus. „Wenn ich dich in Hamburg erwische, dann kriegst du richtigen Ärger, Linda.“ „Ich dachte, du wärst mein Freund, Brian.“ „Nein, bin ich nicht“, sagt Brian. „Wir sind keine Freunde. Du bist mein Informant. Das ist alles.“ Mit offenem Fenster fährt Brian zurück Richtung Altona-Altstadt. Claudia öffnet ihm. „Hi Baby“, sagt sie. Brian liebt ihre Stimme. Es war diese tiefe, samtige Stimme, die ihn von Anfang an gefesselt hat, mehr als ihr Aussehen. Eine Stimme voller Verheißungen. Bei mir findest du Trost. Und alles, was du brauchst. Er kommt rein, setzt sich auf ihre kleine Couch – sie nennt das Ding anders, aber er kann sich das Wort nicht merken – und entschuldigt sich. „Tut mir leid, die Verspätung.“ „Ich bin auch gerade erst rein“, sagt sie. Aber schon im weißen Kimono, denkt Brian. Und mit himmlischem Parfüm. Sie hat sich für mich zurechtgemacht. Claudia setzt sich zu ihm, öffnet eine geschnitzte Schatulle auf dem Couchtisch und nimmt sich einen dünnen Joint. Zündet ihn an, nimmt einen Zug, reicht ihn weiter. Brian saugt seinen Zug tief in die Lunge. „Ich dachte, von vier bis zwölf“, sagt er. „Dachte ich auch.“ „War es eine harte Schicht?“ „Prügeleien, Selbstmordversuche, Überdosen“, sagt Claudia und nimmt ihm den Joint wieder ab. „Also ein ganz normaler Arbeitstag?“ „Deine Ironie, Brian!“, sagt sie. „Wie war dein Tag?“ „Ganz gut.“ Brian mag es, dass sie nicht bohrt, dass sie zufrieden ist mit dem, was er erzählt. Frauen wollen meist, dass er sich „ausspricht“, sie wollen Einzelheiten, die er lieber vergisst. Claudia ist da anders. Sie hat ihre eigenen Erinnerungen. Er streichelt diese weiche Stelle. „Du bist müde“, sagt er. „Du willst sicher schlafen.“ „Nein, mein Guter. Ich will ficken.“ Sie trinken zu Ende und gehen ins Schlafzimmer. Er schläft nur eine Stunde, weil er in seinem Loft sein will, bevor es wieder hell wird, da er noch einen wichtigen und anstrengenden Tag vor sich hat. Um Claudia nicht zu wecken, zieht er sich leise an, rührt sich in der Küche einen Instantkaffee ein, dann verlässt er die Wohnung und fährt in sein Loft in den Harvestehuder Weg, gelegen zwischen Eimsbüttel und St. Pauli. Nach der Trennung von Rosi und seiner mehrjährigen ständigen Auslandseinsätze durch die Spezialeinheit wollte er in die Nähe seiner Arbeitsstelle ziehen. Nicht direkt nach St. Georg, aber auch nicht weit davon am Außenalster-Ufers. Er kann mit der U-Bahn fahren oder auch zu Fuß gehen, wenn er will, und er mag die Gegend um den See. Die Studenten nerven zwar mit ihrer jugendlichen Arroganz, aber er fühlt sich wohl in ihren Cafés, ihren Szene-Bars. Er läuft auch gern Richtung Millerntor-Stadion, um bei den Dealern und den Kunden Flagge zu zeigen. Sein 2-geschoßiges ca. 250 m² großes Loft liegt im Dachgeschoß eines 4-geschoßigen modernen Wohnhauses direkt am See-Ufer – hat einen ca. 150 m² großen Wohnraum, mit integrierter Küchenzeile und raumhohen Fenstern mit schusssicheren Spezialpanzerglas, die über die komplette Außenwand zum See hin eingebaut wurden. Der Schlaf- und Badebereich ist über eine integrierte Stahltreppe, die mitten im Wohnraum steht, im Geschoss darüber. Dort befindet sich auch eine seiner „sicheren geheimen“ Materialkammern, von denen er, über ganz Hamburg verteilt, mehrere an verschiedenen Standorten eingerichtet hat, und die alle mit allen möglichen Waffen, Munition, PC-Equipment, und sonstigen Gerätschaften bestückt sind, die man während eines Einsatzes brauchen könnte. Im Wohnzimmer hängt direkt neben seiner Hantelbank und einer Stahlstange für Klimmzüge ein Sandsack von der Decke. 2 Ölgemälde im Großformat von Jackson Pollock hängen an den Wänden, beides Originale. Eine riesige knallorangene Ledercouch und ein wandgroßer LED-TV, der an der Wand gegenüber hängt. Daneben noch seine fast schon antiquierte Stereo-Anlage. Mehr braucht er nicht, er ist eh nicht oft hier. Nur was zum Schlafen, zum Trainieren, zum Duschen und eine Tasse Kaffee am Morgen. Jetzt also duscht er und zieht sich um. Wenn er in denselben Sachen bei dem Anhörungstermin der Staatsanwaltschaft aufkreuzt, riechen die sofort Lunte und fragen, ob er wieder bei „die ganze Nacht durchgearbeitet“ hat. Kurz denkt er während der Autofahrt noch an das gestrige Telefonat mit Rosi zurück, bei dem es, wie fast immer, wieder zu einer heftigen lautstarken Meinungsverschiedenheit wegen seiner Affäre mit Claudia kam. Er versteht gar nicht, warum Rosi sich so hat – schließlich waren sie fast fünf Jahre getrennt, als er Claudia kennenlernte. Aber ein Fehler war es auf jeden Fall, ihre Frage „Hast du eine Andere?“ mit einem ehrlichen „Ja“ zu beantworten. „Du als Bulle müsstest das wissen“, hatte sein Kollege Rusti gesagt, als er ihm von Rosis Ausraster erzählte. „Die Wahrheit bringt immer Stress.“ Und überhaupt alle Antworten außer: „Ich will einen Anwalt.“ Aber Rosi war natürlich ausgerastet. „Claudia? Was soll das heißen? Eine Französin?“ „Eigentlich ist sie eher typisch Deutsch.“ Rosi lachte ihm ins Gesicht. Sie drehte einfach durch. „Scheiße, Brian. Als du bei unserer Trennung gesagt hast, du willst keine Beziehung wegen der großen Gefahr, dachte ich, du meinst das auch so.“ „Sehr witzig!“ „Nun komm mir nicht mit Ausweichmanövern“, ätzte sie weiter. „Du sagst doch ständig ›Kanake‹ und solche Sachen. Sagst du auch ›Hure‹ zu ihr?“ „Nein.“ Rosi hörte nicht auf zu lachen. „Erzählst du der Schlampe, wie viele Zuhälter du mit deinem Knüppel vertrimmt hast?“ „Das sollte ich wohl besser nicht.“ Sie lachte weiter, aber er wusste, es würde kommen. Sie hatte schon ein paar Gläser intus, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das Lachen in Wut und Selbstmitleid umschlug. Und so kam es auch. „Sag mal, Brian: Ist sie besser im Bett als ich?“ „Hör auf, Rosi.“ „Nein, ich will’s wissen. Fickt sie besser als ich? Du weißt doch: nach dem Motto: jung fickt gut! Wer sie einmal kostet, kommt nicht mehr davon los.“ „Bitte, hör auf damit.“ Rosi: „Sonst betrügst du mich immer nur mit alten Nutten.“ Wo sie recht hat, hat sie recht, dachte Brian. „Ich betrüge dich nicht. Wir sind getrennt.“ Aber Rosi war nicht zu stoppen. „Als wir noch zusammen waren, hast du’s auch gemacht, nicht wahr, Brian? Du und deine Kollegen, ihr habt doch alles gefickt, was euch vor die Flinte kam. Hey, wissen die das? Rusti und so? Dass du jetzt junge Hasen vögelst?“ Er wollte sich unbedingt zusammenreißen, aber jetzt platzte ihm der Kragen. „Halt verdammt noch mal die Klappe, Rosi!“ „Willst du mich etwa schlagen?“ „Ich hab dich nie auch nur angerührt“, sagte er. Er hatte eine Menge Mist gebaut in seinem Leben, aber eine Frau geschlagen – das nicht. „Genau! Irgendwann hast du aufgehört, mich auch nur anzurühren.“ Da war was dran, musste er gestehen. Jetzt rasiert er sich besonders gründlich, weil er frisch und gepflegt aussehen will, und wirft zur Sicherheit zwei Dexedrine ein. Dann zieht er saubere Jeans an, weißes Hemd, schwarzes Sakko. Selbst im Sommer trägt er langärmlige Hemden, wenn er offizielle Termine hat, weil sich die meisten der Bürokraten, mit denen er berufsmäßig zu tun hat, an den Tattoos stören. Polizist und Tattoos, das passt nicht zusammen, wird immer behauptet, und er sei zum „City-Hipster“ geworden. „Wieso?“, hat er mal zurückgefragt. „Trägt man keine Tattoos als Polizist?“ Wo es doch an jeder Ecke ein Studio gibt und jeder zweite Kerl in der Nachbarschaft mit Tattoos rumläuft und jede zweite Frau ebenfalls. Aber er mag seine Tattoos. Erstens, weil es seine sind, zweitens, weil er die Ganoven damit erschreckt, denn bei Bullen sind die so was nicht gewohnt. Wenn er die Ärmel hochkrempelt, wissen die schon, dass sie nichts zu lachen haben. Ja, denkt Brian, während er die Privatpistole am Gürtel befestigt, ich brauch keinen teuren Psychiater, um mir sagen zu lassen, dass Claudia das exakte Gegenteil meiner Ex-Freundin ist. Das weiß ich auch so. Rosi steht für alles, womit er aufgewachsen ist, was er kennt. Claudia ist eine fremde Welt, die er langsam für sich entdeckt. Es ist nicht nur die Jugend, aber eine Rolle spielt sie schon. Rosi ist Bürokratie, Claudia ist Sex pur. Für ihn ist sie „DIE“ pure Leidenschaft aus Hamburg City. Die Straßen, die Klänge, die Gerüche, das Urbane, das Erotische, das Exotische. Zum ersten Date kam sie in einem Retro-Kleid aus den Vierzigern mit einer weißen Gardenie à la Billie Holiday im Haar, mit knallroten Lippen und einem Parfüm, bei dem ihm schwindlig wurde vor Verlangen. Er fuhr mit ihr ins Stage Theater im Hafen Hamburgs, weil er sich dachte, sie mit ihrer erotischen Ausstrahlung würde das mögen, außerdem wollte er sich mit ihr nicht unbedingt in Altona zeigen. Was sie natürlich durchschaute. „Du willst wohl in deinem Revier nicht mit einer Krankenschwester gesehen werden?“ „Nein, das ist es nicht“, log er zur Hälfte. „Nur fühle ich mich dort immer im Dienst. Aber wieso fragst du? Gefällt es dir nicht in Eimsbüttel?“ „Doch, sehr“, sagte sie. „Ich würde hierherziehen, wenn ich es dann nicht so weit zur Arbeit hätte.“ Sie ging bei diesem Date nicht mit ihm ins Bett, auch beim nächsten und übernächsten nicht, aber als es passierte, war es eine Offenbarung, und er verliebte sich in sie, wie er es nicht für möglich gehalten hätte. In Wirklichkeit war er schon verliebt, weil sie ihn forderte. Bei Rosi war es immer nur ein widerwilliges Akzeptieren dessen, was er tat, oder wie ein voll fetter Ehekrach. Claudia dagegen stellte seine Ansichten in Frage und ließ ihn die Dinge mit neuen Augen sehen. Obwohl er kein großer Leser war, interessierte sie ihn für Bücher, sogar manchmal für Gedichte. Samstags schliefen sie manchmal aus und gingen dann ins Café oder bummelten durch die Buchläden, auch so was, was er sonst nie tat, und sie zeigte ihm Kunstbücher oder erzählte ihm von der Parisreise, die sie ganz allein gemacht hatte und irgendwann wiederholen wollte. Rosi dagegen, sie würde nicht mal freiwillig ins Hafengebiet fahren. Aber es ist nicht nur der Gegensatz, der Claudia so anziehend macht. Es ist ihre Intelligenz, ihr Humor, ihre Wärme. Er hat nie einen lieberen Menschen getroffen. Doch jetzt und heute hatte er sich auf andere wichtige Angelegenheiten zu konzentrieren, seine Anhörung bei der Staatsanwaltschaft! Doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Auf einmal kam ihm eine lang vergessene Episode seines Lebens in Erinnerung, und ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Seine letzten Tage bei der GSG 9! Die eine Mission, auf die man immer wieder, während der vielen langen Trainingseinheiten vorbereitet wurde, und hoffte, dass diese niemals vorkommen würde. Der fehlgeschlagene Einsatz mit all seinen Konsequenzen, Schmerzen und dem damit verbundenen Abschied bzw. Ausstieg aus der Spezialeinheit…. Berührung mit dem Tod, Juni 2011 Der 28 Jahre alte Brian Schuster hatte sich ein bisschen vom Schock des Absturzes erholt. Das merkte er daran, dass das dumpfe Pochen im gebrochenen Schienbein glühendem Schmerz gewichen war, der in heftigen Schüben kam. Er schielte auf sein Bein hinab und nahm lediglich die zerrissene und angesengte Kampfanzughose wahr. Und einen Stiefel, der unnatürlich weit nach rechts verrenkt zu sein schien. Unter dem Stiefel lag einer seiner Team-Kollegen. Schuster identifizierte ihn als Nowak. Nowak hatte das Bewusstsein verloren. Schuster hielt ihn zunächst für tot, aber seine Brust hob und senkte sich ganz leicht unter dem Körperpanzer. In einem von Instinkt und Adrenalin regierten Moment hatten er und ihr Einsatzleiter Chris Hartmann den Kollegen aus dem Wrack gezerrt und waren mit ihm in diesen Laden direkt vor seiner Nase gekrochen. Aber dann kamen irakische Kinder und entdeckten die verletzten Männer. Er dachte kurz an seine Kollegen und Freunde, die bei dem Absturz ums Leben gekommen waren. Seine Trauer wurde von Ungläubigkeit überschattet. Und dann verflogen beide Regungen jäh, als er aufsah und dem Blick des Mannes begegnete, der über ihm auf der Ladefläche saß. Brians tote Freunde hatten Glück gehabt. Sie waren die Pechvögel. Er, Hartmann und Nowak, falls der Kerl je wieder aufwachen sollte. Denn ihnen würde man vor laufender Kamera die verdammten Köpfe abschlagen. Der Terrorist schaute auf Schuster herab und stellte den Turnschuh auf das zersplitterte Bein des jungen Mannes. Mit einem wilden Grinsen, das die kaputten Zähne wie die Fänge eines Raubtiers offenbarte, verlagerte er das Gewicht auf dem Fuß nach unten. Brian schrie. Vor Schmerzen wurde ihm schwarz vor Augen und er sackte in sich zusammen. Der Pick-up bretterte die Straße entlang ins Tal, bremste dann scharf ab, als er eine Straßensperre erreichte, wie die lokalen Rebellen sie hier überall errichteten. Eine schwere Kette, um zwei Pflöcke gewickelt, baumelte niedrig quer über dem staubigen Asphalt. Auf einer Seite der Sperre warteten zwei Kerle von der Miliz. Der eine hing eher auf dem Plastikstuhl, als dass er saß, und lehnte seinen Kopf gegen die Mauer des angrenzenden Schulhofs. Der andere stand neben dem Kameraden, wirkte aber ebenso träge. Die Kalaschnikow hing mit der Mündung nach unten über der Schulter und er balancierte einen Teller mit Hummus und Fladenbrot in der Hand. Das Essen klebte im fleckigen Bart. Ein alter Ziegenhirte trieb auf der anderen Seite der Sperre gerade seine armselige Herde vorbei. Der al-Qaida-Mann verfluchte das lasche Vorgehen der Rebellen hier im nordwestlichen Irak. Ein Checkpoint, der von gerade mal zwei Faulpelzen bemannt wurde? Wenn die Sunniten solche Idioten waren, konnten sie die Kontrolle auch direkt an die Kurden und Jesiden übergeben. Der Wagen wurde noch langsamer und der Jemenit kurbelte das Fenster runter. Er rief dem Iraker mit dem Teller zu: „Gib den Weg frei, du Idiot! Im Süden ist ein Scharfschütze unterwegs!“ Der Mann von der lokalen Miliz stellte seine Mahlzeit auf dem Boden ab. Er ging wichtigtuerisch auf das Fahrzeug zu und hielt sich die Hand ans Ohr, als habe er die laute Anweisung nicht verstanden. „Mach das Tor auf oder ich schwör dir ...“ Aber dann fuhr sein Blick zu dem zweiten Rebellen herum, der an die Wand gelehnt saß, denn dessen Kopf war plötzlich zur Seite gekippt und so blieb er auch hängen. Einen Augenblick später bewegte sich der Oberkörper nach vorn und der Mann fiel aus dem Stuhl auf den Boden. Der Milizsoldat war offensichtlich tot und sein Genick am unteren Halswirbel gebrochen. Der Bewaffnete auf der Ladefläche des Pick-ups war ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er stand rasch auf, denn er witterte eine Bedrohung, wusste sich aber nicht so schnell einen Reim auf die Situation zu machen. Genau wie sein neuer Anführer hinter dem Steuer starrte er den Einheimischen an, der mitten auf der Straße stand. Der bärtige Rebell streckte den rechten Arm aus. Eine schwarze Pistole tauchte aus dem weiten Ärmel seines Umhangs auf. Zwei schnell aufeinanderfolgende Schüsse – und der Ägypter fiel nach hinten um. Schuster lag auf dem Rücken und kniff die Augen gegen die sengende Mittagssonne zusammen, als er aus seiner Bewusstlosigkeit langsam aufwachte. Er spürte, wie der Wagen langsamer fuhr und schließlich anhielt, hörte den Fahrer herumbrüllen, hörte die beiden viel zu schnellen Schüsse und sah dann, wie der Maskierte, der ihn eben noch traktiert hatte, tot zusammenbrach. Anschließend ertönte eine weitere Salve von Pistolenschüssen, gefolgt vom Splittern von Glas, einem kurzen Aufschrei auf Arabisch. Danach tat sich nichts mehr. Brian wand sich und keuchte, als er sich abmühte, den blutüberströmten Leichnam des Ägypters von sich wegzudrücken. Jemand hievte den toten Terroristen hoch, wuchtete ihn von der Ladefläche und ließ ihn auf die Straße fallen. Ein bärtiger Mann in einer grauen Kandora packte Brian an der Körperpanzerung und zerrte ihn hoch, bis er mehr oder weniger aufrecht dasaß. Die grelle Sonne sorgte dafür, dass Schuster das Gesicht des Fremden nur verschwommen wahrnahm. „Kannst du laufen?“ Brian hielt ihn zuerst für eine Illusion. Der Mann hatte Deutsch gesprochen, mit amerikanischem Akzent. Aber der Fremde wiederholte lauter: „Hey! Junge! Bist du noch da? Kannst du laufen?“ Schuster öffnete den Mund, um der Fata Morgana zu antworten: „Mein ... mein Bein ist gebrochen. Und Nowak hier ist auch schwer verletzt. Unser Einsatzleiter Hartmann, der hinter ihm liegt ist auch noch bewusstlos“. Der Fremde untersuchte Brians Bein und entschied: „Schien- und Wadenbeinbruch. Das überlebst du.“ Er schob eine Hand an den Hals des bewusstlosen Soldaten und nickte mit Bestimmtheit den Kopf. „50% Überlebenschance, wenn überhaupt.“ Er blickte sich hastig um und weckte den dritten Soldaten mit 2 Ohrfeigen aus dessen Bewusstlosigkeit. „Kannst Du gehen?“ fragte er diesen, der nur kurz nickte und sich dann aufraffte. Der Fremde wies ihn an: „Einer von Euch beiden muss hier hinten bei Eurem Kameraden liegenbleiben und auf ihn aufpassen. Aber einen brauche ich vorne auf dem Beifahrersitz, ok?“ Dabei sprach er logischerweise zu Schuster. „Wickel dir das hier ums Gesicht.“ Er zog dem toten Terroristen das Kopftuch vom Hals und hielt es Schuster hin. „Ich kann mit diesem Bein nicht laufen ...“ „Musst du aber. Beiß die Zähne zusammen und los. Ich hol inzwischen meine Sachen. Mach schon!“ Der Fremde drehte sich um und rannte zu einer schattigen Gasse hinter dem Schulhof. Schuster nahm den Kevlar-Helm vom Kopf und wickelte sich das Tuch um Haare und Gesicht, ehe er mit dem gesunden Bein voraus von der Ladefläche kletterte. Unerträgliche Schmerzen explodierten in seinem rechten Schienbein und schossen ihm auf direktem Weg ins Hirn. Die Straße füllte sich zunehmend mit Zivilisten aller Altersgruppen. Noch hielten sie Abstand und starrten ihn lediglich an, wie die Zuschauer eines gewalt-verherrlichenden Theaterstücks. Schuster humpelte mühsam zur Beifahrertür und zog sie auf. Ein Araber in einem schwarzen, hochgeknöpften Hemd kippte auf die Straße. Er hatte nur eine einzige Schusswunde, direkt über dem linken Auge. Ein zweiter Terrorist hing zusammengesunken über dem Lenkrad. Blutiger Speichel tropfte ihm aus dem Mund, während er leise rasselnd ausatmete. Brian hatte gerade die Tür hinter sich zugezogen, als der Fremde die Fahrertür aufriss, den Mann herausschleifte und achtlos auf den Asphalt plumpsen ließ. Er zog erneut die Waffe und gab einen weiteren Schuss auf den Mann am Boden ab, ohne überhaupt hinzusehen. Dann warf er eine braune Tasche, eine AK-47 und einen M4-Karabiner hinter den Sitz. Er stieg ein und schon machte der Pick-up einen Satz nach vorn, über die heruntergelassene Kette der Straßensperre hinweg. Brian sprach mit leiser Stimme, während sein Hirn noch damit beschäftigt war, die Beobachtungen zu verarbeiten. „Wir müssen zurück. Vielleicht gibt es noch mehr Überlebende.“ „Gibt es nicht. Ihr seid die Einzigen.“ „Woher wissen Sie das?“ „Ich weiß es eben.“ Brian zögerte, dann fragte er: „Weil Sie zu den Scharfschützen gehören, die die Kerle an der Absturzstelle abgeknallt haben?“ „Möglich.“ Eine Minute lang breitete sich Stille im Wagen aus. Schuster spähte durch die Windschutzscheibe auf die Berge in der Ferne, bevor sein Blick auf die zitternden Hände in seinem Schoß fiel. Schließlich wanderten seine Augen zu dem Mann am Steuer. „Sieh mich nicht an. Präg dir vor allem mein Gesicht nicht ein“, herrschte der Fremde ihn sofort an. Schuster gehorchte und sah zurück auf die Straße. „Sie sind Amerikaner?“ „Ja und nein – Halb-Ami und Halb-Deutscher.“ „Spezialeinheit?“ „Nein.“ „Von der Navy? Sind Sie bei den SEALs?“ „Nein.“ „Fernaufklärung?“ Der Fremde machte ein ablehnendes Geräusch. „Ach so. Dann sind Sie von der CIA oder so was.“ „Nein.“ Schuster wollte den Kopf drehen, um den bärtigen Mann anzuschauen, beherrschte sich aber im letzten Moment. „Was dann?“ „Nur auf der Durchreise.“ „Nur auf der Durchreise? Wollen Sie mich verarschen?“ „Hör auf, Fragen zu stellen.“ Sie fuhren etwa einen Kilometer weiter, bevor Brian sich erkundigte: „Wie ist der Plan?“ „Es gibt keinen.“ „Sie haben keinen Plan? Was machen wir dann hier? Ich meine, wohin fahren wir?“ „Ich hatte einen Plan, aber euch mitzunehmen, war darin nicht vorgesehen. Also fang jetzt nicht an zu meckern, weil ich erst überlegen muss, wie’s weitergeht.“ Schuster schwieg für einen Moment. „Verstanden. Pläne werden generell überbewertet.“ Nach einer weiteren Minute schielte Schuster auf den Tacho und stellte fest, dass sie mit fast 100 Sachen über die Schotterpiste bretterten. „Sie haben nicht zufällig Morphium dabei, oder? Mein Bein tut echt verdammt weh.“ „Tut mir leid, Junge, aber ich brauch dich hellwach. Du musst nachher ans Steuer.“ „Ich? Ich soll fahren?“ „Wenn wir die Hügel da hinten erreicht haben, fahren wir rechts ran. Ich steig aus und du fährst mit deinen Kumpels hinten allein weiter.“ „Aber was wollen Sie dann tun? Wir haben eine vorgeschobene Operationsbasis in Tal Afar. Da wollten wir hin, als der Hubschrauber abgeschossen wurde. Die können wir doch jetzt ansteuern.“ Die Basis mochte spartanisch und etwas abgelegen sein, aber sie war bestens ausgerüstet, um Angreifer abzuwehren. Auf jeden Fall hielt er sie für weitaus sicherer als einen Pick-up auf offener Straße. „Du kannst hinfahren. Ich nicht.“ „Warum nicht?“ „Das ist eine lange Geschichte. Keine Fragen, Soldat, okay?“ „Mann, Alter, worüber machen Sie sich solche Sorgen? Die werden Ihnen dafür einen Orden verleihen oder so ’nen Scheiß.“ „Die werden mir höchstens die Hölle heißmachen.“ Kurz darauf erreichten sie die Ausläufer des Sindschar-Gebirges. Der Fremde bog von der Straße ab und lenkte den Wagen in eine Ansammlung staubiger Dattelpalmen. Er stieg aus, zog den M4-Karabiner und seine Tasche hervor, und half dem Soldaten, vom Beifahrer- auf den Fahrersitz zu wechseln. Schuster keuchte und grunzte vor lauter Schmerzen und Anstrengung. Rasch sah sich der andere nach den beiden auf der Ladefläche um. „Leben noch.“ Er verkündete es ohne hörbare Emotionen. Schnell zog er die letzten toten Araber von der Ladefläche und ließ sie vor den Jeep auf dem Boden fallen. „Verfickte Drecks-Arabs!“ fluchte er dabei lautstark. Schuster respektierte wie der Fremde mit den Toten umsprang, aber er sagte nichts. Dieser Mann, dieser ... was immer er sein mochte, er überlebte in dieser Banditenhochburg sicher nicht aufgrund seiner ausgeprägten Sensibilität, sondern weil er es verstand, jeden noch so kleinen Vorteil auszunutzen. Diese Situation sollte ihn sein Leben lang begleiten, da sie alle drei ihm ihr Leben verdankten. Der Fremde schleuderte sein Gepäck neben dem Stamm einer Palme in den Sand. Er wandte sich an Schuster. „Du wirst mit dem linken Bein bremsen und Gas geben müssen.“ „Ich versuch’s, Sir.“ „Deine Basis liegt von hier aus im Norden, es sind nur etwa 15 Kilometer. Behalt die AK auf dem Schoß und die Magazine auf dem Nebensitz. Und immer schön unauffällig bleiben.“ „Wie soll das gehen?“ „Nicht zu schnell und keine Schlangenlinien fahren und das Tuch vor dem Gesicht lassen.“ „Verstanden.“ „Aber, wenn du an Einheimische gerätst, knall lieber gleich alle ab, die dir spanisch vorkommen, verstanden? Darauf musst du vorbereitet sein, Junge. Du musst fies und rücksichtslos handeln, um die nächste halbe Stunde zu überleben.“ „Ja, Sir. Was ist mit Ihnen?“ „Ich bin schon ziemlich lange fies.“ Brian Schuster zuckte mehrfach zusammen, denn der Schmerz in seinem Bein hatte sich zu einem Trommelfeuer gesteigert. Er schaute geradeaus, bemüht, dem Mann zu seiner Linken nicht ins Gesicht zu blicken. „Wer Sie auch sein mögen ... ich danke Ihnen.“ „Dank mir, indem du zusiehst, dass du mit deinen Kollegen nach Hause kommst. Und vergiss mein Gesicht am besten wieder. Ich heiße übrigens Nicolas“ „Verstanden. Und ich bin Brian. Brian Schuster. Und meine beiden Kollegen hinten auf der Ladefläche sind Mike Nowak und Chris Hartmann“ Dann schüttelte er den Kopf und brummte: „Nur auf der Durchreise.“ Schuster lenkte den Wagen aus dem Hain und zurück auf die Schotterstraße. Im Rückspiegel wollte er einen letzten Blick auf den Fremden erhaschen, aber die flirrende Hitze und der Staub, den die Hinterräder aufwirbelten, hinderten ihn daran. Der perfekte Plan Gegen Mittag war Nowak acht Kilometer gejoggt, den Rest des Tages war er im Haus geblieben. Das Laufen war ihm wichtig, um locker zu bleiben und die Wirkung des vielen Kaffees, den er in letzter Zeit getrunken hatte, ein wenig abzubauen. Er hatte mit Hilfe einer Comsat-Verbindung mehrmals mit Mia Johnson gesprochen. Das Satellitentelefon war seine einzige direkte Verbindung nach New York. Niemand sonst wusste, dass er und die Schumachers in Deutschland waren. Wenn die Mission reibungslos verlief, mussten seine Vorgesetzten sich glaubhaft davon distanzieren können – und wenn sie scheiterte, war das umso wichtiger. Nowaks Plan für den Abend hatte ein paar Besorgungen notwendig gemacht, daher war Tom Schumacher im Laufe des Tages mit einer Einkaufsliste nach Frankfurt a. Main gefahren. Schumacher hatte sehr darauf geachtet, wo er die verschiedenen Dinge einkaufte; er hatte nie mehr als einen Artikel im selben Geschäft gekauft und war sehr darauf bedacht gewesen, den Überwachungskameras aus dem Weg zu gehen. Mittlerweile war die Sonne untergegangen, und Nowak saß mit den Schumachers am Küchentisch und ging wohl schon zum hundertsten Mal die einzelnen Details des Plans mit ihnen durch. Die Schumachers waren in dieser Hinsicht sehr gründlich. Sie hatten sich eine ausgeklügelte Strategie zurechtgelegt, in der jedes kleinste Detail berücksichtigt war. Nowak hatte schon mit genug Special-Forces-Leuten zusammengearbeitet, um zu wissen, dass die Schumachers wahrscheinlich beide einmal einer militärischen Eliteeinheit angehört hatten. Bevor sie das Forsthaus verließen, würden sie alle Aufzeichnungen verbrennen. Sie mussten sich die verschiedenen Funkfrequenzen ebenso einprägen wie die Fluchtwege, die Passwörter und Codes. Landkarten konnten sie zwar mitnehmen, sie durften aber keine Markierungen vornehmen. Ihre falschen Papiere würden sie in „Flash Bags“ mit sich tragen; wenn ihr Vorhaben scheiterte, mussten sie nur an einer Schnur ziehen, und der Inhalt des Päckchens wurde sofort verbrannt. Die Waffen wurden wieder und wieder überprüft. Nowak wusste nicht, warum es so war, aber er hatte kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Er rief sich in Erinnerung, dass es zu Beginn seiner Laufbahn einmal eine Mission gegeben hatte, bei der er ein sehr gutes Gefühl hatte – und noch ehe es so richtig losgegangen war, gab es schon ein Dutzend Tote unter den deutschen Sondereinsatzkräften. Seit damals hatte er nie ein wirklich gutes Gefühl vor einem Einsatz – doch diese Mission hatte irgendetwas Sonderbares an sich, dass er nicht wirklich hätte beschreiben können. Nowak spürte, dass er bereits eine Spur weniger entschlossen war als früher. Er war so viele Jahre voller Zorn gewesen – und er hatte diesen Zorn genutzt, um konzentriert und entschlossen an seine Aufgaben heranzugehen. Sein Zorn war eine direkte Folge der Anschlagserie, die in einer fast atomaren Katastrophe endeten und die zugleich sein Einstieg in eine Welt voller geheimer weltweiter Anti-Terror Missionen war. Erst bei der KSK als Kampftaucher und dann bei der GSG9. Damals war Nowak noch normaler Streifenpolizist in Duisburg gewesen. Fünfunddreißig seiner Kollegen waren bei dem Terroranschlag ums Leben gekommen, darunter auch seine Freundin. In dieser Zeit tiefer Trauer wurde Nowak von einem Anwerber der KSK kontaktiert. Die Einheit stellte ihm die Möglichkeit in Aussicht, sich an den Terroristen rächen zu können – und er packte die Gelegenheit beim Schopf. Das Ziel seiner Rache war Milan Ed Hirif – der Mann, der hinter dem Anschlag auf die den Kölner Dom stand. Nowak hatte fast vier Jahre darauf verwendet, diesen Terroristen zu jagen, und nachdem es ihm endlich gelungen war, diesen zu stellen und zu töten war zwar die Jagd vorbei. Ed Hirif war tot, und Nowaks Zorn war erwacht. Inzwischen aber war das Gefühl des Zorns von etwas ganz anderem ersetzt worden – etwas, von dem Nowak nicht mehr gedacht hatte, dass er es noch einmal empfinden könnte. Der Mittelpunkt seines Lebens hieß jetzt Brittany Share – und was er für sie empfand, war das genaue Gegenteil von Hass. Sie war eine außergewöhnliche Frau. Eine Frau, die in einem Mann den Wunsch weckte, ein besserer Mensch zu sein – und Nowak wünschte sich sehr, ein besserer Mensch zu sein. Er wollte jetzt seine Arbeit für die CIA hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Judith Schumacher nahm ihren Kopfhörer ab und verkündete: „Die ersten Gäste sind eingetroffen.“ Nowak warf einen Blick auf seine Uhr. Es war fünf Minuten vor acht, also etwa zweieinhalb Stunden, bevor es losging. Es war Zeit, sich noch einmal bei Mia Johnson zu melden. Nowak griff nach seinem COMSAT-Mobiltelefon und ging ins Schlafzimmer. Wenn Dr. Mia Johnson aus dem Fenster ihres Büros im sechsten Stockwerk geblickt hätte, so wäre ihr aufgefallen, dass sich der Central Park mittlerweile in seinen schönsten Herbstfarben zeigte. Leider hatte sie in letzter Zeit kaum Gelegenheit gehabt, ein paar Sekunden innezuhalten und die kleinen Freuden des Lebens wahrzunehmen. Langley stand derzeit nicht nur von außen unter Druck, sondern hatte auch mit internen Problemen zu kämpfen. Es hatte sich herumgesprochen, dass Thomas Bush, der Direktor der CIA, schwer krank war. Die Kritiker auf dem Capitol Hill hatten Blut geleckt, und innerhalb der Polizeibehörde hatte der Machtkampf um die Nachfolge bereits begonnen. Dr. Johnson versuchte sich von dem Gerangel um Posten und Einfluss fern zu halten, was jedoch praktisch unmöglich war. Immerhin war es kein Geheimnis, dass sie und der Direktor sich sehr nahegestanden hatten. New York war eine Stadt, die seit jeher genauso viel für dramatische Inszenierungen und Klatsch übrighatte wie Washington – und die Politiker taten sich dabei besonders hervor. Bushs schwere Krankheit bewog nicht wenige von ihnen, Betroffenheit zur Schau zu stellen; manche gingen sogar so weit, Bush anzurufen und ihre Sorge zum Ausdruck zu bringen. Doch Mia Johnson war nicht naiv. Sie hatte viel von Bush gelernt und wusste genau, dass niemand auf dem Capitol Hill ihren Chef mochte. Unter den Senatoren und Abgeordneten gab es viele, die ihn respektierten, aber keinen, der ihn mochte. Der siebenundsechzigjährige Direktor hatte niemanden von ihnen je nahe genug an sich herangelassen. Zunächst als stellvertretender Direktor der Operationsabteilung und später als Direktor der gesamten Central Intelligence Polizeibehörde war Bush über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg in die Geheimnisse der höchsten politischen Kreise eingeweiht. Niemand hätte genau sagen können, wie viel er wusste, und im Grunde wollte es auch niemand wissen. Manche argwöhnten sogar, dass er ausführliche Akten über die politische Elite angelegt haben könnte, sodass er möglicherweise noch posthum einigen Leuten schweren Schaden zufügen konnte. Doch dazu würde es nicht kommen. Bush hatte sich in seinem gesamten Berufsleben an den Grundsatz gehalten, Geheimnisse für sich zu behalten. Und von diesem Grundsatz würde er auch jetzt nicht abweichen. Diejenigen in New York, die sich die ungeheuerlichsten Verfehlungen hatten zuschulden kommen lassen, fanden dennoch keinen ruhigen Schlaf. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass man so wertvolle Informationen besitzen konnte, ohne davon Gebrauch zu machen. Es war schmerzlich für Mia Johnson, zusehen zu müssen, wie ihr Mentor nach und nach seiner Krankheit erlag – doch sie musste sich auf ihre aktuellen Aufgaben konzentrieren. Das Orion-Team hatte grünes Licht vom Präsidenten der Vereinigten Staaten bekommen, eine ganz bestimmte Person zu töten – und zwar nicht irgendjemanden, sondern einen Mann von einigem Einfluss und Ansehen. Dr. Johnson betrachtete die Schwarz-Weiß-Fotografie, die an die Akte auf ihrem Schreibtisch geheftet war. Der Mann war Graf Heinrich Himmelhagen, ein deutscher Industrieller und nahe verwandt mit der Familie Krupp. Die Tatsache, dass Präsident Obama bereit war, die Ermordung einer Privatperson zu genehmigen, die noch dazu ein Bürger eines der engsten Verbündeten der USA war, sprach Bände über die neue Entschlossenheit, den Terrorismus auf allen Ebenen zu bekämpfen. Himmelhagen und seine Firmen waren Anfang der neunziger Jahre erstmals im Visier der CIA aufgetaucht. Damals arbeitete Dr. Johnson an einem Projekt, das als Trumpies-II-Operation bekannt war. Trumpies II war eine weltweite Initiative der CIA mit dem Ziel, Muammar Gaddhafi am Bau von Anlagen zu hindern, in denen biologische, chemische und nukleare Waffen hergestellt werden konnten. Die Operation war nach einer derartigen Anlage benannt, die Gaddhafi Ende der achtziger Jahre errichten ließ. Die Anlage befand sich in der Stadt Trumpies im Norden von Libyen. Im Jahr 1990, kurz bevor die Anlage in Betrieb gehen sollte, drohte Präsident Bush mit Luftangriffen und nannte öffentlich jene europäischen Firmen, die beim Bau der libyschen Waffenfabrik mitgeholfen hatten. Eine davon war die Maschinenbaufirma Himmelhagen. Gaddhafi wollte seine Anlage nicht von Bomben zerstören lassen und zog es vor, sie zu schließen und woanders neu aufzubauen. Anfang 1992 entdeckte die CIA den Ort, an dem die neue Anlage errichtet wurde. Der libysche Diktator versuchte die Waffenfabrik tief in einen Berg hineinzubauen. Wenn die Anlage fertig war, würde sie nur noch durch einen Nuklearschlag zu vernichten sein. Um den Bau der Anlage zu verhindern, startete die CIA ihr Trumpies-II-Projekt. Zunächst wurde alles ausfindig gemacht, was an Ausrüstung, Technologie und Personal für den Bau benötigt wurde. Mithilfe ihrer Verbündeten belegten die USA die betreffenden Produkte mit einem Ausfuhrverbot. Aber wie das im internationalen Handel nun einmal so ist, fanden Gaddhafi und seine Leute Mittel und Wege, das Embargo zu umgehen. Seit Beginn der Operation geriet Himmelhagens Unternehmen samt seinen Tochtergesellschaften immer wieder in den Blickpunkt der Behörden. Sie behaupteten stets, dass sie keine Ahnung hätten, wem sie ihre Produkte letztendlich verkauften, und kamen jedes Mal davon, ohne auch nur eine symbolische Strafe von den deutschen Behörden aufgebrummt zu bekommen. Heinrich Himmelhagen hatte einflussreiche Verbindungen. Nachdem Gaddhafi von der internationalen Bühne verschwand und mit zunehmendem Alter gemäßigter zu werden schien, verzichteten die USA darauf, die Deutschen in Sachen Himmelhagen zum Handeln zu drängen. Mia Johnson blätterte die Akte durch, sah sich verschiedene Fotos an und übersetzte im Geist ein Gespräch, das Himmelhagen mit seinen neuen Geschäftspartnern geführt hatte. Es waren diese neuen Beziehungen, die der CIA so große Sorgen bereiteten. Himmelhagens Unternehmen stellte unter anderem spezielle Drehbänke und verschiedene andere Hightech-Geräte her, wie sie für den Bau einer Atombombe benötigt wurden. Auf der nächsten Seite befanden sich Fotos von den verschiedenen Wohnsitzen des Grafen. Da war ein Sandsteinhaus in einem der ältesten Viertel von Frankfurt a. Main, das Familiengut, das eine Autostunde südlich von Frankfurt a. Main lag, und ein Haus in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge. Himmelhagens Familie war zwar von nobelster Herkunft, hatte aber horrende Schulden. Vor fünf Monaten hatte sich Dr. Johnson mit einem Kollegen vom Bundesamt für Verfassungsschutz, dem deutschen Inland-Geheimdienst, in Verbindung gesetzt, und er hatte ihr mitgeteilt, dass die Vereinigten Staaten nicht das einzige Land waren, das Informationen über den Grafen sammelte. Es waren erst kürzlich Anfragen von den Israelis und den Briten gekommen. Als Himmelhagen vor drei Monaten vom BfV befragt worden war, hatte er versichert, dass er den Verkauf von hochsensiblen Produkten persönlich überwachen würde. Johnson nahm ihm das nicht ab und intensivierte ihre Beobachtung. Hacker aus den Reihen der CIA drangen in Himmelhagens Computersystem ein und verschafften sich einen Überblick über die finanziellen Verhältnisse des Grafen. Es formte sich das Bild eines Mannes, der offensichtlich große Teile seines ererbten Vermögens verprasst hatte. Er war mittlerweile zum vierten Mal verheiratet, und die ersten drei Frauen hatten ihn nicht so ohne weiteres ziehen lassen. Die hohen Kosten, die mit der Erhaltung der Familienbesitzungen verbunden waren, und sein Jetset-Lebensstil hatten ihn an den Rand des Ruins gebracht. Vor zwei Wochen hatte Johnson schließlich ein taktisches Aufklärungsteam nach Deutschland geschickt, um Himmelhagen rund um die Uhr zu observieren. Das Team folgte dem Grafen in die Schweiz – und ab dem Moment wurde es so richtig interessant. Mia Johnson studierte eine Reihe von Fotos, die von dem Wald aus gemacht wurden, der Himmelhagens idyllisches Haus in den Bergen umgab. Einige der Fotos waren etwas zu grobkörnig, aber ein paar waren scharf genug, dass man den Mann erkennen konnte, mit dem sich Himmelhagen traf. Es handelte sich um Abdullah Khatami, einen General der irakischen Armee, der mit der Verwirklichung des irakischen Atomwaffenprogramms beauftragt war. Er war außerdem ein Cousin von Saddam Hussein – und so wie viele von Saddams engsten Verbündeten trug er einen schwarzen Schnurrbart. Es gab noch mehr belastende Fotos, auf denen Himmelhagen beispielsweise zu sehen war, wie er eine Aktentasche von Khatami entgegennahm und ihm die Hand schüttelte. Nach diesem Treffen fuhr Himmelhagen mit seinen Leibwächtern nach Genf und brachte das Geld zu seiner Bank. Am nächsten Tag drangen die Hacker der CIA in das Computersystem der Bank ein und entdeckten, dass fünf Millionen Dollar auf Himmelhagens Konto einbezahlt worden waren. Mia Johnson ließ die Überwachung weiter intensivieren und ging mit dem Beweismaterial zum Präsidenten. Obama war zwar entschlossen, Saddam Hussein in jeder Weise zu bekämpfen, doch er wollte absolut sicher sein, dass der Graf nicht vielleicht ohne sein Wissen in diese Sache hineinschlitterte. Der letzte Beweis fand sich am folgenden Tag. Johnsons Leute hatten aus zuverlässigen Quellen erfahren, dass in dieser Nacht ein fingierter Einbruch im Lager der Firma stattfinden würde. Dabei sollten vier computergesteuerte Drehbänke und eine Reihe anderer Ausrüstungsteile gestohlen werden, die zum Bau von Nuklearanlagen benötigt wurden. Die gestohlenen Güter würden anschließend auf einen Frachter verladen werden, der im Hafen von Cuxhaven bereitstand. Johnson legte dem Präsidenten das Beweismaterial vor. Himmelhagen war bereits zweimal gewarnt worden und hatte immer wieder versichert, dass er persönlich dafür sorgen würde, dass ein Verstoß gegen das Embargo nicht wieder vorkam. All seinen Beteuerungen zum Trotz war er offensichtlich immer noch bereit und willens, hochsensible Güter an einen Mann zu verkaufen, der der weltweit größte Förderer des Terrorismus war und der geschworen hatte, Amerika vom Angesicht der Erde zu tilgen, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Himmelhagen hatte sich auf ein riskantes Spiel eingelassen, und er war drauf und dran, alles zu verlieren. Präsident Obama gab Mia Johnson grünes Licht – jedoch unter der Bedingung, dass es Mike Nowak war, der die Operation durchführte. Dr. Johnsons Telefon klingelte, und sie nahm den Hörer ab. „Wir sind hier so weit“, meldete Mike Nowak. „Gib mir einen kurzen Lagebericht“, forderte sie ihn auf. Nowak berichtete in aller Kürze von den jüngsten Entwicklungen und erläuterte die letzten Feinheiten, die er an seinem Plan geändert hatte. Johnson hörte zu und stellte nur hin und wieder eine kurze Frage. Als Nowak fertig war, erkundigte er sich: „Wenn er mir heute Nacht entwischt, bekomme ich dann eine zweite Chance?“ „Das glaube ich nicht. Das zweite Aufklärungsteam ist beim Lagerhaus in Position. Sobald die Tangos auftauchen, werden unsere Leute die deutschen Behörden anonym verständigen, damit die Kerle festgenommen werden können. Wenn das passiert, ist Himmelhagen natürlich entlarvt – und dann steht er zu sehr im Blickpunkt.“ „Ja, verstehe.“ Das taktische Aufklärungsteam, von dem Mia Johnson sprach, hatte die Sache mit dem fingierten Diebstahl herausgefunden, der um elf Uhr abends stattfinden sollte. Nowak wusste, dass dieses Team bereitstand – doch die Jungs wussten nicht, dass Nowak ebenfalls im Lande war. „Ihr müsst uns verständigen, wenn die Tangos vor elf Uhr beim Lagerhaus auftauchen“, sagte Nowak zu Mia. „Das Timing ist das Entscheidende bei der ganzen Sache. Wir können unmöglich bei Himmelhagen aufkreuzen, wenn ihn gerade die Polizei anruft, um ihm den Diebstahl zu melden. Er wartet auf den Anruf der Behörden, und der Überraschungseffekt ist sicher größer, wenn wir die Ersten sind, die sich bei ihm melden.“ „Alles klar.“ Es folgte ein Augenblick des Schweigens, ehe Mia fragte: „Was hast du für ein Gefühl bei der Sache?“ Nowak blickte sich kurz im Schlafzimmer um; er war sich nicht sicher, ob Mia Johnson einfach nur aus Höflichkeit fragte, oder ob sie es wirklich wissen wollte. „Ich weiß nicht recht“, antwortete er zögernd. „Ich hätte gern etwas mehr Zeit zur Vorbereitung gehabt, aber das ist ja fast immer so.“ Mia hörte sehr wohl, dass Nowak nicht so zuversichtlich klang wie gewohnt. „Wenn es nicht gut aussieht, dann darfst du es nicht erzwingen.“ „Ja, ich weiß.“ „Niemand hier wird dich deswegen kritisieren.“ Nowak leichte leise. „Darum habe ich mich noch nie gekümmert.“ „Du weißt schon, was ich meine. Sei vorsichtig.“ „Bin ich doch immer“, sagte er mechanisch. „Sonst noch etwas?“, fragte Mia Johnson. „Ja.“ Nowak hielt kurz inne. „Das wär’s dann.“ „Was meinst du damit?“ „Ich habe es bald hinter mir. Das hier ist mein letzter Einsatz.“ Mia Johnson hatte es kommen sehen, doch es war jetzt nicht der Zeitpunkt, um darüber zu reden. Mike Nowak war ein wichtiger Mann, vielleicht der wichtigste im ganzen Team. So jemanden verlor man nicht gerne. „Wir reden darüber, wenn du wieder hier bist.“ „Es gibt nichts zu diskutieren“, erwiderte Nowak entschieden. „Aber reden können wir ja.“ „Es ist mir wirklich ernst.“ Mia Johnson runzelte die Stirn. Wieder eine Sache mehr, die ihr Kopfzerbrechen bereitete. „Es gibt da noch ein paar Dinge, die ich dir sagen muss, bevor du deine Entscheidung triffst.“ „Was, zum Teufel, soll das schon wieder heißen?“ „Gar nichts“, seufzte Mia. Sie brauchte ein wenig Schlaf, sie musste wieder einmal ein wenig Zeit mit ihrem Sohn verbringen, und sie musste ein paar Dinge mit Bush besprechen, bevor er seiner Krankheit erlag. Die Anspannung wurde allmählich etwas zu groß. „Ich muss dir einfach erzählen, was hier im Moment so abläuft.“ Nowak spürte, dass sie nervlich ziemlich angespannt war, was bei Mia Johnson nicht oft vorkam. „Na gut. Reden wir, wenn ich zurück bin.“ „Danke.“ „Kein Problem.“ „Sonst noch etwas?“ Nowak überlegte, ob er irgendetwas vergessen hatte. „Nein.“ „Na gut … Viel Glück, und halte mich auf dem Laufenden.“ „Wird gemacht“, sagte Nowak und legte den Hörer auf. Er beugte sich vor zum Fenster, zog den Vorhang zurück und blickte in die dunkle Nacht hinaus. Er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte. OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin Die E-Mail erreichte das International OperationsDivisionCenter von Netzgermania um 03.18 Uhr. Der große tägliche Ansturm der Surfer auf das Netz war vorüber, gegen zwei Uhr war Ruhe im OperationsDivisionCenter eingekehrt. Die Leute hatten sich nach und nach aus dem Internet ausgeloggt und nachdem vor wenigen Stunden noch fast 300.000 Menschen gleichzeitig Netzgermania genutzt hatten, war die Zahl jetzt auf unter 10.000 gesunken. Die meisten Surfer waren ins Bett und die Mitarbeiter des OperationsDivisionCenter in den Pausenraum gegangen. Nur ein einziger Mitarbeiter saß noch an den Kontrollschirmen, als die E-Mail eintraf: Mail to: OC@Netzgermania.de Betreff: Hackerangriff auf unser Unternehmen Text: Von Ihrem Netz wurde unter der IP Nummer 123.742.496.780 versucht, in unser System einzudringen und sicherheitsrelevante Daten von nationalem Interesse zu stehlen. Bitte übermitteln Sie uns den dazugehörigen Nutzer dieser Adresse sowie alle dazu notwendigen Daten, damit wir überprüfen können, ob wir mit unserer Vermutung richtig liegen. Freundliche Grüße Michael Kahrmann System Administrator Telefon: ++49-30-542 876 0-92 SEC-ON Im OperationsDivisionCenter liefen auch alle Meldungen über Probleme und Störungen im Netzwerk von Netzgermania zusammen, und es war die Aufgabe der Mitarbeiter des OC, rund um die Uhr für einen reibungslosen Netzbetrieb zu sorgen. Im Normalfall war das auch kein kompliziertes Verfahren. Die gemeldeten Fehler oder Störungen wurden in ein so genanntes Ticketsystem eingegeben. Nachdem die Art des Problems beschrieben war, wurden automatisch Hilfestellungen angeboten, wie das Problem zu beheben war. Diese E-Mail, die jedoch gerade eingetroffen war, unterschied sich allerdings deutlich von sonstigen Routinemeldungen und der einzige verbliebene Mitarbeiter war erst seit kurzem im OC. Er gab also in gewohnter Weise in das Ticketsystem den Standardtext, den er für den Richtigen hielt, ein: ›Problem: Angriff auf anderes Netz‹, und machte dann bei ›Bewertung der Tragweite des Problems:‹ den entscheidenden Fehler. Unerfahren wie er war, wählte er als mögliche Auswirkung ›Unternehmensgefährdend‹, in dem Feld ›Fehlerbeschreibung:‹. Anschließend kopierte er den Text der E-Mail. Sobald er die Eingabe bestätigt hatte, wurde entsprechend seiner Angabe ›Unternehmensgefährdend‹ ein Eskalationsprozess der höchsten Prioritätsstufe in Gang gesetzt und automatisch eine E-Mail mit größter Dringlichkeitsstufe an den Eskalationsverteiler gesandt, die Bestätigung dazu erschien auf dem Bildschirm: „Das Ticket 0012. AX.234.jhg 089 wurde mit höchster Dringlichkeitsstufe an die Geschäftsführung eskaliert.“ Um 3 Uhr 24 wurde die automatische E-Mail unter anderem auch an den Chief Executive Officer von Netzgermania, Ferris Eisenstein, gesandt und per automatischer SMS wurde gleichzeitig Winfried Böllinger, Leiter des OC, informiert. Winfried Böllinger saß zu diesem Zeitpunkt mit seinen Kollegen im Pausenraum des OC, er goss sich beim Lesen der SMS vor Schreck den heißen Kaffee über die Hose und sprang gleichzeitig aus seinem Stuhl auf. Mit einem Schmerzensschrei stürzte er ins OC. „Bist du wahnsinnig? Die Stufe ›Unternehmensgefährdend‹ bedeutet, dass uns der Backbone oder sämtliche Transatlantikleitungen abgeraucht sind oder das OC in Flammen steht. Verflucht, warum holst du mich nicht aus dem Pausenraum, bevor du solch eine Mail raussendest?“ „Tut mir leid“, stammelte der erschreckte und eingeschüchterte Mitarbeiter. „Können wir die Einstufung korrigieren und die E-Mails zurückholen?“ „Keine Chance!“ Winfried schickte eine E-Mail an den gleichen Verteiler und entschuldigte sich für diesen Irrtum. „Hast du vorher schon mal eine Mail an Ferris gesandt?“, fragte ein ebenfalls aus dem Pausenraum herbeigeeilter Kollege. „Nein, noch nie, warum?“ „Mann, obwohl jeder seine Mailadresse kennt, ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man keine Mails direkt an Ferris Eisenstein sendet!“ „Ich hab’ aber gehört, dass er ganz o.k. sein soll.“ „Ja, und ca. 200 Millionen Euro besitzt, Manager des Jahres war und noch dazu eine sehr imposante Vergangenheit als Security IT Spezialist hinter sich hat, wie man aus Insiderkreisen hört. Eisenstein hatte unter anderem sämtliche höchste Sicherheitsstufen in fast allen westlichen Sicherheitsorganisationen und ganz nebenbei die Terrornetzwerke von BinLaden infiltriert, so dass dieser durch die Navy Seals der Amerikaner abgeschossen werden konnte, er war einer der jüngsten aktiven Gründungsmitglieder von Kaspersky und hat bei so ziemlich jeder Gefangennahme aller bekannten Hacker weltweit mitgewirkt! Dieser Mann ist eine lebende Legende und macht den Job hier meiner Meinung nach nur so nebenher aus Spaß, damit ihm sein scheiß Vermögen nicht zu weltfremd werden lässt“. Und dabei mit seinen einundvierzig Jahren noch ein Jahr jünger ist als ich, dachte Winfried Böllinger. „Wir werden sehen, wie o.k. er ist und ob er uns den Kopf abreißt, wegen Deiner höchsten Eskalationsstufe.“ In diesem Moment wurde ihr Gespräch unterbrochen, weil fast alle Telefone gleichzeitig anfingen zu klingeln und jede Menge neuer Mails eingingen. Der Eskalationsverteiler hatte gute Arbeit geleistet und halb Netzgermania aus dem Bett geholt. Ferris Eisenstein hörte die Mail erst am nächsten Morgen auf der Fahrt ins Büro. Im Auto las ihm der Computer die Betreffzeilen der neuesten Mails vor, während er sich auf den Verkehr konzentrierte. „Sie haben eine E-Mail der höchsten Eskalationsstufe vom OperationsDivisionCenter erhalten.“ Ferris hatte eine sexy Frauenstimme für das Voice-Programm ausgewählt. „Vorlesen.“ Antwortete er darauf kurz. Es hatte eine Weile gedauert, bis der Computer sich an seine Aussprache gewöhnt hatte, aber jetzt verstand er zumindest einfache Kommandos ganz gut. „Von OC: Störfall Unternehmensgefährdend, Art des Störfalles: Hacker-Angriff auf ein anderes Netz.“ Er konnte sich nur an eine einzige Eskalation dieser Prioritätsstufe während seiner Zeit bei der Netzgermania erinnern. Vor einem Jahr hatte ein Seebeben im Atlantik auf einen Schlag sämtliche Transatlantikleitungen zerstört. Es hatte zwei Stunden gedauert, bis sie den Verkehr auf andere Leitung umrouten konnten. Solange war der gesamte Datenverkehr eben andersherum gegangen, also von den USA durch den Pazifik, über Japan und Südostasien nach Europa. Die Transpazifikleitungen hatten die enorme Datenmenge nicht verkraftet und weitere Störungen waren die Folge gewesen. Das ganze Netzwerk und hunderttausende Online-Kunden waren betroffen. Wenn gestern Nacht etwas Ähnliches geschehen war, hätte er eigentlich aus dem Bett geholt werden müssen! Was war hier los?“ „Telefon!“ „Bitte sagen Sie die Telefonnummer oder den Teilnehmer.“ „Manfred Nord.“ „Sie werden verbunden mit dem technischen Direktor von Netzgermania.“ Manfred war sofort am Telefon. „Hey, Ferris, Du rufst bestimmt wegen der Mail der letzten Nacht an, vermute ich. Lies’ einfach die folgenden Nachrichten. Dabei handelte es sich nur um einen Fehler eines neuen Mitarbeiters im OC. Ich habe sofort alles kontrolliert und konnte feststellen, dass im Netz alles im grünen Bereich ist. Es war zum Glück nur blinder Alarm.“ „Was steckt dann genau hinter dieser Mail?“ „Wohl ein Hacker-Angriff auf irgendein Firmennetzwerk. Die möchten jetzt, dass wir eine IP-Nummer zurückverfolgen, was wir natürlich so einfach nicht dürfen. Wir werden auf die Mail erst mal nicht reagieren. Sollen die zuerst die Staatsanwaltschaft einschalten, dann werden wir sehen, wie wir reagieren werden, oder?“ „Wir haben morgen Aktionärsversammlung, hast du schon mit Ralph darüber gesprochen? Ich will da keine Überraschungen erleben.“ „Nein, ich habe mich erst mal nur um das Netz gekümmert und da ist alles o.k. Die Aktionärsversammlung ist nicht meine Baustelle.“ Gleich nachdem er das Gespräch mit Manfred Nord beendet hatte, ließ Ferris den Computer die Nummer von Ralph Keller anwählen. Ralph war Chief Finance Officer und als solcher für die Finanzen von Netzgermania verantwortlich. Bei der momentanen Hysterie an der Börse konnte, einen Tag vor der Aktionärsversammlung, jede noch so unbedeutende Mitteilung negative Auswirkungen auf den Börsenkurs und damit auf die Finanzsituation von Netzgermania haben. Und das sollte Keller unbedingt wissen. „Sie werden verbunden mit dem CFO von Netzgermania“ Auch hier wurde der Anruf fast sofort entgegengenommen. „Hallo Ferris, hier ist Diana. Ralph ist noch nicht im Büro und wie ich an deiner Nummer sehe, rufst du aus dem Auto an. Was gibt es so Dringendes?“ Purer Sex, der da aus der Leitung von Ralphs persönlicher Assistentin säuselte. Wie bei jedem Anruf stellte Ferris zuerst fest, dass sie eine fantastische erotische Stimme hatte. Und wie immer wurde er daran erinnert, dass sie im letzten Jahr eine Affäre miteinander hatten. Eine Affäre, die nach nur vier Wochen beendet war. Alle seine Versuche, in den letzten Jahren eine langfristige Beziehung aufzubauen, waren aufgrund seiner nächtelangen PC-Sitzungen bereits nach kurzer Zeit gescheitert. Es sollte einfach nicht sein. Nach Diana hatte er sich geschworen, nie wieder etwas mit einer aus dem eigenen Unternehmen anzufangen. „Hallo Diana, weißt du was über den Störfall der letzten Nacht?“ „Du bist heute Morgen schon der Dritte, der deswegen anruft. Der Chef vom OC hat gestern Nacht gleich noch eine E-Mail hinterhergesandt. War wohl nur ein Versehen eines neuen und noch unerfahrenen Mitarbeiters. Bist du in Berlin?“ „Ja, ich werde in zehn Minuten im Büro sein.“ „Hast du immer noch dieses komische Programm, das dir deine E-Mails im Auto vorliest?“ Dass bisschen Vertrautheit, das immer noch zwischen ihnen war, war ihm unangenehm. Er hatte mehrfach versucht, etwas mehr Reserviertheit in ihren Umgangston zu bringen. Aber Diana ließ sich von seinen Versuchen nicht beeindrucken. Schließlich hatte er es aufgegeben, und irgendwie mochte er es auch. „Sagst du Ralph, dass ich ihn später gern sprechen möchte?“ „Klar, er ruft Dich an, sobald er da ist. Hab’ einen schönen Tag.“ „Ja, Du auch.“ „Das Gespräch wurde beendet, der Teilnehmer hat aufgelegt.“ „Scheiß Computerstimme.“ Zischte er vor sich hin. „Ihre Eingabe ist nicht auswertbar, bitte wiederholen Sie diese.“ „Geh zum Teufel.“ „Sie werden verbunden mit Sabine Schneufel.“ „Nein!“ „Ihre Eingabe ist nicht auswertbar.“ „Ende!“ „Das Programm wurde von ihnen beendet.“ Ferris stellte fest, dass sich Dianas Stimme besser anhörte, als die des Computers und beschloss in den nächsten Tagen den Algorithmus entsprechend zu ändern… Washington, USA Präsident Barack Obama betrat den sicheren Konferenzsaal unter dem Weißen Haus, allgemein nur als Situation-Room bekannt. Der Nationale Sicherheitsrat erwartete ihn mit einer Mischung aus vorsichtiger Besorgnis und professionellem Unbehagen. Zu einer solch unchristlichen Zeit herbeizitiert zu werden, noch dazu an einem Wochenende, machte jeden nervös. „Bitte setzen Sie sich doch“, sagte der Präsident, während er am Kopfende des langen Kirschholztischs Platz nahm. „Vielen Dank, dass Sie an diesem Samstag so früh kommen konnten. Wie Sie alle wissen, sind die Auswirkungen des Terroranschlags auf die Prophetenmoschee in Medina mindestens so verheerend, wie wir befürchteten. Die Israelis erleben zurzeit eine Welle von Selbstmordattentaten, und überall in der islamischen Welt rufen Imame und Mullahs zu weiteren Vergeltungsschlägen auf. Erwartungsgemäß verschärfen muslimische Extremisten nun ihre Rhetorik und fordern einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, weil wir bekanntlich Israel unterstützen. Um alles noch schlimmer zu machen, besteht die Reaktion der Israelis auf die jüngsten Anschläge darin, dass sie mit aller Konsequenz gegen die Palästinenser vorgehen. Das macht dem palästinensischen Chefunterhändler, Ali Hasan, das Leben extrem schwer. Wie wir alle verfolgt haben, entwickelte er sich innerhalb kürzester Zeit zu einer der Schlüsselfiguren im Friedensprozess. Jemand wie er dürfte großen Anteil an der Zukunft Palästinas haben. Während Hasans Volk, ebenso wie ein Großteil der arabischen Welt, nach Blut schreit, gehört er zu den wenigen Stimmen, die eine friedliche Lösung einfordern. Was die Organisation Hand Gottes betrifft, behaupten die Israelis, der Sache nachzugehen, betonen jedoch, keinerlei Informationen über eine derartige Gruppierung zu besitzen. Im Gegensatz zu dem, was die arabische Presse schreibt, werde sie von ihnen in keinster Weise unterstützt. Wir haben gewisse Bedenken, ob die Israelis uns wirklich alles sagen. Nach dieser einleitenden Bemerkung möchte ich jetzt CIA-Direktor Thomas Bush bitten, uns seinen Bericht zu präsentieren.“ „Vielen Dank, Mr. Präsident“, sagte Bush, während sein Assistent Aktenordner an die Versammelten austeilte. „Wie Sie alle wissen, ermittelt die CIA seit letzter Woche aktiv wegen des Terroranschlags in Medina. Insbesondere sind wir daran interessiert, die Identität einer bislang unbekannten Terrorgruppierung zu klären, die sich Hand Gottes nennt. Wir konnten bestätigen, dass es sich bei dem für den Anschlag benutzten Geschoss tatsächlich um eine TOW-2-Kurzstreckenrakete israelischer Bauart handelt. Ergänzend zum Bericht des Präsidenten über die seit dem Anschlag wachsenden Unruhen in der islamischen Welt hält es die CIA für wichtig, auf den stetig wachsenden Zuspruch hinzuweisen, den die Hand Gottes in ganz Israel erfährt. Allem Anschein nach wächst in der israelischen Öffentlichkeit der Wunsch nach Selbstjustiz. Die Regierung tut äußerst wenig, um entsprechende Appelle zum Verstummen zu bringen. Nach außen hin haben die meisten israelischen Offiziellen den Anschlag zwar halbherzig verurteilt, äußern sich intern jedoch positiv darüber. Das hat in der vergangenen Woche das Interesse unserer Analysten geweckt.“ „Wollen Sie damit andeuten, die israelische Regierung habe tatsächlich etwas mit dem Anschlag in Medina zu tun?“, fragte der Direktor der Homeland Security, Alan Driehaus. „Wir haben keine konkreten Beweise dafür, aber …“ „Nun, was haben Sie?“, wollte Alois „Chuck“ Stanley wissen, der Außenminister, während er in dem ausgeteilten Dossier blätterte. „Nach dem Massaker an den israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen von München 1972 wollte Ministerpräsidentin Golda Meir gemeinsam mit mehreren hochrangigen israelischen Amtsträgern eine Botschaft aussenden, nicht nur an alle am Massaker von München Beteiligten, sondern auch an jeden, der jemals mit dem Gedanken liebäugelt, einen Anschlag auf Israel zu verüben. Sie lautete: Wer so etwas tut, muss mit tödlicher Vergeltung rechnen. Um die Botschaft an den Mann zu bringen, wurde ein verdecktes Einsatzteam aus der Sabotage-Einheit des Mossad zusammengestellt. Keine Verhaftungen, kein Gerichtsverfahren, keine Berufung. Die Zielsetzung war einfach: Tötet jeden, den ihr in die Finger bekommt, ob er nun direkt oder indirekt mit dem Attentat in München zu tun hatte, damit die übrigen Terroristen in Furcht leben und nie genau wissen, ob sie nicht die nächsten Opfer sind. Dabei spielte es auch keine Rolle, wo die Verdächtigen sich verkrochen. Das Team war autorisiert, sie überall auf der Welt zur Strecke zu bringen.“ „Ich erinnere mich“, meinte die Außenminister. „Wie nannten die Israelis diese Gruppe noch mal?“ „Zorn Gottes“, erwiderte Bush. Die Anwesenden, allesamt mit den Akten beschäftigt, blickten mit plötzlich erwachtem Interesse zum CIA-Direktor auf. Homeland-Security-Direktor Driehaus rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. „Wollen Sie uns erzählen, dass Sie glauben, die Israelis hätten diese Einheit reaktiviert, um die arabische Welt zu terrorisieren?“ „Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bestätigen, aber wir nutzen jede Ressource, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Israelis zählen zu den Besten, was Undercover-Operationen angeht. Wenn die nicht wollen, dass jemand mitbekommt, dass sie hinter einer Sache stecken, erfährt es meistens auch keiner.“ „Welche diplomatischen Kanäle haben wir bemüht?“, hakte der Außenminister nach. Bush streifte Präsident Obama mit einem Blick, ehe er antwortete: „Der Präsident hat den israelischen Ministerpräsidenten direkt mit dem Verdacht konfrontiert. Dieser wies jede Beteiligung seines Landes an den Machenschaften der Hand Gottes empört von sich.“ „Also, was wissen wir tatsächlich?“, fragte der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs. „Fest steht, dass das Timing kaum schlimmer sein könnte. Wenn Sie gestatten, möchte ich gerne erklären, weshalb der Präsident dieses Treffen anberaumt hat.“ Bush bat darum, das Licht zu dimmen, während er den Laptop hochfuhr. Zwei große Flachbildschirme an der Stirnseite des Situation-Rooms erwachten mit dem Siegel der Central Intelligence Polizeibehörde zum Leben, während der Direktor mit der Präsentation begann. „Bevor Osama bin Laden mit Al-Kaidaa auf der Bildfläche erschien, stand überwiegend Abu Nidal im Rampenlicht. Er gilt nicht nur als Vater des internationalen Terrorismus, sondern steckte auch hinter jedem noch so kleinen Anschlag. Die Abu Nidal Organisation – auch bekannt als FRC, Fatah Revolutionary Council, Revolutionsrat der Fatah – verübte mehr als 90 Terroranschläge in 20 Ländern, wobei über 1000 Menschen zu Tode kamen oder verletzt wurden. Deshalb stufte das Außenministerium Nidal und dessen Leute vorübergehend als gefährlichste Terrororganisation der Welt ein. Seine Ziele waren die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Israel, gemäßigte Palästinenser, die PLO und diverse arabische Nationen. Als vorrangiges Ziel der Organisation im Anschluss an die Begründung eines Palästinenserstaats galt die Vernichtung Israels und danach der Vereinigten Staaten…“ „Moment“, unterbrach der Außenminister. „Diese Leute sind seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten. Ich dachte, wir unterstellen, dass Abu Nidal in Bagdad getötet wurde.“ „Die CIA neigt dazu, Ihnen zuzustimmen“, erwiderte Bush. „Wovon reden wir dann eigentlich?“ „Darüber“, sagte Bush, während er die nächste Folie seiner Präsentation aufrief. Die lange Liste von Abu Nidals Terroraktivitäten, unter anderem auch als Drahtzieher der Anschläge auf die Flughäfen von Rom und Wien und des Bombenanschlags auf Pan-Am-Flug 103 über Lockerbie, Schottland, wich der Silhouette eines Männerkopfes. „Ladys und Gentlemen, darf ich Ihnen Hashim Nidal vorstellen? Abu Nidals Sohn.“ „Aber da ist ja niemand zu sehen“, meldete sich der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs zu Wort. „Genau darin liegt die größte Bedrohung, der sich unser Land momentan gegenübersieht“, entgegnete Bush. „Direktor Bush“, sagte der Direktor der Homeland Security, „wollen Sie damit andeuten, dass Ihnen trotz der enormen Ressourcen, über die die CIA verfügt, nicht einmal ein Bild dieses Mannes vorliegt?“ „Das ist bedauerlicherweise korrekt. Abu Nidal hat große Anstrengungen unternommen, um allein schon die Tatsache, dass er überhaupt einen Sohn hatte, geheim zu halten. Das Einzige, was wir bisher ermitteln konnten, ist sein Name. Frei aus dem Arabischen übersetzt, bedeutet Hashim übrigens ›Vernichter des Bösen‹.“ „Das ist ja reizend“, kommentierte der Außenminister, während er seine Mappe zuschlug und wegschob. „Wollen Sie damit andeuten, Mr. Bush, dass Abu Nidal das Zepter an seinen Sohn weitergegeben hat?“ „Die uns vorliegenden Informationen legen exakt das nahe.“ „Und was für Informationen sind das?“ „Laut unseren Quellen hat Hashim Nidal ein internationales Netzwerk islamischer Terrororganisationen begründet, dem unter anderem Hamas, Hisbollah, Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, die Überreste von Al-Qaida, die Muslimbruderschaft und Abu Sajaf, die Dschihadisten auf den Philippinen, angehören … Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Er hat sie davon überzeugt, dass sie Allah am besten dienen, indem sie sich zusammenschließen. Er kennt sowohl ihre Stärken als auch ihre Schwächen. Sie tauschen Strategien und Informationen aus, selbst die Ausbildung betreiben sie gemeinsam. All diese Gruppierungen ruhen auf einem tief verwurzelten religiösen Fundament, dessen Hashim Nidal sich bedient, um ihre politischen Überzeugungen zu ersetzen. Im Grunde hat er sie alle hinter einem gemeinsamen Ziel vereint: der Vernichtung Israels.“ „Und die Bedrohung für die Vereinigten Staaten ist …?“, fragte Driehaus. „Extrem groß. Ihrer Doktrin folgend wird auf die Vernichtung Israels unmittelbar die Vernichtung der Vereinigten Staaten folgen.“ „Wie kommen Sie darauf, dass das aktuell ist?“, wollte der Außenminister wissen. „Eine Vielzahl von Indizien spricht dafür – die NSA hat vermehrt entsprechende Telefongespräche abgehört, das FBI streckte die Fühler nach mutmaßlichen Schläferzellen hier in den USA aus, hinzu kommt ein signifikanter Durchbruch der CIA.“ Bush war vollkommen klar, dass es endlich einmal so aussehen musste, als sei die Polizeibehörde den Terroristen zwei Schritte voraus, statt ihnen ständig nur hinterherzuhinken. „Und worin genau besteht dieser signifikante Durchbruch?“, bohrte Driehaus nach. „Mithilfe der NSA überwachen wir die Kommunikation der am meisten ernst zu nehmenden islamischen Terrororganisationen. Verschiedentlich wurde jemand mit dem Codenamen Ghazi erwähnt – das ist arabisch und heißt ›der Eroberer‹. Bei ihm scheint es sich um eine Art geistigen Übervater zu handeln. Wenn von Ghazi gesprochen wird, schreibt man ihm die Planung für ein bevorstehendes Ereignis zu, das dafür sorgen soll, dass sich die Macht in der Welt hin zu den wahren Gläubigen des Islam verschiebt. Gestern Abend wurde in Beirut ein führender Vertreter des Islamischen Dschihad aufgegriffen. Bei der Vernehmung identifizierte er Hashim Nidal als die Person namens Ghazi, schränkte jedoch ein, er sei dem Mann nie persönlich begegnet und könne demnach auch keine Beschreibung liefern. Er deutete an, das von Nidal angekündigte Ereignis stehe unmittelbar bevor und werde die arabische Welt ein für alle Mal einen, indem es zunächst Israel und anschließend die USA sowie ihre westlichen Verbündeten dezimiere.“ Selbst den abgebrühtesten Pokerfaces am Tisch des Situation- Rooms gelang es nicht, das ungläubige Entsetzen zu kaschieren. „Glaubt die CIA tatsächlich, dieser Hashim Nidal sei in der Lage, so etwas durchzuziehen?“, wollte der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs wissen. „Wir können uns nicht leisten, es nicht zu glauben“, antwortete der Präsident. „Bei dieser Angelegenheit kommt es auf jeden an. Eine enge Zusammenarbeit ist unabdingbar. Hashim Nidal muss gestoppt und seine Organisation zerschlagen werden, bevor er Anschläge in den USA beziehungsweise gegen die Vereinigten Staaten verüben kann. Außerdem müssen wir alles verhindern, was einen Krieg zwischen Israel und der restlichen arabischen Welt heraufbeschwören könnte.“ „Ohne zu wissen, wie dieser Kerl aussieht oder wo er sich aufhält?“, meinte FBI-Direktor Jason Sorce. „Wo sollen wir da überhaupt anfangen?“ „Die CIA setzt bereits alle Hebel in Bewegung“, versicherte Bush. „Wir gehen mehreren konkreten Hinweisen nach. Wir werden Hashim Nidal aufspüren und ihn stoppen.“ Die meisten Versammelten wünschten sich, sie könnten den Optimismus des CIA-Direktors teilen. Er tappte völlig im Dunkeln und alle wussten es. Die CIA brauchte schon ein kleines Wunder, um dieses Ziel zu erreichen. Blieb die Frage, wo man ein solches Wunder hernehmen sollte. „Mr. Präsident“ überraschend laut, fuhr Bush zur Überraschung der Teilnehmer mit seinen Ausführungen fort „nach meinem bisherigen Kenntnisstand ist es an der Zeit, unser Orion- Team einzusetzen, da nur so mit den besten und effizientesten Ergebnissen in kürzester Zeit gerechnet werden kann!“ Nachdem dieser Satz für Stille im Situation- Room gesorgt hat und alle Gesichter gespannt zu Präsident Obama blickten, unterbrach dieser nach kurzer Zeit die Ruhe und verfügte zu Bush gewandt: „Vereinbaren sie bitte so schnell wie möglich ein Meeting mit Dr. Johnson zur Erörterung der Situation! Vielen Dank, die Damen und Herren.“ Mit diesen Worten stand der mächtigste Mann der Welt vom Tisch auf und verließ energisch den Situation- Room. Der Auftrag Mike Nowak war mit dem Schminken so gut wie fertig. Nachdem er sich bereits die schwarzen Augenbrauen und Haare hellbraun gefärbt und mit Hilfe von Spezialkontaktlinsen seinen dunkelbraunen Augen einen blauen Farbton verliehen hatte, ließ das Make-up nun auch noch seine sonnengebräunte Haut deutlich blasser erscheinen. Nowak blickte auf das schwarze Jackett und den langen schwarzen Ledermantel hinunter, die auf dem Bett lagen, und überprüfte ein letztes Mal seine Ausrüstung. Der Ledermantel hatte verborgene Taschen, in denen all die Dinge untergebracht waren, die Tom zuvor besorgt hatte. Ziemlich weit unten in dem knielangen Mantel waren drei Reisepässe und zehntausend Dollar Bargeld untergebracht. Einer der Pässe war ein amerikanischer – mit einem Foto von Nowak, einem falschen Namen und einem Stempel, der erkennen ließ, dass er via Dresden nach Deutschland eingereist war. Der zweite Pass war ein französischer und enthielt ein Foto von Nowak mit Ziegenbärtchen und kurzem Haar, und der dritte war ein ägyptischer Pass ohne Foto. Zu jedem der Pässe gab es eine entsprechende Kreditkarte. All diese Hilfsmittel sollten ihm die Ausreise aus Deutschland ermöglichen, falls irgendetwas schiefging. Niemand in Langley wusste von diesen Pässen. Wenn es einmal wirklich eng werden sollte und sich alles gegen ihn verschwor, wollte Nowak in der Lage sein zu verschwinden. Nowak hatte sich die wichtigsten Hauptstraßen und Eisenbahnlinien eingeprägt, die von hier wegführten – doch er hatte trotzdem ein winziges GPS-Gerät von der Größe eines Kartenspiels bei sich, um jederzeit seine exakte Position bestimmen zu können. Im rechten Jackett Ärmel war ein mattschwarzes Kampfmesser verborgen, außerdem trug er vier Magazine mit 9-mm-Munition mit sich, die an verschiedenen Stellen versteckt waren. Besonders wichtig war auch das kleine verschlüsselte Motorola-Funkgerät. Es wäre zu auffällig gewesen, in der Stadt ein Headset zu tragen – also hatte Nowak ein ganz bestimmtes System entwickelt. Durch das Futter des Jacketts verliefen Drähte, die zu einem winzigen Lautsprecher im Kragen, einem Mikrofon im Revers sowie dem Lautstärkeregler im Ärmel führten. Das Jackett wies noch einige weitere Besonderheiten auf, die Nowak angefordert hatte, sodass das Kleidungsstück über zehn Kilo wog. Seine aktuellen Papiere befanden sich in der linken Tasche des Jacketts. Heute Abend würde er als Sebastian Schnell vom Bundeskriminalamt auftreten. Seine Papiere sollten ihm den Weg ins Haus ebnen. Nowak griff nach seinem ledernen Schulterholster und legte ihn über dem weißen Hemd an. Unter dem rechten Arm trug er die 9-mm-Glock-Pistole. Die Seriennummer war von der Waffe entfernt worden. Zwei zusätzliche Magazine waren in den Holstertaschen unter dem linken Arm verstaut, und mit den vier weiteren Magazinen im Mantel verfügte Nowak über ausreichend Munition, um sich auf ein kleines Gefecht einlassen zu können. Doch das alles trug er nur für den Notfall mit sich. Er hatte vor, den Job mit einem einzigen Schuss zu erledigen. Nowak zog seine abgetragenen schwarzen Lederhandschuhe an und hob die lange schallgedämpfte Ruger Mk II vom Bett auf, eine nahezu geräuschlose Waffe, deren einziger Nachteil ihre Länge von über dreißig Zentimetern war. Nowak ließ sie in die Tasche gleiten, die rechts vorne am Mantel eingefügt worden war, zog Jackett und Mantel an und setzte einen schwarzen Filzhut auf. Als er in den anderen Raum hinüberging, waren die Schumachers gerade dabei, alle Stellen abzuwischen, an denen sie Fingerabdrücke hinterlassen haben könnten. Nowak hatte bereits das Gleiche in seinem Zimmer getan. Als sie damit fertig waren, nahmen sie ihre kugelsicheren Westen und legten sie an, ehe sie in ihre Mäntel schlüpften. Tom Schumacher sah Nowak an. „Tragen Sie auch eine kugelsichere Weste?“, erkundigte er sich. Nowak schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. „Beeilen Sie sich, es wird Zeit“, sagte er, rückte die Krempe seines Huts zurecht und ging mit seinem Seesack in die Nacht hinaus. Er blickte zum Nachthimmel hinauf und hoffte, dass es das letzte Mal war. Doch so sehr er es sich auch wünschte – irgendetwas sagte ihm, dass es anders kommen würde. Einige Augenblicke später kamen die Schumachers aus dem Forsthaus, und sie stiegen alle drei in die kastanienbraune Audi-Limousine ein. Die Überwachungs- und Kommunikationsanlage war im Kofferraum verstaut. Tom Schumacher saß am Lenkrad, und Judith auf dem Beifahrersitz. Mike Nowak hatte auf der Rückbank Platz genommen. Der Audi rollte sanft über die Schotterstraße hinweg. Es war stockdunkel im Wald, die Bäume ließen nichts von dem spärlichen Mondlicht durch. Nowak blickte aus dem Fenster; obwohl die Scheinwerfer des Wagens eingeschaltet waren, sah Nowak kaum mehr als sechs, sieben Meter in den Wald hinein. Als sie die asphaltierte Straße erreichten, schluckte Nowak bei dem Gedanken, dass sie in wenigen Minuten beim Tor des Anwesens sein würden. Sein ungutes Gefühl, was diese Mission betraf, hatte sich nicht gelegt. Er sah zu, wie Tom Schumacher die rechte Hand an den Knopf im Ohr hob. Er war immer noch mit der Anlage im Kofferraum verbunden und hörte den Polizeifunk ab. Schumacher würde im Wagen bleiben, während Nowak zusammen mit Judith Schumacher das Haus betreten würde. Es war notwendig, dass einer der Schumachers Nowak begleitete. Im Gegensatz zu ihm sprachen die beiden fließend Deutsch. Der zweite Grund, warum er wollte, dass die Frau mitkam, war, dass sie für Himmelhagen und seine Sicherheitsleute einen weniger bedrohlichen Eindruck machen würde. Tom Schumacher war zunächst gegen diesen Teil des Plans gewesen; er wollte Nowak unbedingt selbst begleiten. Nowak hatte es etwas befremdet, wie vehement sich der Mann gegen seinen Plan sträubte. Er betonte immer wieder, dass er ein viel besseres Gefühl bei der Sache hätte, wenn er selbst Nowak ins Haus begleiten würde. Als Nowak ihn nach irgendeinem logischen Grund dafür fragte, konnte er keinen nennen. Das Ganze kam Nowak ein wenig sonderbar vor. Es war seine Mission, und er allein bestimmte die Vorgehensweise. Er gab den Schumachers zu verstehen, dass er befugt war, die Sache abzublasen, wenn er es für richtig hielt, und wenn sie seinem Plan nicht zustimmten, dann täte er nichts lieber als umzukehren und das Ganze sein zu lassen. Nowak wusste, dass die Schumachers die andere Hälfte ihres Honorars erst bekamen, wenn der Auftrag erledigt war – und er wollte sehen, wie wichtig ihnen das Geld war. Ihre Reaktion auf seine Drohung, das Ganze abzublasen, sagte ihm alles, was er wissen wollte; sie ließen das Thema fallen, als wäre es ihnen überhaupt nie wichtig gewesen. Vor ihnen tauchte ein gut beleuchtetes Pförtnerhaus auf, und der Audi wurde langsamer. Nowak sah auf seine Uhr; es war neun Minuten nach elf. Der Graf würde ziemlich überrascht sein. Himmelhagen hatte sich bestimmt alles genau zurechtgelegt. Er würde nicht damit rechnen, dass die Polizei ihn besuchte – und das noch dazu so früh. Bestimmt ging er davon aus, dass sie ihn ein, zwei Stunden nach dem Einbruch anrufen würden. Die Limousine bog von der Straße ab und fuhr auf das große, reich verzierte schmiedeeiserne Tor zu. Ein Kleiderschrank von einem Mann in einem schwarzen Anzug kam mit einem Klemmbrett in der Hand aus dem Pförtnerhaus und trat an die rechte Seite des Wagens. Nowak war bereits zuvor auf die linke Seite gerückt, um zu vermeiden, dass er von der Überwachungskamera erfasst wurde, die über der Tür zum Pförtnerhaus angebracht war. Er hatte außerdem die Hutkrempe nach unten gezogen, sodass der Wächter sein Gesicht kaum erkennen konnte. Er musterte den Mann und bemerkte die Ausbuchtung an der rechten Hüfte. Es konnte sich um ein Funkgerät, aber genauso gut um eine Pistole handeln. Nowak war sich ziemlich sicher, dass es eine Waffe war. Judith Schumacher zog ihren gefälschten BKA-Ausweis hervor und hielt ihn hoch. Als der Wächter den Ausweis sah, blieb er wie angewurzelt stehen. In Deutschland, einem Land, in dem einst die Gestapo Angst und Schrecken verbreitet hatte, nahm man einen Besuch des BKA nicht auf die leichte Schulter. Nowak hatte vor, sich diesen Umstand zunutze zu machen, um ohne allzu viele Fragen ins Haus und wieder hinaus zu kommen. Judith Schumacher redete nachdrücklich auf den Wächter ein. Der Mann nickte und sagte, dass er zuerst im Haus anrufen müsse. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte, dass sie nicht angekündigt werden wollten. Das alles war bis ins kleinste Detail abgesprochen. Der Wächter sagte in höflichem Ton, dass Graf Himmelhagen Gäste im Haus habe und dass er unbedingt anrufen müsse, bevor er sie hineinlassen könne. Sie stimmte schließlich zu – jedoch nur unter der Bedingung, dass er sie zuerst hineinließ und dann anrief. Zum Glück nickte der Wächter und zog sich dann ins Pförtnerhaus zurück. Das riesige schmiedeeiserne Tor öffnete sich langsam, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Nowak beobachtete den Wächter im Pförtnerhaus, während sie vorüberfuhren. Er hatte bereits den Telefonhörer am Ohr. „Schnell“, forderte er Tom Schumacher auf. „Je früher wir dort sind, umso besser.“ Der Audi beschleunigte und brauste die kurvige Zufahrt hinauf. Nach der zweiten Kurve tauchte das Haus vor ihnen auf; die weiße Fassade war in helles Licht getaucht. Nowak hatte beide Hände auf die Sitzlehne vor ihm gelegt und blickte aus dem Fenster. Das Szenario erinnerte ihn an manche hundert Jahre alten Anwesen, die er in Newport, Rhode Island, gesehen hatte. Tom Schumacher legte mit verminderter Geschwindigkeit den Rest des Weges zurück und hielt schließlich direkt vor zwei steinernen Löwen und einem Butler an, der sie bereits erwartete. Nowak stieg auf der Fahrerseite aus und betrachtete den imposanten marmornen Poseidon-Springbrunnen, von dessen Dreizack Wasser emporschoss. Zur Linken waren einige Limousinen geparkt, bei denen die Chauffeure beisammenstanden und sich unterhielten. Dahinter standen noch einige nicht ganz so protzige Autos und ein paar Sportwagen. Offenbar waren auch einige Gäste da, die es nicht als unter ihrer Würde ansahen, ihren Wagen selbst zu lenken. Nowak prägte sich die Standorte der Autos ein und wandte seine Aufmerksamkeit dem Haus zu. Judith Schumacher sprach gerade mit dem Butler und zeigte ihm ihren Ausweis. Nowak ging um das Heck des Wagens herum und musterte dabei die Fenster des Hauses. Auf der rechten Seite befand sich der Ballsaal. Durch die drei großen Fenster sah Nowak mehrere Gruppen von Männern im Smoking und Frauen in langen Kleidern, die tranken, plauderten und rauchten. Nowak hörte sogar ganz schwach Musik nach draußen dringen, die, so dachte er, von einem Streichquartett stammen musste. Die Gäste ahnten nicht, welche Überraschungen dieser Abend noch für sie bereithielt. Nowak hielt dem Butler seinen BKA-Ausweis unter die Nase und bedeutete Judith mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Der Butler protestierte vehement, als Nowak zur Treppe ging. Nowak verstand nicht alles von dem, was der Butler sagte – aber er wollte wohl, dass sie einen anderen Eingang benutzten. Nowak ignorierte den Mann und ging drei Stufen hinauf, die zu einer Terrasse mit zwei Springbrunnen führten. Judith Schumacher schloss zu ihm auf, und der Butler eilte ihnen voraus. Als sie bei der massiven Doppeltür aus Eichenholz ankamen, stellte sich der Butler davor und hob die Hände wie ein Verkehrspolizist, um sie aufzuhalten. Nowak hatte den Mann bereits unter die Lupe genommen; er schien unbewaffnet zu sein. Es war nicht notwendig, ihn zu töten; schließlich hatte der Mann nichts verbrochen. Wenn nötig, würde ein Kinnhaken völlig ausreichen, um den Diener außer Gefecht zu setzen. Nowak hörte zu, wie der Butler auf Judith Schumacher einredete. Wie erwartet, wollte er erreichen, dass sie im Arbeitszimmer auf Graf Himmelhagen warteten. Sie erklärte sich dazu bereit, fügte aber hinzu, dass sie eine Minute warten würden und keine Sekunde länger. Wenn Graf Himmelhagen bis dahin nicht kam, würden sie ihn vor allen Gästen befragen. Der Butler nickte mehrmals, wie um ihr zu versichern, dass er genau wusste, was sie wollten. Der Mann würde bestimmt alles tun, um zu verhindern, dass zwei BKA-Leute mitten in ein privates Fest seines Chefs platzten. Die Türen wurden geöffnet, und sie traten in die riesige Vorhalle des Hauses ein. Weiter vorne führte eine breite Marmortreppe in das erste Stockwerk hinauf, während man durch eine Tür zur Rechten in den Ballsaal gelangte. Vor der Tür stand ein hünenhafter Wächter. Nowak hatte den Kleiderschrank von einem Mann auf den Fotos gesehen, die er studiert hatte. Es würde mehr als nur eines Kinnhakens bedürfen, um den Kerl auszuschalten. Himmelhagen war nicht gerade ein Genie, aber dumm war er bestimmt nicht. Er wusste, dass Vorsicht angebracht war, wenn man Geschäfte mit jemandem machte, der so unberechenbar war wie Saddam Hussein. Der Butler deutete nach links auf eine weitere Doppeltür. Nowak wusste aus den Plänen des Hauses, dass die Tür zum Arbeitszimmer führte. Während Nowak und Judith Schumacher zur Tür gingen, eilte der Butler wieder voraus, um ihnen den Weg zu weisen. Als sie im Zimmer waren, sagte er ihnen, dass sie hier warten sollten, und schloss die Tür. Nowak warf Judith Schumacher einen kurzen Blick zu und sah sich dann in dem Raum um. Das hier war mehr eine Bibliothek als ein Arbeitszimmer. Die Regale waren bis obenhin voll mit dicken, in Leder gebundenen Bänden. Jeder Quadratzentimeter Wandfläche, der nicht von Bücherregalen eingenommen wurde, war mit kunstvoll gerahmten Ölgemälden geschmückt, von denen einige so groß wie Nowak, andere wieder nicht größer als seine Hand waren. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein reich verzierter Kamin, in dem ein Feuer knisterte. Nowak war kein Kunstexperte, aber diese Gemäldesammlung musste Millionen wert sein. Er wandte seine Aufmerksamkeit den Möbeln und Teppichen zu. Alles hier im Zimmer, mit Ausnahme einiger weniger Lampen, sah aus, als wäre es zumindest hundert Jahre alt. Das ist ja wirklich großartig, dachte Nowak. Da hat der Kerl schon das Glück, in eine steinreiche Familie hineingeboren zu werden, und dann verschleudert er fast sein gesamtes Vermögen. Doch anstatt sich von ein paar der Kostbarkeiten zu trennen, beschließt er, lieber hochsensible Technologie an einen sadistischen Psychopathen zu verkaufen, der nichts lieber täte, als eine Atombombe über New York City abzuwerfen. Dieser Mistkerl verdient es zu sterben. Nowak blickte auf seine Uhr. Zwei Minuten und drei Sekunden waren vergangen, seit sie durch das Tor gefahren waren. Nowak sah durch eines der beiden großen Fenster auf die Zufahrt hinaus. Tom Schumacher stand neben dem Audi und hatte den Motor laufen. Schumacher winkte Nowak kurz zu, und Nowak erwiderte die Geste. Nowak blickte noch einmal auf die Uhr. Sie befanden sich jetzt achtunddreißig Sekunden in der Höhle des Löwen. Nowak hatte sich ein Limit von zwei Minuten gesetzt; danach würde er sich auf die Suche nach dem Grafen machen. Man durfte ihm nicht die Zeit geben, um telefonisch nachzufragen, was das Ganze sollte. Nowak durchquerte den Raum und spähte durch den schmalen Spalt in der Doppeltür. Er konnte nicht viel erkennen, und nach einigen Augenblicken wurde ihm klar, warum. Der hünenhafte Bodyguard hatte sich draußen vor der Tür postiert und verstellte ihm die Sicht. Nowak trat zurück und überlegte fieberhaft, wie er den Leibwächter ausschalten konnte, ohne ihn zu töten. Um ihn bewusstlos zu schlagen, hätte er ihm ganz nahe kommen müssen. Von hier drinnen aus hätte er den Mann mit einem Schlag bestenfalls wütend machen, aber keinesfalls außer Gefecht setzen können. Und das Letzte, was Nowak jetzt gebrauchen konnte, war ein Ringkampf. Nowak beschloss, zunächst abzuwarten und später zu entscheiden, wie er vorgehen würde. Es waren fast drei Minuten verstrichen, als die Tür aufging und Heinrich Himmelhagen ins Zimmer trat. In der einen Hand hielt er ein Glas Champagner, in der anderen eine Zigarre. Offenbar hatte dem Grafen noch niemand gesagt, dass Rauchen nicht mehr zeitgemäß war. Wenn man sich den maßgeschneiderten Smoking, die Rolex und das sorgfältig zurückgekämmte Haar wegdachte, dann unterschied sich der Mann kaum von einem gewöhnlichen Terroristen. Zu Nowaks Bestürzung folgte dem Grafen ein zweiter Mann ins Arbeitszimmer. Er war ungefähr im gleichen Alter und von ähnlicher Statur wie Himmelhagen und trug ebenfalls einen Smoking. Der Hüne von einem Bodyguard trat ebenfalls ein, worauf der Butler hinausging und die Tür schloss. Der Graf fragte mit schockierter Miene, warum um alles in der Welt das BKA ihn hier zu Hause aufsuchte. Judith Schumacher übernahm es, ihm in Himmelhagens Muttersprache zu antworten, und begann mit der Geschichte, die sie sich vorher ausgedacht hatten. Kaum hatte sie zwei Sätze gesprochen, als der andere Mann vortrat und in energischem Ton verkündete, dass er der Anwalt des Grafen sei und ihre Ausweise sehen wolle. Nowak lauschte dem Gespräch aufmerksam, ließ dabei aber den Leibwächter nicht aus den Augen. Der Mann stand völlig regungslos etwas abseits, die Arme vor der Brust verschränkt. Judith Schumacher befand sich zwischen Nowak und der Tür. Nowak gegenüber stand der Graf und zu seiner Rechten der Anwalt und schließlich der Bodyguard. Als der Anwalt vortrat und die Ausweise zu sehen verlangte, fasste Nowak einen Entschluss. Jede Sekunde, die sie abwarteten, erhöhte die Gefahr, dass irgendetwas schief ging. Während er die linke Hand ins Innere seines Mantels gleiten ließ, blickte Nowak kurz nach rechts, wo Judith Schumacher soeben ihren gefälschten BKA-Ausweis hervorholte. Nowak ließ seine Hand in die verborgene Tasche schlüpfen und griff nach der Ruger Mk II. Dann drehte er sich nach links, zog die schallgedämpfte Waffe und streckte den Arm aus. Der Graf war nicht viel mehr als einen Meter vom Lauf der Waffe entfernt. Nowak drückte einmal ab, und eine Kugel schoss aus dem langen schwarzen Lauf hervor. Praktisch im selben Augenblick erschien ein roter Punkt zwischen den sorgfältig zurechtgestutzten Augenbrauen des Grafen. Nowak hielt sich nicht damit auf, den Mann umfallen zu sehen – er wusste, dass Himmelhagen bereits tot war. Er nahm die Ruger rasch in die andere Hand, trat einen Schritt vor und versetzte dem Anwalt einen wuchtigen Kinnhaken. Der Mann taumelte zurück und ging bewusstlos zu Boden. Die Ruger immer noch in der rechten Hand, trat Nowak einen Schritt zurück, um aus der Reichweite des Bodyguards zu gelangen. Der Mann machte bereits den ersten Schritt auf ihn zu und griff nach seiner Waffe. „Halt!“, rief ihm Nowak zu, doch der Leibwächter ließ sich nicht davon abhalten, seine Pistole zu ziehen. Er hatte nur einen Sekundenbruchteil, um sich zu entscheiden. Er feuerte einen Schuss ab, der den Leibwächter am Handgelenk traf, sodass die schwere halbautomatische Pistole des Mannes zu Boden fiel. Der Mann krümmte sich vor Schmerzen und umfasste mit der anderen Hand sein verletztes Handgelenk. Nowak machte zwei rasche Schritte vor und trat nach dem Kopf des Mannes, als wäre er ein Fußball. Der Tritt schleuderte den Hundertfünfzig-Kilo-Mann zurück, worauf er krachend auf einem kleinen hölzernen Beistelltisch landete, auf dem eine zarte Porzellanlampe stand. Die Lampe zerschellte auf dem Parkettboden, und der Tisch selbst zerbrach unter dem Gewicht des Leibwächters in ein Dutzend Stücke. Nowak schob Judith Schumacher aus dem Weg und stürmte zur Tür. Kaum war er dort, wurde sie auch schon geöffnet, und der kleine Kopf des Butlers tauchte auf. Nowak packte den Mann an seiner Krawatte und zog ihn herein. Er knallte ihm den Griff seiner Pistole gegen die Schläfe, wenn auch mit deutlich weniger Wucht, als er es normalerweise tat. Der Butler verdrehte die Augen, und seine Knie gaben nach. Nowak ließ ihn zu Boden sinken und blickte rasch auf den Flur hinaus, um zu sehen, ob vielleicht jemand etwas bemerkt hatte. Dann schloss er die Tür und versperrte sie. Wie eine Maschine eilte Nowak quer durch das Zimmer. Zuerst musste er sich um den Bodyguard kümmern. Er zog drei Paar Plastikhandschellen aus der Tasche hervor – doch als er sich Judith Schumacher zuwandte, um ihr ein Paar zu geben, blieb er wie angewurzelt stehen. Nowak konnte einfach nicht glauben, was er da sah. Die Worte kamen ihm wie in Zeitlupe über die Lippen. „Was, zum Teufel, tun Sie da?“ Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, feuerte Judith Schumacher auch schon den ersten Schuss aus ihrer Heckler & Koch P7 ab. Die 9-mm-Parabellum-Kugel traf Nowak mitten in die Brust und ließ ihn in die Knie gehen. Die zweite Kugel schleuderte ihn rücklings über die Beine des Leibwächters hinweg. Er spürte noch, wie es ihm die Luft aus den Lungen presste, ehe er mit dem Kopf gegen die hölzerne Bibliotheksleiter geschleudert wurde. Er krachte mit voller Wucht gegen die unterste Sprosse der Leiter und blieb bewusstlos liegen. Während seiner Bewusstlosigkeit hatte Mike einen eigenartigen Traum bzw. ein Deja-Vu, über seine letzte Mission mit seinen deutschen Kollegen vor knapp 12 Jahren in der Wüste… Nachts in der Nähe von Mannheim… „Wie kann man nur so eine beschissene Übergabe ausmachen!“ Mikesch blickt, vom Beifahrersitz des ausrangierten VW-Doppelkabiners im ausgebleichten olivfarbenen Bundeswehrlack zu seinem Kompagnon und Fahrer Ole rüber und zieht dabei die gerade eingedoste Line Pep hörbar in seinen Rachen runter. „Alter, Du bist echt so widerlich mit Deinem Gerotze, das ist ekelhaft! Außerdem brauchst Du mich nicht so dumm von der Seite deswegen anzumachen, denn ich hab´ weder die Location noch die Zeit ausgemacht, klar!“ „Schon logisch, aber trotzdem kann ich ja wenigstens bei Dir meinen Unmut äußern. Es ist mir schon klar, dass der Cheffe uns nicht fragt, bei seinen Abmachungen. Hehe, wenn der das gehört hätte, dann wäre ich jetzt einen Kopf kürzer!“ „Na hat er ja nicht, sondern lediglich ich muss Dein Gemaule aushalten. Ich geh mal kurz raus zum pissen!“ Dabei öffnet Ole die verrostete Fahrertür, die in der Stille der Nacht hier in der Einöde auf dem verlassenen abgelegenen Parkplatz gegenüber vom Zufahrtsweg des Altriper Schrotthändlers führt, laut knarrt, so dass sein Kollege Mikesch vor Schrecken zusammenzuckt. „Hey, tickst Du noch richtig, Mann, Ey, hab´ ich grade nen Schreck gekriegt, bei dem Lärm den Du hier machst!“ „Was heißt hier Lärm, Du Vollpfosten?! Außer uns und irgendwelchen streunenden Straßenkötern ist doch um diese Uhrzeit sowieso keine Sau hier draußen in der Wildnis. Wer soll das denn bitte schön hören?“ Dabei knallt er direkt die knarrende Autotür mit lautem Krachen hinter sich zu. Und während Mikesch nochmal wegen dem erneuten Lärm im Auto mit den Armen unkontrolliert in der Luft rumfuchtelt, pirscht sich Ole durch die stockdunkle Nacht vom Auto weg in die Richtung des kleinen Waldpfades, den er vorher bei Ihrer Ankunft im Scheinwerferlicht gesehen hatte. Er pfeift dabei den Refrain von Grandmaster Flashs 80ziger Hit „The Message“ vor sich hin. Dabei versucht er mit seinen Armen so gut wie möglich seinen Kopf vor dem monsunartigen Regen zu schützen. Dieses Regenwetter trägt bei der pechschwarzen Dunkelheit hier im Outback mitten in der Nacht um 02:30 Uhr selbstredend zu seinem Unmut bei, da dadurch nicht mal ein bisschen Mondlicht hindurchscheint. „Dreckswetter und dann auch noch ohne Taschenlampe!“ Fluchend gibt er dabei seinem Leidensgenossen insgeheim Recht, dass dies eine wirklich beschissene Zeit und ein noch viel beschissener Ort für eine Drogenübergabe in solch einer Größendimension sind. Dann brüllt er lautstark zu dem im Auto verweilenden Mikesch: “Mik, ich seh hier absolut gar nix in der Pampa! Haben wir eine Taschenlampe im Auto?“ Als sein Kollege weder antwortet noch sonst wie erkennen lässt, dass er etwas hören würde, blickt er zurück in die Richtung aus der er kam, und bleibt dabei mit der Spitze seines Springerstiefels in einer Bodenwurzel hängen, so das er frontal in eine Pfütze vor ihm auf dem unebenen Boden stürzt. Da er damit zum einen nicht rechnet und zum anderen seine Arme, die er wegen dem Regen immer noch über den Kopf hält, nicht so schnell zwischen seinem Gesicht und dem harten Boden zum Schützen bringt, kracht er ungebremst mit dem Gesicht voran so hart auf den Boden, das er sich dabei die vorderen Schneidezähne abbricht und zusätzlich noch so dumm auf seine Nase fliegt, das das sein Nasenbein ebenfalls hörbar knackt und der Schmerz so dermaßen heftig seinen Körper durchdringt, das er natürlich aufschreien möchte. Da er aber, da er ja auch nichts sieht, nur den dreckigen Schlamm aus der Pfütze schluckt, kommen nur ein paar undefinierbare Laute heraus: „Aahh! Mmpfh!“ „Alles klar bei Dir, was schreist du denn hier so rum, bist Du noch ganz sauber, Ole!“ Mikesch, der jetzt anscheinend doch etwas gehört hatte, ruft jetzt durch die Dunkelheit aus der Richtung des geparkten Transporters. „Hallo Ole! Lebst Du noch, oder hast Du Dir in die Hose gepisst?“ „Du dummer Wichser, komm zu mir her und hilf mir, Typ!“ zischt jetzt Ole mehr schlecht als recht durch seine aufgeplatzten Lippen und abgebrochenen Schneidezähnen und heult bzw. jammert vor Schmerzen. Da hört er endlich das ersehnte Türknarren, das ihn hoffen lässt, dass sein Kollege gleich zur Hilfe da ist. Dabei versucht er sich aufzustützen, greift dabei aber mit seiner rechten Hand so ungeschickt in die tiefe Pfütze, das er dabei auf einem losen Stein abrutscht und daher frontal nochmal ungebremst auf sein Gesicht stürzt. Jetzt sind die Schmerzen so arg, dass er helle Blitze sieht und von der Wucht des Aufpralls in eine Bewusstlosigkeit abgleitet. Dabei heult er rum, bemitleidet sich selbst und pisst sich jetzt wirklich in die Hose. „Hey Ole, sag doch was!“ ruft Mikesch jetzt lauter aus der Richtung des Transporters „ich würde ja zu Dir kommen, aber erstens regnet es in Strömen und zweitens seh ich in dieser perversen Dunkelheit hier absolut nichts. Rein gar nichts!“ Da er aber außer herum Gestöhne nichts von Ole hört, ruft er dann noch lauter: “Und wenn du die Autoschlüssel nicht dabeihättest, könnte ich wenigstens mal die Scheinwerfer anmachen, aber so…“ Dabei werden die Beiden von einem Schatten aus dem Wäldchen heraus beobachtet, der diese ganze absurde Szenerie mit seinem Wärmebildnachtsichtgerät verwundert und zugleich amüsiert mitansieht. „Was sind das denn für verpeilte Vollpfosten?“ Dabei lacht der Schatten in sich und hat deswegen schon Tränen in den Augen, aufgrund der Dämlichkeit der beiden unbekannten Störenfriede, die mitten in der Nacht mit ihrem stinkenden und lärmenden Transporter erst hier auf den Weg reinfahren, dann den Wagen parken und auf Gott weiß was in der Dunkelheit warten und sich dann selbst ohne Fremdeinwirkung so dumm verletzen, dass seiner Einschätzung nach der Gestürzte ins Krankenhaus muss, aber auf direktem Weg! Zuerst dachte er, dass sie es auf sein Haus abgesehen hatten, das aber normalerweise so gut im dichten Wald hier versteckt liegt und auch normalerweise niemanden bekannt sein dürfte. Zudem sind noch mit Tarnnetzen verkleidete Steinmauern mit elektrisch gesicherten Militärstacheldraht darauf zum Schutz um das komplette Gelände herum befestigt, so das ein Einbruch auf das Grundstück eher nur ganz schwer möglich ist. Und die Videoüberwachung ist natürlich durch die Bewegungsmelder, die rings um den Weg und dem Waldstück, das um das verborgene Grundstück herumführt, versteckt angebracht sind, sofort angesprungen, als der Transporter in den Weg reingefahren ist, so dass die Situation von Anfang an von dem Beobachter mitangesehen werden konnte. „Aber irgendwas haben die trotzdem hier vor, mal abwarten und weiter zuschauen, das ist sowieso besser als jeder Klamauk Film“ denkt sich der hier im Verborgenen lebende ehemalige Auftragskiller Nicolas „The Don“ Dominique, der sich im verlassenen Outback eigentlich vor etwas mehr als 5 Jahren offiziell zur Ruhe gesetzt hat, und nur noch sporadische kleinere Aufträge diskret und akkurat annimmt und ausführt. Seine Sicherheitsüberwachungs-systeme, die er hier einsetzt, um sein Grundstück vor Zutritt von Unbefugten zu schützen, hat er natürlich schon allein aufgrund seiner Vergangenheit installiert, da er jederzeit mit unliebsamem Besuch bzw. mit Angreifern, etc. rechnen muss. Da er lt. seinen letzten Informationen, auf verschiedenen schwarzen Listen diverser Organisationen und Behörden als Nr. 1 zum Abschuss freigegeben wurde, sind diese Sicherheitsvorkehrungen für jemanden wie ihn als lebenserhaltende Notwendigkeit unumgänglich. Gerade als es sich überlegt, evtl. rein vorsorglich die beiden Eindringlinge zu beseitigen, um hier im Gebiet keinen unnötigen Blickpunkt der Öffentlichkeit aufkommen zu lassen, fall diese Idioten jetzt am Ende noch einen Krankenwagen oder Ähnliches benötigen, sieht Dominique, das sein Smartphone blinkt, ein Zeichen dafür, dass er eine neue Nachricht auf einem seiner vielzähligen Mail-Accounts empfangen hat. Da diese von ihm mit Priorität 1 behandelt werden, legt er die Gedanken an die beiden Vollpfosten mit ihrem dilettantischen nächtlichen unfreiwilligen Kabaretteinlagen kurz beiseite und widmet sich der eingegangenen Nachricht. Office Ralph Keller, Chief Finance Officer, Berlin Als Diana 16 Jahre alt war, hatte sie sich von einer Freundin überreden lassen, an einen Schönheitswettbewerb teilzunehmen. Zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie den Titel der Miss Berlin gewonnen. Obwohl man ihr sagte, dass sie gute Chancen gehabt hätte, auch den Titel der Miss Germany zu holen, weigerte sie sich an weiteren Schönheitswettbewerben teilzunehmen. Die nächsten Jahre verbrachte sie damit, gegen das ›Blonde Dummerchen-Image‹ anzukämpfen. Nach einem kurzen und höchst erfolgreichen Studium hatte sie es mit 26 Jahren erst bis zur Chefcontrollerin bei Netzgermania und anschließend sogar zur persönlichen Assistentin des CFO Keller geschafft, als ihre kurze Affäre mit Ferris begann. Sie fand Ferris immer schon attraktiv und interessant, mehr aber auch nicht. Bei seinem Aussehen hatte sich eindeutig sein amerikanischer Vater gegen seine deutsche Mutter durchgesetzt. Sie war vor allem von seinen großen dunklen Augen fasziniert. Obwohl Ferris bestimmt zu den reichsten Männern Deutschlands gehörte und er die Entwicklung des Internets in Deutschland und in Europa, wenn nicht sogar weltweit entscheidend mitgeprägt hatte, war er in seiner Art immer noch der Student geblieben, der gerade ein Garagenunternehmen gegründet hatte. Eigentlich gehörte es zu Dianas festen Vorsätzen, nie etwas mit Kollegen anzufangen und erst recht nichts mit ihrem Chef. Sie wollte um alles in der Welt vermeiden, dass man ihr nachsagen konnte, sie hätte sich nach oben geschlafen. Doch eines Abends traf sie Ferris durch Zufall bei ihrem Lieblingsitaliener und er hatte gefragt, ob sie sich zu ihm setzen wolle. Zu ihrer Überraschung wurde es ein lustiger und unterhaltsamer Abend. Ferris kaufte sogar einem vorbeikommenden Blumenverkäufer sämtliche Rosen ab, allerdings nicht, um sie anzumachen, sondern weil ihm der Blumenverkäufer leidtat. Der Blumenverkäufer, ein alter Mann, der kaum Deutsch konnte, hatte Tränen in den Augen, als Ferris ihm einen Hundert-Euro-Schein gab. Als Diana sah, wie gerührt Ferris von der Freude des alten Mannes war, beschloss sie, mit ihm ins Bett zu gehen. Am nächsten Morgen waren dann beide überrascht, dass sie eine Affäre angefangen hatten, obwohl sie wussten, dass es nicht gut war. So hatten sie das Ganze nach einigen Wochen beendet, ohne groß darüber zu reden. Diana dachte trotzdem immer noch gerne an die Zeit zurück, es waren schöne Wochen gewesen. Ferris war lustig, der Sex war super gewesen und sie mochte seine menschliche, angenehme Art. Aber leider war er nun mal auch ihr Boss und immer irgendwie in seiner eigenen Gedankenwelt vertieft. Ok, er hatte ein fotografisches Gedächtnis und einen bestätigten IQ von knapp 200! Aber rein optisch sah er halt genauso klischeehaft aus, wie man sich einen Computerfreak vorstellt. Viel zu weite Jeanshosen, unten mehrfach umgeschlagen, löchrige T-Shirts mit großformatigen Plakativsprüchen wie z.B.: „Bier formte diesen Körper“ oder Ähnliche. Schlapperpullis. Darüber immer einen seiner schwarzen Kapuzenpullis. Alte abgetretene New Balance Turnschuhe oder Sneakers und seine Haare waren irgendwie auch nie frisiert. Ralph war fast gleichzeitig wie Ferris im Büro eingetroffen und Diana hatte dafür gesorgt, dass Ralphs erster Gang ins Büro von Ferris Eisenstein führte. Dieser kam ohne Umschweife zum Thema. „Kann der Hackerangriff von unserem Netz aus, irgendwelchen Einfluss auf die Aktionärsversammlung haben?“ Ralph war anzumerken, dass er genervt war. Ungeduldig erwiderte er: „Soviel ich weiß, war es nur ein übereifriger und unerfahrener Techniker im OC, der die E-Mail irgendeines Spinners falsch interpretiert hat. Was soll das denn für eine Auswirkung auf unsere Aktionärsversammlung haben?“ „Hey Ralph, es ist alles gut. Ich wollte nur sichergehen, damit in der Versammlung nichts verrutscht. Da Du aber anscheinend bereits bestens informiert und vorbereitet bist, bin ich beruhigt. Alles cool dann!“ Daraufhin verließ der gestresst wirkende CFO Eisensteins Büro ohne eine weitere Antwort. Ferris meldete sich nach einer längeren Überlegung über den Vorfall der vergangenen Nacht jetzt doch nochmal bei Ralph und beorderte den nochmal zu ihm ins Büro. „Du hast natürlich Recht, aber ich möchte trotzdem wissen, was dahintersteckt. Haben wir die IP-Nummer überprüft? Was, wenn das Ganze an die Presse geht? Das hätte dann bestimmt Auswirkungen auf die morgige Konferenz.“ „Du weißt, dass wir ohne eine Anordnung der Staatsanwaltschaft keine personenbezogenen Daten nach draußen geben dürfen. Ich sehe auch keinen Grund, hier überhaupt tätig zu werden. Vielmehr sehe ich die Gefahr, dass wir durch unsere Aktionen erst ein Problem schaffen.“ „Unabhängig von allem anderem möchte ich einfach wissen, was da vorgeht.“ „Ich glaube nicht, dass das Ganze jetzt wirklich wichtig ist, lass es doch einfach auf sich beruhen und uns abwarten, ob wir eine Anfrage der Staatsanwaltschaft bekommen. Dann können wir immer noch anfangen, uns den Kopf zu zerbrechen. Wir haben Wichtigeres zu tun, es sind verschiedene Gerüchte über unsere angeblich bevorstehende Zahlungsfähigkeit im Umlauf, unser Börsenkurs ist unter Druck und du kümmerst dich um irgend so eine Spinner-Mail.“ „Schon gut, lassen wir es auf sich beruhen und bereiten wir uns auf die Konferenz vor.“ „Also sehen wir uns um vierzehn Uhr beim Meeting?“ „Ja klar, bis dann.“ Ferris tat so, als ob er sich für den Stapel Akten, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag, interessierte, und Ralph verließ nach kurzem Zögern den Raum und murmelte dabei etwas Unverständliches vor sich hin. Ralph verließ Ferris mit einer riesigen Wut im Bauch. Er hasste ihn dafür, dass er immer Recht behielt. Und heute hatte Ferris ihn vor den Mitarbeitern wieder mal bloßgestellt. Ralphs Verhalten und seine Art gingen Ferris an manchen Tagen mächtig gegen den Strich. Er hatte Ralph vor eineinhalb Jahren an Bord geholt, weil er selbst sich zu wenig mit Finanzen auskannte. Ralph hatte damals kaum Berufserfahrung gehabt und im ersten Jahr hatte er die Buchführung und das Rechnungswesen betreut. Er war mit Netzgermania gewachsen, war jetzt CFO und die Nummer Zwei bei Netzgermania. Sie beide hatte nie eine wirkliche Freundschaft verbunden. Ralph nahm ihm einfach lästige Pflichten ab. Sie hatten sich aneinander gewöhnt. Sobald Ralph weg war, trat Ferris an sein Bürofenster. Er hatte diese Büroräume selbst ausgesucht. Das Hochhaus stand am Kürfürstendamm, und er konnte aus dem 18. Stock nicht nur über die Dächer der Stadt sehen, sondern auch hinüber zum Zoologischen Garten – einer der Gründe, warum er sich für das Gebäude entschieden hatte. Gleich nach dem Einzug hatte er sich ein Fernrohr gekauft, das jetzt immer noch vor seinem Fenster stand, um damit die Tiere im Zoo zu beobachten. Am liebsten mochte er die Nashörner. Er hatte schon mindestens ein Jahr nicht mehr durch das Fernrohr gesehen, es war einfach nur zu einem weiteren Einrichtungsgegenstand des Zimmers geworden. Heute sah er zum ersten Mal wieder durch das Fernglas. Er war etwas aus der Übung und brauchte ein wenig, bis er das Bild scharf gestellt hatte. Er stellte es auf zwei Affen ein, die sich gegenseitig lausten. Seit Wochen fragte er sich immer wieder, welchen Sinn seine Tätigkeit hier hatte. Ihn ödete das Tagesgeschäft an, langweilige Meetings, uninteressante Gespräche mit Analysten und Fondsmanagern. Er wünschte sich, er hätte noch sein privates, kleines Netzwerk, das ein paar Computer in den Wohnungen von Freunden und Nachbarn vernetzte. Mit dem Fernrohr schwenkte er rüber zu den Nashörnern und streifte dabei eine junge Frau, die vor dem Nilpferdgehege stand. Automatisch stellte er das Bild auf ihre Beine ein. Und stellte fast gleichzeitig fest, dass es schlimm um ihn stand, wenn er bereits anfing, mit dem Fernglas Frauen anzustarren. Was ihn aber nicht davon abhielt, weiter die Beine der Unbekannten anzuvisieren. In diesem Moment trat Diana in den Raum. „Hi, Ralph bat mich, Dir diese Unterlagen für das Meeting nachher zu bringen.“ Ferris schreckte am Fernrohr zusammen und fühlte sich sofort ertappt. „Entschuldigung, ich wollte Dich nicht erschrecken. Ralph meinte, es wäre wichtig, dass Du die Akten bekommst, bevor Ihr ins Meeting geht. Ich habe Dich schon lange nicht mehr am Fernrohr gesehen. Ich fand es immer eine süße Eigenschaft von Dir, in den freien Minuten den Tieren im Zoo beim Essen zuzusehen.“ „Bin tatsächlich ein bisschen aus der Übung, muss erst mal wieder sehen, wie sich das Ding scharf stellen lässt.“ „Darf ich auch mal?“ „Lieber nicht!“ Aber Diana war schon neben ihn getreten und sah durch das Fernrohr. „Ferris! Von wegen Tiere.“ Er merkte, wie er sofort rot wurde, und wusste nicht, was er zu seiner Verteidigung vorbringen sollte. „So, so aus der Übung..., nun, dann will ich Dich mal allein lassen. Hab’ noch einen schönen Tag.“ Diana verließ lachend den Raum. Und obwohl er sich gerade schrecklich schämte, hätte er gern mit dem Fernglas hinter Diana her gesehen, wie sie sein Büro verließ und den Gang lang ging. Ihre Beine konnten mit denen der Zoobesucherin locker mithalten. Er drehte sich wieder zum Fenster um und versuchte, das Dach des alten Mietshauses zu finden, in dem er, damals noch Student, zum ersten Mal Computer vernetzt und Menschen ins Internet gebracht hatte. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, dass das vor unendlichen Zeiten und in einem anderen Leben gewesen sein musste. Jetzt war er 41 Jahre alt und benahm sich wie ein widerlicher, alter Mann, der sabbernd hinter dem Fernrohr hockte, um jungen Frauen auf die Beine zu starren. Er kam zu dem Schluss, dass er dringend aus dem Alltagstrott raus musste. Was ihm fehlte, war eine richtige Aufgabe. Im Foyer des Bürogebäudes fand zur selben Zeit die mehrmals wöchentlich laufende Besichtigungs- und Vortragstour bei Netzgermania statt. In der Vergangenheit war die Besichtigungstour immer schon Monate im Voraus ausgebucht gewesen. Seit der Krise der New Economy war das Interesse zwar etwas abgeflaut, aber die Touren waren immer noch gut besucht. Vor allem Studenten und Internetbegeisterte wollten die Legende Netzgermania hautnah erleben. Die Tour war ein wichtiges Instrument im Marketing-Mix geworden, am Anfang stand ein Vortrag über Netzgermania, den die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Angela Müller, hielt. „Meine Damen und Herren, ich freue mich, Sie bei Netzgermania, der Nummer Eins im Internet in Deutschland und Europa, begrüßen zu können. Hinter mir an der Wand sehen Sie eine Projektion unseres Usergraphen. Die Kurve zeigt an, wie viele Nutzer oder User gleichzeitig auf unserem Netz sind. Wie Sie sehen können, sind es zurzeit fast 225.000 Menschen, die gleichzeitig unser Netz benutzen. In den Stoßzeiten in den Abendstunden erreichen wir einen Peak von bis zu 600.000 simultanen Usern. Unseren bisherigen Rekord erreichten wir an den Weihnachtsfeiertagen dieses Jahres, als über eine Million Menschen gleichzeitig Netzgermania genutzt haben. Die Infrastruktur, die benötigt wird, um diese enormen Datenmengen bewegen und unseren Service in ganz Europa anbieten zu können, wurde von uns in einem beispiellosen Programm in nur wenigen Jahren aufgebaut. Netzgermania wurde Mitte der neunziger Jahre von Ferris Eisenstein gegründet. Wir sind ein typisches Garagen-Unternehmen. Am Anfang wollte Herr Eisenstein für sich und ein paar Freunde lediglich einen Zugang zum Internet schaffen. Vor zehn Jahren war es in Deutschland nur für Universitäten oder Forschungseinrichtungen üblich, einen Anschluss zum Internet zu haben. Unsere Erfolgsstory begann in einem alten Mietshaus, das keine fünf Minuten von hier entfernt ist. Ferris Eisenstein mietete eine Telefon-Standleitung und verlegte Kabel zwischen den einzelnen Wohnungen des Miethauses, in dem fast nur Studenten wohnten. Er vernetzte die Computer und richtete schließlich eine Verbindung zum Internet ein. Die Kosten wurden dann einfach auf alle Nutzer umgelegt. Sein erstes ›Netzwerk‹ sprach sich schnell herum, und immer mehr Bekannte wollten mit angeschlossen werden. Da die Mitglieder seines Netzwerkes bald nicht nur im selben Haus wohnten, war es nicht mehr möglich, die Computer direkt miteinander zu vernetzen. Ferris Eisenstein musste sein erstes Einwahlnetz aufbauen. Über eine Einwahlnummer konnte man sich nun per Telefon und Modem bei ihm einwählen. Das Netz wurde ständig größer und Ferris war gezwungen, eine richtige Firma anzumelden. Aus dem „Nachtbarschaftsnetz“ war ein Internet Service Provider Namens „BerlinNetz“ geworden. BerlinNetz schaltete erste Anzeigen in Studenten- und Stadtteilzeitungen. Das Internet zog immer neue Kunden an und man ging daran, ein deutschlandweites Einwahlnetz aufzubauen. Damit begann der raketenartige Aufstieg von BerlinNetz, das bald in „Netzgermania“ umbenannt wurde. Die Liberalisierung des Telefonmarktes in Deutschland gab schließlich den entscheidenden Push. Ein wichtiger Meilenstein war die Fertigstellung des „Deutschen-Rings“, also eines eigenen Glasfasernetzes, des so genannten Backbone, das als Ring quer durch Deutschland gelegt wurde. Das Leitungsnetz in Deutschland wurde ständig ausgebaut und am Ende der neunziger Jahre besaßen wir das leistungsfähigste Leitungsnetz neben der Deutschen Telekom. Über Tochtergesellschaften in Frankreich, England, Belgien, Italien und Spanien hatten wir begonnen, die dortige Infrastruktur aufzubauen, und Netzgermania etablierte sich als europäischer Service Provider. Gibt es bis hierher Fragen?“ Oft gab es bei den Touren keinerlei Fragen und Angela wollte schon fortfahren, als sich ein junger Mann aus der letzten Reihe meldete. „Ja, bitte?“ „Was hat das ganze Netz gekostet?“ „Vielen Dank für diese Frage. Natürlich waren der Aufbau des Netzes und der Bau der Infrastruktur nicht billig. Aber im Gegensatz zu vielen unserer Wettbewerber ist Netzgermania trotzdem kein hochverschuldetes Unternehmen. Unser Börsengang hatte fast 2,5 Milliarden Euro in das Unternehmen gebracht, diese wurden fast vollständig in den Aufbau der Infrastruktur gesteckt. Und, lassen Sie mich das wiederholen, wir kommen bisher fast ohne Bankkredite aus, und sind nicht nur die Nummer Eins in Europa, sondern auch das am solidesten finanzierte Unternehmen der Branche. Wenn Sie sich den Usergraphen hinter mir ansehen, wir sind inzwischen bei einem Peak von 250.000 simultanen Usern angekommen, das bedeutet, seit wir uns hier unterhalten, haben sich weitere 25.000 Menschen in unser Netz eingewählt. Gibt es noch weitere Fragen? Nein? Gut, dann folgen Sie mir bitte, wir wollen als nächstes unser OperationsDivisionCenter im Untergeschoss besichtigen.“ Während sich die Besichtigungsgruppe auf den Weg ins Untergeschoss machte, stand Ferris zwanzig Stockwerke höher immer noch am Fenster. Die letzten Jahre waren so schnell vergangen, dass er seinen Aufstieg von der Verkabelung eines Mietshauses bis zur Verkabelung halb Europas kaum wirklich bewusst wahrgenommen hatte, insbesondere da er sich jahrelang aufgrund seiner anderen Aktivitäten, sowieso aus dem Tagesgeschäft ausgeklinkt hatte. Heute hatte sein Unternehmen fast 800 Mitarbeiter, einen Jahresumsatz von zwei Milliarden Euro, und sein eigener Aktenanteil am Unternehmen betrug etwa 200 Millionen Euro. Rein theoretische Zahlen, Ferris konnte sich nicht vorstellen, was 200 Millionen wert waren, und vor allem, wie er sie je ausgeben sollte. Im Gegensatz zu seinen beruflichen Erfolgen waren die letzten Jahre privat ein Desaster gewesen. Es gab drei Freundinnen in dieser Zeit. Doch alle Beziehungen blieben oberflächlich und nach kurzer Zeit waren sie langweilig und unbequem geworden. Diana war sein letzter erfolgloser Versuch gewesen. Die Besichtigungs-gruppe war mit dem Fahrstuhl in das dritte Untergeschoss gefahren. Wenn man dort angekommen war, traf man direkt hinter der Fahrstuhltür auf eine bombensichere Stahltür. Vor dieser versammelte sich die Gruppe. „Hinter dieser bombensicheren Tür befindet sich das Gehirn von Netzgermania, unser OperationsDivisionCenter, kurz OC genannt. Früher war hier eine Tiefgarage, bis wir alle drei Kellerstockwerke übernommen und umgebaut haben. Dieses Untergeschoss ist besonders gesichert. Wie Sie beim Herunterfahren gesehen haben, lässt sich der Fahrstuhl überhaupt nur dann dazu bewegen, im dritten Untergeschoss zu halten, wenn ein autorisierter Mitarbeiter seine Hand gegen den im Fahrstuhl angebrachten Scanner hält. Das von uns verwendete Sicherheitssystem stammt von der Firma SEC-ON, das Beste, was zurzeit auf dem Markt ist. Mit dem gleichen System ist übrigens auch das Bundeskanzleramt ausgestattet. Die Tür vor uns ist durch einen weiteren Handscanner gesichert.“ Angela hielt ihre Hand gegen den Scanner, der die Tür freigab, und die Gruppe konnte ins OC eintreten. Das OC war ein großer Raum mit im Halbkreis angeordneten Schreibtischen. An der Stirnseite waren riesige Flachbildschirme angebracht, die die verschiedenen Netz- und Leitungsdaten anzeigten. Mehrere Mitarbeiter saßen an den Schreibtischen vor Bildschirmen. „Auf den Bildschirmen sehen Sie die Netzwerke in den verschiedenen europäischen Ländern, dort drüben sehen Sie eine Darstellung unseres globalen Netzes. Auch wenn wir unseren Einwahlservice nur in Europa anbieten, können Sie als Kunde von Netzgermania natürlich weltweit auf Daten zugreifen. Dazu betreiben wir ein eigenes, globales Glasfasernetz.“ Angela drehte sich zu Winfried um, der der Gruppe entgegenkam. „Meine Damen und Herren, darf ich Ihnen Winfried Böllinger vorstellen, er ist der Chef unseres OperationsDivisionCenter. Winfried, gibt es zurzeit irgendwelche Probleme?“ „Alles im grünen Bereich“, erklärte Winfried, „bis auf einen Ausfall unserer STM-16-Leitung zwischen Hamburg und Frankfurt, das sehen Sie dort auf dem hinteren Bildschirm, die rot eingezeichnete Linie. Wir haben den Verkehr aber umgeroutet. Der Datenverkehr geht jetzt von Hamburg erst nach Berlin und dann nach Frankfurt. Unsere Kunden haben nichts davon gemerkt und können ohne jedes Problem surfen.“ „Danke, Winfried. Meine Damen und Herren, bitte folgen Sie mir zurück zum Fahrstuhl, wir fahren in unser Internetcafé im 21. Stock. Netzgermania möchte Sie zu einem Getränk einladen. Im Café können Sie kostenlos das Internet benutzen und sich persönlich einen Eindruck von der Qualität unseres Netzes machen. Dort können wir dann auch ihre Fragen klären, wir wollen die Leute hier unten in Ruhe arbeiten lassen.“ Angela leitete die Gruppe zurück zu den Fahrstühlen. Im Internetcafé angekommen, beantwortete sie die Fragen der Besucher nach Arbeitsklima und Jobmöglichkeiten. „Wenn Sie meinen, etwas zu unserem Unternehmenserfolg beitragen zu können, bewerben Sie sich einfach. Im Internet finden Sie weitere Informationen und ich stehe ihnen für ihre persönlichen Fragen im Anschluss auch gerne zur Verfügung. Wir haben hier ein sehr kollegiales und freundschaftliches Arbeitsklima. Jeder hilft jedem und man hat in jeder Position große Verantwortung und die zugehörige Kompetenz. Und das wichtigste, jeder Mitarbeiter wird nach seinen Fähigkeiten gefördert. Es macht einfach Spaß, hier zu arbeiten, auch wenn’s abends mal später wird. Vielleicht haben Sie auch von unserem besonderen sozialen Engagement gehört, bei dem die Mitarbeiter Vorschläge machen können, welche sozialen oder humanitären Projekte finanziell unterstützt werden sollen. Jedes Jahr stehen dazu fünf Prozent unseres Gewinns nach Steuern zur Verfügung. Unsere eigens dafür gegründete Stiftung entscheidet über die Verwendung der Gelder. Es werden jedes Jahr mehr Vorschläge eingereicht, letztes Jahr waren es 321.“ Es folgten noch eine Reihe weiterer Fragen, die Angela alle geduldig beantwortete. Keine zehn Minuten, nachdem die Besichtigungstour das OC verlassen hatte, fuhr Ferris mit dem Fahrstuhl in den Keller zum OC. Er überlegte, wann er das letzte Mal hier war. Es musste über ein Jahr her sein, als er Geschäftspartner aus Singapur durchs Haus führte. Er hatte vor, der E-Mail auf den Grund zu gehen. Sein Gefühl sagte ihm, dass mehr dahinter steckte. Er hielt seine Hand gegen den Scanner und stand Sekunden später im Raum. Winfried, der mit einem Kaffee in der Hand aus der Küche kam, kreuzte Ferris Weg und schnauzte ihn ohne aufzusehen an. „Was wollen Sie hier, wer hat Sie überhaupt reingelassen? Sind Sie von der Tour übrig geblieben?“ „Meine Hand hat mich reingelassen. Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet, mein Name ist Ferris Eisenstein und ich bin CEO dieses Unternehmens. Du kennst vielleicht meinen Namen von der Unterschrift unter deinem Arbeitsvertrag. Freut mich, dass wir uns mal persönlich begegnen.“ Ferris streckte Winfried die Hand zur Begrüßung hin und lächelte ihn dabei freundlich an. Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Stunden schüttete sich Winfried seinen Kaffee über die Hose. Die alten Flecken waren gerade getrocknet. Er hätte eigentlich zum Schichtwechsel um 8.00 Uhr gehen können, aber er wollte noch ein paar Dinge erledigen und auch noch da sein, wenn es Nachfragen wegen der Mail von gestern Abend gab. Jetzt stand Ferris, der CEO von Netzgermania, vor ihm. Bisher hatte er ihn nur auf Videokonferenzen gesehen, und in natura sah er doch etwas anders aus. „Oh, Entschuldigung, Herr Eisenstein, ich habe Sie nicht gleich erkannt. Mein Name ist Winfried Böllinger. Ich bin der Leiter vom OC.“ Ferris musste lachen, als ihm der verstörte Winfried die Hand gab. „Lass uns mal beim Du bleiben. Ich heiße Ferris.“ Alle im Raum hatten aufgehört zu arbeiten und starrten in ihre Richtung. „Hallo Kollegen, war schon lange nicht mehr bei euch hier unten.“ Er ging durch den Raum und gab jedem Mitarbeiter die Hand. „Winfried, ich möchte mit dir gern über die E-Mail von gestern Nacht reden.“ „Die Aufregung, die es gegeben hat, tut mir wirklich leid, ein neuer Kollege hatte sie falsch in das Ticketsystem eingegeben.“ „Schon o.k., können wir uns irgendwo unterhalten?“ Dabei deutete er auf einen LED- Monitor, auf dem offensichtlich ein aktueller Kino-Film in TOP-Qualität lief. „Dann kann der Film ja weiterlaufen, oder?“ „Der Schirm gehört natürlich ins OC, er war gerade bei der Wartung und hängt nur kurzfristig hier.“ Winfried merkte, dass das eine Erklärung war, die alles nur noch schlimmer machte, und verfluchte sich sofort dafür, nicht einfach den Mund gehalten zu haben. „Eine schöne Idee, etwas Flair hier unten hereinzubringen. Lass’ uns zur E-Mail kommen, ich bin etwas in Eile. Habt ihr bisher etwas unternommen?“ „Nein, wir haben einen definierten Prozess zur Ermittlung der Identität. Das geht dann immer über die Rechtsabteilung, aber nur wenn die Staatsanwaltschaft oder die Polizei uns nach einer IP-Adresse fragen. Einem Privatmann dürfen wir natürlich keine Auskunft geben.“ „Mich interessiert diese Geschichte, kannst du ermitteln, wem die IP-Adresse in der fraglichen Zeit zugeteilt worden war?“ „Sicherlich, ist eine ganz einfache Datenbankabfrage.“ Winfried ging an seinen Schreibtisch und gab die Abfrage in den Computer ein. Die Ergebnisse der Datenbankabfrage erschienen auf dem Bildschirm. Winfrieds Stirn legte sich in Falten. „Da stimmt etwas nicht.“ Im selben Moment stellte sich Ferris neben ihn, um auch auf den Bildschirm sehen zu können. Ferris und Winfried saßen mittlerweile seit mehreren Stunden zusammen vor dem Computer und wurden erst von Ferris klingelndem Mobiltelefon zurück in die Gegenwart geholt. „Ferris, wo bist Du? Wir suchen Dich“, fragte Diana am Handy. „In zehn Minuten beginnt das Meeting.“ „Ich bin im OC und komme gleich nach oben.“ Ferris beendete das Telefonat. „Winfried, ich muss los, ein Meeting wegen unserer Aktionärskonferenz morgen. Du legst Dich bitte erst mal ins Bett, Du hast schon die ganze Nacht durchgemacht. Kannst Du vorher noch deine besten Leute aus dem OC an das Thema ran setzen? Versucht herauszubekommen, was hier los ist. Wir brauchen noch vor der Aktionärskonferenz morgen Klarheit. Ich habe heute den ganzen Tag noch Termine. Könntest Du mit Deinem Team heute Abend so gegen 21.00 Uhr in mein Büro kommen? Dann besprechen wir die Ergebnisse und wie wir weiter vorgehen.“ „Ich werde da sein.“ Ferris machte sich auf dem Weg nach oben. Winfried rieb sich müde die Augen. In den letzten Stunden hatten sie intensiv die Datenbanken durchgeforscht und versucht herauszubekommen, was los war, dabei hatte er glatt vergessen, wer neben ihm saß. Eigentlich war Ferris wirklich ein dufter Kumpel, dachte Winfried. Als er aus seinem Raum in das OC trat, sahen ihn alle erwartungsvoll an. „Was glotzt ihr so?“ „Du warst gerade ziemlich lange mit unserem CEO in Deinem Kabuff, also erzähl schon.“ „Wir haben die E-Mail von gestern bearbeitet und ein paar merkwürdige Dinge festgestellt. Ihr wisst ja, wie schnell die Zeit bei so etwas vergeht.“ „Ich habe zum ersten Mal jemandem die Hand gegeben, der 200 Millionen besitzt“, stellte ein OC-Mitarbeiter fest. Winfried versammelte seine besten Leute im Besprechungsraum und unterrichtete sie über die neue Aufgabe. Dann folgte er Ferris Rat und ging erst mal nach Hause ins Bett. Um acht Uhr kam ein Techniker von SEC-ON ins Bundeskanzleramt, um Wartungsarbeiten durchzuführen. Einer der Wachmänner des BKA führte ihn nach seiner Legimitation durch das Gebäude und zu den durch die neuen Handscanner gesicherten Türen. „Ihr habt die Dinger doch gerade erst eingebaut, warum müssen die dann schon wieder repariert werden? Bis jetzt sind hier alle sehr zufrieden und ich habe nichts von Problemen gehört. Erleichtern uns etwas die Arbeit, eure Dinger.“ „Ich mache hier keine Reparatur, es sind nur routinemäßig Wartungsarbeiten.“ „Ihr wollt noch ein bisschen was abrechnen, hä?“ „Nein, das ist alles im Preis des Wartungsvertrages inbegriffen.“ Keine sechs Stunden nach dem erfolgten Hackerangriff waren die Zugangscodes schnell wieder verändert und die von SEC-ON gestohlenen Onlinezugangsdaten damit wertlos für die Hacker! The Don… Zwei Stunden vor Sonnenaufgang schmachtete das verlassene Flugfeld schon in der Hitze. Die massige Lockheed L-100 am Ende der Rollbahn stand mit laufendem Motor bereit, aber ohne Licht, um nicht aus der Ferne aufzufallen. Die Crew saß hellwach im Cockpit, die Hände der Piloten nervös in Nähe des Gashebels platziert. Die Propeller wirbelten trockenen Staub und scharfkörnigen Sand in die wettergegerbten Gesichter und gegen die ausgetrockneten Hälse der fünf Männer, die auf dem Asphalt am Rand der ausgeklappten Rampe des Flugzeugs warteten. Alle Blicke richteten sich nach Süden, vorbei an der kleinen Hütte, aus der das Terminal bestand, vorbei am Maschendrahtzaun dahinter und weit hinaus in die undurchdringliche Dunkelheit hier im Westirak. Die fünf Männer standen eng beieinander, aber eine normale Unterhaltung war unmöglich. Selbst im Leerlauf erfüllten die vierblättrigen Allison-Stützmotoren der Maschine die Luft mit einem regelmäßigen Dröhnen, laut genug, um den Boden unter ihren Füßen zum Beben zu bringen. Ohne ihre Harris-Falcon-Kurzwellenfunkgeräte mit den Kehlkopfmikrofonen wären die Worte der Männer im Niemandsland jenseits ihrer Nachtsichtgeräte vom Lärm verschluckt worden. Meilsteins linke Hand fingerte an seiner Maschinenpistole von Heckler & Koch herum, die ihm vor der Brust hing, während er mit der rechten auf den Sprechknopf an der Weste drückte. „Er ist spät dran.“ Dolomitti drückte das eine Ende des Schlauchs über seiner Schulter mit den Zähnen zusammen und saugte Wasser aus der halb leeren Packung im Rucksack. Das meiste davon spuckte er wieder auf die sandverwehte Piste unter seinen Stiefeln. Die Mossberg-Schrotflinte hielt er locker in der rechten Hand. „Wenn dieser Penner so ein Vollprofi ist, wieso kommt er dann zu spät zur eigenen Evakuierung?“ „Er ist der Profi überhaupt. Wenn der „the Don“ zu spät kommt, hat er dafür gute Gründe“, wandte Dunstan ein, die Hände in die Hüften gestemmt und die Maschinenpistole mit dem gedrungenen Lauf quer vor der Brust. „Reißt euch noch kurz zusammen, das hier ist gleich vorbei. Wir sammeln ihn ein, babysitten ihn, bis wir jenseits der Grenze sind, und dann vergessen wir ganz schnell, dass wir den Kerl je gesehen haben.“ „The Don“, sagte Bernie mit einer Spur Verehrung in der Stimme. „Er ist der Typ, der Milošević getötet hat. Hat sich in einen Knast der Vereinten Nationen eingeschlichen und den Drecksack vergiftet.“ Seine MP5-Maschinenpistole hing von einer Schlinge herab und der dicke Schalldämpfer zeigte vertikal auf den Asphalt. Er lehnte sich mit dem Ellenbogen auf den breiten Griff der Waffe. „Nee, da liegst du falsch, Kumpel“, widersprach Dolomitti. „Er hat den Typen getötet, der Milošević ausgeschaltet hat. Milošević wollte auspacken und ein paar UN-Beamte ans Messer liefern, die ihn beim Völkermord in Bosnien und im Kosovo unterstützt hatten. Die UN hat den Killer selbst reingeschleust, um den alten Slobodan zu vergiften, und The Don hat hinterher den Killer getötet.“ Er nahm noch einen Schluck vom warmen Wasser und spuckte aus. „The Don ist ein ganz harter Hund. Den juckt gar nichts und der macht nicht viele Worte.“ Meilstein wiederholte sein früheres Urteil: „Er ist verdammt noch mal spät dran, so viel ist klar.“ Dunstan blickte auf seine Armbanduhr. „Sir Frankiston hat doch gesagt, dass wir eventuell warten und möglicherweise auch kämpfen müssen. Jeder Hadschi im Umkreis von mindestens 50 Kilometern macht gerade Jagd auf The Don.“ Barnes hatte bisher geschwiegen, aber jetzt meldete er sich ebenfalls zu Wort. „Ich habe gehört, dass er den Job in Kiew erledigt hat.“ Er trabte schon die ganze Zeit nervös auf und ab und starrte durch das dreifach vergrößernde Nachtsichtgerät seines M4-Sturmgewehrs. „Blödsinn“, befand Dunstan und zwei seiner Kollegen stimmten ihm sofort zu. Aber Bernie stellte sich auf Barnes’ Seite. „Das habe ich auch gehört. Der Typ soll die Scheiße komplett allein durchgezogen haben.“ „Auf keinen Fall“, widersprach Meilstein. „Kiew war keine Operation, die ein Mann allein bewältigen kann. Da steckt ein mindestens zwölf Mann starkes Team von Spezialisten dahinter.“ Im Dunkeln schüttelte Barnes den Kopf. „Ich hab aber gehört, dass es nur ein Schütze gewesen ist, nämlich The Don.“ „Ich glaube nicht an Zauberei“, erwiderte Meilstein abfällig. In diesem Moment hörten sie alle ein Knacken in ihren Ohrstöpseln. Dunstan hob eine Hand, um sein Team zum Schweigen zu ermahnen, und drückte den Sprechknopf auf dem Brustpanzer. „Letzte Übertragung wiederholen.“ Wieder knackte es mehrfach und dann drangen unzusammenhängende Worte durch das statische Rauschen. „30 Sekunden ... Bewegung ... verfolgt!“ Die Stimme erkannte keiner von ihnen, aber die Botschaft klang eindeutig dringlich. „Ist er das?“, fragte Barnes. Keiner von ihnen konnte die Frage beantworten. Dann folgten weitere Geräusche über Funk, diesmal deutlicher zu verstehen. Ihre Blicke richteten sich angestrengt auf das offene Tor am vorderen Ende des kleinen Flugplatzes, aber dort war nichts zu sehen. „Ich bin gleich da! Nicht schießen!“ Dunstan sprach rasch in sein Mikro. „Ihr Signal ist unterbrochen. Wie lautet Ihre Position?“ Kurzes Rauschen, dann die Antwort: „Nordwesten.“ Im nächsten Augenblick hörten sie ein Krachen aus nördlicher Richtung, gefolgt von wildem Hupen. Sie hatten alle nur nach Süden gestarrt und drehten sich fast simultan um, richteten die Gewehrläufe auf den Lärm. Ein Pick-up, der nicht zum Militär gehörte und bei dem nur noch ein Scheinwerfer funktionierte, durchbrach gerade den Zaun und holperte über den Sandstreifen neben der Rollbahn, bis er den asphaltierten Teil der Piste erreichte. Der Wagen raste viel zu schnell auf die L-100 zu. Die Stimme kam wieder über Funk: „Ich habe Besuch mitgebracht!“ Hinter dem schlingernden Pick-up tauchten mehrere Scheinwerferpaare auf. Zuerst zählten sie zwei, dann vier, aber es kamen noch weitere. Dunstan zögerte keine Sekunde. Er raunte seinen Männern über den Motorenlärm hinweg zu: „Die Rampe rauf, sofort!“ Alle fünf waren bereits an Bord und die L-100 rollte langsam die Startbahn entlang, als ein bewaffneter Mann in verdreckter Kleidung und Körperpanzer die hintere Rampe hinaufgesprintet kam. Bernie bekam den Mann am Handschuh zu fassen und zog ihn die steile Klappe hoch, während Meilstein schon hastig auf den Hebel der Hydraulik schlug, um die Rampe zu schließen. Dunstan erteilte den Piloten über Bordfunk den Startbefehl. Sofort beschleunigten die vier Turboprop-Motoren für den Abflug. Als die Rampe geschlossen war, sank der Gerettete mitten in der leeren Flugzeugkabine auf die Knieschoner. Sein M4-Gewehr hing über dem Brustpanzer, in dem sich fast keine Munition mehr befand, und darunter trug er eine zerrissene braune Nomex-Tunika. Sein Gesicht ließ sich unter der Schutzbrille kaum erkennen. Die verschmierte Tarnfarbe und der Schweiß, der sich damit vermischte, entstellten ihn zusätzlich. Er zerrte sich den Helm vom Kopf und ließ ihn auf den Kabinenboden fallen, der sich bereits neigte, weil das Flugzeug zum Start wendete. Aus der triefenden Matte brauner Haare stieg Dunst auf und aus dem Bart tropfte Schweiß wie bei einem undichten Wasserhahn. Dunstan half The Don, auf die Beine zu kommen und sich auf die Bank an der Kabinenwand zu setzen. Er schnallte ihn an und nahm neben ihm Platz. „Sind Sie verletzt?“ Der andere schüttelte den Kopf. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen, die Rüstung loszuwerden“, brüllte Dunstan über den Motorenlärm hinweg. „Die behalt ich lieber an.“ „Wie Sie wollen. Der Flug dauert nur eine Dreiviertelstunde. Sobald wir in der Türkei sind, schaffen wir Sie zu einem sicheren Versteck. Morgen Abend meldet unser Auftraggeber sich mit weiteren Instruktionen. Bis dahin passen wir auf Sie auf.“ „Danke“, erwiderte der vor Dreck starrende Mann, der immer noch schwer atmete. Sein Blick blieb auf den Boden geheftet und die Arme lagen erschöpft auf dem schwarzen Gewehr, das er sich um den Hals gehängt hatte. Die vier anderen Männer hockten angeschnallt auf der Bank aus rotem Netzgewebe, die am Flugzeugrumpf entlang verlief. Sie alle starrten ihn an und bemühten sich vergeblich, diesen stinknormal aussehenden Kerl mit seinem schier übermenschlichen Ruf in Einklang zu bringen. The Don und Dunstan saßen neben einer Palette voller Ausrüstung, die ein Plastiknetz in der Mitte der Kabine fixierte. „Ich rufe jetzt Michelangelo an und gebe ihm Bescheid, dass wir in der Luft sind“, erklärte er. „Und ich hole Ihnen ein Wasser. Bin gleich zurück.“ Damit drehte er sich um und bewegte sich vorsichtig gegen den steilen Aufstieg des Flugzeugs nach vorn in Richtung Cockpit. Im Gehen zog er das Satellitentelefon aus der Tasche. Die Flucht Judith Schumachers Herz schlug wie wild, und ihre Hände zitterten. Eigentlich hätte ihr Mann hier drin sein sollen, und sie hätte draußen im Wagen auf ihn gewartet. Mit ihrer behandschuhten Hand hob sie Nowaks Ruger vom Fußboden auf und schoss dem Leibwächter zweimal in die Brust. Dann warf sie die Pistole neben Nowak auf den Boden und entfernte den Schalldämpfer von ihrer eigenen Waffe. Sie legte ihre Pistole dem Leibwächter in die Hand und zog dann eine kleine Dose aus der Tasche, aus der sie einen Hauch von Schießpulver auf die Hand des Leibwächters sprühte, damit es so aussah, als hätte er die Waffe abgefeuert. Dann stand sie auf und trat einen Schritt zurück. Sie suchte etwas, das irgendwo auf dem Fußboden liegen musste. Nicht weit von ihrem rechten Fuß fand sie es schließlich: die Heckler & Koch des Leibwächters. Sie hob die Pistole hoch und steckte sie in ihren Holster. Erleichtert eilte sie zur Tür, sperrte sie auf und trat in die Diele hinaus. Rasch ging sie zur Haustür hinüber, während aus dem Ballsaal die fröhlichen Laute der Festgäste drangen, die keine Ahnung hatten, was soeben geschehen war. Wenige Sekunden später war Judith Schumacher draußen und eilte die Treppe hinunter. Ihr Mann, der aufgeregt am Steuer des Wagens wartete, ließ sie einsteigen und brauste im nächsten Augenblick die Zufahrt hinunter. Der Mann stand am Waldrand – keine hundert Meter von der Stelle entfernt, an der Nowak am Abend zuvor gestanden hatte. Von seiner erhöhten Position aus konnte er das Haus deutlich erkennen. Er hatte eine Hand am linken Ohr und hielt in der anderen einen Feldstecher. Von dem Knopf in seinem Ohr verlief ein Draht unter dem Kragen seiner dunkelbraunen Jacke bis zu einem verschlüsselten Motorola-Funkgerät. Der Mann lauschte mit großem Interesse dem, was im Haus vor sich ging. Es hatte also begonnen. Er hatte gehört, wie überrascht Nowak klang, als die Ereignisse plötzlich eine für ihn unerwartete Wendung nahmen. Nun wartete er darauf, dass die Frau aus dem Haus kam. Wenn sie nicht lebend herauskam, so war das in Ordnung. Wenn sie jedoch verwundet wurde, dann musste er eingreifen. Das Risiko, dass man sie zum Reden bringen würde, wäre viel zu groß gewesen. Nein, das durfte nicht passieren – er hatte in diesem Punkt strikte Anweisungen. Es musste so aussehen, als wäre Nowak von dem Bodyguard getötet worden. Zuerst musste Himmelhagen sterben, und danach Nowak. Wenn die Kubickis ihre Aufgabe erfüllten und das Ganze wirklich überzeugend aussah, so würden sie überleben. Wenn ihnen jedoch auch nur der kleinste Fehler unterlief, würde man sie ausschalten müssen. Genau dafür war er hier; er sollte die Situation überwachen und, wenn nötig, eingreifen. Der bärtige Mann, der da am Waldrand stand, war ein ehemaliger Mitarbeiter der CIA. Die wenigen Menschen, die ihn etwas näher kannten, nannten ihn nur den „Professor“. Sein wirklicher Name war Peter Nicholsen. Auf den ersten Blick sah er nicht wie jemand aus, der in diesem Metier tätig war. Er war Ende vierzig und schleppte wohl an die zwanzig Kilo Übergewicht mit sich herum, sodass er sich kaum auf eine körperliche Auseinandersetzung mit einem Gegner einlassen konnte. Doch das war ohnehin nie sein Stil gewesen. Nicholsen löste seine Aufgaben stets aus diskreter Entfernung. Wenn er eingreifen musste, dann tat er das mit dem rechten Zeigefinger und nicht mit den Fäusten. Er war ein Meisterschütze und glaubte fest daran, dass die einfachste Art, jemanden zu töten, mit einer Kugel war. Nicholsens Job war es jedoch, die Killer mit einem Auftrag loszuschicken und das Geschehen aus dem Hintergrund zu verfolgen. Er genoss es, aus einer gewissen Entfernung zuzusehen und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten. Das war viel interessanter, als in Langley an einem Schreibtisch zu sitzen und über Satellitentelefon auf dem Laufenden gehalten zu werden. Nicholsen musste über jedes einzelne Detail Bescheid wissen, und das konnte er unmöglich, wenn er auf der anderen Seite des Atlantiks saß. Gerade bei dieser Mission ging es um unglaublich viel. Nicholsen hatte schon viel von dem Mann gehört, den sie „Venom“ nannten – und wenn diese Geschichten nur zur Hälfte stimmten, dann musste dieser Mike Nowak wirklich phänomenal sein. Nicholsen bewunderte ihn für seine Fähigkeiten und seine Entschlossenheit. Er empfand es als überaus aufregend, dass er dafür verantwortlich war, ein solches Kaliber wie Nowak auszuschalten. Ja, es war auch ein klein wenig Schuldgefühl dabei, wenn man mithalf, einen Mann zu töten, der der Polizeibehörde so gut gedient hatte – aber letzten Endes war auch Nowak nur eine Schachfigur in dem großen Spiel und nicht unersetzlich. In der Vergangenheit der Geheimdienste hatte es unzählige solcher Leute gegeben – und wenn er es recht bedachte, war das der Grund, warum Nicholsen Langley verlassen hatte. Es gab nun jemanden, der seine Fähigkeiten wirklich zu schätzen wusste und der bereit war, ihn für seine langjährige harte Arbeit gebührend zu entlohnen. Nicholsen sah mit wachsender Anspannung, wie die Tür des Hauses aufging. Er hob den Feldstecher an die Augen und seufzte erleichtert, als er Judith Kubicki herauskommen und zu dem wartenden Wagen laufen sah. Während der Audi davonbrauste, behielt Nicholsen weiter die Haustür im Auge, um sicher zu vergewissern, dass ihnen niemand folgte. Dann beobachtete er, wie der Wagen die gewundene Zufahrt hinunterfuhr. Als er sich dem Tor näherte, hörte Nicholsen das Hupen und sah die Scheinwerfer aufleuchten. Noch ehe der Wagen zum Stillstand kam, öffnete sich das Tor. Als der Audi auf die Straße auffuhr, nickte Nicholsen anerkennend und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Haus zu. Er behielt es noch einige Minuten im Auge, um zu sehen, ob die Morde vielleicht schon entdeckt worden waren. Doch es passierte nichts. Zufrieden mit dem Verlauf der Dinge steckte Nicholsen den Feldstecher ein und machte sich auf den Weg durch das Unterholz. Einige Sekunden später kam er zu einem Waldweg und ging zur Schotterstraße hinunter. Im Gegensatz zur vergangenen Nacht war er diesmal allein im Wald. Gestern, das war wirklich knapp gewesen. Er hätte das Ganze beinahe vermasselt. Sein Ego hatte ihm einen Streich gespielt, und er hatte versucht, Nowak zu folgen. Doch es hatte sich gezeigt, dass er in einer Umgebung wie dieser im Vergleich zu Nowak ein Amateur war. Er kam ihm nicht einmal richtig nahe. Nicholsen war ihm mit einem Nachtsichtgerät gefolgt, und als er gerade einmal nahe genug herangekommen war, um ihn zu sehen, verschwand Nowak plötzlich im Dickicht. Nicholsen hatte sich über zwanzig Minuten lang nicht mehr von der Stelle gerührt – aus Angst, Nowak könnte ihn ertappen. Es war das erste Mal seit vielen Jahren gewesen, dass er wieder einmal richtig Angst hatte. Nicholsen hätte es gern irgendwo in der Stadt mit Nowak aufgenommen. In den belebten Straßen New Yorks glaubte er, im Vorteil zu sein; schließlich hatte er dort jahrzehntelang seinen Job ausgeübt. Ja, es wäre ein echtes Vergnügen gewesen, Nowak in New York zu jagen. Nicholsen lächelte und schüttelte den Kopf, während er den Pfad entlangging – zufrieden, dass die Mission erfolgreich abgeschlossen war, und ein klein wenig enttäuscht, dass er nie mehr die aufregende Erfahrung machen konnte, Nowak zu verfolgen. Als Nicholsen sich der Schotterstraße näherte, verließ er den Weg und ging zu seinem Motorrad, das gut getarnt auf ihn wartete – eine BMW K 1200LT. Nicholsen rollte die Maschine auf den Pfad hinaus, setzte den Helm auf und betätigte den Anlasser. Der starke Scheinwerfer erleuchtete den Weg vor ihm. Als der Motor schnurrend zum Leben erwachte, setzte sich Nicholsen auf die Maschine und fuhr langsam auf die Schotterstraße auf. Wenn alles wie geplant verlief, würde er die Kubickis in zwanzig Minuten am Flugplatz treffen. Die Mission war ein voller Erfolg. Seine Augenlider flatterten und gingen schließlich auf. Mike Nowak versuchte, irgendetwas zu erkennen, doch er sah alles verschwommen. Seine Sinne kehrten langsam nacheinander zurück, so wie ein Computer hochgefahren wurde. Als Erstes kehrte der Geruchssinn zurück, und der Geruch von Schießpulver stieg ihm in die Nase. Dann waren da pochende Geräusche, von denen er nicht wusste, woher sie kamen. Langsam stieß er einen Laut hervor, der zunächst ein Stöhnen und schließlich mehr ein Brummen war. Nowak versuchte sich zu bewegen, doch die Schmerzen im Kopf und in der Brust waren schier unerträglich. Wie er so auf dem Rücken lag und an die Decke starrte, versuchte er sich bewusst zu machen, wo er war und vor allem, was passiert war. Der Schleier verschwand von seinen Augen, und mit einem Schlag wurde ihm alles klar. Seine erste Reaktion war, sich aufzusetzen. Er hob den Kopf wenige Zentimeter vom Fußboden hoch – doch ein jäher Schmerz in der Brust zwang ihn, sich wieder hinzulegen. Er blickte zur Decke und hob die rechte Hand unter dem schweren schwarzen Ledermantel an seine Brust. Er zog die behandschuhte Hand wieder hervor und sah, dass kein Blut daran war. Immerhin, dachte er und drehte sich trotz der Schmerzen auf die Seite. Danach stemmte er sich auf ein Knie hoch und sah sich im Zimmer um. „Dieses verdammte Miststück“, murmelte er vor sich hin. Sein Kopf war immer noch benebelt, doch allmählich kehrte die Erinnerung ganz zurück. Nowak strich mit den Fingern über den Ledermantel und fühlte die zwei Projektile, die von dem Kevlarfutter aufgehalten worden waren. Nowak erinnerte sich, dass sie ihn zuvor im Forsthaus noch gefragt hatten, ob er eine kugelsichere Weste trage. Die Frage war ihm gleich ein wenig seltsam vorgekommen – jetzt wusste er, warum. Gott sei Dank hat sie nicht auf meinen Kopf gezielt, dachte er. Er erinnerte sich, dass er auf seine Stoppuhr gedrückt hatte, als sie durch das Tor gefahren waren – und er blickte auf die Uhr, um zu sehen, wie viel Zeit vergangen war. Ungläubig starrte er auf das Zifferblatt; er war fast vier Minuten ohnmächtig gewesen. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er dringend von hier weg musste, als er die drei Männer auf dem Boden liegen sah. Nowak griff nach der Schreibtischkante, um sich hochzuziehen. Als er schließlich einigermaßen sicher stand, griff er sich an den Hinterkopf; der schwarze Lederhandschuh war voller Blut. Er sah auf die Stelle am Boden, wo er gelegen hatte, und sah eine tellergroße Blutlache. Als wäre das Ganze nicht schon schlimm genug gewesen, musste er nun auch noch sein Blut aufwischen. Es zurückzulassen, wäre schlimmer gewesen als tausend Fingerabdrücke. Nowak wusste, dass er sich beeilen musste, wenn er hier herauskommen wollte. Es gab eine Menge Fragen, die zu klären waren – aber das alles konnte warten. Im Moment gab es andere Prioritäten – vor allem, wenn er überleben wollte. Er ignorierte den stechenden Schmerz in der Brust und das Pochen im Kopf, kniete nieder und hob seine Ruger-Pistole auf. Dabei sah er, dass der Leibwächter erschossen worden war. Nowak suchte weiter nach irgendwelchen Hinweisen, die ihn mit Himmelhagens Tod in Verbindung bringen könnten. Er sah nach dem Anwalt und dem Butler und stellte erleichtert fest, dass beide atmeten. Dann ging er zur Tür, versperrte sie und ging zu den Fenstern hinüber, um auf die Zufahrt hinunterzublicken. Wie erwartet, war der Audi fort. Nowak lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und überlegte fieberhaft, wie er am besten vorgehen sollte. Das Blut musste unbedingt weg – und zwar gründlicher, als er es mit Aufwischen hinbekommen hätte. Die Angst, geschnappt zu werden, half seiner Fantasie auf die Sprünge. Schließlich fiel sein Blick auf den Kamin und dann auf die vielen kostbaren Kunstwerke. Er tat es nur sehr ungern, aber er sah keinen anderen Ausweg. Nowak rief sich den Plan des Hauses in Erinnerung und sah zu der anderen Tür des Arbeitszimmers hinüber. Sie führte zum Billardzimmer, von wo man durch eine weitere Tür in den Wintergarten gelangte. Von dort würde er ungefähr an der Stelle, wo die Autos geparkt waren, ins Freie gelangen können. Die Entscheidung war in Sekundenbruchteilen getroffen. Nowak ging quer durch das Zimmer zu einer Sammlung von Glaskaraffen, die auf einem Silbertablett standen. Er öffnete eine der Karaffen, hob sie an die Nase und nahm den Geruch von Cognac wahr. Nowak nahm einen Schluck aus der Flasche und ging dann zu der Blutlache hinüber. Er übergoss zuerst die Stelle auf dem Fußboden und dann die Leichen von Himmelhagen und dem Leibwächter mit dem Cognac. Dann machte er sich mit den restlichen Karaffen daran, zuerst die Teppiche und danach die Vorhänge mit Alkohol zu tränken. Er eilte zum Kamin, nahm ein Stück Anmachholz und hielt es ins Feuer. Nach wenigen Sekunden fing das dünne Hölzchen Feuer. Nowak ging damit durch das Zimmer und steckte alles, was er zuvor mit Alkohol getränkt hatte, in Brand. Dann packte er den Butler am Hemdkragen und zerrte ihn zu der Tür, die in das Billardzimmer führte. Dasselbe machte er mit dem Anwalt, der sich mittlerweile zu regen begann. Die Flammen züngelten an den Wänden hoch, und die Hitze nahm rasch zu. Nowak riss die Tür auf und zerrte die beiden Männer mit sich. Er hielt kurz inne, um zu verschnaufen; es fühlte sich an, als wäre eine Rippe gebrochen. Er sagte sich, dass er jetzt ohnehin nichts tun konnte, um die Verletzung zu behandeln, und ging zur Tür des Arbeitszimmers zurück, um sie zu versperren. Er blickte ein letztes Mal in das brennende Zimmer zurück, wo die beiden Toten bereits von den Flammen umringt waren, die sich rasch ausbreiteten. Nowak zog die Tür zu und lief quer durch den langen Raum, vorbei an den Billardtischen, den ausgestopften Köpfen verschiedener exotischer Tiere und einer alten Rüstung. Bei der nächsten Tür blieb er stehen und lauschte einen Augenblick, ehe er sie öffnete und hinausblickte. Von rechts drangen Stimmen von der Küche zu ihm her. Er trat auf den Flur hinaus, zog die Tür hinter sich zu und lief rasch durch die offene Glastür, die in den Wintergarten führte. Der Raum war erst dreißig Jahre nach dem Bau des Hauses angefügt worden. Die drei Außenwände wurden von großen Fenstern dominiert, die etwa vier Meter hoch waren und vom Fußboden bis zur Decke reichten. Die Pflanzen und Korbmöbel vermittelten den Eindruck, dass man sich in einem Garten aufhielt. Der Raum wurde von Deckenlampen hell erleuchtet, sodass die Gäste von der Zufahrt hereinblicken konnten, wenn sie ankamen oder abfuhren. Nowak schaltete rasch das Licht aus und blickte auf den Flur in Richtung Küche hinaus. Nichts deutete darauf hin, dass man das Feuer entdeckt hatte. Er eilte quer durch den Wintergarten und hielt sich dabei hinter verschiedenen Pflanzen verborgen. Als er eine der Verandatüren erreichte, blickte er über eine Hecke hinweg, hinter der einige Limousinen geparkt waren. Die Chauffeure standen herum und rauchten oder spielten Karten. Nowak musste irgendwie an ihnen vorbeikommen und zu den anderen Wagen gelangen, die von den Gästen selbst gelenkt wurden. Er hoffte, dass ein Kammerdiener freundlicherweise in einem der Wagen die Schlüssel hatte stecken lassen. Die ersten Schreie kamen von der Küche her, woraufhin die Chauffeure der Limousinen fast augenblicklich erkannten, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sie liefen auf die Haustür zu, um nachzusehen, was los war. Nowak sprang aus dem Wintergarten ins Freie und lief mit stechenden Schmerzen in der Brust quer über die Veranda. Er eilte die Stufen zur Zufahrt hinunter, wandte sich dann nach rechts und lief an den Limousinen vorbei. Der erste Wagen, an dem er vorbeikam, war ein Jaguar. Er verzichtete darauf, nachzusehen, ob der Schlüssel steckte; er brauchte ein Fahrzeug, das nicht so sehr auffallen würde, am besten ein deutsches Fabrikat. Als Nächstes sah er einen roten Mercedes, den er ebenfalls außer Acht ließ. Erst beim dritten Wagen, einem schwarzen Mercedes-Coupé, blieb er stehen. Nowak seufzte erleichtert, als sich die Tür öffnen ließ und er den Autoschlüssel im Zündschloss stecken sah. Nowak startete den Wagen und warf einen Blick auf die Benzinuhr, deren Zeiger bei zwei Drittel des Tanks stehen blieb. Er hatte offenbar Glück. Nowak legte den ersten Gang ein, doch statt über die Auffahrt zu fahren, schlug er die entgegengesetzte Richtung über den Rasen ein. Er fuhr zur Rückseite des Hauses und blickte kurz nach rechts, um zu sehen, ob ihn jemand bemerkt hatte. Alles schien sich auf das Feuer zu konzentrieren. Die Scheinwerfer erhellten den Weg vor ihm, als er mit dem sportlichen Fahrzeug über den Rasen brauste. Das Verhör „Los Schuster, pack endlich aus und mach reinen Tisch. Ich kann Dir auf jeden Fall mildernde Umstände garantieren. Deinen Job hier kannst Du zwar so oder so vergessen, aber Du wirst wenigstens in Freiheit Deinen Lebensabend genießen.“ „Verpiss Dich Gratzky! Ich bin hier, weil ich von Rosi zur Anhörung geladen wurde und nicht zum Verhör, Du Pseudo-Sheriff“. Schuster ging einen Schritt auf den zierlichen, bleichen Beamten im schlechtsitzenden Anzug vor sich zu, und wollte ihn gerade am Kragen packen und durchschütteln, als die Tür aufging und Rosi ins Zimmer kam. Wayne Gratzky, seines Zeichen 2. Staatsanwalt der Hamburger Behörden, atmete erleichtert hörbar aus und ging einen Schritt zurück. „Aha, ich sehe Sie beide haben sich bereits angefreundet.“ Dabei zwinkerte sie mit einem Auge und bat beide Herren sich an den Tisch zu setzen. „Herr Gratzky ist hier, um Deine Aussage zu protokollieren, Brian“ Sagte Sie mit ruhigen Worten, um die spürbare Anspannung, die im Raum herrschte, zu minimieren. Dabei reichte sie Ihren Kollegen einen Laptop den dieser mit gesenktem Blick öffnete. Brian Schuster grinste jetzt und erwiderte nur: „Hi Rosi, lange nicht gesehen. Waren trotzdem schon nettere Umstände, bei denen wir zusammen waren.“ „Herr Schuster!“ Rosi, durch diese Worte leicht verlegen, ergriff das Wort, um weitere Intimitäten, die ihren anwesenden Kollegen nun wirklich nichts angingen, zu vermeiden. „Sie haben freiwillig angeboten, hier Ihre Aussage des Tathergangs vorzunehmen und protokollieren zu lassen. Ist das richtig so?“ „Klar ist das richtig“. Brian grinste immer noch, da er ihre Verlegenheit spürte. „Ein schlichtes Ja reicht hier völlig aus.“ ermahnte Rosi jetzt energischer. „Ich muss sie darauf aufmerksam machen, dass alles, was Sie hier aussagen und sich dabei selbst belasten, zu gegen Sie verwendet werden kann. Sie haben natürlich das Recht, einen Anwalt hinzuzuziehen oder von Ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen…“ „Bla, bla, bla, … Ich kenn den Spruch, Rosi. Fang endlich an, denn ich habe im Gegensatz zu Euch sesselfurzenden Beamten heute noch mehr vor“ unterbrach Brian die Staatsanwältin. „Ok, Herr Gratzky, Sie protokollieren bitte, dass wir Herrn Schuster von seinen Rechten ausgiebig informiert haben und dieser auf sein Aussageverweigerungsrecht und der Hinzuziehung eines Anwalts verzichtet und uns den Tathergang detailliert schildert. Na dann mal los, Brian, ich bin ja schon mächtig gespannt auf die Story“ dabei lehnte sie sich zurück und blickte Brian neugierig mit ihren grünen Augen an. „Es begann vor knapp 2 Wochen, als ich von einem ehemaligen Kollegen aus meiner aktiven Zeit, Du weißt schon von welcher Zeit ich hier spreche, kontaktiert wurde.“ Schuster schaute Rosi durchdringend an, die nur kurz zustimmend nickte und aufmerksam zuhörte. „Also, nachdem mich Hartmann kontaktierte, trafen wir uns bei ihm in Mannheim zu einer Art Vorbesprechung. Während dieses Treffens, erhielt ich wichtige Informationen, dass Gangstergrößen aus der Hamburger Unterwelt, Mitglieder eines weltweit organisierten Syndikates waren, welche das Ziel hat die globale Weltherrschaft an sich zu reißen.“ Als Brian sah, dass Rosi die Augen verdrehte, wusste er genau, was sie gerade von seiner Story hielt: Nicht viel! Deswegen sprach er schnell weiter. „Ok, ich gebe zu das wird sich jetzt ein bisschen abenteuerlich für Dich anhören, aber mir ging es anfangs genauso, also hör bitte zu. Laut seinen Angaben ist Hartmann bereits seit längerer Zeit mit mehreren von unseren ehemaligen Kollegen in Kontakt, da es bereits Gewaltaktionen dieses Syndikates über mehrere Länder verstreut gibt und die Spur unter anderem nach Hamburg führt. Leider ist es so, das nicht nur Unterweltler dieser Organisation angehören, sondern auch Wirtschaftsbosse, Polizisten, Leute vom BKA, etc. Mehr kann und darf ich dazu im Moment leider nicht sagen, da auch unsere Behörden hier in Hamburg davon betroffen sein sollen.“ Dabei blickte er von Rosi zu Gratzky und blinzelte ihr dabei zu. „Keine Sorge Brian, für Herrn Gratzky halte ich meine Hand ins Feuer. Er ist zwar ab und zu etwas übermotiviert, aber sicherlich kein Maulwurf irgendeines dahergelaufenen Verbrechersyndikates.“ Rosi sagte diesen Satz etwas zu süffisant, so dass Brian genau spürte, dass sie ihm kein Wort glaubte. „Also weiter im Text“ fuhr er seine Geschichte fort. „Um herauszufinden, wer genau hier in Hamburg als Insider des Syndikates fungiert, konstruierten wir eine Geschichte, bei der es simpel gesagt, darum ging, dass ich aus einer vom Verfassungsschutz beobachteten Wohnung, welche gleichzeitig als Safe-Haus vom BKA benutzt wurde, Diamanten, welche dort als Devisen aufbewahrt wurden, herausholen sollte, um diese einem V-Mann der Unterwelt zu übergeben. Allerdings war da gar kein V-Mann im Spiel, sondern wir benutzen diese Geschichte lediglich dafür, die Infos darüber an verschiedene Stellen weiterzugeben, um einzugrenzen, wer bei uns ein falsches Spiel treibt. „Da ich aus den vorgenannten Gründen, keinen unserer Kollegen einweihen durfte, habe ich mich dazu entschlossen, zwei meiner eigenen Maulwürfe, die sicher mit keinem der Kollegen in Verbindung stehen, in die Sache zu involvieren. Luke war dafür gedacht als mein Double zu fingieren, damit ich im Hintergrund die Augen und Ohren offenhalten konnte, sowie als meine neutrale Zeugin sozusagen, Linda, eine ehemalige Nutte, die ich ebenfalls ab und zu als Informantin nutze. Das mal soweit zur Vorgeschichte der ganzen Aktion.“ Er hielt jetzt inne und schaute die beiden Staatsanwälte vor sich lange und stumm an, bevor er fortfuhr. „Was jetzt kommt, wird Euch beiden wahrscheinlich die Sprache verschlagen, da bin ich mir sicher, also gut zuhören, und…“ Jetzt schaute er zu Rosis Kollegen „schön alles genau mittippen!“ Rückblende „Ich stand hinter der Schulter von Linda und beobachtete, wie Luke, unser Lockvogel, sich zentimeterweise an das Haus heranarbeitete. Ich trat einen Schritt zurück, um zur anderen Seite des Fensters zu wechseln. Der Van auf der Straße fiel sofort auf. Ein schwarzer Mercedes Sprinter. In dem Kastenwagen hatten die Männer genug Platz, um herumzulaufen, ohne sich zu ducken. Man traf diese Transporter in den meisten großen Städten an. Sie wurden für Umzüge und von Handwerkern genutzt. Dieses Modell tanzte durch den zusätzlichen Aufbau auf dem Dach aus der Reihe. Darauf stapelten sich eine Leiter und mehrere Röhren, in denen von aufgerollten Tapeten bis hin zu Dielenbrettern so ziemlich alles stecken konnte. In Wirklichkeit dienten sie jedoch als Tarnung für das maßgeschneiderte Überwachungssystem mit versteckten Kameras, Antennen und Richtmikrofonen. Fatty mit Leuten des Syndikats also! Wer außerdem im Einsatz war, entzog sich Hartmanns Kenntnis. Wahrscheinlich hatten sie Leute von Stationen in ganz Europa zusammengetrommelt. Allerdings dürften die meisten von ihnen mit offiziellen Tarnungen bei Botschaften im Einsatz sein. Sie mit jemandem wie Fatty zusammenzubringen empfand er als unnötiges Risiko. Schuster versetzte sich in Nicholsens Lage und entschied, dass es nicht seinem üblichen Vorgehen entsprach. Nicholsen schnappte sich lieber einige seiner früheren Freunde von den Special Forces, die nicht lange fackelten und vor allem den Mund hielten. „Linda“, fragte Schuster, den Blick starr auf den Van gerichtet. „Was siehst du?“ „Den Mann mit der Baseballmütze. Sonst nichts.“ Schuster folgte ihrem Blick. Luke befand sich inzwischen etwa zehn Meter vom Hauseingang entfernt. Ansonsten rührte sich nichts. Er konzentrierte sich erneut auf den Van und bildete sich ein, dass der Aufbau leicht ins Schaukeln geriet, aber aus dieser Entfernung ließ es sich nicht genau sagen. „Er geht jetzt die Treppe rauf“, kündigte Linda an. Schuster verließ sich darauf, dass es stimmte. Er ließ den Mercedes nicht aus den Augen. „Er ist drin.“ In diesem Moment dämmerte Schuster, dass unter Umständen jemand in der Wohnung lauerte. Sein Blick zuckte vom Van zu den Fenstern im ersten Stock. Die Rollos waren runtergelassen. Unmöglich zu sagen, ob seine Vermutung stimmte. Schusters Nervosität wuchs. Wenn sie Luke schnappten und aushorchten, gelangten sie unter Umständen zu der Schlussfolgerung, dass Schuster in der Nähe war und sie beobachtete. „Linda, weißt du noch, was ich gesagt habe? Wenn ich dich auffordere, zum Auto zu gehen, will ich keine Diskussion.“ „Ja, aber mir ist trotzdem nicht klar, warum ich allein gehen soll.“ „Du fängst ja doch wieder an.“ Schuster verlieh seiner Stimme Nachdruck. „Ich muss mich darauf verlassen können, dass du dich exakt an meine Anweisungen hältst. Deine Sicherheit hat für mich höchste Priorität. Wenn du nicht tust, was ich dir sage, dann geh lieber sofort.“ Linda zog eine Schnute. Befehle entgegenzunehmen zählte nicht gerade zu ihren Stärken. Schuster widmete sich wieder dem Van. Hartmann hatte ihm gesagt, dass der Unterschlupf observiert wurde. Entweder waren die Typen eingeschlafen oder sie warteten im Apartment. In diesem Fall rechnete Schuster jede Sekunde damit, dass drüben das Licht anging. Dann stand Luke eine unangenehme Überraschung bevor – und vermutlich ein zwei- bis dreitägiges Verhör, bei dem er sich vor lauter Angst in die Hosen machte. Schuster hatte ein schlechtes Gewissen, aber der junge Lockvogel würde es schon überleben. Er plante, Hartmann anzurufen und ihm von seinem Lockvogel, den er als Double benutzte, zu berichten, damit sie Luke schnell freiließen. Sicher wäre er nicht begeistert davon, dass er einem Drogendealer die Lage des Unterschlupfs verraten und ihm Schlüssel und Codes ausgehändigt hatte. Aber vor dem Hintergrund, dass er einen Verräter in den eigenen Reihen vermutete, würde er ihm das nachsehen. Bevor er abschließend wusste, wem er trauen konnte und wem nicht, mussten sie wohl oder übel Verständnis für seine vorübergehende Paranoia aufbringen. Schuster checkte den Sekundenzeiger seiner Uhr. Luke hatte vor etwa einer halben Minute das Haus betreten. Im selben Moment rührte sich beim Mercedes doch noch etwas. Der Van schaukelte, und kurz darauf flitzte jemand in gebückter Haltung über den Gehsteig. Schuster bekam den Mann nur vage zu Gesicht, wenn er zwischen den parkenden Autos auftauchte. Doch als der Unbekannte vor dem Eingang stand, wusste er, mit wem er es zu tun hatte. Es war Braun, ein Auftragsmörder der ganz kalten Art. Selbst in der kargen Beleuchtung der matten Straßenlaternen gab es keinen Zweifel. Halb Mensch, halb Gorilla lief er mit krummem Rücken durch die Gegend, als schicke er sich an, mit voller Wucht die nächstbeste Wand zu rammen. Schuster mochte Nicholsen zwar nicht, aber er respektierte den knorrigen Bastard. Bei Braun sah die Sache anders aus. Er hasste ihn wie die Pest und verstand bis heute nicht, warum man ihn damals nicht hochkant rausgeschmissen hatte. In langen Nächten machte er sich oft Gedanken, auf welche Weise er dieses Ekelpaket beseitigen könnte, falls sich mal die Gelegenheit ergab. Braun duckte sich regelrecht in das Gebäude hinein und schwankte in Richtung Haustür. Das Gebäude auf der anderen Straßenseite glich weitgehend dem Komplex, in dem sie sich gerade aufhielten. Es gab einen Vorgarten und jede Wohnung verfügte über einen separaten Zugang mit kleiner Veranda knapp einen Meter über Bürgersteigniveau, die von einem schmiedeeisernen Zaun mit Tor abgegrenzt wurde. Das Erdgeschoss selbst befand sich etwa zwei Meter über der Straße. Entsprechend steil fielen die Stufen aus, die zu einem Paar Doppeltüren führten. Fatty blieb exakt dort stehen, wo Schuster es erwartet hatte. Er verschmolz mit dem Schatten der Fassade. Schuster kniff die Augen zusammen, aber es half nichts. Braun trug schwarze Klamotten und hob sich in der Düsternis kaum ab. Schuster sah hoch zum Apartment. Nach wie vor brannte dort keine Lampe. Inzwischen hielt sich Luke seit knapp zwei Minuten in der Wohnung auf. Schuster hatte es im Kopf durchgespielt. Für den Fall, dass er sich an Schusters Vorgaben hielt, konnte er innerhalb von fünf Minuten draußen sein. Allerdings rechnete er damit, dass der Dealer sich mehr Zeit ließ, um nach zusätzlicher Beute Ausschau zu halten. „Wer ist dieser Mann?“, wollte Linda wissen. „Der, vor dem ich dich gewarnt habe … Braun.“ Vier Minuten und 27 Sekunden lang tat sich nichts. Schuster überprüfte abwechselnd den Van, Brauns Position und die Fenster der Wohnung. Auf einmal war es so weit. Die Vordertür des Hauses schwang auf und Luke trat hinaus in die Nachtluft. Er hastete die Stufen hinunter und wandte sich nach rechts, wie Schuster es ihm gesagt hatte. Da tauchte Braun abrupt aus seinem Versteck auf und schlich mit vier Schritten Abstand hinter Luke her. Seine rechte Hand zuckte nach oben, und Schuster identifizierte den dunklen Stahl sofort als Pistole mit angeschraubtem Schalldämpfer. Schuster schüttelte den Kopf und raunte: „Was für ein Depp!“ Was dann geschah, kam völlig unerwartet. Eine Mündung blitzte auf und Lukes Körper wurde nach vorn geschleudert. Er knallte mit dem Gesicht voran auf den Asphalt. Linda keuchte und hielt sich die Hand vor den Mund. Schuster blinzelte und griff nach der Waffe. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihm klar, dass er gerade quasi seiner eigenen Ermordung beigewohnt hatte, gefolgt von der Erkenntnis, dass er das Leben eines völlig Unschuldigen auf dem Gewissen hatte. Scham und Zorn ergriffen von ihm Besitz. Dafür musste Braun sterben, es gab keine Alternative. Braun hatte bereits im Vorfeld die genaue Stelle für den Kill festgelegt. So arbeitete sein Verstand. Er war ein Jäger, der geborene Killer und vor allem ein knallharter Typ. Deshalb hatte Schuster nicht den Hauch einer Chance. Schuster war eine intellektuelle Muschi, die zu viel nachdachte. Eine Muschi, die vor lauter politischer Korrektheit kaum handlungsfähig war. In seinem aufgeblähten Hirn steckte viel zu viel Mist, der ihn davon abhielt, seit Urzeiten bewährte Regeln von Überlebenskämpfern zu befolgen. Tja, sein Verlust und Brauns Gewinn. Schuster ging vermutlich aufs Klo, um erst mal ’ne Runde zu kotzen, nachdem er jemanden getötet hatte. Braun hatte das bei einem anderen Ranger mal nach einer Mission erlebt und sofort jeglichen Respekt für ihn verloren. Die Nische neben der Haustür erwies sich als perfektes Versteck. Brauns Herz raste und er wusste, dass es nicht an dem kurzen Spurt über die Straße lag. Sondern an der Vorfreude aufs Töten. Das Adrenalin rauschte durch seine Venen. Eine eher amateurhafte Regung, die ihm überhaupt nicht gefiel. Er zwang sich zu tiefem, gleichmäßigem Atmen. Es gab keinen Grund, nervös zu sein. Die Position war ideal. Die Dunkelheit verbarg ihn vollständig und jeder Ausbilder wäre stolz gewesen, dass er sich perfekt vorbereitet hatte, um Schuster beim Verlassen des Gebäudes abzufangen. Langsam ging sein Puls runter und ihm wurde ein Problem bewusst. Genau genommen sogar zwei. Was sollte er mit Hintzen und Bohrmann machen? Wenn die beiden mitbekamen, wie er Schuster erledigte, konnte er zwar behaupten, Nicholsen habe den Befehl zum Abschuss erteilt, aber spätestens nach ihrer Rückkehr in die Staaten flog die Lüge auf. Selbst Nicholsen dürfte ihm das krummnehmen. Er hasste Schuster zwar, aber dass einer seiner Männer in Eigenregie einen Abschuss durchführte, konnte er unmöglich gutheißen. Schon gar nicht, nachdem er ausdrücklich den Rückzug befohlen hatte. Braun dachte fieberhaft über eine Lösung nach, da drang Hintzens Stimme aus der Hörmuschel. „Er will zum Safe.“ Natürlich will er zum Safe, dachte Braun und erinnerte sich an eine Anweisung von Nicholsen. Panisch fragte er: „Ihr habt ihn doch vorher geleert?“ „Wieso hätten wir das tun sollen?“, erkundigte sich Hintzen. „Weil ich es euch gesagt habe.“ „Einen Scheiß hast du. Todd, hat Braun uns gesagt, wir sollen den Safe ausleeren?“ Braun lauschte der Unterhaltung am anderen Ende. Hintzen verkündete schließlich, da habe wohl jemand zu lang am Kleber geschnüffelt. „Von dem Safe war nie die Rede.“ Braun fluchte leise, schielte rüber zum Van und fragte: „Was macht er gerade?“ „Er hat den Safe geöffnet und räumt ihn aus.“ Nicholsen würde ausflippen. Er hatte ihm mit als Erstes eingeschärft, den Inhalt zu sichern. „Schaff das Zeug weg, und komm nicht auf dumme Gedanken. Fatty und ich führen eine genaue Bestandsliste.“ Das waren die Worte seines Vorgesetzten gewesen. „Er schließt ihn“, verkündete Hintzen. „Sieht aus, als hätte er sich einen Beutel vorn in die Hose gestopft.“ „Scheiße“, murmelte Braun. „Und jetzt?“ „Ist er unterwegs zur Tür. Ja, er läuft durch den Flur zu den Treppen in Richtung Ausgang. Was sollen wir machen?“ „Bleibt, wo ihr seid.“ Er war viel zu fixiert auf die Lösung seines eigenen Dilemmas. Diese Gelegenheit durfte er auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen, sonst trat er sich dafür den Rest seines Lebens selbst in den Hintern. „Kannst du das noch mal wiederholen?“ Braun erkannte Bohrmanns Stimme. Von ihm drohten ihm die größten Schwierigkeiten. Hintzen bekam er schon in den Griff. „Ich sagte, ihr sollt bleiben, wo ihr seid. Wir wollen ihn nicht unnötig beunruhigen. Es reicht, wenn ihr den Van abfahrbereit haltet und mich regelmäßig mit Updates versorgt.“ Hintzen lieferte ihm eine minutiöse Beschreibung von Schusters Rückzug. Das größte Rätsel blieb für den Moment, ob er das Haus auf dem gleichen Weg verließ, wie er reingekommen war. Ein paar Sekunden später bekam Braun die erhoffte Bestätigung. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht lauerte er in der Nische. „Jetzt gehörst du mir, Arschloch.“ Die Tür öffnete sich, und er rückte langsam vor und streckte die rechte Hand schussbereit aus. Hintzen lieferte ihm weitere Statusmeldungen. Vor seinem geistigen Auge malte sich Braun aus, wie Schuster die Treppe herunterkam. Sobald er hörte, dass dieser sich nach rechts gewandt hatte, huschte er aus dem Versteck. Er wusste, dass die Monitore im Van eher verschwommene Bilder vom Geschehen auf der Straße lieferten, und genau das wollte er zu seinem Vorteil ausnutzen. Er trat in den dunstigen Lichtkegel der Laterne und folgte seiner Beute. Schuster befand sich direkt vor ihm, nur wenige Meter entfernt, und hatte es eilig. Braun passte sein Lauftempo an, richtete die Mündung der Pistole auf Schusters Hinterkopf, sagte „Waffe!“ und drückte den Abzug. Es war der schönste Anblick seines Lebens. Die Kugel trat ein und an der Vorderseite des Gesichts, begleitet von rotem Sprühnebel, wieder aus. Schuster machte einen letzten Schritt und fiel dann mit dem Gesicht voran zu Boden. „Bringt den Van hier rüber. Los, los!“ Braun stand hämisch über der Leiche und machte keinen Hehl aus seiner Begeisterung. „Ding dong, die Hex’ ist tot!“ In seinem Rücken heulte der Motor auf, und der Mercedes raste heran. Eine Sekunde später kam der Transporter schlitternd hinter einer Reihe parkender Autos zum Stehen und die Seitentür wurde aufgeschoben. Bohrmann sprang heraus, und als Erstes fiel Braun auf, dass dieser eine Pistole in der Hand hielt. Er ignorierte sie und deutete auf den Toten. „Schnapp dir die Beine. Wir müssen ihn reinholen und verschwinden, bevor die Cops auftauchen.“ „Du hast ihn getötet“, brüllte Bohrmann. „Genau darum ging’s ja bei dieser Mission. Tut mir leid, dass ich euch im Vorfeld nicht einweihen konnte, aber Peter wollte das so.“ Braun beugte sich vor und zerrte mit der linken Hand an der Jacke. „Komm her, pack ihn an den Füßen. Wir müssen weg!“ Bohrmann zögerte für eine Sekunde, dann verstaute er die Waffe hinten in der Hose und umklammerte beide Fußgelenke des Toten. Braun nahm sich die Arme mit einer Hand vor, als hebe er einen halb vollen Koffer an. Die Leiche sackte zwischen ihnen durch. Braun ging voran, zwischen zwei parkenden Wagen hindurch, und hievte Kopf und Oberkörper auf die Ladefläche. Braun sah Hintzen an, der hinter dem Steuer saß, und befahl: „Schnapp dir die Hände und zieh ihn komplett rein.“ Während Hintzen vom Fahrersitz sprang und am reglosen Körper zerrte, ließ Bohrmann die Beine los und lehnte sich erschöpft in die offene Seitentür hinein. Braun nutzte die Chance, trat hinter ihn und feuerte aus einigen Zentimetern Abstand auf seinen Schädel. München Mikaela, genauer gesagt Dr. Mikaela Ricci, lehnte sich auf der Bank zurück und blies den Rauch ihrer Zigarette in die Luft. Ihre blonden Haare fielen ihr strähnig über die Schulter. Während ihre schwarze Lederjacke feucht glänzte, waren ihre enganliegenden Jeans mit Schlamm verspritzt. Dunkelbraune Pumps mit roter Sohle standen auf der Bank neben ihr. Ihre nackten Füße lagen auf einem silberfarbenen Koffer, in dem sie ihre wichtigsten Instrumente aufbewahrte. Dank einer ausladenden Eiche war dies der einzige Ort am Tatort, der einigermaßen trocken war. Vor kurzem hatte sie sich in der Rechtsmedizin zu Tode gelangweilt. Jeden Tag Autopsien in demselben kahlen Raum, mit den gleichen langweiligen Leuten. Die Zusammenarbeit mit Dennis hatte ihr endlich die Möglichkeit gegeben, sich einem festen Ermittlungsteam anzuschließen. Doch sie hatte sich alles irgendwie cooler vorgestellt. Dazu gehörte nicht, um fünf Uhr geweckt zu werden, bei Regen zu einem Tatort in die Pampa zu gehen und mit einer Taschenlampe im Mund eine Leiche zu untersuchen. Und mit Sicherheit nicht auf Kosten neunhundert Euro teurer Christian Louboutin Schuhe. Gott sei Dank war es eine Sommernacht, sonst hätte sie der Regen in ein zitterndes, frierendes Etwas verwandelt. Sie schloss die Augen und träumte von einem Kaffeehaus mit frischem Espresso und leckeren Quarktaschen. Dazu einfach nur Ruhe, evtl. untermalt von einem sanften Song von Jack Johnson. „Dr. Ricci?“, holte sie eine Stimme aus ihren Träumen zurück auf den verregneten dunklen Tatort. Sie öffnete leicht die Augen und gab sich erst gar keine Mühe, ihren Unmut zu verbergen. Ein junger dürrer Mann stand vor ihr. Seinem nicht vorhandenen Bartwuchs nach zu urteilen, war er gerade einmal volljährig. Er trug einen weißen schlammverspritzten Schutzanzug der SpuSi, der nur sein Gesicht nicht bedeckte. Er hieß Roger, Robin oder so ähnlich. „Was gibt’s, Robin?“ „Mein Name ist Romir.“ „Von mir aus auch so.“ „Wir haben den Tatort fertig untersucht. Wenn Sie möchten, können Sie die Leiche bewegen.“ „Also habt ihr jetzt sozusagen Pause, bis ich fertig bin?“ Der junge Mann nickte. „Perfekt.“ Mikaela stand auf, zog einen zehn Euro Schein aus der Hosentasche und drückte sie dem jungen Mann in die Hand. „Dann geh mal Kaffee holen. Schwarz ohne Zucker. Und bring ein paar Quarktaschen mit. Aber frische, damit das klar ist! Zur not musst Du halt in mehrere Bäckereien schauen. Wichtig ist, das die Quarktaschen gaaanz frisch sind, nur dann sind die und damit auch ich genießbar, capito?“ Der junge Tatortermittler starrte den Schein in seiner Hand ungläubig an und wusste gar nicht was er dazu sagen sollte. „Ich mach sowieso erst weiter, wenn die Sonne aufgegangen ist, weil es hier draußen ja stockdunkel ist. Du hast also mehr als genug Zeit zum Frühstückkaufen. Hauptsache die Quarktaschen sind frisch“ Mikaela setzte sich wieder hin, legte ihre Füße auf den Koffer und schloss erneut die Augen zum Weiterträumen. „Es wird aber erst in einer halben Stunde hell.“ „Weiß ich. So lange bleib ich hier sitzen und warte.“ „Aber laut Vorschrift müssen Sie …“ „Ich muss mal gar nichts, ok?“ „Aber es gibt klare Anweisungen von Abläufen…“ „Mir doch egal, Roger. Ich stehe kurz vor der Unterzuckerung. Ein Zustand, in dem es äußerst gefährlich ist, in meiner Nähe zu sein. Für die Stimmung in der Abteilung und vor allem für deine Gesundheit ist es besser, ich bekomme bald meine frischen Quarktaschen zu essen, denn in dem entzückenden Koffer unter meinen Füßen habe ich genügend scharfe Skalpelle und weitere Utensilien, um den dritten Weltkrieg zu gewinnen.“ Mikaela hob huldvoll die Hand und winkte den jungen Mann weg. „Zack, zack. Du könntest schon wieder hier sein“ Sie hörte, wie er sich entfernte und kaum hörbar vor sich her murmelte „Mein Name ist Romir.“ Bald war Mikaela wieder in einen angenehmen Dämmerzustand gesunken. Noch zeigte sich die Sonne nicht am Horizont. Außerdem hatte der Regen sowieso alle Spuren weggeschwemmt. Wenn sie etwas finden würde, dann bei der Autopsie in der im Gegensatz zu dieser trostlosen Gegend hier, doch jetzt sehr angenehm erscheinende Pathologie. Und nicht in diesem Schlammloch hier. Aber sie würde etwas finden. Wie immer! Pathologisches Institut der LMU München Sieben lange Stunden später an diesem Tag, der sich durch den frühen Beginn bereits wie Kaugummi zog, reinigte Mikaela gerade Ihr Sezierbesteck, eine sehr unliebsame Arbeit, die jedoch ebenfalls zu Ihrem Job in der Pathologie zu Standardablauf gehören, als Sie plötzlich den Gedanken hatte, das Sie irgendetwas nicht notiert hatte. Deshalb überlegte Sie fieberhaft, was das wohl war und versuchte dabei, den kompletten Körper der begutachteten Leiche nochmal gedanklich Zentimeter für Zentimeter durchzugehen. Irgendwas hatte Sie nur unbewusst wahrgenommen, nur was? Die männliche Leiche lag unbekleidet auf dem Seziertisch. Seine Augen waren geschlossen und sein Gesicht war nach der Spurensuche vom getrockneten Blut gereinigt worden. Sein ganzer Körper war inzwischen rasiert und gewaschen. Brust- und Bauchhöhle waren auch bereits geöffnet. Die Formalien waren ebenfalls schon erledigt. Größe, Gewicht, Körpertemperatur, Narben, Tätowierungen und der ganze andere Kram. Mikaela hatte alles ordnungsgemäß und penibel festgehalten. Als Ihr jedoch nach weniger erfolgreichen Gedankengängen die Lust dazu verging, schob sie das Gefühl beiseite und genehmigte sich erst einmal eine eisgekühlte Dose Red Bull, von denen sie immer einen Vorrat griffbereit in einem der vielen Leichenkühlfächer deponiert hatte, denn sie konnte den dunkelroten Saft nur eiskalt genießen. Sie brauchte jetzt ein wenig Abwechslung fand sie und widmete sich dem eigentlichen Spaß – die innere Besichtigung. Mikaela beugte sich über die Leiche. Ein Blick auf Leber und Lunge zeigten ihr, dass die Leiche kein Kostverächter gewesen war. „Ergänzung zum Thema Vergiftung“, sagte Mikaela in ihr Diktiergerät, das sich über einen Fußschalter an- und wieder ausschalten ließ. „In der äußeren Leichenschau gab es keine sichtbaren Hinweise. Weder weite Pupillen, wie bei Atropin oder Zyanid, noch enge Pupillen, wie bei Opiaten. Es fanden sich keine sichtbaren Injektionsstellen. Die Farbe der Totenflecken war normal. Es waren keine Schaumpilze vor dem Mund sichtbar, auch keine Holzer-Blasen. Magen und Darm werden noch nach Giftresten untersucht. Im Rahmen der inneren Leichenschau sind keine ungewöhnlichen Verfärbungen oder innere Verätzungen zu sehen. Liquor, Glaskörperflüssigkeit, Venenblut und Haare wurden bereits ins Labor gebracht, ebenso wie Herzblut und Urin. Es folgen Proben von Leber, Hirn und Niere sowie der Mageninhalt. Soweit der Untersuchungsstand am 27. September 2016, 15.16 Uhr.“ Sie schaltete das Aufnahmegerät wieder aus und nahm ein Skalpell in die Hand, als ihr Telefon klingelte. Sie ging zum Ablagetisch. Ein leises Stöhnen entfuhr ihr, als sie auf das Display sah. Dennis spürte stets den ungünstigsten Zeitpunkt für ein Telefonat. Und er nutzte diesen Moment immer. Da ihre Handschuhe mit Blut verschmiert waren, tippte sie mit dem Skalpell das Handy in den Freisprechmodus. „Pronto, bin noch nicht fertig“, sagte sie und ging zurück zur Leiche. „Ich stecke mit beiden Händen mitten in seinen Organen.“ „Ich will Dich gar nicht lange stören. Ich brauche nur das Wichtigste. Wie wurde die Leiche ermordet und welche Waffe benutzte der Täter?“ Dennis schien vom Auto aus zu telefonieren. Sie hörte das charakteristische Geräusch des Blinkers über dem monotonen Brummen des Motors sowie diverse Fahrgeräusche. „Man hat ihm nach Mitternacht den Schädel eingeschlagen. Ich habe die Wunde noch nicht untersucht, aber tippe auf eine Axt. Könnte die gleiche Tatwaffe wie bei den beiden Opfern der letzten Woche sein.“ Mit einer kurzen Bewegung der Hand schnitt Mikaela ein Stück der Leber ab und hob sie mit einer Pinzette an. „Aber eine kleine Besonderheit habe ich noch.“ „Was denn?“ „Man hat Egon die Zunge herausgeschnitten.“ Sie legte die Probe in eine Petrischale. „Welchem Egon? Und welche Zunge?“ „Na, ich habe die Leiche heute Morgen mal Egon genannt, so wie diesen unlustigen Tutti-Frutti- Fernsehmoderator von früher! Ist dann doch ein bisschen persönlicher mit ihm hier“ Ok, Mikaela hatte schon immer einen besonderen Humor, das war bekannt. „Wieso das?“ „Bin ich Schamane und kann Tote befragen?“ Sie runzelte die Stirn. „Vielleicht fragst du besser den leitenden Ermittler. Der heißt Demirci oder so.“ Hauptkommissar Dennis Demirci beachtete diesen für Mikaela typischen Einwand nicht weiter, da er ansonsten mit weiteren Wortspielchen zu rechnen hatte, und darauf konnte er im Augenblick gut verzichten, da ihm seine Vorgesetzten aufgrund der, sehr wohlwollend ausgedrückt, schleppenden Ermittlungserfolge der letzten 2 Morde bzw. den heutigen mitgerechnet, drei Morde innerhalb von nur einer Woche langsam drängten, ihnen Fakten zu liefern, die sie auch den Medien weiterleiten konnten, zu liefern. „Wieder postmortal?“ „Ja. Wegen des nicht vorhandenen Blutes im Mund haben wir es erst bei der Autopsie bemerkt.“ „Abwehrverletzungen?“ „Nichts Sichtbares.“ Sie nahm einen Glasdeckel und bedeckte die Probe. Die blutigen Fingerabdrücke würde sie später abwischen. „Fesselspuren?“ „Nope.“ „Wurde er im Schlaf ermordet?“ „Möglich. Vielleicht hat ihn der oder die Täter überrascht oder mit etwas betäubt oder vergiftet. Auch wenn es keine Anzeichen für eine Vergiftung gab, gönne ich mir das ganze Programm.“ „Schleifspuren?“ „Nein.“ „Also hat der Mörder die Leiche wohl verpackt und zum Fundort geschafft. Gibt es Druckstellen?“ „Hä?“ „Wenn Dein Egon in einer Kiste transportiert wurde, gibt es vielleicht Druckstellen, die darauf hindeuten.“ „Stupido, Du schaust zu viel Fernsehen“, sagte Mikaela. „So etwas funktioniert bei schlechten Krimiserien, allenfalls im Tatort. Die Realität ist anders.“ „Wie sieht es mit Rückständen von Verpackungsmaterial aus?“ „Ich kann was dazu sagen, wenn wir die Kleidung mikroskopisch untersuchen haben. Das wird aber ein paar Tage dauern.“ Mikaela beugte sich wieder über die Leiche. „Noch ein wenig Hirn und den Mageninhalt, dann mache ich mich ans Puzzeln“, sagte Mikaela. „Puzzeln?“ „Willst du nicht wissen.“ „Oh“, sagte Dennis. Er war heute wirklich leicht aus der Fassung zu bringen. „Bis dann“, verabschiedete er sich und legte auf. Mikaela schob die große Lupe über den Kopf und schnitt mit dem Skalpell ein Stück des Gehirns heraus. Der Hinterkopf war übel zertrümmert. Es würde Stunden dauern, bis sie alles wieder zusammengesetzt und einen Abdruck genommen hätte, aber dann wusste sie, ob ein Hammer wieder die Mordwaffe gewesen war. Zufrieden summend legte sie die Probe in die Petrischale und holte ein großes Gefäß für den Mageninhalt. OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin Während des Meetings waren die Gedanken von Ferris immer noch bei den im OC festgestellten Merkwürdigkeiten. Die IP-Nummer, die SEC-ON ihnen mitgeteilt hatte, ließ sich für gestern Nacht nicht richtig zuordnen. Das Eigenartige war, dass die IP-Adresse des Hackers zu einem Teilnehmer gehörte, der einen internen Zugangscode besaß. Interne Zugangscodes waren Codes, die nur an Netzgermania-Mitarbeiter vergeben wurden, die diese Accounts dann ausschließlich zu Prüf- und Wartungszwecken benutzten. Interne Zugangscodes wurden nicht gebillt, es wurde also keine Rechnung erstellt. Die internen Zugangscodes wurden streng kontrolliert. Immerhin konnte man sich mit diesen freien Zugang zum Netz verschaffen. Das Eigenartige war, dass der gestern verwendete Zugangscode nirgendwo registriert oder bekannt war. Wer immer sich gestern eingewählt hatte, hatte einen Zugangscode, den er nicht haben durfte. Der oder die Hacker waren nicht nur bei SEC-ON eingedrungen, sie waren auch erfolgreich bei Netzgermania eingedrungen und es war noch völlig unklar, wie lange das schon so ging und was sie bisher alles angerichtet hatten. Ferris hoffte, dass Winfried und sein Team bis heute Abend etwas mehr herausbekommen konnten. Pünktlich um 21.00 Uhr warteten Winfried und zwei seiner Mitarbeiter in Ferris privatem Besprechungsraum hinter seinem Büro. Alle waren etwas verlegen. Winfried stellt Ferris zuerst Doris Jensen und Heiko Föhr vor. „Danke, dass Ihr so spät noch gekommen seid“, begrüßte Ferris die drei. „Ich habe uns eine Kleinigkeit zu essen besorgt, bitte bedient Euch erst einmal, bevor wir anfangen.“ Ferris wartete, bis alle mit ihren Tellern einen Platz am Konferenztisch gefunden hatten. „Also dann, kommen wir zum Geschäftlichen. Konntet ihr etwas herausbekommen?“, fragte Ferris in die Runde. „Wir haben zuerst einmal weiter in der Datenbank gestöbert und festgestellt, dass der bewusste Zugangscode in den letzten Wochen über 100-mal benutzt worden ist. Normalerweise wird ja bei jeder Einwahl in unser Netz die Telefonnummer miterfasst. Aber in unserer Datenbank sind alle Telefonnummern für diesen Zugangscode gelöscht worden“, begann Heike Föhr den Bericht. „Das heißt, sie sind weiter in unser System vorgedrungen, als wir gedacht haben“, stellte Ferris fest. „Genau“, fuhr Heiko fort, „sie kommen von irgendwo und gehen dann durch unser Netz, ohne registriert zu werden. Wer immer hier am Werk war, er hat eine Möglichkeit gefunden, sich unkontrolliert in das Netz von Netzgermania einzuwählen, ohne dass wir feststellen konnten oder können, wer er ist.“ „Wir sollten den Zugangscode sofort sperren“, sagte Ferris. „Das war auch unser erster Gedanke, aber dann hatten wir eine bessere Idee“, warf Doris Jensen ein und lief gleich darauf rot an. Sie zweifelte plötzlich daran, dass das der richtige Ton war, mit dem CEO zu sprechen. Aber Ferris lachte sie nur freundlich an. „Gute Ideen sind immer willkommen, Doris. Was habt Ihr also gemacht?“ „Wir haben versucht, einen Call mit dem Zugangscode live zu erwischen, um zu beobachten, was sie eigentlich machen.“ Nächtliches Dilemma, Berlin Nachdem Ferris allein war, dachte er weiter nach. Es stand fest, dass der Fremde sich nicht nur in das Firmennetz von SEC-ON gehackt hatte, er war auch in das interne Netz von Netzgermania eingedrungen. Und man war auf dieses Eindringen nur durch Zufall aufmerksam geworden. Der erste Hinweis war die Mail von gestern Abend. Sie war der Ausgangspunkt gewesen, und es erschien Ferris nur folgerichtig, die Spur hier weiter zu verfolgen. Ferris holte sich die Mail von gestern Nacht auf den Bildschirm und rief die angegebene Nummer an. Obwohl es schon nach 22.00 Uhr war, war der Administrator von SEC-ON sofort am Telefon. „Guten Abend. Mein Name ist Ferris Eisenstein, ich bin der Geschäftsführer von Netzgermania. Du hast gestern Abend eine Mail an unser OC geschickt. Wir haben den Vorgang inzwischen etwas näher untersucht. Ich würde mich gerne mit Dir darüber unterhalten.“ Michael Kahrmann war im ersten Moment mehr als verwundert, dass er vom CEO von Netzgermania direkt angerufen wurde. Natürlich hatte er von Ferris Eisenstein gehört. Trotzdem war es höchst ungewöhnlich, dass sich der CEO eines Milliardenkonzerns persönlich um eine E-Mail kümmerte. Ferris war wieder ganz in seinem Element. Das Thema lag ihm mehr, als die ständigen Aufsichtsratssitzungen und die Diskussionen über Liquidität und Quartalsberichte. Für ihn war ein Gespräch zwischen zwei Netzwerkspezialisten das Normalste auf der Welt, während Michael noch Schwierigkeiten hatte, sich auf das Duzen einzustellen. Aber es war wohl normal in der ›New Economy‹, dass man von Ferris Eisenstein geduzt wurde. Es war zwar etwas komisch, aber es schaffte auch Vertrauen und Verbundenheit. Nachdem Michael den ersten Schock überwunden hatte, berichtete er Ferris von den Geschehnissen der letzten Nacht. „Der Hacker ist einfach durch alle unsere Sicherheitssysteme gekommen. Er hatte offensichtlich einen Usernamen und ein Passwort. Beides wird aber nur von mir vergeben und verwaltet, und ich habe diesen User nie eingerichtet. Meiner Meinung nach sind hier Profis am Werk. Keine Ahnung, wie sie das anstellen.“ „Was hat er bei euch gewollt?“ „Er hat begonnen, für uns sehr wichtige Dateien herunterzuladen. Wir haben ihn dabei erwischt und konnten das Schlimmste verhindern. Ich habe den Stecker rausgezogen. Das war der einzige Weg, um ihn aufzuhalten.“ „Was hat er bei euch runtergeladen?“ „Das darf ich dir nicht sagen. Aber du weißt ja, was wir herstellen: Sicherheitstürsysteme und man könnte – rein theoretisch gesprochen natürlich – bei uns nach Möglichkeiten suchen, diese Systeme zu umgehen.“ „Was wisst ihr noch über den Unbekannten?“ „Das darf ich auch nicht sagen.“ „Hm, hm,…“ Das war für Ferris wesentlich weniger zufriedenstellend, als erwartet. Wieder so ein junger IT-Schnösel, der es ganz genau nahm mit all seinen Sicherheitsprotokollen. Und das obwohl er ja zusammen mit ihm das „gemeinsame Problem“ untersuchen wollte. Deswegen versuchte er jetzt dem IT-Administrator Vertrauen zu geben, indem er zuerst Details nannte. „Also rein theoretisch war es bei uns ähnlich. Er hat hier alle Sicherheitsbarrieren durchbrochen, und um ehrlich zu sein, wir wissen auch noch nicht, wie er das macht. Auch bei uns verfügt er über gültige Zugangsnamen und Passwörter, die es eigentlich gar nicht geben dürfte und die ihm niemand eingerichtet hat. Aber wir sind in einer weit schwierigeren Situation als Ihr, wir können nicht einfach den Stecker von Netzgermania rausziehen. Daher bin ich für jeden Hinweis dankbar, der uns helfen kann, dem Hacker das Handwerk zu legen. Kannst Du mir bitte genau beschreiben, wie es bei euch abgelaufen ist?“ „Er kam über den Internetserver. Aber dieser ist absolut getrennt von unserem anderen Rechner. Wir wissen nicht, wie er es geschafft hat, durch die Firewall zu kommen und auf unsere anderen Systeme zuzugreifen. Offensichtlich konnte er unsere Firewall umgehen. Wir haben auch keinen Hackerangriff registriert. Er hat die Sicherheitssysteme nicht nur umgangen, sondern ist an ihnen vorbei, ohne dass er bemerkt wurde. Es ist unheimlich. Ich habe eine Datei, die den Verlauf des Zugriffs des Fremden auf unser Netzwerk dokumentiert. Ich müsste einige unternehmenssensible Daten rauslöschen, aber wenn wir uns darauf einigen, dass das Ganze unter uns bleibt, könnte ich dir die Datei mailen.“ „Mach dir keine Gedanken, natürlich bleibt das Ganze unter uns, wir sind beide in derselben Situation. Wenn es bekannt wird, dass irgendjemand hier in unser Netzwerk eindringen kann, wann immer er will, und dann auch machen kann, was er will, während wir keine Möglichkeit haben, das zu verhindern, dann ist das auch für uns mehr als nur eine Blamage. Wir sitzen im selben Boot und haben den gleichen Gegner. Lass uns zusammenarbeiten.“ „Ja, lass uns zusammenarbeiten. Die Datei ist schon so gut wie unterwegs, wie ist deine Mailadresse?“ Ferris gab seine Mailadresse durch und versprach, sich sofort zu melden, sobald er etwas Neues herausbekommen hatte. Ferris hatte, nach dem Gespräch mit SEC-ON, bei den an den Wänden seines Arbeitszimmers montierten großen, beschreibbaren und magnetischen Tafeln eine Ecke frei gewischt und schrieb jetzt Stichworte an die Wand: ›umgehen von Sicherheitssystemen‹, ›außer Kraft setzen von Sicherheitssystemen‹, ›Beschaffen von Zugangsdaten für Türschließsysteme‹, ›keine Spuren hinterlassen‹, ›verwendete Technik: unbekannt‹. Er setzte sich ein bisschen zurück und dachte über diese Liste nach. Der Gegner war ein Spezialist in der Überwindung von Sicherheitssystemen. Nicht auf die brutale Art, er knackte sie nicht – er ließ sie für sich arbeiten. Er ging einfach durch sie durch, ohne Alarm auszulösen, ohne Spuren zu hinterlassen. Und offensichtlich wollte er das nicht nur in der virtuellen Welt. Er wollte sich Daten beschaffen, mit denen er das Gleiche auch in der realen Welt tun konnte, deshalb der Angriff bei SEC-ON. Der Fremde wollte nicht nur durch Firewalls gehen, sondern auch durch echte Türen. Und er benutzte Netzgermania für seine Zwecke. Es wurmte Ferris, dass ihm jemand technisch überlegen war, denn er bildete sich ein, dass er viel von Netzwerken verstand. Schließlich war er als Student selbst mal Hacker gewesen, allerdings ohne je einen persönlichen Vorteil davon zu haben. Aber dieser Unbekannte verstand offensichtlich mehr davon als er. Und er konnte sein Unternehmen gefährden. Im Internetgeschäft waren es manchmal Kleinigkeiten, die über Leben und Sterben einer Firma entschieden. Hier war etwas geschehen, das Netzgermania ernstlich gefährden konnte. Er musste herausfinden, wie der Fremde vorging und vor allem musste er schnell einen Weg finden, um den Gegner zu stoppen. Ferris war zu lange aus dem Thema draußen, er war nicht auf dem Laufenden, was sich in der Hackerszene so tat und welche Techniken zurzeit angesagt waren. Er brauchte Unterstützung. Der Beste, der ihm hierfür einfiel, war sein Freund aus Studenten-tagen, Leo Baldure. Ihre Wege hatten sich nach der Uni getrennt. Während Ferris begann, sein Unternehmen aufzubauen. Michael Kahrmann verließ um 00.30 Uhr die Gebäude von SEC-ON. Nach dem Gespräch mit Ferris Eisenstein war er erleichtert. Er hatte den besten Verbündeten gefunden, den er sich vorstellen konnte. Er freute sich darauf, seiner Geschäftsführung morgen früh berichten zu können, dass er mit Ferris Eisenstein gesprochen hatte. Wenn man bei SEC-ON das Vertrauen in ihn verloren haben sollte, könnte er morgen bestimmt etwas davon zurückholen. Er war zwar auch etwas verunsichert, ob er die Datei, die den Hackerangriff in allen Einzelheiten dokumentierte, so einfach an Ferris hätte mailen dürfen. Vielleicht war er etwas voreilig gewesen, aber das brauchte er morgen ja erst mal nicht zu erzählen. Er hatte alle wichtigen Dokumente und Dateien auf den Laptop geladen, den er unter dem Arm trug. Damit wollte er sich zu Hause bei einem Glas Wein und etwas Musik hinsetzen, sich das Ganze in Ruhe durch den Kopf gehen lassen und dann entscheiden, was weiter zu tun war. Michael war in seine Gedanken versunken, als er auf die Fahrbahn trat, um zu dem auf der anderen Straßenseite gelegenen Parkplatz zu gelangen. Er sah das herannahende Auto erst, als der Motor aufheulte. Sekundenbruchteile später wurde er schon von ihm erfasst und flog durch die Luft. Das Auto drehte um, fuhr zurück und hielt neben dem leblosen Körper von Michael an. Ein Mann beugte sich aus dem Auto, nahm die Laptoptasche an sich, die Michael gerade noch in der Hand gehalten hatte, und fuhr dann sofort weiter. SEC-ON lag in einem Industriegebiet. Der Vorfall war von niemandem beobachtet worden. Erst etwa zehn Minuten später fand ein vorbeifahrender Autofahrer den toten Michael Kahrmann. Der bald darauf eintreffende Notarzt konnte nur noch den Tod bestätigen. Der Absturz, Juni 2011 Nachdem die drei Deutschen unbeschadet in Ihrer Basis-Station ankamen, wurden sie sofort von den Sanitätern empfangen und medizinisch versorgt. „Hey Brian, wer war der Typ?“ Mike sah Schuster fragend an. „Ein Geist…“ Mehr fiel ihm dazu nicht ein, da er genauso wie seine Kollegen, bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte, bevor „the Don“, sie aus der abgefuckten vermasselten Mission, nach dem Heli-Absturz, noch herausgeholt hatte. Da sie alle drei in verschiedenen Krankenzimmern versorgt und auch zum Bericht befragt wurden, konnten sie sich über ihre wundersame Rettung vorerst nicht mehr austauschen, so dass die Erinnerung an Nicolas Dominique immer mehr verschwand. Am 4. Tag nach ihrer Ankunft im Basis-Lager wurden sie darüber informiert, dass sie mit der nächsten Maschine nach Hause geschickt werden würden. Diese Order kam anscheinend direkt von der NATO, bzw. deren zuständigen Leiter General Bosdorf, der diese misslungene Aktion geplant hatte und auch verantworten musste. Am Tag des Abfluges wurden sie bereits in den frühen Morgenstunden um 4.30 Uhr zur Maschine gebracht. „Wisst ihr, was mir irgendwie komisch vorkommt, Jungs?“ Brian Schuster sah seine beiden Kollegen, die als Einzige mit ihm zusammen die Mission überlebt hatten, mit wachen Augen an. Beide hörten ihm aufmerksam zu und Hartmann nickt kurz. „Seit wir im Lager angekommen waren, habe ich außer dem Arzt und dem Amerikaner, der mich zu der ganzen Scheiße befragt hatte, keinen anderen gesehen, nicht mal kurz.“ Hartmann nickte wieder beiden zu „Ja, das ist mir auch aufgefallen. Irgendwas ist hier am Laufen, aber ich kann mir auch noch keinen Reim darauf machen. Einfach mal abwarten, was uns in Deutschland erwartet.“ „Ich wollte ja schon nach Deutschland funken und mit Mikaela oder Ferris sprechen, aber angeblich war der Funk in den letzten Tagen gestört.“ Mike wollte noch etwas sagen, aber Hartmann, stoppte ihn mit einer Armbewegung, da einer von dem Begleitungskommando zu ihnen in die Kabine kam. „Hallo, ich bin O´Brian und habe hier bis zu Eurer Ankunft in Deutschland das Kommando und die Aufgabe Euch sicher nach Hause zu bringen. Ich habe ein Team mit vier Agenten dabei, damit dass auch sicher klappt.“ Er lächelte sie freundlich an und gab jeden von ihnen die Hand zur Begrüßung. „Ihr habt ja ganz schön was mitgemacht die letzten Tage, wie man so hört.“ Im belgischen Casteau war es kurz nach fünf Uhr morgens. In der sechsten Etage des weiß getünchten Bürogebäudes der Supreme Headquarters Allied Powers Europe / SHAPE, dem wichtigsten militärischen Hauptquartier in Europa, trommelte ein alternder Mann im verknitterten Nadelstreifenanzug mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Sein Gesicht wirkte kalkweiß und der Schweiß lief an seinem fleischigen Nacken hinab, bis das Hemd aus feinster ägyptischer Baumwolle im Rücken klatschnass war. Sir Donald Frankiston versuchte, sich bewusst zu entspannen und die deutliche Besorgnis aus seiner Stimme zu verdrängen. Das Satellitentelefon piepste erneut. Er starrte zum wiederholten Mal auf die gerahmte Fotografie, die auf seinem Schreibtisch stand. Sein Sohn, inzwischen 40 Jahre alt, saß auf einer Hängematte am Strand, neben ihm seine wunderschöne Frau. Die Zwillinge, beides Mädchen, jeweils eins auf dem Schoß jedes Elternteils. Alle vier lächelten glücklich. Sir Frankiston wandte den Blick von dem Foto ab und schielte auf den Stapel neuerer Aufnahmen, die er in den fleischigen Händen hielt. Auch die hatte er sich bereits zigmal angesehen. Darauf waren dieselben vier Personen zu sehen, dieselbe Familie – mit dem Unterschied, dass die Zwillinge inzwischen ein wenig älter waren. Die Fotos wiesen die typische Körnigkeit von Überwachungsbildern auf und zeigten die Familie beim Spaziergang im Park, die Zwillinge auf dem Schulhof am Grosvenor Square, seine Schwiegertochter beim Einkaufen im Supermarkt. Der Kamerawinkel und die Nähe des Fotografen zu den Objekten vermittelten eine eindeutige Botschaft: Er hätte ganz leicht zu jeder der abgebildeten Personen hingehen und ihnen etwas antun können. Lloyds Drohung war eindeutig: Sir Frankistons Familie konnte jederzeit sterben. Das Telefon piepste zum dritten Mal. Sir Frankiston atmete gedehnt aus, warf die Überwachungsbilder auf den Boden und nahm das nervtötende Telefon in die Hand. „Hier ist O´Brian. Hören Sie mich, Sir Frankiston?“ „Ausgezeichnet, O´Brian“, bestätigte Sir Frankiston. Er presste sich das Satellitentelefon dicht ans Ohr, um das Dröhnen der Motoren zu übertönen. „Sehr gut. Wie ist Ihr Status?“ „Wir haben die Zielposition soeben mit dem Paket verlassen.“ „Verstanden. In welchem Zustand befindet sich das Paket?“ „Sieht aus wie ausgekotzt, Sir, aber sie sagen, dass sie alle drei soweit in Ordnung sind.“ „Verstanden. Warten Sie kurz“, erwiderte Sir Frankistons Stimme. O´Brian rieb sich mit dem Handschuh übers Gesicht und spähte zu seinen vier Agenten hinüber. Dann glitt sein Blick zu den drei Soldaten, die am Ende der Bank saß. Die Verbände verbargen die Gesichtszüge, aber O´Brian erkannte trotzdem, wie erschöpft die Männer sein mussten. Der Rücken lehnte am Flugzeugrumpf und beide Arme ruhten auf der Waffe. Die Augen starrten ins Leere. O´Brians Männer saßen der Reihe nach rechts von ihm, alle in ähnlicher Haltung, aber in einigem Abstand zum Paket. Eine halbe Minute später meldete sich Sir Frankiston erneut. „O´Brian, hier ist Sir Frankiston. Es gibt eine Planänderung. Sie und Ihre Männer werden selbstverständlich entsprechend entschädigt.“ O´Brian stand augenblicklich kerzengerade. Er legte die Stirn in Falten. „Verstanden, Sir Frankiston. Geben Sie mir die Planänderung durch.“ „Die Lieferung des Pakets wird abgebrochen.“ O´Brian legte den Kopf schief. „Negativ, Sir. Wir können nicht auf den Boden zurück. Der Flugplatz ist aktuell zu arg im Fokus der Rebellen und ...“ „Das meine ich nicht, O´Brian. Sie müssen das Paket für mich ... vernichten.“ Schweigen. „Können Sie das wiederholen, Sir Frankiston?“ Der Tonfall des Mannes am anderen Ende veränderte sich. Er klang jetzt weniger nüchtern. Menschlicher. „Ich habe ... ein unerwartetes Problem, O´Brian.“ Auch O´Brians Stimme büßte den üblichen knappen Rhythmus des Funkverkehrs ein, als er antwortete. „Ja, ich schätze, das haben Sie.“ „Ich will, dass alle drei liquidiert werden.“ O´Brian stützte den Kopf auf die behandschuhte Hand. Seine Finger klopften nervös gegen die Wange. „Sind Sie ganz sicher? Das sind deutsche GSG 9 Soldaten und somit im Augenblick Ihre Männer.“ „Das weiß ich.“ „Ich bin auch einer Ihrer Männer.“ „Es ist kompliziert, mein Junge. Normalerweise nicht meine Art, Geschäfte zu machen.“ „Es ist nicht richtig.“ „Wie schon gesagt, Sie werden alle für diese Abweichung vom ursprünglichen Plan entschädigt.“ O´Brian starrte unentwegt auf das Paket, als er fragte: „Wie viel?“ Fünf Minuten später sah O´Brian zu seinen Männern hinüber und griff nach dem Funkgerät am Brustpanzer. Er drehte den Regler, bis es klickte. „Keiner sagt jetzt ein Wort. Nur nicken, wenn ihr mich versteht.“ Seine vier Kollegen hoben die Köpfe und sahen sich um. Ihre Blicke fanden O´Brian am vorderen Ende des Laderaums und sie nickten quasi gleichzeitig. Die drei verletzten Soldaten starrten blicklos auf die Palette mit der Ausrüstung in der Mitte der Kabine. „Hört zu, Sir Frankiston hat angeordnet, dass wir das Paket entsorgen sollen.“ Aus gut zehn Metern Entfernung registrierte O´Brian in dem hell erleuchteten Laderaum deutlich die schockierten Reaktionen seiner Männer. Er zuckte die Achseln. „Fragt mich nicht, Jungs. Ich erledige hier nur meinen Job.“ Die vier Männer auf der Bank schielten unauffällig zu dem Paket hinüber. Die saßen der Rampe am nächsten, angeschnallt, die verbundenen Gesichter auf den Boden des Laderaums gerichtet. Anschließend schauten sie zu ihrem Anführer zurück und nickten gleichzeitig. Mike Nowak saß ein bisschen abseits der geschlossenen Flugzeugrampe, lauschte dem Heulen der Motoren und schnappte stoßweise nach Luft, während er sich anstrengte, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Sein Hintern mochte zwar auf der Stoffbank im Laderaum der L-100 sitzen, aber sein Geist befand sich nach wie vor da unten. Im Sand. In der Dunkelheit. In der Scheiße. Wie konnten sie nur so schnell vom Feind entdeckt und abgeschossen werden? Warum gab es keine Aufklärer, die sie hätten warnen müssen? Wer war Nicolas, ihr ominöser Rettungsengel wirklich und was hatte der mitten in der Wüste zu tun? Weshalb wurden sie alle drei im Lager separiert? Warum gab es keinen Funkkontakt zu ihrem restlichen Team in Deutschland? Fragen über Fragen, die ihm im Kopf herumschwirrten und auf die er alle keine Antwort hatte. Und dann der Verlust des halben Einsatzteams, alles gute und hervorragende Soldaten! Beim Gedanken an die toten Jungs kamen ihm Tränen in die Augen. Es war eine absolute Katastrophe Ihres Einsatzes. Welcher Dilettant hatte hier den Einsatz geplant? Wer war diese CIA- Tante, die unbedingt noch vor Ihrem Abflug aus Deutschland zurückgerufen werden wollte? Ausgerechnet VOR dem Einsatz-Start. Natürlich hatte er darauf gepfiffen. Jetzt gab auch das Grund zum Nachdenken. Vielleicht hatte sie Informationen, die wichtig gewesen wären, wer weiß das schon. Auf jeden Fall würde er sie sobald wie möglich zurückrufen und nachfragen. Das musste alles in Deutschland geklärt werden, hochoffiziell. Das war klar, denn hier passte so gut wie nichts sinnvoll zusammen. Eigentlich war das ein Himmelfahrtskommando von Anfang an! Der Agent, der ihm am nächsten saß, stand auf und ging auf die andere Seite der Palette, um sich auf die gegenüberliegende Bank zu setzen. Mike warf einen Blick nach rechts, wo der Anführer des Evakuierungsteams an seiner Ausrüstung herumrückte. Er begann, auch die anderen zu mustern, aber sein Blick wanderte unwillkürlich zurück zum Anführer im vorderen Teil der Maschine. Etwas stimmte nicht. Der Mann stand stocksteif da und sein Gesichtsausdruck wirkte extrem angespannt, obwohl seine Augen ins Leere zu schweifen schienen. Seine MP5 hielt er eng vor der Brust und gerade zupfte er den rechten Handschuh zurecht. Sein Mund bewegte sich. Er sprach ganz offensichtlich ins Funkgerät und erteilte seinen Männern Befehle. Mike musterte sein eigenes Funkgerät. Es war auf denselben Kanal eingestellt wie die Geräte des Teams, aber jetzt hörte er nichts. Seltsam. Nowak drehte den Kopf, um seine beiden Kollegen neben sich auf der Bank zu betrachten. Haltung und Gesichtsausdruck der Beiden verrieten ihm, dass sie ebenfalls nichts hörten und offensichtlich schon mit ihren Gedanken back in good old Germany waren. Oder sie schliefen jetzt, zumindest regten sie sich im Augenblick nicht. Die Agenten waren auch nicht, wie erwartet, damit beschäftigt sich bei der Rückholaktion in der Maschine zu entspannen, genau wie ihr Anführer. Nein, sie wirkten vielmehr wie Soldaten, die im Begriff standen, eine neue Mission zu beginnen. Mike hatte 12 Jahre Erfahrung mit verdeckten Operationen und es gehörte zu seinem Beruf, Gesichter zu lesen und Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Er wusste, wie ein Agent aussah, wenn er entspannt war, und er wusste fast noch besser, wie einer aussah, wenn im nächsten Moment ein neuer Kampf begann. Verstohlen löste er den Gurt, der ihn auf der Bank sichern sollte, bevor er sich seinen beiden Kollegen unauffällig zuwandte und sie darauf aufmerksam machte. O´Brian stand immer noch vorn, aber nun sprach er nicht länger ins Mikro, sondern starrte Mike direkt an. „Hey, was ist los?“, rief Mike über das Dröhnen der Motoren hinweg. O´Brian trat unruhig auf der Stelle. Jetzt fragte auch Brian lautstark ob irgendetwas nicht in Ordnung sei. Noch einmal brüllte Mike durch die vom Lärm erfüllte Kabine: „Was du auch vorhast, du solltest ...“ Einer der Agenten wirbelte viel zu schnell herum und zückte bereits in der Bewegung die Pistole, um diese auf sie zu richten. Nowak stieß sich mit den sandverkrusteten Stiefeln von der Seitenwand ab, warf sich vorwärts und rollte herum, um hinter der hoch beladenen Palette mit der Ausrüstung in Deckung zu gehen. Dabei warf er den neben sich liegenden Seesack in die Richtung des Agenten, um seine beiden Kollegen ebenfalls zu schützen. „Jungs, passt auf, das ist eine Falle!“ schrie er jetzt zu den beiden, die aber ebenfalls schon Schutz hinter den Paletten suchten. Der Kampf hatte begonnen. Mike Nowak hielt sich nicht lange mit der Tatsache auf, dass seine Retter sich plötzlich gegen ihn wandten. Er verschwendete keine Sekunde auf die Frage, warum sich die Situation so grundlegend geändert hatte. Mike Nowak tötete Männer. Das war sein verdammter Job! Diese Männer wollten sie töten, warum auch immer. Alles andere spielte keine Rolle mehr. Mit Hartmann war zu rechnen, der hatte außer ein paar gebrochenen Rippen und Prellungen beim Absturz gar nicht so viel abbekommen, aber Schuster mit seinem offenen Beinbruch, war da schon eher gefährdet. Der Agent konnte einen Schuss aus seiner Sig Sauer abfeuern, aber der strich viel zu hoch über die Palette hinweg. Bevor Mike hinter der unförmigen Ladung abgetaucht war, hatte er gesehen, wie sich 2 Agenten rasch losschnallten. Lediglich der Kleinste von dem „Rettungsteam“ befand sich als Einziger zu seiner Linken, während Nowak hinter der Palette kauerte und den Blick auf die Tür zum Cockpit richtete. O´Brian stand vorne, ganz dicht bei diesem Durchgang, und die anderen drei Agenten lauerten rechts von ihm. Mike wusste, dass er den Mann zu seiner Linken eliminieren musste, damit sie ihn und seine Kollegen nicht in die Zange nehmen konnten. Er rollte sich auf die linke Schulter, tauchte mit erhobener M4 hinter der Ladung auf und feuerte eine lange Salve auf den Agenten ab. Der Kopf mit dem Nachtsichtgerät vor den Augen krachte nach hinten gegen die Wand, und die Heckler & Koch fiel ihm aus den Händen. Der erste Gegner sackte tot auf der Bank zusammen. Nowak hatte ihn getötet und kannte nicht einmal den Grund dafür. Sofort eröffneten alle Männer im Laderaum der L-100 das Feuer. Vier Waffen spuckten Blei in ihre Richtung. Mike duckte sich eng an die dicht gepackte Ladung, als das Kreischen von der Rumpfwand her einsetzte. Ein grelles Pfeifen erklang, als die vielen Einschusslöcher die Druckluft aus der Maschine nach draußen entweichen ließen. Die Crew im Cockpit konnte das Kreischen der durchbohrten Außenhaut nicht hören, aber der Lärm der Schüsse war ganz sicher zu ihnen durchgedrungen, denn sie lenkten die L-100 sofort in einen Sturzflug, um möglichst schnell in dichtere Luftschichten zu gelangen. Sie mussten schnell handeln, weil der Druckabfall die Maschine sonst in Stücke zu reißen drohte. Der heftige Sturzflug ließ Nowak, seine beiden Kollegen und die vier Möchtegern-Attentäter fast schwerelos werden. Mikes Körper wurde aus der relativ sicheren Deckung der Ladung in die Höhe gerissen und vollführte zwei linkische Rückwärtssaltos, bevor er gegen die Decke des Laderaums stieß und daran entlang bis zur hinteren Rampe krebste, die jetzt den höchsten Punkt der Kabine darstellte. Zwei der Schützen machten ebenfalls einen Satz in die Luft und feuerten über die Köpfe hinweg auf ihr Ziel. Nowak spürte, wie die Streifschüsse der beiden 9-Millimeter-Patronen aus der MP5 in die Brustplatte seines Körperpanzers einschlugen. Die Wucht der Treffer brachte ihn für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht, aber aus dieser ungewollt verdrehten Position heraus bemerkte er, dass einer der Agenten noch in seinem Sitzgurt hing, und zwar rechts von ihm in der Luft. Der Mann bot ein leichtes Ziel. Nowak schoss dem Agenten mit der M4 direkt in den Kopf. Der Körper des Mannes erschlaffte, aber seine Arme und Beine schienen in der Schwerelosigkeit des Sinkflugs zu tanzen. Die sechs noch lebenden Männer im Laderaum wirbelten mehrere Sekunden lang im Kreis herum wie Socken im Wäschetrockner. Der Anführer, O´Brian, befand sich tiefer als die anderen. Er hatte es geschafft, sich an einem Netz am vorderen Ende der Kabine festzuhalten und seinen Arm darin einzuhaken. Nun versuchte er, mit der Maschinenpistole auf Nowak zu zielen, der zehn Meter über ihm durch die Luft segelte. Aber die beiden anderen Agenten stießen immer wieder mit Nowak zusammen, als alle drei völlig außer Kontrolle durch die Kabine flogen. Gewehrkolben, Stiefel und Fäuste kamen jedes Mal zum Einsatz, sobald ein Mann in Reichweite des anderen gelangte. Wenigstens konnten sich Hartmann und –Schuster einigermaßen auf der Rückseite in Deckung halten. Obwohl die Männer sich schwerelos fühlten, schossen sie doch mit Höchstgeschwindigkeit der Erde entgegen. Weil das Flugzeug mit ihnen nach unten stürzte, fehlte es an Orientierungspunkten, die sie spüren ließen, dass sie wie Felsbrocken auf den Boden zurasten. In dem Chaos, dem Geschrei und der allgemeinen Orientierungslosigkeit, die einen überkam, wenn man den vermeintlich festen Boden unter den Füßen verlor, wurde Mike noch einmal rückwärts geschleudert. Das Gewehr glitt ihm aus den Händen und dann rutschte auch die Schlinge über seinen Kopf davon. Die Waffe befand sich nun außer Reichweite. Sofort zückte er seine Glock-19-Pistole und hob sie, um blindlings zu feuern. Aber dann fühlte er den Einschlag einer Kugel, die seine rechte Hüfte durchbohrte. Der Aufprall warf sein Bein mit derselben Wucht nach hinten, als habe ihm jemand einen Schlag mit dem Hammer verpasst. Er ignorierte die Verletzung und biss die Zähne zusammen, als seine Füße auf den ersehnten Widerstand der hinteren Rampe trafen. Er sah nach oben an die vordere Decke, die sich nunmehr unten befand, und hatte O´Brian sofort im Visier. Der Anführer des Rettungsteams krallte sich noch immer mit einem Arm an der Netzverkleidung der Stirnwand fest und hatte die Maschinenpistole mit der anderen Hand nach oben auf Mike gerichtet. Dieser feuerte sechs schnelle Schüsse auf ihn ab. Der Körper des Agenten zuckte heftig, als die Kugeln in Unterleib und Bauch einschlugen. Als Nächstes wollte er die Waffe auf die beiden restlichen Agenten richten, aber der Leichnam von dem toten Agenten segelte durch sein Blickfeld und vereitelte den Versuch. Inzwischen war der Pilot offenbar der Meinung, dass er nun genug Sand in den Augen hatte, und zog die Maschine endlich wieder hoch. Daraufhin stürzten alle Passagiere in der Kabine, ob tot oder lebendig, auf den stählernen Boden zurück, landeten krachend auf der Ladefläche und kullerten wie Bowlingkugeln auf die vordere Wand zu. Der Aufprall riss Mike die Pistole aus der Hand, und er polterte dem Cockpit entgegen, während der Schmerz der Schusswunde mit jedem Ruck stärker in seiner Hüfte tobte. Er rutschte auf die Netzverkleidung der Stirnwand zu und bekam sie beinahe zu fassen, als das Flugzeug unvermittelt sein Gleichgewicht zurückgewann und der Pilot sofort den erneuten Aufstieg einleitete. Der Schwung schob Nowak kurz gegen die Wand, doch sobald die Ladefläche sich erneut rapide neigte, rutschte er zurück in die entgegengesetzte Richtung. Seine Fingerspitzen streiften lediglich leicht das Nylonnetz unweit von O´Brians leblosem Körper, der immer noch mit dem Arm darin klemmte. Nowak rutschte nach hinten. Er versuchte, sich auf allen vieren zu halten, kippte aber seitlich weg, schlitterte, rollte und wurde schließlich erneut durch die Luft geschleudert. Der Schmerz in der Hüfte wurde noch schlimmer, als er am hinteren Ende der Maschine landete, aber dann verblasste dieser Schmerz, denn der jähe Zusammenstoß mit einem der Agenten, der gegen seinen Brustkorb geschleudert wurde, fühlte sich an wie ein Zerquetschen. Der Agent war mit dem Rücken gegen Nowak geprallt und der heftige Zusammenstoß schien ihn für einen Moment außer Gefecht gesetzt zu haben. Mike legte dem Agenten mit einer raschen Bewegung die Arme um den Kopf und drehte diesen mit einem gnadenlosen Ruck herum. Dessen Genick brach mit einem fiesen Knirschen. Er war sofort tot. Der tote Agent trug sein Gewehr an einer Schlinge mit nur einem Haken um den Hals. Es handelte sich quasi um eine überdimensionierte Halskette mit einer automatischen Waffe als Anhänger. Mike wollte sie ihm über den Kopf streifen, aber die Schlinge hatte sich irgendwo an der Brustpanzerung verfangen. Also zog er die Waffe bis zur Schulter des Toten hoch und bemühte sich, den letzten lebenden Gegner ins Visier zu nehmen. Der benutzte gerade die Beine der langen Bank an der Seitenwand wie eine Leiter, um die kleine Kammer des Lademeisters ganz vorne zu erreichen. Mike drückte ab, aber das Magazin war leer und es klickte lediglich. Er tastete auf den Brustpanzer des toten Agenten nach einem weiteren Magazin und ließ es hastig einrasten. Er wollte gerade abdrücken, als der Mann in der Kammer verschwand. Das Flugzeug hatte sich inzwischen wieder eingependelt und Mike gewann sein Gleichgewicht zurück. Er blieb nahe der Ladeklappe hinter der Palette geduckt und wartete darauf, dass der Agent wieder aus der Tür auftauchte. Ohne Vorwarnung hörte er hinter sich ein lautes Rattern. Die Laderampe senkte sich langsam herab und der Wind dröhnte in seinen Ohren. Der Agent hatte die Rampe mit dem Schalter in der Kammer aktiviert. Kaum eine Sekunde später stieg das Flugzeug erneut steil nach oben. Mike angelte, genauso wie seine beiden Kollegen, gehetzt nach dem Netz, das die Palette an ihrem Platz auf der Ladefläche fixierte, da kehrte der letzte Agent aus der Kammer zurück. Der dunkel gekleidete Agent hatte sich einen Fallschirm auf den Rücken geschnallt. Offenbar glaubte er, das Flugzeug sei zu schwer beschädigt, um noch sicher zu landen, oder der Pilot war von einem Querschläger getroffen worden. Der Agent hielt sich ebenfalls am Netz der Stirnwand fest und feuerte unentwegt einhändig in ihre Richtung, während die Laderampe in ihren Rücken sich inzwischen komplett geöffnet hatte. Mit der freien Hand griff Mike hinter sich und zog dem toten Agenten die Waffe vom Hals, bevor der Tote aus der offenen Luke in die Dunkelheit hinausrollte. Der Pilot hielt die Schnauze des Flugzeugs weiterhin nach oben gerichtet. Kurz darauf glitt auch der Leichnam vom ersten Agenten an ihnen vorbei in die Nacht hinaus. Einer der Agenten hing nach wie vor im Gurt seines Sitzes fest und O´Brian steckte immer noch mit dem Arm im Netz. Nowak, Hartmann, Schuster und der letzte der Agenten waren die einzigen Männer hier hinten, die noch lebten. Mit der rechten Hand hielt Mike die Maschinenpistole fest, während die linke sich ins Netz über der Palette krallte. Der Handschuh um seine Finger war verdreht und er ahnte, dass er bald den Halt verlor. Seine Stiefel rutschten hilflos über den Stahlboden, als er darum kämpfte, sich irgendwo abzustützen. Der Neigungswinkel wurde steiler und steiler. Es war nur eine Frage von Sekunden, bis sie alle rückwärts aus der Maschine stürzten. Aber Nowak witterte eine letzte Chance und beschloss, sie zu nutzen. Er hob das Gewehr und zielte mehrfach über die Ladung hinweg auf den Agenten, den er mitten auf dem Brustpanzer traf. Dabei wurde der Kopf des Agenten so heftig gegen die Stirnwand geschleudert, dass er das Bewusstsein verlor. Der Neigungswinkel des Flugzeugs näherte sich 45 Grad und der ohnmächtige Agent verlor den Kontakt zum Netz, sackte auf die Knie und kugelte über den Stahlboden der hinteren Klappe entgegen. Nowak wollte seine Mitfahrgelegenheit aus dem schlingernden Flugzeug hinaus nicht verpassen. Als der außer Gefecht gesetzte Agent an ihm vorbeirutschte, ließ Mike die Palette los und stieß sich mit Stiefeln und Knieschützern vom Boden ab. Er warf sich nach rechts, packte den bewusstlosen Mann am Fallschirmgurt und segelte mit ihm gemeinsam durch die offene Ladeklappe in den Nachthimmel hinaus. Seine beiden Kollegen hatten zum Glück die Situation ebenfalls genutzt um sich Fallschirme, von denen es im Laderaum genug gab, zu schnappen und umzuhängen. Sie segelten genauso wie Nowak, der noch an dem Agenten hang, aus der Maschine hinaus in die Luft. Nowak schlang die Arme um den Oberkörper des Agenten und kreuzte die Beine hinter dessen Rücken. Die L-100 verschwand über ihnen in der Dunkelheit. Schon bald wurde das Heulen des Windes um sie herum lauter als das Dröhnen der Motoren. Mike keuchte und schrie vor Anstrengung, während er sich so gut wie möglich an dem Mann mit dem Fallschirm festhielt. Er traute sich nicht, mit einer Hand loszulassen, um die Reißleine zu ziehen. Er vertraute darauf, dass dieser Fallschirm eine Öffnungsautomatik besaß, die den Ersatzschirm auf 50 Meter Höhe auslöste, wenn der Träger sich dann immer noch im freien Fall befand. Nowak und sein versuchter Mörder stürzten Hals über Kopf durch die kalte Schwärze. Eine seiner Hände bekam den Schultergurt zu fassen und dann forschte er auch mit der anderen Hand nach einem Gurt. In diesem Moment hörte er einen kurzen Piepston und der Ersatzfallschirm ging auf. Mike hielt sich mit einer Hand fest. Dieser Schirm war nicht für zwei Leute gedacht, von denen einer panisch strampelte und verzweifelt nach sicherem Halt suchte. Die Männer fielen nach wie vor zu schnell und rotierten wie ein überdimensionierter Kreisel. Nach wenigen Sekunden wurde das Schwindelgefühl so stark, dass Nowak sich übergeben musste. Der Sturz dauerte nicht mehr lange, aber sein Magen war bereits vollständig leer, als sie auf dem Boden aufschlugen. Mikes Aufprall wurde etwas abgefedert, denn er landete direkt auf dem Mann mit dem Fallschirm. Rasch untersuchte er den Agenten. Der war mit dem Gesicht zuerst auf die Erde geknallt und hatte ihm als Puffer gedient. Mike fand keinen Puls mehr. Hartmann konnte fast neben ihm sicher und geübt landen. Bei Schuster mit seinem gebrochenen Bein glückte die Landung leider nicht optimal, so dass dieser mit dem Bein zuerst auf dem Boden aufkam und dass mit einem mörderischen Schmerzschrei quittierte. Zurück auf sicherem Untergrund bezwang Mike seinen Brechreiz, fasste sich an die Hüfte und wand sich ein paar Sekunden lang vor Schmerzen, bevor er sich ausreichend gefangen hatte, um aufrecht sitzen zu können. Das erste Licht des nahenden Morgens ließ sich zu seiner Linken erahnen und zeigte ihnen so den Weg nach Osten. Nachdem sie sich grob orientiert hatten, musterten sie ihre Umgebung. Sie befanden sich in ebenem Gelände, am tiefsten Punkt einer sanften Talmulde. Der tote Agent lag mit gebrochenen Knochen auf dem Rücken und der Reservefallschirm flatterte hinter ihm in der kühlen Brise. Es dämmerte. Mike durchsuchte die Ausrüstung des Mannes und stieß in einer Hosentasche des Agenten auf ein Erste-Hilfe-Kit. Er setzte sich ins Gras und versorgte notdürftig im Dunkeln seine Wunde. „Scheiße, Mike, hat Dich einer erwischt?“ Hartmann, der Schuster versorgt hatte, blickte zu Mike rüber. Dieser nickte kurz. „Ich gehe davon aus, dass wir einen relativ langen Weg bis zur Grenze vor uns haben, also muss ich mein verletztes Bein möglichst gut zusammenflicken, um durchzuhalten. Ein glatter Durchschuss, kein gravierender Schaden an Gefäßen oder Knochen.“ Eine solche Wunde bereitete einem keine Sorgen, wenn man sie gleich richtig säuberte und sich im Klaren war, dass sie noch tagelang, vielleicht wochenlang unangenehm pochte. Nowak würgte noch einmal bittere Galle herauf, als Körper und Verstand langsam registrierten, dass sie alle drei das Chaos der vergangenen fünf Minuten nahezu unversehrt überstanden hatte. Dann begannen sie ihren Marsch nach Norden, in Richtung Türkei. Taxifahrt durch die Nacht Vor jeder Mission bereitete Nowak einen Fluchtplan vor – und das war auch diesmal nicht anders. Seit er in Deutschland angekommen war, hatte er alle möglichen Fluchtwege studiert. Er wusste, wo die Straßen in der Umgebung hinführten, er kannte die nächstgelegenen Bahnhöfe und Flughäfen – kurz, er war über alles informiert, was ihm eventuell helfen konnte, so rasch wie möglich zu verschwinden, wenn etwas daneben ging – und an diesem Abend war tatsächlich einiges schiefgelaufen. Er konnte immer noch nicht glauben, dass man ihn dermaßen hereingelegt hatte. Nowak hämmerte mit der Faust gegen das lederne Lenkrad; er ärgerte sich über sich selbst, weil er die Warnsignale ignoriert hatte, die ihm jetzt so offensichtlich erschienen. Er lenkte den Wagen auf einen der Gehwege, die durch den ausgedehnten Garten hinter dem Haus führten. Da fiel ihm ein, dass ihn die Überwachungskameras auf dem Dach gewiss aufnahmen – doch er wischte die Bedenken rasch wieder beiseite. Durch den Brand würden die Wachleute bestimmt längere Zeit abgelenkt sein. Er erreichte das Ende des weitläufigen Gartens und beschleunigte den Wagen über eine weite Grasfläche, über die er zu einem Reitpfad gelangte. Nowak schaltete in den dritten Gang, und wenig später in den vierten. Er war nun schon mit über 90 Stundenkilometern unterwegs und blickte auf den Kilometerzähler, um ungefähr zu wissen, wann er abbiegen musste. Die Straße führte einen sanften Hügel hinunter und weiter zu einer kleinen Brücke, auf der man über den Bach gelangte, der den Rasen vom Wald trennte. Als der Wagen wenige Augenblicke später über die kleine Holzbrücke hinwegbrauste, waren nur wenige Zentimeter Platz zwischen den Außenspiegeln und dem Brückengeländer. Nowak ging vom Gas und hielt nach einer Abzweigung Ausschau, die den Satellitenfotos zufolge, die er studiert hatte, bald zu seiner Rechten auftauchen sollte. Wenig später erblickte er den Punkt, an dem er abbiegen musste, schaltete hinunter und brauste einen kleinen bewaldeten Hügel hinauf. Es waren ungefähr zwei Kilometer bis zur ersten asphaltierten Straße. Nowak ging etwas vom Gas; was hätten ihm die zwanzig oder dreißig Sekunden genützt, die er hätte gewinnen können, indem er wie ein Verrückter durch den Wald brauste, wenn er am Ende gegen einen Baum geknallt wäre? Während der Wagen über die holprige Straße schaukelte, überlegte Nowak fieberhaft, welche Möglichkeiten ihm blieben. Dänemark lag keine sechshundert Kilometer nördlich von ihm, und die niederländische Grenze war im Westen ungefähr genauso weit entfernt. Nowak war nicht unbedingt scharf darauf, in eines der beiden Länder einzureisen; deren Sprache und Kultur waren ihm nicht so geläufig wie in den südlichen Ländern. Italien war zum Beispiel eine interessante Möglichkeit. Es gab da jemanden in Mailand – eine Frau, die ihm einmal etwas bedeutet hatte. Mia Johnson wusste von ihr. Sie hatte damals für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet – und möglicherweise tat sie das auch heute noch. Die meisten, die in dieser Branche arbeiteten, setzten sich nie ganz zur Ruhe. Geheimdienste hatten die seltsame Angewohnheit, sich immer wieder einmal bei ihren ehemaligen Mitarbeitern zu melden – egal, ob es diesen passte oder nicht. Aber Nowak wusste, dass er dieser Frau vertrauen konnte. Sie hatten eine Beziehung, die über irgendwelche Eide hinausging, die man gegenüber einem Land oder einer Organisation geschworen hatte. Sie waren einander ganz einfach sehr ähnlich. Doch Nowak wusste, dass er nicht zu ihr gehen konnte. Nicht jetzt, seit es Brittany für ihn gab. Wenn er nach Mailand ginge, würde er unweigerlich in ihrem Bett landen. Nein, nach Mailand würde er nur gehen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr für ihn gab. Am günstigsten war es wohl, es mit Frankreich zu versuchen. Nowak hatte Bankschließfächer in Paris, Marseille und Lyon, von denen niemand in der Polizeibehörde wusste. In Frankreich hatte er Freunde, die er aus seiner Zeit als Triathlet kannte; es waren Leute, denen er vertrauen konnte und die einer Welt angehörten, die er vor seinen Vorgesetzten bei der CIA bewusst geheim gehalten hatte. Nicht einmal Mia Johnson wusste von den Sicherheitsmaßnahmen, die er getroffen hatte. Nowak schaltete in den zweiten Gang hinunter, um eine scharfe Linkskurve zu nehmen. Während er weiter der kurvenreichen Straße durch den Wald folgte, wanderten seine Gedanken zu Mia Johnson. Ihre Stimme hatte ein wenig seltsam geklungen, als sie zuletzt telefoniert hatten. Waren da etwa Schuldgefühle, weil sie ihn in den Tod geschickt hatte? Nowak schüttelte den Kopf. Nein, das war unmöglich. Sie waren fast wie Geschwister zueinander. Mia würde ihn niemals hintergehen. Es musste jemand anderes sein – aber wer? Es gab nur sehr wenige, die das Orion-Team kannten, und noch weniger, die von dieser Mission wussten. Schließlich erreichte Nowak das Ende des Waldes und eine Straße, die ihm zwei Möglichkeiten bot. Er blickte erst nach Norden und dann nach Süden, zögerte einen Augenblick und fuhr dann in Richtung Hannover weiter, also weg von Frankfurt a. Main. Die Autobahn war nur sieben Kilometer entfernt, und Nowak wusste, dass er von diesem Punkt aus in weniger als vierzig Minuten auf der anderen Seite von Frankfurt sein konnte. Von dort waren es drei Stunden bis Hannover. Bei dem Feuer, das in dem Haus wütete, würde es hoffentlich mindestens eine Stunde dauern, bis man bemerkte, dass dieser Wagen fehlte – und selbst dann würde man nicht unbedingt sofort erkennen, was der Diebstahl zu bedeuten hatte. Eines war jedoch sicher: Wenn die deutsche Polizei herausfand, dass sich die Mörder durch gefälschte BKA-Ausweise Zugang zu dem Haus verschafft hatten, würde es eine Fahndung geben, wie sie das Land seit den Tagen des Ost-West-Konflikts nicht mehr erlebt hatte. Der Funk war nun einmal viel schneller als ein Auto – und das bedeutete, dass er sich von seinem Fahrzeug wohl noch vor Hannover würde trennen müssen. Der Wagen flog mit mehr als hundertdreißig Sachen die Straße entlang. Nowak ignorierte das Stechen in der Brust und die pochenden Kopfschmerzen und konzentrierte sich ganz auf sein Problem. Er musste verschwinden. Er musste Deutschland so schnell wie möglich hinter sich lassen und herausfinden, wer ihm diese Falle gestellt hatte. Plötzlich kam ihm ein beängstigender Gedanke, der ihn fast in Panik versetzte. Er stieß einen Fluch hervor und drückte aufs Gaspedal. Es gab da ein Problem, um das er sich sofort kümmern musste. Nowak überlegte kurz, wie riskant es wäre, den Anruf von seinem Digitaltelefon aus zu machen. Nein, das wäre wohl zu gefährlich gewesen. So sehr es ihm auch widerstrebte – er musste mit dem Anruf noch ein wenig warten. Die Verkehrsschilder hatten ihn bewogen, seinen Plan noch einmal zu überdenken. Man konnte in diesem Geschäft unmöglich Erfolg haben, wenn man kein Risiko einging, aber das Kunststück war, es nie zu übertreiben. Wenn er an Hannover vorbei war, gab es kein Zurück mehr. Dann war er bestimmt zweieinhalb Stunden auf der Autobahn unterwegs, ehe er den Wagen in Essen loswerden konnte. Wenn die Fahndung begann, während er noch auf der Autobahn war, dann saß er praktisch in der Falle. Zur Rechten tauchte ein weiteres Schild auf, das darauf hinwies, dass die Ausfahrt zum Flughafen Hannover nur noch einen Kilometer entfernt war. Nowak war es gewohnt, allein zu operieren und seine Strategien nie mit irgendjemandem zu diskutieren. Rasch ging er im Geist alle Möglichkeiten durch – ungefähr so wie ein Navy-Pilot, der unterwegs einen Triebwerksschaden erlitt, während er noch hundert Kilometer von seinem Flugzeugträger entfernt war. Es gab keinen Grund zur Panik – es war einfach nur ein Problem, das es zu bewältigen galt und das so rasch und effizient wie möglich. Nowak blickte in den Spiegel und betätigte den Blinker. Während er von der Autobahn herunterfuhr, zog er die Krempe seines Huts noch ein Stück weiter nach unten. Auf Flughäfen gab es immer jede Menge Überwachungskameras, und wenn sie erst einmal den Wagen gefunden hatten, würden sich die besten Anti-Terror-Experten des Landes damit beschäftigen, das Bildmaterial auszuwerten. In der vergangenen halben Stunde hatte sich seine Atmung allmählich beruhigt. Nowak war sich ziemlich sicher, dass seine Rippen nur geprellt waren. Wäre etwas gebrochen gewesen, hätte er nur unter großen Schmerzen atmen können. Er folgte den Schildern, die auf das Parkhaus hinwiesen, und hielt vor der Zufahrt an. Bevor er das Fenster hinunterließ, um sich den Parkschein zu nehmen, sah er zu seiner Rechten eine Überwachungskamera, die seine Ankunft aufzeichnete. Als die Schranke nach oben ging, legte er den ersten Gang ein und fuhr die spiralförmig angelegte Rampe hinauf. Er ließ das erste und zweite Geschoss hinter sich und fuhr schließlich auf die dritte Ebene. Während er langsam zwischen den Reihen der geparkten Autos auf und ab fuhr, hielt er nach weiteren Kameras Ausschau und war erleichtert, nirgends welche zu sehen. Nowak parkte den Wagen schließlich zwischen zwei anderen Mercedes ein und ließ das Fenster auf der Fahrerseite einige Zentimeter herunter. Dann legte er die Schlüssel auf den Boden vor dem Fahrersitz, stieg aus und ließ den Wagen unversperrt zurück. Mit etwas Glück würde der Wagen gestohlen, bevor ihn die Polizei fand – doch daran glaubte er selbst nicht so recht. Nowak folgte den Hinweisschildern zum Flughafen-Terminal. Er hinkte absichtlich und machte einen leichten Buckel. Die Hutkrempe tief ins Gesicht gezogen, hielt er nach weiteren Kameras Ausschau. Als er das Flughafengebäude betrat, fielen ihm fast augenblicklich mehrere Kameras auf. Sie waren genau an den Stellen montiert, wo man es erwarten konnte; von hoch oben blickten sie auf die Menschenmenge herunter. Leider war in diesem Moment, eine Viertelstunde nach Mitternacht, keine Menschenmenge vorhanden. Wenn sie den Wagen fanden, würden sie ihn wenig später auf dem Bildmaterial der Kameras entdecken. Das war der Grund, warum er hinkte und einen Buckel machte. Außerdem legte er den rechten Arm quer über den Oberkörper und ließ den linken Arm schlaff herabhängen. Das hatte den doppelten Zweck, einerseits seine wahre Körpergröße zu verschleiern und andererseits eine Verletzung vorzutäuschen. Vielleicht würden sie einen Teil ihrer Einsatzkräfte verschwenden, indem sie sie in Krankenhäusern nach ihm suchen ließen. Er folgte dem Schild für die Gepäckausgabe und fuhr mit dem Aufzug eine Ebene hinunter. Nur an einem Ausgabeband drängten sich Passagiere, die soeben angekommen waren. Er ging etwa eine Minute auf und ab, so als suche er nach seiner Frau, und ging dann zum Taxistand hinaus. Sieben Taxis standen in einer Reihe da, und als Nowak die Hand hob, fuhr der vorderste Wagen zu ihm vor. Nowak ließ sich in den Rücksitz sinken und zog seine Brieftasche heraus. Ein kurzer Blick auf das Armaturenbrett sagte ihm, dass der Tank des Wagens voll war. Er fragte den Mann, wie viel die Fahrt nach Essen kosten würde, das zweieinhalb Autostunden entfernt war. Der Taxifahrer lächelte erfreut angesichts der günstigen Gelegenheit, gut zu verdienen. Nowak bezahlte den Mann und gab ihm ein großzügiges Trinkgeld. Bevor er die Brieftasche wieder einsteckte, nahm er noch ein paar Scheine heraus. Als er sich wieder zurücklehnte, schlüpfte seine linke Hand ins Innere seines Jacketts und umschloss den Griff der 9-mm-Glock. Der Wagen fuhr los, und der Fahrer funkte seinem Fahrdienstleiter, dass er eine Fuhre nach Essen habe und sich wieder melden würde, wenn er seinen Fahrgast ans Ziel gebracht hatte. Als sie den Flughafen verlassen hatten und wieder auf der Autobahn waren, beugte sich Nowak nach vorn, setzte dem Mann die Pistole an den Hinterkopf und sagte ihm auf Deutsch, dass er die Hände am Lenkrad lassen solle. Der Fahrer, ein groß gewachsener dünner Mann Ende dreißig, erschrak sichtlich, ließ aber die Hände am Lenkrad. Der Mann war ein starker Raucher, wie Nowak am Geruch seiner Kleidung erkannte. „Wenn Sie genau das tun, was ich Ihnen sage, dann passiert Ihnen nichts. Wenn Sie irgendeinen Unsinn versuchen, jage ich Ihnen eine Kugel in den Kopf und werfe Sie in den Straßengraben“, sagte Nowak, ohne die Stimme zu erheben; er war sich nicht sicher, ob er alles korrekt gesagt hatte, und so drückte er dem Mann die Pistole an den Kopf. „Haben Sie mich verstanden?“, fügte er hinzu. Der Fahrer nickte langsam. „Gut“, sagte Nowak. Mit der linken Hand hielt er dem Fahrer das Geld vor die Nase. „Nehmen Sie das. Wir fahren nicht nach Essen, Sie bringen mich jetzt nach Freiburg.“ Der Taxifahrer nahm das Geld und nickte bedächtig, und Nowak zog die Pistole ein Stück weit zurück, sodass der Fahrer den Kopf wieder aufrichten konnte. Nowak blickte auf das Handschuhfach, um den Namen des Mannes abzulesen. Er hieß Friedrich Hermann. „Friedrich, Sie fahren zu langsam. Steigen Sie aufs Gas und geben Sie gut Acht.“ Nowak blickte auf den Tachometer. „Ist Ihnen so etwas schon mal passiert?“, fragte er. Der Fahrer nickte und bejahte mit heiserer Stimme. Das war wirklich ein glücklicher Zufall. Der Mann hatte solche schlimmen Momente schon einmal mitgemacht und überlebt. „Ich kann Ihnen eines versprechen: Wenn Sie tun, was ich sage, passiert Ihnen nichts. Ich werde aus Ihrem Wagen aussteigen, und Sie bekommen einen Haufen Geld dafür, dass Sie jemanden nach Freiburg gefahren haben. Wenn Sie irgendetwas Dummes versuchen, sind Sie tot. So sieht unser Deal aus – da gibt es nichts zu verhandeln.“ Friedrich nickte eifrig, doch der Schreck saß ihm immer noch in den Gliedern. Nowak wusste, dass er es irgendwie schaffen musste, ihn zu beruhigen, damit der Mann keinen Unfall verursachte. „Nehmen Sie sich eine Zigarette und entspannen Sie sich. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.“ Der Fahrer griff nervös nach dem Päckchen und zündete sich eine Zigarette an. Jetzt kam der für Nowak interessanteste Teil. Er hatte zwei Stunden Zeit, um eine Beziehung zu dem Mann aufzubauen. Mike tötete nicht gern Menschen, und er würde alles versuchen, damit er nicht aus irgendeinem Grund gezwungen war, diesen armen Kerl umzulegen. Friedrich konnte der Polizei im Prinzip nichts anderes liefern als die Kameras am Flughafen. Was dafür sprach, den Mann zu töten, war nur, dass Nowak dadurch Zeit gewonnen hätte – doch das hoffte er, auf andere Weise zu erreichen. „Woher kommen Sie, Friedrich?“ „Aus Frankfurt a. Main.“ „Warum sind Sie nach Hannover gekommen?“ Immer noch ein wenig nervös, antwortete der Mann: „Frankfurt a. Main hat mir nicht gefallen.“ Im Laufe der folgenden Stunden kam ein ganz ordentliches Gespräch in Gang. Nowak stellte viele Fragen, und der Fahrer wurde allmählich gesprächiger. Mittlerweile war Nowak einigermaßen im Bilde darüber, was Friedrich Hermann für ein Mensch war. Sie fuhren an einigen Streifenwagen vorbei, die an der Autobahn standen. Nowak ließ Friedrich nicht aus den Augen, um sicherzugehen, dass er der Polizei kein Signal gab. Der Fahrer ließ die Hände am Lenkrad und blickte immer geradeaus. Nowak erfuhr, dass Friedrich geschieden war und allein lebte. Das Taxi gehörte ihm, und er arbeitete gerne nachts. Das gab ihm die Möglichkeit, die Tage so zu verbringen, wie es ihm gefiel. Er war außerdem ein mittlerweile trockener Ex-Alkoholiker, und er meinte, dass ihm die Nachtarbeit half, den Kneipen fernzubleiben. Das Wichtigste aber, das Nowak über ihn erfahren hatte, war, dass Friedrich Hermann schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Er hatte wegen Diebstahls zwei Jahre im Gefängnis gesessen und war nicht gerade ein Freund der Polizei. Nowak war hocherfreut, das zu hören. Es war fast zwei Uhr morgens, als Friedrich sagte, dass er jetzt seinen Fahrdienstleiter anrufen sollte. Es war vereinbart, dass er sich melden würde, nachdem er seinen Fahrgast nach Essen gebracht hatte. Nowak überlegte kurz. „Müssen Sie noch mal zum Flughafen zurück, oder sind Sie für heute fertig?“, erkundigte er sich. „Ich kann Schluss machen, wann ich will. Das Taxi gehört mir.“ „Wäre es ungewöhnlich, wenn Sie um diese Zeit Schluss machen?“, fragte Nowak weiter. „Überhaupt nicht. Das wäre sowieso meine letzte Fuhre gewesen.“ Nowak überlegte einen Augenblick, dann sagte er: „Gut, rufen Sie an. Sagen Sie, dass alles erledigt ist und dass Sie für heute Schluss machen.“ Nowak sah zu, wie Friedrich an seinem Handy die Nummer wählte, und beugte sich vor, um das Gespräch mithören zu können. Die Frau, mit der Friedrich telefonierte, klang ziemlich müde und desinteressiert. Das Gespräch dauerte höchstens zehn Sekunden. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, nahm ihm Nowak das Handy ab und schaltete es aus. Er musterte Friedrich aufmerksam. „War das ihr üblicher Fahrdienstleiter?“ „Ja“, antwortete Friedrich, ohne zu zögern. „Ich arbeite schon fünf Jahre mit der Frau zusammen.“ Nowak lehnte sich zurück und stieß einen erleichterten Seufzer aus. Das BKA war ihm offenbar noch nicht auf den Fersen. Wenn es so gewesen wäre, hätten sie bestimmt versucht, Friedrich in ein längeres Gespräch zu verwickeln. Nowak blickte auf die Landkarte auf seinem Schoß und dachte sich, dass nun der richtige Moment sein könnte, um einen Schritt weiter zu gehen. „Friedrich, waren Sie schon oft in Süddeutschland?“ Freiburg, Schwarzwald Sie waren um zehn vor sechs Uhr morgens in Freiburg angekommen. Die Stadt mit ihren knapp 200.000 Einwohnern begann gerade zu erwachen. Während der nächtlichen Fahrt hatte sich Nowak seiner Ruger-Pistole und des Funkgeräts entledigt, als sie bei Sebastiansruhe eine Brücke überquerten. Er hatte außerdem seine BKA-Papiere und einige andere Dokumente verbrannt. Nowak war vor Jahren schon einmal in Freiburg gewesen. Damals hatte er die Stadt willkürlich ausgesucht, um zwischen zwei Aufträgen kurz unterzutauchen. Er hatte die Stadt am Rande des Schwarzwalds jedenfalls in guter Erinnerung. Damals war geplant gewesen, dass er eine Woche dort blieb, doch es waren schließlich zwei Wochen daraus geworden. Freiburg war eine Stadt der Radfahrer, und es dauerte nicht lange, bis Nowak sich einem der Clubs angeschlossen hatte. Er brachte die Tage damit zu, zusammen mit einem Haufen verrückter Radfahrer, die sich fast genauso gern quälten wie er, durch die Wälder und Flusstäler zu strampeln. Die Nächte waren damit ausgefüllt, das großartige deutsche Bier zu trinken und Jagd auf schöne deutsche Frauen zu machen. Auf diesem Trip würde es nichts davon für ihn geben. Nowak hatte auf dem Münsterplatz, dem Marktplatz der Stadt, einen Parkplatz gefunden und das Taxi zurückgelassen. Die Bauern und Handwerker trafen bereits ein, um ihre Stände aufzustellen, bevor die Samstagvormittags-Einkäufer in Scharen herbeiströmten. Nowak und Friedrich gingen zu Fuß weiter. Nach eineinhalb Kilometern betraten sie ein kleines Gasthaus, das sich „Zum Roten Bären“ nannte. Friedrich hielt sich voll und ganz an Nowaks Anweisungen. Er sagte dem Mann an der Rezeption, dass sie aus Frankfurt kamen, um am Wochenende hier ein wenig zu wandern. Eigentlich hätten sie schon am Abend zuvor anreisen wollen, doch sie hatten länger arbeiten müssen, deshalb waren sie heute so früh wie möglich losgefahren. Der Gastwirt, ein älterer Herr, schien ihnen die Geschichte abzukaufen. Nowak hatte Friedrich angewiesen, für zwei Nächte im Voraus in bar zu bezahlen. Der Wirt nahm das Geld erfreut entgegen und gab ihnen ein Zimmer, ohne nach ihren Ausweisen zu fragen, was Nowak umso mehr freute. Oben im Zimmer gab Nowak Friedrich das Geld, das er ihm versprochen hatte, verband ihm die Augen und band ihn am Bett fest. Bevor er aufbrach, ging Nowak noch einmal mit Friedrich die Geschichte durch, die er erzählen sollte. „Bleiben Sie einfach auf dem Bett liegen und versuchen Sie zu schlafen. Wenn die Putzfrau zum Saubermachen kommt, sagen Sie ihr, dass sie die Polizei rufen soll, und erzählen Sie die ganze Geschichte. Sagen Sie, dass ich Ihnen gedroht hätte, Sie zu töten, wenn Sie nicht mitspielen – so wie wir es im Wagen abgesprochen haben.“ Friedrich nickte noch einmal, und Nowak klebte ihm den Mund zu. Danach zog sich Nowak aus und nahm die blauen Kontaktlinsen heraus. Es war eine Wohltat für seine Augen, endlich von den Fremdkörpern befreit zu werden. In der Dusche wusch und spülte er seine Haare fünfmal, damit die braune Farbe ganz herausging. Er bemühte sich, die Platzwunde am Hinterkopf nicht zu reizen, was sich jedoch nicht vermeiden ließ. Als er fertig war, ließ er das Wasser laufen und entfernte, so gut es ging, das Blut von seinem Hemdkragen. Danach zog er sich an, ging ins Badezimmer zurück, um das Wasser in der Dusche abzudrehen, und entfernte die Haare aus dem Abflusssieb. Er steckte alle Handtücher in einen bereitliegenden weißen Plastiksack und sah sich noch einmal im Zimmer um. Als er hinausging, hängte Nowak das Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ von außen an die Tür und schloss sie. Es war 7.45 Uhr, als er das Gasthaus durch eine Seitentür verließ. Nowak ging etwa drei Kilometer durch die Stadt, bis er in die Gegend der Albert-Ludwigs-Universität kam. Unterwegs warf er den Plastiksack mit den Handtüchern in einen Müllcontainer hinter einem Restaurant und ging in drei verschiedene Geschäfte, um einige notwendige Dinge zu besorgen. Es war bereits angenehm warm, als er um 8.30 Uhr die Universität erreichte. Nowak betrat das Foyer und sah sich um, bis er eine Toilette fand, wo er sich ungestört fühlte. Nowak verschloss die Tür und machte sich an die Arbeit. Er steckte die Haarschneidemaschine, die er gekauft hatte, ein und begann sein dichtes schwarzes Haar zu kürzen. Danach entfernte er die Haare aus dem Waschbecken und zog ein blaues T-Shirt an, auf dem Freiburgs Wahrzeichen, das Münster, zu sehen war. Darüber zog er ein einfaches graues Sweatshirt an. Dazu trug er braune Shorts, weiße Socken und blaue Schuhe. Seine Kleider und Schuhe vom Vorabend stopfte er in eine Einkaufstasche. Alles andere kam in den großen grünen Rucksack, den er zuvor gekauft hatte – mit Ausnahme der Glock-Pistole, die er in den Bund seiner Shorts steckte und mit dem weiten Sweatshirt bedeckte. Es war eine ungeheure Erleichterung, aus den alten Kleidern zu kommen. Er hatte das schon viel früher tun wollen, doch er konnte nicht zulassen, dass Friedrich seine Verwandlung mitbekam. Nowak verließ die Universität und betrat ein paar Straßen weiter eine Bäckerei. Er war am Verhungern und verschlang mehrere Gebäckstücke, zu denen er eine Flasche Orangensaft trank. Als Nächstes ging er in ein Café, wo er zwanzig Minuten damit zubrachte, starken heißen Kaffee zu trinken. Um fünf vor neun machte er sich auf den Weg zu seinem nächsten Ziel. Das Fahrradgeschäft war noch fast genauso, wie Nowak es in Erinnerung hatte. Die Radfahrbegeisterten standen bereits in ihren bunten, eng anliegenden Lycra-Outfits vor dem kleinen Laden und warteten auf das Signal zum Aufsitzen. Nowak schlängelte sich durch die Menge und betrat das Geschäft. Überall hingen Fahrräder von der Decke herab. Nowak ging zum Ladentisch und fragte auf Französisch, ob ihn jemand bedienen könne. Der Mann hinter dem Ladentisch schickte ihn zu einer jungen Frau mit langem schwarzem Haar. Die Frau war Französin. Er fand schnell heraus, dass sie aus Metz war und in Freiburg studierte. Während sie zusammen einige Fahrräder ansahen, fragte Nowak, ob samstags immer noch die Radtour für Hobbyfahrer stattfand, die über den Rhein nach Frankreich und wieder zurückführte. Die Frau sagte ihm, dass diese Tour beliebter denn je war. Immer noch fuhren Scharen von Radfahrbegeisterten samstags in die alte Festungsstadt Breisach und weiter über den Rhein. Von dort ging es die französische Seite des Rheins entlang und schließlich bei Müllheim, Ottmarsheim oder Basel wieder zurück. An einem guten Samstag radelten hunderte von bunt bekleideten schweizerischen, französischen und deutschen Radfahrern diese Strecke entlang. Nowak wusste, dass die Scharen von Radlern hier für gewöhnlich über die Grenze gelassen wurden, ohne dass sie ihre Pässe vorweisen mussten. Er erinnerte sich daran, dass dieser Teil Europas überhaupt sehr offen war, sogar in den Zeiten des Kalten Krieges. Von Freiburg aus war Frankreich nur etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernt, und nach Basel waren es ungefähr achtzig Kilometer in südöstlicher Richtung. Angesichts der vielen Menschen, die in einem Land lebten und im anderen arbeiteten, gab es hier kaum Grenzkontrollen – doch Nowak hatte in anderen Ländern bereits erlebt, dass die Kontrollen immer wieder einmal ohne Vorwarnung verschärft werden konnten. Nachdem er sich einen Überblick über die Fahrräder verschafft hatte, wählte er schließlich ein gebrauchtes grünes Bianchi-Rad. Er kaufte außerdem Satteltaschen, eine Gürteltasche und eine Radfahrausrüstung komplett mit Schuhen, einer kleinen weißen Kappe und einer Radfahrbrille. Der Rucksack, den er zuvor gekauft hatte, wäre in diesem Fall keine gute Wahl gewesen, weil er damit sofort auffallen würde. Nowak bezahlte in bar; er wollte es so lange wie möglich vermeiden, die Kreditkarte zu verwenden. Die junge Frau führte ihn zu einem Waschraum im Keller, wo Nowak seine Ausrüstung anziehen konnte. Er steckte die Pistole in ein innen liegendes Fach der Gürteltasche, zusammen mit einem Extra-Magazin, dem Schalldämpfer und seinem Vorrat an Bargeld. In das äußere Fach steckte er seinen französischen Pass und etwas Bargeld. Alles, was er loswerden musste, kam wieder in den Rucksack. Seine neuen Kleider behielt er jedoch. Als er wieder nach oben kam, machten sich die Radfahrer gerade zur Abfahrt bereit. Nowak rollte seine Kleider zusammen und stopfte sie in die Satteltaschen seines neuen Rads. Er sagte zu der hilfsbereiten jungen Frau, dass er schnell weg müsse, aber in einer Minute wieder zurück sein würde. Er hielt seinen Rucksack hoch und erklärte, dass er ihn zu einem Freund bringen müsse. Dann watschelte er in seinen Radlerschuhen mit den harten Sohlen davon und bog um die Ecke. Er musste nicht weit gehen, bis er einen Mülleimer fand, in den er den Rucksack stopfte. Diese Lösung war nicht ideal, aber er hatte nun einmal nicht viel Zeit. Als er zum Fahrradgeschäft zurückkam, waren die über dreißig Radfahrer startbereit. Nowak dankte der französischen Studentin für ihre Hilfe und schob sein neues Rad auf die Straße hinaus. Nach etwa zwei Blocks holte er die Nachzügler der Gruppe ein und schloss sich ihnen an. Nowak war viel mehr als ein Hobbyfahrer. Er fuhr zwar keine Rennen mehr, aber es war noch nicht lange her, dass er zu den besten Triathleten der Welt gehört hatte. Einmal hatte er sogar den Ironman auf Hawaii gewonnen und war außerdem bei diesem Topereignis des Sports dreimal unter den ersten fünf gelandet. Danach hatte seine Arbeit für die GSG9 stark zugenommen, sodass er seine aktive Laufbahn beenden musste. Doch er nahm sich immer noch fünfmal die Woche die Zeit, um zu schwimmen, zu joggen und Rad zu fahren. Es war 9.36 Uhr, als sie die Stadt hinter sich ließen. Nowak hielt sich am Ende der Gruppe. Er hatte ein gutes Gefühl in den Beinen, doch da war immer noch ein Stechen in der Brust. Der Schmerz ließ ihn an die vergangene Nacht zurückdenken, und er versuchte zu ergründen, was geschehen sein mochte. Die Frage war, wer die Schumachers auf ihn angesetzt hatte. Es war so gut wie ausgeschlossen, dass die beiden auf eigene Faust gehandelt hatten. Nowak war ihnen nie zuvor begegnet; er konnte sich nicht vorstellen, dass sie irgendeinen Grund haben sollten, ihn zu töten. Nur einige wenige Leute wussten von seiner Arbeit für die CIA, und noch weniger waren über diese Mission informiert gewesen. Von einer Person wusste er es mit Sicherheit und nahm es von zwei anderen an. Die Person, die es am leichtesten gehabt hätte, die Schumachers auf ihn anzusetzen, war gleichzeitig diejenige, von der er immer überzeugt war, dass er ihr hundertprozentig vertrauen konnte. Nowak gefiel der Gedanke überhaupt nicht. Alles in ihm weigerte sich, so etwas auch nur in Erwägung zu ziehen – doch es war nun einmal eine verdammte Tatsache, dass Mia Johnson die Hauptverdächtige war. Nowak wollte es einfach nicht glauben. Er suchte verzweifelt nach irgendeiner anderen Möglichkeit – doch im Augenblick gab es keine andere Antwort auf das, was geschehen war. Er würde in die Staaten zurückkehren und der Sache selbst nachgehen müssen. Und er würde bei den Schumachers beginnen. Es würde nicht einfach werden, sie aufzuspüren, doch er kannte jemanden, der ihm dabei helfen würde. Nach einer Biegung sah Nowak zum ersten Mal den Rhein und danach die alte Festung von Breisach. Die Stadt lag auf einem achtzig Meter hohen Felsplateau – ein geradezu idealer Platz für den Bau einer Festungsanlage. Von dort fiel die Straße ins Tal ab, und die Gruppe sauste mit einer Geschwindigkeit von knapp 70 Stundenkilometern den Berg hinunter. Nowak blieb am Ende des Feldes und hielt nach der Brücke Ausschau, auf der sie den Rhein überqueren würden. Was er da sah, gefiel ihm gar nicht. Die Autoschlange vor dem Grenzübergang schien sich über zwei Kilometer hinzuziehen. Bleib ruhig, sagte er sich. Du siehst überhaupt nicht wie der Mann aus, nach dem sie suchen, du hast ein Visum und einen Pass eines EU-Landes, und du bist außerdem mit dieser Gruppe unterwegs. Nowak legte den niedrigsten Gang ein und erhöhte das Tempo. Er überholte spielend neun andere Fahrer und reihte sich irgendwo in der Mitte der Gruppe ein. Drei Minuten später erreichten sie die Autoschlange und schickten sich an, sie zu passieren. Die Gruppe wurde ein klein wenig langsamer, und Nowak nützte die Gelegenheit, um seine Gürteltasche so zu drehen, dass er jederzeit schnell etwas herausholen konnte – den Pass oder die Pistole. Eine Gruppe französischer Radfahrer kam ihnen entgegen und passierte die Grenze nach Deutschland. Viele der Fahrer auf beiden Seiten winkten einander zu, einige tauschten auch spöttische Bemerkungen aus. Weiter vorne sah Nowak einen Grenzschutzbeamten, der den Radfahrern mit einem Handzeichen zu verstehen gab, dass sie anhalten sollten. Der Fahrer, der die Gruppe anführte, rief dem Grenzer irgendetwas zu, während sie noch gut fünfzig Meter von ihm entfernt waren. Nowak verstand nicht, was er sagte, doch er sah, dass der deutsche Radfahrer auf die französische Gruppe zeigte, die in der entgegengesetzten Richtung unterwegs war. Ein zweiter Grenzer erschien und sprach ein paar Worte mit seinem Kollegen. Als die Gruppe bei ihnen war, bedeuteten ihnen beide Männer, dass sie weiterfahren sollten. Nowak hörte, wie ihnen der zweite Grenzer noch ein paar anfeuernde Worte zurief. Was für ein Glück, dachte Nowak, dass es noch so etwas wie Nationalstolz gab. Als sie das andere Ufer erreichten, atmete Nowak erleichtert durch. Der schwierige Teil lag hinter ihm. Die Gruppe fuhr etwa einen halben Kilometer in westlicher Richtung weiter. Nowak ließ sich wieder ans Ende des Feldes zurückfallen, und als sich die Gruppe schließlich südwärts wandte, fuhr er geradeaus weiter. Ein Straßenschild sagte ihm, dass Colmar zwölf Kilometer entfernt war. Er wusste jedoch, dass der Großteil davon bergauf verlief. Nowak senkte den Kopf und trat in die Pedale. Als Nächstes galt es, sich Zugang zu einem Computer zu verschaffen, und danach ging die Reise mit der Bahn weiter. Nachdem sich Mike in einem öffentlichen Schwimmbad geduscht und umgezogen hatte, deponierte er das Fahrrad ohne es abzuschließen im vorderen Bereich der Fahrradständer. Hier war es so gut wie sicher, dass es in weniger als einer Stunde geklaut und damit als mögliche Spur zu seiner Route unbrauchbar werden würde. Grinsend nahm er einen Linienbus zur Fahrt in die Innenstadt von Collmar und fand auch schnell sein gewünschtes Ziel: Ein Internetcafé! Er musste nun unbedingt die Nachrichten über den Anschlag verfolgen, um eine ungefähre Richtung der zu erwartenden Ausrichtung der Fahndungsstrategie abschätzen zu können. Nachdem er diverse News-Portale gesichtet hatte, war er sich sicher, dass er hier in Frankreich erst einmal relativ gut untergetaucht war. Als er das Internetcafé verließ, hatte er fast ein bisschen Mitleid mit dem Besitzer, da er in dem brisanten Fall darauf verzichtet hatte, den Browserverlauf wie sonst zu löschen, sondern mit einem Script, den er mittels Timeout-Befehl absendete, sämtliche PC´s, die zu dem Zeitpunkt seines Verlassens des Cafés online waren, so neu formatieren ließ, dass diese deren Daten selbst mittels RAW-Data-Restore Befehl nicht wiederherstellbar und damit unweigerlich verloren waren. Nun galt es Riley Turner hier im Franzosenland zu finden, da er sie dazu benötigte, um in das sichere Haus in Paris unerkannt zu gelangen und sich für seinen weiteren Feldzug neu zu organisieren und vor allem mit den notwendigen Add-ons zu versorgen. Der Hinterhalt Bohrmanns Oberkörper knallte in den Van hinein. Hintzen starrte ihn mit ungläubig aufgerissenen Augen an. „Mein Gott, bin ich gut“, kommentierte Braun den Abschuss, bevor er seinem anderen Kollegen einen Schuss ins Gesicht verpasste. Die Wucht des Projektils war aus dieser Entfernung nicht stark genug, um Hintzen umzuwerfen. Reglos hing er für eine Sekunde in der Luft, bevor er mit dem Gesicht nach vorn auf Bohrmanns Leiche landete. Braun grinste wie ein Honigkuchenpferd. Dafür winkte ihm eine Medaille. Schuster war ausgeflippt und hatte sowohl Hintzen als auch Bohrmann erschossen. Dann war er auf der Bildfläche erschienen, um den kleinen Scheißer abzuknallen. Und was für ein Held er war, bewies der Umstand, dass er es geschafft hatte, alle drei Leichen in den Van zu schleppen, bevor die örtlichen Ordnungshüter auftauchten. Immerhin arbeitete er für die GSG9, nicht für das FBI. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Beweise zu vernichten. Eine genauere Untersuchung des Tatorts stand nicht zu befürchten. Nicholsen würde ihn beim Wort nehmen und sich dankbar zeigen, dass er mit entschlossenem Eingreifen ein Debakel verhindert hatte. Bohrmanns Beine hingen noch halb auf der Straße. Braun wollte sie gerade in den Van schieben, als eine Stimme links von ihm etwas rief. Er drehte sich langsam um und sah, dass zwei Männer im Anzug aus etwa 15 bis 20 Metern Entfernung mit gezogener Waffe auf ihn zukamen. Braun konnte das so exakt abschätzen, weil er auf diese Distanz mehr als 20.000 Schüsse abgegeben hatte. Diese beiden brachten es vermutlich in Summe nicht mal auf einen Bruchteil davon. Brauns Deutschkenntnisse ließen ziemlich zu wünschen übrig, aber er glaubte zu verstehen, dass sie ihn aufforderten, die Hände zu heben. Er tat ihnen den Gefallen und bewegte die linke Hand ein bisschen schneller als die rechte. Dabei schwenkte er die Waffe wie beiläufig in eine geeignete Position und gab zwei schnelle Schüsse ab. Die relative Ruhe der Nacht wurde von einem weiteren Knall aus der Waffe von einem der Gegner durchbrochen. Da er keinen Schalldämpfer benutzte, knallte es wie bei einem Donnerschlag. Das Projektil pfiff harmlos an Brauns Kopf vorbei. Beide Männer gingen zu Boden, und Braun tat, was er nach einer solchen Nahtoderfahrung meistens tat. Er brach in schallendes Gelächter aus. Kein leises Kichern oder Glucksen, sondern ein zwerchfellerschütternder Druckabbau gepaart mit euphorisch-kindlicher Begeisterung über den errungenen Sieg. Er war der König der Welt, der letzte Überlebende, ein Herrscher unter Pöbel. Fünf Treffer, fünf Leichen. „Scheiße“, triumphierte er. „Man sollte eine Lobeshymne für mich schreiben.“ Braun hörte ein Stöhnen. Einer der Männer in 15 Metern Entfernung setzte sich in Bewegung. „Verdammt.“ So viel zu ›Fünf Treffer, fünf Leichen‹. Dabei klang das nach einem prima Titel für einen Clint-Eastwood-Western. ›Sechs Treffer, fünf Leichen‹ kam viel zu holprig rüber. Das hatte keinen Flow. Braun war sicher gewesen, den ersten Kerl mitten in die Fresse getroffen zu haben. Wahrscheinlich kam sein zweiter Schuss etwas überhastet. Trotzdem konnte es gut sein, dass der Typ tödlich verwundet war und nur gegen das Unvermeidliche ankämpfte. Er ging auf ihn zu und erinnerte sich, dass er sein Messer eingesteckt hatte. Auf diese Weise konnte er sich die sechste Kugel sparen und dem anderen die Kehle aufschlitzen. Dann blieb es bei ›Fünf Treffer, fünf Leichen‹. Im Großen und Ganzen. Seine Vermutung, was den ersten Schuss anging, erwies sich als zutreffend. Ein Volltreffer, direkt zwischen Nase und Oberlippe. „Das hast du großartig hingekriegt, Chet.“ Der zweite Mann hielt seinen Brustkorb umklammert. Seine Pistole lag knapp einen Meter entfernt, aber genauso gut hätte es eine Meile sein können. Er blutete leicht aus dem Mundwinkel und sah mit flehendem Blick zu Braun hoch. Dieser lächelte, nahm Maß und wollte gerade abdrücken, als zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit eine Kugel an seinem Kopf vorbeifegte. 35 Sie standen schweigend da. Es fühlte sich wie ein halbes Leben an, in Wahrheit dauerte es nur wenige Sekunden. Der Van fuhr vor und Schuster sah einen Mann aussteigen. Einer von Nicholsens früheren SpeBKAl-Forces-Kumpeln, der dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen wenig begeistert von den jüngsten Entwicklungen war. Er schien Braun anzubrüllen und seine Körpersprache zeugte von erhöhter Wachsamkeit. Braun sagte etwas, das den Mann offensichtlich beruhigte. Zu zweit schleppten sie Lukes Leiche zur Ladefläche. Beide verschwanden kurzzeitig außer Sicht, dann tauchte Braun wieder auf, hob den rechten Arm und lächelte. Nach einem Aufflackern folgte direkt danach ein zweites. „Was ist da gerade passiert?“, fragte Linda. Schuster schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich glaube, er hat die zwei erschossen.“ „Welche zwei?“ „Seine Kollegen.“ „Warum?“ „Gute Frage. Ich denke, das find ich besser mal raus.“ Schuster hatte bereits die Pistole gezogen. „Linda, denk an den Plan. Geh zur Hintertür raus, steig in deinen Audi, aber lass den Motor noch nicht an. Wart fünf Minuten, keine Sekunde länger. Wenn ich nicht da bin, fahr einfach los. Ich ruf dich dann entweder später im Hotel an oder treff dich morgen früh dort.“ „Aber …“ Schuster schnitt ihr das Wort ab. „Nein! Du hast es mir versprochen. Keine Fragen. Ich kann auf mich allein aufpassen.“ Linda biss sich auf die Unterlippe und lugte aus dem Fenster. Ihre Miene verriet Schuster, dass dort etwas vor sich ging. Schuster folgte ihrem Blick. Zwei Männer kamen mit gezückten Waffen über den Bürgersteig. Schuster ahnte, was als Nächstes kam. Braun neigte nicht dazu, kampflos aufzugeben. „Komm mit.“ Er packte Linda am Arm und zog sie zur Tür. „Direkt zum Auto. Bleib auf keinen Fall unterwegs stehen, und wenn du bis morgen nichts von mir hörst, geh zu deinem Großvater und schildere ihm, was du mitbekommen hast. Sag ihm, es sei Braun gewesen.“ Er wurde den Eindruck nicht los, dass sie unter Schock stand. Deshalb forderte er sie auf: „Los, wiederhol, was du ihm ausrichten sollst.“ „Es war Braun. Braun hat sie alle umgebracht.“ „Gut.“ Sie betraten den Flur. Linda hatte Tränen in den Augen. „Dafür ist jetzt keine Zeit, Schatz. Keine Angst, ich werd diesen Schweinehund töten und bin in fünf Minuten bei dir. Dafür brauch ich nicht mal den unverletzten Arm.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Bis gleich.“ Schuster schob sie zur Seite. „Lauf schon.“ Er stürmte seinerseits die Treppen hinunter. Zehn Stufen, dann ein Absatz, gefolgt von zehn weiteren. Er rauschte durch die Zwischentür und sah durch die Scheibe am Eingang, wie Braun seine Pistole auf etwas richtete. Vermutlich lag dort einer der Männer auf dem Boden. Und er grinste, als wäre er nicht ganz sauber. Schuster fragte sich, wie durchgeknallt man sein musste, um eine dermaßen perverse Freude am Töten eines anderen Menschen zu entwickeln. Schuster wusste, dass ihm für ausgeklügelte Strategien und elegante Lösungen keine Zeit blieb. Er stürmte auf die Straße, hob die Waffe und feuerte. Die schallgedämpfte Patrone pfiff durch die Luft und Schuster hörte, wie sie in eine Mauer auf der anderen Straßenseite einschlug. „Braun, du Arschloch“, brüllte er und sprang die Stufen hinunter, wobei er erneut abdrückte. Diesmal traf er das Seitenfenster des Wagens direkt vor dem Sadisten. „Du hast den falschen Mann umgelegt, du Volltrottel.“ Schuster wandte sich auf dem Bürgersteig nach rechts. Er hatte die Überraschung auf seiner Seite, aber er musste Braun erst von den Männern oder dem Mann weglocken, den er gerade hinrichten wollte. Der andere hatte sich geduckt, aber Schuster gab trotzdem zwei weitere Schüsse ab. Einer von ihnen traf das Gebäude, die nächste Kugel prallte vom Kofferraumdeckel des Autos ab, hinter dem sein Gegner in Deckung gegangen war. Schuster lief in seine Richtung und hielt den Mund. Es klappte. Eine Mündung tauchte hinter dem Kofferraum auf, und drei Schüsse flogen in Richtung Apartmenthaus. Schuster ließ sich hinter einem viertürigen Mercedes fallen und brachte sich am Kofferraum in Position. Mit von sich gestreckter Waffe hielt er nach Bewegungen unter den Wagen auf der anderen Seite und links von ihm Ausschau. Neben einem Hinterrad bemerkte er ein Bein. Er visierte es an, drückte zweimal ab und wurde mit einem Aufheulen und einem Schwall von Schimpfwörtern belohnt. Schuster rollte sich unter dem Auto weg, ignorierte den Schmerz in der Schulter und sprang auf. Er spähte über den Kofferraum des Mercedes und huschte zur Straße, ein Auto weiter nach rechts. So lautete die eiserne Grundregel bei einem Schusswechsel: feuern und gleichzeitig in Bewegung bleiben. Schuster fand Deckung zwischen einem kompakten Peugeot-Zweitürer und einem Ford Fiesta. Jetzt kam der kritischste Teil. Er musste sich auf einen offenen Schlagabtausch mit Braun einlassen, ohne genau zu wissen, was für eine Waffe sein Gegner benutzte. Von untätigem Abwarten hielt er jedoch nichts, also lugte er mit dem rechten Auge um die hintere Stoßstange des Peugeot. Braun bewegte sich so schnell, wie es sein verkrüppeltes Bein zuließ, in Richtung Van. Er hatte bereits zwei Drittel der Distanz zurückgelegt und gut 25 Meter Abstand zu Schuster. Schuster verließ seine Deckung und nahm die Verfolgung auf. Nach etwa zehn Schritten kam er an den beiden reglosen Männern vorbei. Da er Braun unmöglich vor dem Van abfangen konnte, hob er stattdessen die Pistole und gab einen gezielten Schuss nach dem anderen ab. Brauns gebückte Haltung machte ihn zu einem undankbaren Ziel. Schuster wollte gerade nachladen, als Braun in die offene Seitentür des Vans sprang. Schuster fluchte, schob das Ersatzmagazin ein und lud durch. Er verfiel in einen Spurt, kam aber abrupt zum Stehen, weil auf einmal der schwarze Lauf einer Maschinenpistole aus dem Van ragte. Die Nacht erwachte unter dem lauten Krachen von über 20 Patronen zum Leben, die im Vollautomatik-Modus abgefeuert wurden. Schuster flitzte hinter ein parkendes Auto und drängte sich ganz dicht an den Boden. Nach einigen weiteren Schüssen hörte Schuster, wie ein Motor aufheulte und Reifen quietschend über den Asphalt schlitterten. Er reagierte blitzschnell und stürmte auf die Straße, nahm die linke hintere Tür des Vans ins Visier und schoss so rasch hintereinander, wie es ging. Eine Leiche fiel seitlich aus dem Fahrzeug. Kurz danach ging ihm die Munition aus. Der Van schlingerte nach rechts und verschwand in der Dunkelheit. Schuster nahm die Leiche aus dem Augenwinkel zur Kenntnis, ohne sich näher mit ihr zu befassen. Einer von Nicholsens SF-Leuten. Schuster machte kehrt und lief zu den beiden Männern auf dem Gehsteig. Beide trugen Anzüge. Der Rechte war im Gesicht getroffen worden und offensichtlich tot, aber der Linke lebte noch und schnappte keuchend nach Luft. Einige Meter weiter lag sein FNP-Selbstlader auf dem Boden. Schuster nahm ihn an sich und stopfte die Waffe in die Tasche. Danach kniete er sich neben den Verletzten und suchte nach der Wunde. Er hörte sie, bevor er sie sah. Ein Treffer in der Brust ruft ein merkwürdiges Schmatzen hervor, das man nie vergisst, wenn man es einmal gehört hat. Der Mann trug ein schwarzes Hemd und einen dunkelgrauen Anzug. Schuster zerriss den Stoff. Der Einschuss befand sich auf der rechten Seite der Brust. Möglicherweise kam er durch, aber dann brauchte er sofort medizinische Hilfe. Schuster fiel das kleine Erste-Hilfe-Kit ein, das er mit sich rumschleppte. Der Drang, zu fliehen, wurde übermächtig, aber wenn er diesem Mann nicht half, musste er sterben. Murrend tastete er am Rücken nach dem kleinen Päckchen, legte es neben dem Angeschossenen auf den Boden und machte sich an die Arbeit. Er hatte nur ein Notverbandspäckchen dabei, riss es auf und ließ die Hälfte des Puders in die offene Wunde und die direkte Umgebung rieseln. Mit den Fingern verteilte er die Substanz so gut wie möglich. Anschließend rollte er den Mann auf den Bauch und schob Hemd und Anzug bis zu den Schultern hoch. Den restlichen Puder schüttete er auf die Austrittswunde und griff zu der quadratischen selbstklebenden Bandage mit der Plastikrückseite. Er legte sie über den Durchschuss, wälzte den Mann herum und verband die Wunde notdürftig. Erleichtert registrierte er, dass das schmatzende Geräusch nicht länger zu hören war. In diesem Moment heulten in einiger Entfernung Sirenen auf. Schuster beugte sich dicht an das Gesicht des Manns heran und schaute ihm in die Augen. Der andere schien starr vor Angst zu sein. Auf Französisch beruhigte Schuster ihn: „Sie werden durchkommen. Haben Sie mich verstanden?“ Der Mann glotzte Schuster an und nickte kraftlos, während er sich abmühte, ihn am Arm festzuhalten. „Halten Sie durch. In einer Minute wird jemand da sein und Ihnen helfen.“ Schuster schaute sich um und sah seine blutigen Fingerabdrücke auf der Verpackung des Verbandsmaterials. Hastig sammelte er alles ein und steckte es weg. Ein ledernes Ausweisetui, das aus dem Sakko des Opfers gefallen war, erregte seine Aufmerksamkeit. Er ließ es aufschnappen. Das Wappen erkannte er nicht auf Anhieb, aber natürlich wusste er, was es mit der Légion étrangère auf sich hatte. Bei der Fremdenlegion handelte es sich um Frankreichs Antwort auf die GSG9. „Braun“, raunte er, „was hast du da nur angestellt?“ Der Agent berührte Schuster am Arm. „Bleiben Sie.“ Schuster stopfte den Ausweis in seine eigene Jacke. Die Sirenen wurden lauter. „Sie schaffen das“, wiederholte er, obwohl er selbst nicht unbedingt daran glaubte. „Geben Sie nicht auf. Gleich kommt jemand, um Ihnen zu helfen. Eins gebe ich Ihnen noch mit auf den Weg. Das Arschloch, das Ihnen das angetan hat … er heißt Braun.“ Schuster sah auf. Zehn Meter weiter standen zwei Männer, einer von ihnen klein und stämmig mit dichten schwarzen Haaren und Bart. Sein Begleiter, links von ihm, war groß und hager mit sandbraunen Haaren. Sie starrten ihn an. Nachdem Schuster sie wohl kaum erschießen konnte, tat er das einzig Vernünftige, was ihm einfiel. Er rief ihnen zu: „Kommen Sie her! Beeilen Sie sich! Ich brauche Ihre Hilfe.“ Der Hagere zögerte, aber der Stämmige ließ sich nicht zweimal bitten. „Los“, drängte Schuster. „Üben Sie Druck auf den Verband aus. Halten Sie seine Hand und reden Sie mit ihm.“ Der Mann kniete sich hin und befolgte Schusters Anweisungen. Der andere wartete gut fünf Schritte entfernt. „Herkommen!“, befahl er. „Geben Sie ihm Ihren Schal und stützen Sie damit seinen Kopf ab. Und das Jackett legen Sie über den Bauch.“ Schuster musste weg. „Beeilung! Ich lauf und hol Hilfe.“ Und damit spurtete er schon die Straße entlang und hoffte, dass die beiden Fremden kein gutes Gesichtergedächtnis besaßen. Kurz vor der nächsten Kreuzung überquerte er die Straße und rannte, so schnell er konnte. Die Sirenen wurden immer lauter, aber sie waren noch weit genug entfernt. Er hatte den Selbstlader mitgenommen, weil er die zusätzliche Bewaffnung für nützlich hielt, sollte sie aber besser so bald wie möglich loswerden. Das Gleiche galt für den FREMDENLEGION-Ausweis, aber den musste er vorher abwischen, damit man seine Fingerabdrücke nicht daran fand. Lindas Wagen parkte drei Straßen weiter. Eine Schar Menschen hatte sich versammelt. Wahrscheinlich waren sie aufgeschreckt durch die Schüsse aus ihren Wohnungen geeilt, um nach dem Rechten zu sehen. Schuster verfiel in ein normales Spaziertempo. Es gab kaum eine dümmere Methode, für Aufmerksamkeit zu sorgen, als nach einem Schusswechsel in Straßenkleidern durch die Nacht zu rennen. Ein Streifenwagen bog direkt vor ihm um die Ecke. Schusters Ausbildung machte sich bemerkbar. Er blieb stehen und starrte die beiden Polizisten auf den Vordersitzen an. Genau das taten unschuldige Menschen nämlich. Schuldige schauten dagegen zur Seite, verdeckten ihr Gesicht oder traten die Flucht an. Er entdeckte Lindas Audi und hatte keine Ahnung, ob seine fünf Minuten schon abgelaufen waren oder nicht. Die innere Uhr verriet ihm, dass er überfällig war, aber Linda hätte wahrscheinlich noch eine ganze Stunde auf ihn gewartet. Anstatt auf ihn zu hören, klammerte sie sich lieber ans Prinzip Hoffnung. Die letzten Meter legte er mit flotterem Schritt zurück und rüttelte an der Beifahrertür. Abgeschlossen. Linda fuhr zusammen, entriegelte und ließ ihn einsteigen. „Fahr los“, forderte Schuster sie außer Atem auf. „Halt dich strikt ans Tempolimit und verhalt dich so unauffällig wie möglich.“ Beim Verlassen der Parklücke rauschte ein weiterer Streifenwagen in entgegengesetzter Richtung an ihnen vorbei, gefolgt von einem Krankenwagen. Schuster musste an den FREMDENLEGION-Agenten denken und hoffte, dass er durchkam. Noch zwei Polizeiautos rauschten durch die Nacht. Linda richtete den Blick noch für einige Sekunden stur auf die Straße, bevor sie es wagte, sich Schuster zuzuwenden. „Du blutest.“ Schuster sah auf seine Hände, an denen Blut klebte. Sowohl im bildlichen als auch im eigentlichen Wortsinn. „Das ist nicht meins.“ „Hast du … hast du jemanden umgebracht?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube, nicht.“ „Wo kommt dann das Blut her?“ „Von einem Mann, den ich retten wollte.“ Schuster blickte stoisch nach vorn. „Lass uns später drüber reden. Ich muss nachdenken.“ „Wohin soll ich fahren?“ „Einfach Richtung Osten. Wir müssen uns ein Hotel suchen. Dort bleiben wir den Rest der Nacht und überlegen uns die nächsten Schritte, dann rufe ich Hartmann an, um diese mit ihm zu besprechen.“ Er lehnte sich erschöpft auf dem Sitz zurück. Jemand aus der Polizeibehörde musste befohlen haben, ihn zu töten, warum auch immer. Was für ein Haufen undankbarer Bastarde, dachte er. Die werden es noch bereuen, sich ausgerechnet mit mir angelegt zu haben.“ OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin Bevor Ferris sich weiter mit dem Hackerproblem beschäftigen konnte, musste er die Aktionärsversammlung überstehen. Langsam begann auch für Netzgermania die Glückssträhne in geschäftlichen Dingen zu Ende zu gehen. Zur Millenniumswende hatte ein Boom die Internetbranche erfasst, aber kaum ein Jahr später war die Euphorie ins Gegenteil umgeschlagen. Die gesamte Branche war zusammengebrochen, wie eine Seifenblase geplatzt. Im Gegensatz zu anderen Netzbetreibern stand Netzgermania allerdings immer noch gut da. In den letzten vierundzwanzig Monaten waren eine ganze Reihe von neuen Netzbetreibern entstanden und wieder verschwunden. Die Newcomer hatten sich ebenfalls kurzfristig Gelder an den Börsen verschafft, hatten dann in atemberaubender Geschwindigkeit Leitungen verbuddelt und die notwendige Netzinfrastruktur aufgebaut. Milliarden waren so verbaut worden, der größte Teil davon auf Pump. Dann kam die Flaute auf dem Internetmarkt, die Umsätze blieben weit hinter den Erwartungen zurück, die Preise waren im Keller und viele der neuen Unternehmen waren nicht mal mehr in der Lage, die Zinsen zu bezahlen. Eine Pleite war der anderen gefolgt. Netzgermania hingegen war mit seinen fünf Jahren am Markt schon der Oldtimer der Netzbetreiber. Der Großteil des Netzes war während der letzten Jahre kontinuierlich aufgebaut worden und Netzgermania war bei weitem nicht so verschuldet wie viele der Newcomer. Sie hatten die solide Basis genutzt, um in den zusammenbrechenden Märkten auf Einkaufstour zu gehen und billig Leitungen aus der Konkursmasse der Konkurrenten aufzukaufen. So hatte Netzgermania in letzter Zeit eine ganze Reihe neuer, hochmoderner Leitungsstränge in Europa, sowie zwei Transatlantik-leitungen erworben, alles zu Preisen, die weit unter dem lagen, was man hätte ausgeben müssen, um diese selbst zu bauen. Aber trotz aller Erfolge und umsichtiger Unternehmensführung, war die Branche kaputt, und die Nerven an den Börsen lagen blank. Morgen würde Netzgermania seine Quartalszahlen vorlegen. Das Unternehmen war solide finanziert, machte Umsatz, hatte einen realistischen Businessplan, soweit die guten Nachrichten. Aber auch Netzgermania konnte sich nicht vom Trend der Branche abkoppeln, der Gewinn des letzten Quartals war hinter den Erwartungen zurückgeblieben und für die Zukunft mussten die Gewinnerwartungen ebenfalls nach unten korrigiert werden. Ferris und Ralph hatten am Freitagmorgen zusammen mit dem Aufsichtsrat von Netzgermania die Quartalergebnisse auf der Aktionärsversammlung vorgestellt. Im Anschluss an ihre Vorträge hatten sie den Aktionären Rede und Antwort gestanden und anschließend mussten sie eine Menge Interviews geben. Wichtig waren vor allem die Gespräche mit Analysten und den Vertretern der verschiedenen Fond- und Venture-Capital-Gesellschaften, die den Großteil der Aktien von Netzgermania hielten. Das mäßige Quartalsergebnis und die heruntergeschraubte Gewinnerwartung für das nächste Quartal hatten dazu geführt, dass gleich nach Bekanntgabe der Zahlen am Morgen die Aktien von Netzgermania fast zehn Prozent an Wert verloren. Damit war man bei dem momentanen hysterischen Börsengeschehen noch gut weggekommen. Zum Ende des Tages hatte sich der Aktienkurs wieder stabilisiert, die meisten Analysten hatten sich positiv zur Zukunft von Netzgermania geäußert und einige Handelshäuser sahen Netzgermania als deutlich unterbewertet an und hatten mit ›strong buy‹ sogar Kauf-empfehlungen abgegeben. Ferris Aktienpaket hatte im Laufe des Tages zwanzig Millionen Euro an Wert verloren und war ›nur noch‹ 180 Millionen Euro wert, aber das ganze Geld hatte für Ferris sowieso nur eine abstrakte Bedeutung. Er war einfach froh, dass der Freitag vorbei war. Sie hatten überlebt, die Aktionäre waren einigermaßen zufrieden gestellt, der Rest war Aufgabe von Ralph. Endlich konnte er sich wieder seinen eigenen Gedanken zuwenden. Nach der Aktionärskonferenz erschien ihm das Problem des Hackerangriffs fast als eine erfreuliche Freizeitbeschäftigung. Zumindest war er hier in seinem Metier. Ralph sägte seit einiger Zeit an Ferris Stuhl. Dabei ging er langsam und vorsichtig vor, denn er wusste, er brauchte Geduld, wenn er Erfolg haben wollte. Die Abwesenheit von Ferris nach der Aktionärskonferenz war eine willkommene Gelegenheit. Am Rande ergab sich die eine oder andere Möglichkeit mit den Vertretern der Venture- Capital- und Fond-Gesellschaften ein persönliches Wort zu wechseln. Ralph ließ anklingen, dass der Erfolg von Netzgermania weniger der Verdienst von Ferris, sondern vielmehr sein eigener war. Man war freundlich zu ihm, es konnte sich einmal nützlich erweisen, einen wie ihn im Unternehmen zu haben. Auch wenn man Ralph und seine Illoyalität verachtete: Vielleicht konnte man ihn künftig noch brauchen. West-Side, London Ferris traf am späten Freitagabend in London-Stansted ein. Er hatte mit der Assistentin seines Freundes Leo E-Mails ausgetauscht und verabredet, dass sie ihn am Ausgang zur Ankunftshalle abholte. Er hatte ein Erkennungszeichen vereinbaren wollen, aber Judith Kobold erklärte ihm, dass sie wisse, wie der CEO von Netzgermania aussehe. Als er jetzt in die Ankunftshalle des Flughafens trat, suchte sein Blick nach einer wartenden Frau. Er hatte sich bisher nicht überlegt, wie Judith aussehen könnte. Als Erstes fiel ihm eine Frau in einem gestreiften Kostüm, kurzem Rock, blonden Haaren und unheimlich langen Beinen auf. Er wurde daran erinnert, wie er von Diana mit dem Fernrohr erwischt worden war. Gleichzeitig stellte er nüchtern fest, dass das wohl kaum Judith sein konnte, leider. Auf ihn wartete wahrscheinlich eine kleine, pummlige, übereifrige Doktorandin mit einer hässlichen Brille, die ein Genie am Computer war und sich für nichts sonst interessierte. Sein Blick kreuzte den Blick der blonden Frau in der Wartehalle, die seine Aufmerksamkeit bemerkte und mit einem genervten Gesichtsausdruck demonstrativ in die andere Richtung schaute. „Hallo, Herr Eisenstein“ piepste eine Stimme hinter ihm, und als er sich in die Richtung der Stimme umdrehte, sah er einer eher nach Studentin aussehenden jungen Dame ins Gesicht. Wobei diese weder besonders klein, noch pummelige war und auch keine hässliche Brille trug. „Und natürlich will man dann irgendwann auch mal bekannt geben, dass man jemanden überlistet hat. Ein Triumph schmeckt nicht so richtig, wenn man ihn alleine genießen muss. Daher ist im Großen und Ganzen kein Geheimnis, was sich so bei den Hackern tut. Wenn man die Usergroups, Foren und die einschlägigen Publikationen verfolgt, erhält man schnell einen Überblick darüber, wer was macht. Dazu muss man natürlich in die Szene integriert sein. Oft werden Gesetze übertreten oder Unternehmen geschadet, das teilt man einem Außenstehenden nicht so ohne weiteres mit.“ Während der Autofahrt sprudelten die Worte nur so aus seiner Begleitung heraus. „Und du bist gut in die Szene integriert?“ „Am Anfang ist es mir nicht geglückt. Bis ich gelernt habe, dass es sehr ungeschickt war, mit einem Frauennamen Kontakt aufzunehmen. Als Frau wurde ich entweder nicht ernst genommen oder bekam Mails mit eindeutigem Inhalt, pornographischen Bildern und so’n Zeug. Eben kleine, pubertäre Jungs. Schließlich habe ich mir eine zweite Identität zugelegt. Eine männliche, und damit klappt es hervorragend.“ „Netzgermania ist natürlich öfters mit Hackern konfrontiert. Es gibt Tage, da registrieren wir mehr als 1.000 unberechtigte Versuche, in unser Netz einzudringen, aber bisher blieben diese Versuche immer erfolglos und wir hatten die Oberhand. Solange die Versuche scheiterten, haben wir uns damit abgefunden. Als einer der größten Netzbetreiber ist man eben auch eine der beliebtesten Zielscheiben.“ „Tja, so ist es, wenn man den Größten hat“ kommentierte Judith lachend. Ferris begriff, dass es ein schweres Wochenende werden würde, aber er mochte Judith mit ihrer sympathischen Art sofort und fühlte sich neben ihr im Auto sauwohl. Sollte sie ihn also ruhig ein wenig auf die Schippe nehmen. „Aber die Hackerversuche der letzten Tage waren anders, als alles, was wir bisher erlebt haben. Vor allem hatte ich auch Kontakt mit dem Administrator von SEC-ON, durch den wir überhaupt erst auf das Eindringen Informationen erhalten hatten, da bei denen dasselbe passierte. Unsere eigenen Sicherheitsexperten hätten das nie gemerkt. Das ist ja gerade das Unheimliche daran. Herr Kahrmann, so heißt der Administrator, möchte mir noch umfangreiche Daten zur Verfügung stellen, da er anscheinend zu dem Zeitpunkt des Hackerangriffs Daten mitgeloggt hatte. Ich warte da stündlich drauf, habe aber bisher noch keine Mail erhalten. Ich habe schlicht und einfach keine Ahnung, wie er oder sie das überhaupt anstellt, und wir wissen auch nicht, wie wir uns davor schützen können. Darum bin ich hergekommen.“ „Aus dem, was Du mir erzählt hast, ergeben sich durchaus einige Anhaltspunkte. Wir sind gleich im Institut, da habe ich meine Unterlagen. Als du den Verlauf des Hackerangriffs beschrieben hast, ist mir sofort ein Beitrag eingefallen, den ein gewisser Frank Oswaldo vor etwa einem halben Jahr in einem Forum vorgestellt hat. Er meinte, festgestellt zu haben, dass es eine Hintertür zum Betriebssystem von RouterSystem gibt. RouterSystem stellt vor allem Router her. Router sind die Vermittlungsstellen des Internets. Wenn ein Surfer im Internet eine Seite aufruft, dann muss seine Anfrage den Weg zu dieser Seite finden. Sobald die Seite gefunden ist, muss der Inhalt der Seite den Weg zurück zu dem finden, der die Seite angefordert hat. Diese Arbeit erledigen die Router, es gab davon Zehntausende im Internet. Jeder Router steht mit mehreren anderen Routern in Kontakt. Wenn also eine Seite angefordert wird, geht diese Anfrage einfach von Router zu Router, bis schließlich die richtige Adresse gefunden ist. Auf diese Weise funktioniert das Internet weltweit. Den größten Anteil der Router liefert ein einziges Unternehmen: RouterSystem. Und für seine Router hatte RouterSystem ein eigenes Betriebssystem entwickelt.“ „Nicht schlecht, wenn es die gibt, dann gibt es eine Hintertür zum gesamten Internet. Wie glaubt er die Lücke im System ausgemacht zu haben?“, fragte Ferris. „Das ist das Merkwürdige, er glaubt nicht, dass er eine Lücke entdeckt hat, sondern er war der Meinung, dass diese Hintertür absichtlich direkt in den Source-Code reinprogrammiert worden ist.“ „Er war der Meinung?“, meinte Ferris verwundert. „Was hat ihn dazu gebracht, seine Meinung zu ändern?“ „Gute Frage, aber ich berichte am besten der Reihe nach. Frank hatte einen Hackerangriff protokolliert und nach dem, was er beschrieben hat, verlief der fast genauso, wie der, den du erlebt hast. Als ich damals den Hinweis las, fand ich ihn auch sehr unglaubwürdig und habe ihn eigentlich nur der Vollständigkeit halber für meine Doktorarbeit weiter verfolgt. Ich habe Frank eine Mail geschickt und er hatte mir versprochen, mir weitere Informationen zu senden. Aber ich habe nichts mehr von ihm gehört. Als ich dann zwei Wochen später nachgefragt habe, hat er bestritten, je mit mir gesprochen zu haben, und auch von dem Beitrag wollte er plötzlich nichts mehr wissen. Tatsächlich war auch sein Beitrag im Forum gelöscht worden. Ich habe dann noch ein paar Mal versucht, ihn per Mail zu erreichen. Aber er hat weiterhin alles bestritten und mich ziemlich kalt abgewürgt. Ich habe schließlich das Ganze unter Blödsinn abgehakt. Bis heute.“ „Eine Hintertür zum Betriebssystem von RouterSystem? Das könnte es vielleicht erklären. Weiß Leo davon?“ „Ja, wir haben damals darüber gesprochen. Wahrscheinlich hat er sich ebenfalls daran erinnert, als du ihm von deinem Hackerangriff berichtet hast. Deshalb hat er uns wohl auch zusammengebracht. Eine Hintertür ist nicht völlig unwahrscheinlich. Oft programmieren die Softwareentwickler eine solche ein. Einfach nur, um das Gefühl zu haben, Kontrolle über das Programm zu behalten. Nicht um dann wirklich Schaden anzurichten.“ „Und wenn jemand eine Hintertür in das Betriebssystem von RouterSystem programmiert hat, dann hat er den Generalschlüssel zum Internet in der Hand.“ „Oder jemand, der das herausgefunden hat, hat den Schlüssel.“ Unvorstellbar, dachte Ferris, wenn dies tatsächlich jemandem gelungen war. Das würde allerdings erklären, was Netzgermania und SEC-ON in den letzten Tagen erleben mussten. Denn RouterSystem lieferte nicht nur weltweit die Komponenten für das Internet, sondern auch für firmeninterne Netzwerke. Wenn es diesen Schlüssel gab, dann passte er auch überall ins Schloss. „Gibt es noch andere Hinweise?“ „Nein, das war der Einzige. Deshalb habe ich ihn bisher auch nicht besonders ernst genommen.“ „Wie können wir diesen Frank Oswaldo erreichen?“ „Er arbeitet bei einer Entwicklungsfirma in Boston. Aber wie schon gesagt, man bekommt nichts aus ihm raus.“ „Dann sollten wir einen Weg finden, ihn zu überzeugen uns zu helfen, oder aber wir stellen fest, dass er wirklich nur ein Spinner ist.“ „Lass uns das bitte morgen besprechen. Es ist schon sehr spät und ich bin müde. Ich setze Dich auf meinem Nachhauseweg an Deinem Hotel ab und wir besprechen unsere Strategie gleich morgen früh, ok?“ So saß Ferris also allein bei seinem zweiten Bier an der Theke der Hoteleigenen Bar im Untergeschoß, als er plötzlich von einem Unbekannten angesprochen wurde. „Herr Ferris Eisenstein?“ Leider passierte das hin und wieder. Sein Bild war regelmäßig im Wirtschaftsteil der Zeitungen und manchmal wurde er tatsächlich Fremden erkannt und angesprochen. Ferris hatte jetzt aber keine Lust, über die wirtschaftliche Situation von Netzgermania zu diskutieren. Aber wie die Leute vom Marketing immer sagten, jeder Aktionär und Kunde war wichtig, also riss er sich zusammen und fügte sich dem Unvermeidlichen. „Kennen wir uns?“ „Nein, aber ich würde mich gerne kurz mit ihnen unterhalten. Sie erlauben, dass ich mich zu ihnen setze?“ Der Fremde wartete keine Antwort ab, sondern setzte sich direkt neben ihn an die Bar. „Ich will gleich zur Sache kommen. Wie man hört, gibt es wohl einige Irritationen mit einem Zugriff auf ihr Netz. Die Mitarbeiter von SEC-ON haben da leider etwas missverstanden und daraufhin Ihnen einen Hackerangriff gemeldet, den es gar nicht gab. Es ist besser, Sie vergessen das Ganze.“ Ferris war jetzt sofort hellwach. Das war kein Aktionär, der sein Bild in der Zeitung gesehen hatte. „Was wissen Sie darüber, woher haben Sie die Informationen darüber und wer sind Sie?“ „Das kann ich ihnen nicht sagen. Gehen Sie davon aus, dass ich einflussreiche Leute vertrete.“ „Was wird das? Eine Imitation des Paten? Wollen Sie mir drohen?“ „Ich bin nicht hier, um Witze zu machen. Halten Sie sich raus. Ihr Business ist es, ein Netzwerk zu betreiben, belassen Sie es dabei. Es besteht keine Gefahr für Ihr Netz, und Sie werden in Zukunft keine unberechtigten Zugriffe mehr registrieren. Aber um es klar zu machen, Sie bringen sich unnötig in Gefahr, wenn Sie sich weiterhin um Angelegenheiten kümmern, die Sie nichts angehen.“ „Sagen Sie mir, wer Sie sind, oder verschwinden Sie und lassen Sie mich in Ruhe.“ „Warum rufen Sie nicht einfach Michael Kahrmann an und besprechen das Ganze mit ihm? Herr Kahrmann kann Ihnen bestätigen, dass wir nicht scherzen.“ Der Fremde stand auf und war draußen, bevor Ferris etwas erwidern konnte. Ferris ging kurz darauf ebenfalls an die frische Luft, um einen kühlen Kopf zu bekommen und um zu überlegen, was eben vorgefallen war. Obwohl es schon spät war, entschied er sich, Michael Kahrmann von SEC-ON anzurufen und herauszubekommen, was das alles sollte. Ferris brauchte jetzt unbedingt Klarheit, um die weiteren Schritte abzuwägen. Sie hatten mit ihren E-Mails auch die Handynummern ausgetauscht und genau diese wählte Ferris jetzt. Nachdem das Handy mehrmals geklingelt hatte und Ferris schon auflegen wollte, meldete sich eine leise, kaum verständliche Frauenstimme. „Hier ist Ferris Eisenstein, entschuldigen Sie die späte Störung, aber könnte ich Herrn Kahrmann sprechen? Es ist dringend!“ Nach einer langen Pause antwortete die Frauenstimme: „Mein Mann hatte gestern Nacht einen Unfall.“ „Das tut mir schrecklich leid, wie geht es ihm?“ „Er ist tot!“ Das Gespräch wurde unterbrochen und Ferris stand noch eine ganze Zeit fassungslos auf der Straße und starrte ungläubig das Handy an. Nachdem sich Ferris Eisenstein wieder einigermaßen gesammelt hatte, scannte er mit seinen Augen hektisch die Umgebung auf den Unbekannten oder sonstige eventuelle Beobachter oder auffällige Details. Danach schritt er schnellen Schrittes in sein Hotel und packte auf seinem Zimmer seinen kleinen Trolley, den er erst vor einer knappen Stunde ausgepackt hatte, schnell wieder zusammen. Kahrmann tot? Sie hatten doch erst gestern miteinander telefoniert. Hier in London ein Unbekannter bei ihm an der Bar? Woher hatte der die Informationen, dass er überhaupt hier war? Hier stinkte einiges zum Himmel, aber sowas von gewaltig. Und tödlich dazu! Zumindest war er sich jetzt darüber bewusst, wie gefährlich diese Hacker sind und das mit diesen skrupellosen unbekannten Gegnern in keinster Weise zu spaßen sei. Er konnte in dieser Situation jetzt auch keinem mehr trauen. Das war klar. Sein gesamtes Informationssystem wurde gehackt, nicht nur bei Netzgermania oder SEC-ON, auch sein privates. Alles! Das sind Dimensionen, die sowas von gewaltig sein müssen und vor allem so schnell von den Hackern umgesetzt wurden, das gar keine Zeit zum langen Nachdenken über eine Lösung zur Verfügung stand. Die waren ihm aktuell mindestens zwei Schritte voraus. Es war an der Zeit, die Kontrolle über diese verfahrene, fast aussichtslose Lage wieder zu erlangen. Und dazu musste er sich sofort zuerst aus sämtlichen möglichen Schusslinien des Gegners entfernen und abtauchen. Damit verließ er das Hotel ohne an der Rezeption Bescheid zu geben durch einen kleinen Seiteneingang, der eigentlich vom Küchenpersonal genutzt wurde und verschwand mit der U-Bahn zu einem kleinen Quartier im Stadtteil Newham. Von dem konnte keiner etwas wissen, da er es noch aus den früheren Zeiten bei der GSG-9 kannte, und das, zumindest damals, als Safe-House genutzt wurde. Vielleicht hatte er Glück und es existierte noch. Das Gute daran war, das es auch nicht weit entfernt war vorm Ritz. Dort konnte er auch noch am nächsten Tag Bescheid geben oder geben lassen, wie auch immer. Das war sein kleinstes Problem jetzt im Augenblick. Jaja, die gute alte GSG-9, das waren noch Zeiten… Ferris konnte sich fast noch so an ihren letzten Tag, bevor ihr Team gesprengt wurde, erinnern, als wäre das erst vor einem Tag passiert, und nicht schon vor 12 Jahren. 6. Etage, Supreme HQ Allied Powers Europe Auf dem Sofa in seinem Büro saß Sir Frankiston gegenüber von Lloyd. Während der ältere Mann aufmerksam der Stimme aus dem Satellitentelefon lauschte, blieb sein zorniger Blick auf den jungen Anwalt gerichtet. „Verstehe“, sprach Sir Frankiston in den Hörer. „Danke.“ Er beendete den Anruf und legte den Apparat vorsichtig auf den Tisch vor sich. Lloyd starrte hoffnungsvoll zurück. Sir Frankiston senkte als Erster den Blick und schaute auf den Teppichboden. „Wie es scheint, sind alle tot.“ „Wer ist tot?“, fragte Lloyd und die optimistische Färbung seiner Stimme verstärkte sich. „Alle außer den beiden Piloten. Mir wurde gesagt, es habe eine kleine Auseinandersetzung an Bord der Maschine gegeben. Die drei GSG 9 Jungs hatten sich nicht so leicht überwältigen lassen, was mich nicht sonderlich überrascht. Der Pilot hat zwei Leichen im Laderaum vorgefunden, aber keine Spur von den anderen sechs. Blut am Boden, an den Wänden und der Decke, mehr als 50 Einschüsse im Rumpf.“ „Meine Firma wird für den Schaden aufkommen.“ Lloyd sagte das ganz nüchtern. Er räusperte sich. „Aber sie haben die Leichen des Teams nicht gefunden? Könnten sie überlebt haben?“ „Sieht nicht so aus. Ein Haufen Ausrüstung ist weg, denn die Maschine ist kilometerweit mit offener Ladeklappe geflogen. Zum fehlenden Equipment gehörten zwar logischerweise auch Fallschirme. Dennoch haben wir keinen Grund zu der Annahme, dass ...“ Lloyd unterbrach ihn. „Wenn unsere Zielpersonen aus dem offenen Laderaum einer Frachtmaschine gefallen sind und außerdem die Fallschirme fehlen, ist es nicht gesichert, dass der Job erledigt wurde.“ „Die drei schwerverletzten Soldaten standen gegen ein vierköpfiges Team meiner besten Männer. Allesamt ehemalige Soldaten der kanadischen Spezialeinheit. Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt, also hören Sie auf, meine Familie zu bedrohen.“ Lloyd machte eine wegwerfende Handbewegung. „Verdammt noch mal, Mann!“, explodierte Sir Frankiston. „Ich habe doch getan, was Sie mir gesagt haben!“ Er kochte vor Wut, aber um die Sicherheit seiner Familie machte er sich keine Sorgen mehr. Kurz vor Lloyds Rückkehr hatte Sir Donald seinen Sohn angerufen und angewiesen, Frau und Kinder einzusammeln und so schnell wie möglich zum Bahnhof St. Pancras zu fahren, um den zweiten Eurostar des Morgens zu erwischen und nach Frankreich abzureisen. In diesem Moment sollten sie bereits in der Sommerresidenz der Familie eingetroffen sein, südlich der Küste der Normandie. Sir Frankiston war zuversichtlich, dass Lloyds Leute sie dort nicht fanden. „Ja, Sie haben getan, was man Ihnen gesagt hat, und das werden Sie auch weiterhin tun. Sie müssen die genaue Flugstrecke der Piloten nachvollziehen und ein Team rausschicken, das am Boden ...“ Das Telefon auf Sir Frankistons Schreibtisch klingelte zweimal kurz. Ein eigentümliches Geräusch. Sir Donalds Kopf fuhr schockiert herum und ruckte sofort zurück, wobei er Lloyd anstarrte. „Wer ist das?“, fragte Lloyd unsicher, als er Sir Frankistons Reaktion bemerkte. „Es ist nur ein Klingelton.“ „Dann gehen Sie ran und schalten Sie auf Lautsprecher.“ Sir Frankiston eilte zum Schreibtisch und drückte einen Knopf auf der Telefonkonsole. „Sir Frankiston am Apparat.“ Die Stimme aus dem Lautsprecher klang weit entfernt. Die Worte wurden von keuchenden Atemzügen begleitet. „Das nennen Sie eine Rettungsaktion?“ „Nowak, es ist gut, Ihre Stimme zu hören. Was ist passiert?“ Lloyd zog hastig einen Notizblock aus dem Aktenkoffer. „Dasselbe wollte ich Sie gerade auch fragen.“ „Sind Sie verletzt?“ „Ich werde es überleben, die beiden anderen hatten leider nicht so viel Glück wie ich und haben den Sturz aus der Maschine nicht überlebt. Aber das habe ich keineswegs dem Team zu verdanken, dass Sie geschickt haben, um uns rauszuholen.“ Sir Frankiston sah zu Lloyd hinüber. Der junge Schnösel kritzelte ein Wort auf die erste Seite seines Blocks und hielt ihn hoch. „Mein Sohn, ich habe eben von den Piloten gehört, dass es einen Kampf gegeben hat. Das waren keine meiner regulären Angestellten, sondern eine Söldner-Einheit, die ich vorher nur ein einziges Mal eingesetzt habe. Ich musste nach der Absage der Polen schnell ein neues Team finden.“ „Und die haben wegen der Sache im Irak abgesagt?“ „Ja. Der gesamte Sektor wurde nach Ihrer missglückten Operation gestern zur Gefahrenzone erklärt. Die Polen haben sich daraufhin geweigert, die Mission zu erfüllen. Die Männer, die ich an ihrer Stelle geschickt habe, haben mir zu verstehen gegeben, dass sie für den richtigen Preis jeder Gefahr trotzen. Jemand muss ihnen also noch mehr Geld geboten haben.“ „Aber wer?“ „Meine Quellen sagen, dass Julius Abubaker, der nigerianische Präsident, ein Kopfgeld auf Sie ausgesetzt hat, weil er davon ausgeht, dass Sie seinen Bruder liquidiert haben.“ „Wie kommt der denn darauf, dass ich derjenige sein soll, der seinen Bruder ausgeschaltet hat?“ „Das muss zweifellos an Ihrem Ruf liegen. Sie haben einen Bekanntheitsgrad erreicht, der jeden automatisch an Sie denken lässt, wenn der Auftrag wirklich schwierig oder das Ziel äußerst prominent ist.“ Jetzt wurde Mike Nowak die Zusammenhänge mit ihrem Retter, diesem Nicolas langsam klar. Das musste der Grund gewesen sein, dass dieser eindeutig hoch qualifizierte Agent, vor Ort war. Genau zu dem Zeitpunkt. In diesem Fall muss dieser Nicolas dahinterstecken.“ „Scheiße“, dröhnte die Stimme aus dem Lautsprecher. Sir Frankiston hakte nach: „Wo sind Sie jetzt? Ich schicke ein neues Team, das Sie abholt.“ „Nein, danke.“ „Mike, Junge, Sie wissen, dass ich Ihnen helfen kann. Abubaker scheidet in wenigen Tagen aus dem Amt. Er macht sich mit unvorstellbaren Reichtümern davon, aber seine Macht wird nachlassen, wenn er erst einmal Zivilist ist. Die Gefahr für Ihr Leben wird bald vorüber sein. Ich hole Sie zurück und passe auf Sie auf, bis Gras über die Geschichte gewachsen ist.“ „Verstecken kann ich mich auch allein. Reden Sie keine Scheiße, Sir Frankiston. Sie wissen genauso gut wie ich, dass diese ganze Operation ein gewaltiger Griff ins Klo war. Ich habe Fragen, viele Fragen. Und diese werde ich Ihnen irgendwann persönlich stellen. Und ich werde dabei in Ihre Augen schauen, Sie gottverdammter Dreckskerl. Gehen Sie davon aus, dass wir alle drei tot sind und geben dass auch so weiter, denn wenn ich herausfinde, dass Sie das nicht tun, werde ich ohne zu zögern zu ihnen kommen und Sie auslöschen, haben sie das kapiert und verstanden?“ „Ja, das habe ich“ antwortete Sir Frankiston zögernd und extrem verängstigt. Woher hatte dieser Mistkerl herausgefunden, dass er den Befehl zu Ihrer Liquidation gegeben hatte“ „Gut, versuchen Sie nicht, mich zu finden. Denn das werden Sie sowieso nicht.“ Damit endete der Anruf. Lloyd schüttelte müde den Kopf und dachte einen langen Moment über den Anruf nach. Dann zupfte er sich einen Fussel vom Hosenbein. „Bevor ich nach Europa gezogen bin, um hier zu arbeiten, habe ich einiges erlebt in den Staaten.“ „Sie sind von der CIA?“ „Ex-CIA. Das ist vorbei. Patriot zu sein, bringt zu wenig Geld ein, fürchte ich.“ „Patrioten zu jagen, bringt also mehr Geld? Oder damit zu drohen, Kindern wehzutun?“ „Das bringt sogar deutlich mehr Geld ein, ja. Die Welt ist ein komischer Ort. Als ich noch in Langley war, habe ich alle Personalakten kopiert, die ich in die Finger bekam. Ich empfand das als Lebensversicherung, sollten sie sich je an meine Fersen heften. Es ist reiner Zufall, dass diese Dokumente mir in meiner jetzigen Position von Nutzen sind.“ Lloyd stand auf und spazierte in Sir Frankistons Büro auf und ab. „Ich muss in Erfahrung bringen, wo Nowak jetzt ist und wo er hinwill, wie er sich genau verhält, wenn er untertauchen muss.“ „Wenn er untertaucht, verschwindet er einfach spurlos. Sie müssen sich mit diesem Ergebnis zufriedengeben. Alle Teammitglieder sind tot und Mike Nowak wird vom Radar verschwinden. Jetzt werde ich mich noch darum kümmern, dass der Rest des Teams in Deutschland auf elegante Weise aufgelöst wird und damit sind wir quitt, Lloyd!“ „Das ist inakzeptabel. Sie müssen mir etwas geben, das ich noch nicht über Nowak weiß. Er ist doch die reinste Killermaschine. Keine Freunde, keine Familie, die ihm etwas bedeuten. Weit und breit kein Weibsstück, mit dem er die langen Nächte nach einem erledigten Auftrag hätte verbringen können. Seine Akte, die ich habe, ist leider nicht mehr aktuell, sondern bereits ein paar Jahre alt. Und die ist langweiliger als alles, was ich je gelesen habe. Keine Laster, keine Schwächen. Aber inzwischen ist er älter geworden. Er hat doch bestimmt Freundschaften geschlossen oder Vorlieben entwickelt, die uns helfen, seine nächsten Schritte vorauszuahnen. Sie müssen mir doch irgendwas über ihn sagen können, ganz gleich wie trivial, womit ich ihn aus der Deckung locken kann.“ Sir Frankiston konnte sich ein winziges Schmunzeln nicht verkneifen, als er die Verzweiflung seines Gegenübers so deutlich spürte. Er verneinte. „Nichts. Absolut gar nichts. Sie wissen doch genau, dass alle Akten von GSG 9 Mitgliedern mit dem Status „Streng geheim“ bearbeitet und damit geschwärzt werden.“ „Gehen Sie endlich zurück in Ihr Büro und lecken Sie Ihre Wunden. Und lassen Sie mich und meine Familie in Ruhe!“ Sir Frankiston bemerkte das nervöse Zucken in Lloyds Gesicht. Aber dann breitete sich ein Lächeln darauf aus. „Nun, wenn Sie mir nicht helfen wollen, Nowaks Schwächen ausfindig zu machen, um ihn aufzuspüren, sehe ich mich gezwungen, Ihre eigene Schwäche gegen ihn einzusetzen.“ Er zog sein Handy aus der Jackentasche und lächelte Donald Sir Frankiston an, während er hineinsprach. „Holen Sie Phillip Frankiston und seine Familie ab. Sie sind in ihrem Sommerhaus in der Normandie. Bringen Sie sie ins Château Laurent.“ Sir Frankiston sprang auf die Füße. „Sie verdammter Hurensohn!“ „Ich bekenne mich schuldig.“ Lloyds Tonfall verhöhnte den NATO- Sonderermittler. „Meine Leute werden Ihren Sohn und seine Familie auf einem versteckten Anwesen in der Normandie festhalten, das sich ebenfalls in unserem Besitz befindet. „Was bitte soll das bringen?“ „Nowak wird das läuten hören und wird es sich zur Aufgabe machen, alle Beteiligten zu retten. Und er weiß nur zu genau, dass die Polizei bei so einer Sache keine große Hilfe ist. Also wird er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um nach Frankreich zu kommen. Sie wissen doch genauso gut wie ich, Sir Donnie, dass Mike Nowaks moralischer Kompass ein bisschen schief steht. Er ist immerhin ein verdammter Auftragskiller. Aber all seine Operationen, sei es bei der GSG 9 oder als Privatier, haben sich immer gegen die Art von Menschen gerichtet, die er mit reinem Gewissen außergerichtlich exekutieren konnte. Terroristen, Mafiabosse, Drogendealer ... lauter Abschaum. Mike ist ein Mörder, aber er hält sich für einen Rächer, der aus dem Ruder gelaufene Sachen geradebiegt. Er betrachtet sich als Handlanger der Gerechtigkeit. Das ist seine Schwachstelle. Und die wird jetzt sein Schicksal besiegeln.“ Damit drehte er sich auf dem Absatz um, verließ das Büro und ließ den Sonderermittler im Glauben zurück, dessen Familie als Pfand für Mike Nowak zu haben. Das war jedoch sein letzter Fehler im Leben, da er Sir Frankiston leider gründlich unterschätzt hatte. Gesprengtes Team, Juni 2011 Kaum hatte Lloyd das Gebäude verlassen, griff Sir Frankiston zum Telefonhörer und kontaktierte einen seiner besten Auftragskiller „the Don“, um mit diesem dessen nächsten Auftrag zu besprechen. Als der Termin vereinbart war, rief er in seiner Funktion als Sonderermittler der NATO, den zuständigen Abgeordneten in Deutschland an, der für die Sondereinheit „Black Devil Hawks“ der deutschen Anti-Terror-Elite GSG 9 zuständig war, und bat diesen zusammen mit dem zuständigen Einsatzleiter der BDH´s, General Borsdorf, zu einem vertraulichen dringlichen Gesprächstermin nach Belgien. In der folgenden Woche konnte man in allen internationalen Zeitungen lesen, dass es in einem privaten Château in der Normandie in Frankreich, welches bis auf die Grundmauern nach einem Großbrand abgefackelt war, ein Massaker von unvorstellbarem Ausmaß gab. Lt. den Untersuchungsteams und der Spurensicherung der französischen Gendarmarie wurden 28 Personen getötet. Was genau passierte, konnte trotz langwieriger Ermittlungen nie aufgeklärt werden und wurde bald aufgrund Überlastung der französischen Behörden als erledigt abgelegt und archiviert. Die 5 Millionen Euro, die auf das Transferkonto von Nicolas „the Don“ Dominique im selben Zeitraum überwiesen wurden, verwendete dieser, um von der Bildfläche abzutauchen und sich um seine privaten Hobbies zu kümmern. Als der Bundestagesabgeordnete Matthias Schindler, nach seiner Benachrichtigung über den katastrophalen Ausgang einer geheimen Operation der Sondereinheit „Black Devil Hawks“ der GSG 9, welcher mit dem Tod sämtlicher beteiligten Personen und Einsatzkräfte, von denen auch drei übriggebliebene, schwerverletzte Mitglieder auf ihrem Rückflug nach Deutschland, aufgrund technischer Probleme mit der Transportmaschine über der türkischen Wüste abstürzten, in das Hauptquartier der GSG 9 zur sofortigen Auflösung der Sondereinheit, aufgrund streng geheim zuhaltenden internationalen Befehl kam, um die detaillierte Vorgehensweise mit den dort verbliebenen, restlichen Mitgliedern der Sondereinheit zu besprechen, fand dieser nur leere Räume vor. Lt. Auskunft einer Putzkolonne, die gerade zu diesem Zeitpunkt das Gebäude reinigte, wurden diese per E-Mail 2 Tage zuvor beauftragt, sämtliche Räume des Gebäudes aufgrund von beschädigten Chemikalienbehältern, komplett zu kontaminieren, die Möbel auszuräumen und zu entsorgen, sowie mittels hochwirksamen Spezialreinigungsmitteln intensiv zu reinigen. Signiert war die E-Mail von einer Dr. Mikaela Ricci, deren fristlose Kündigung, zusammen mit der Kündigung von 3 weiteren Kollegen, ebenfalls am selben Tag per E-Mail bei den zuständigen Behörden einging. Als Mike Nowak das Telefonat mit Sir Frankiston beendet hatte, grinste er seine beiden Kollegen Brian Schuster und Chris Hartmann an und verabschiedete sich mit den Worten, dass man sich bestimmt irgendwann mal irgendwo treffen oder über den Weg laufen würde, als Zivilist oder so. Genauso war Mike Nowak gestrickt. Irgendwie zwar Teamplayer, aber irgendwie auch Einzelgänger. Dann verschwand er. Zuvor hatten die Drei vor dem Telefonat mit Sir Frankiston, bereits mit einer ihrer in Deutschland verbliebenen Back-Team-Kollegen, der Ärztin Dr. Mikaela Ricci, die zusammen mit Stefan „Speedy“ Rafter, der die Mission in seiner Eigenschaft als Vorhut zusammen mit dem Einsatzleiter, wie immer vorgeplant, hatte, für die medizinische Versorgung des gesamten Teams zuständig war, sowie mit Ferris Eisenstein, der die komplette IT- Netzwerkstruktur, deren Security Protokolle incl. dem Backup-Sicherungssystem einrichtete und verantwortete, und dem Kampfmittelexperten Terry Flow, der aufgrund einer Verletzung kurzfristig vom Einsatz abgezogen wurde, telefoniert um diesen einen detaillierten Ablaufbericht über den Verlauf der Operation durchzugeben. Dabei besprachen sie, unter Anderem, den gegen sie gerichteten, offensichtlichen Tötungsbefehl auf ihrem Rückflug, sowie das, aufgrund der Tatsache, dass von höchster Stelle eine Infiltration der Einheit vorliegen musste, davon auszugehen sei, dass mit höchster Wahrscheinlichkeit das gesamte restliche Team endgültig „aufgelöst“ werden würde, um Nachforschungen etc. der Zurückgebliebenen zu vermeiden. Als man dabei auch noch erfuhr, das ihr Einsatzleiter General Borsdorf gar nicht im Office war, sondern seit geraumer Zeit, genauer gesagt, seit dem Beginn der Mission, entgegen aller Protokolle nicht mehr kontaktierbar war, kamen alle zu dem Ergebnis, das dieser zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit, der „Maulwurf“ war und ihm deswegen, auch im Falle eines Irrtums, nicht mehr zu trauen sei. Somit wäre die Grundlage für den internen geheimen Team-Code „Aktion Triple X“ gegeben, gerechtfertigt und dieser sofort mit höchster Dringlichkeitsstufe einzuleiten und zu aktivieren. Nowak bedauerte vor allem die heißen Nächte mit seiner zukünftigen „Ex- Kollegin“ Mikaela, sowie die intensiven Trainingseinheiten mit Schuster. Nachdem Nowak sich von Chris Hartmann und Brian Schuster verabschiedete, beschlossen diese, einen Arzt in Mailand, den Ihnen Mikaela empfohlen hatte, aufzusuchen, bevor auch sie sich trennen würden, vereinbarten jedoch noch, dass sie beide auch zukünftig in engen Kontakt bleiben würden. Nowak, der über ein fotografisches Gedächtnis verfügte, griff ein letztes Mal zu seinem Prepaid Mobil - Telefon, bevor er dieses zerstören und entsorgen würde, und wählte eine spezielle Nummer. „Dr. Mia Johnson hier“ meldete sich eine weibliche Stimme mit amerikanischem Akzent. „Hi Dr. Johnson, hier spricht Mike Nowak aus Deutschland. Sie baten um einen Rückruf…“ Der Befehl Peter Nicholsen saß auf einem der bequemen Ledersitze des funkelnagelneuen Cessna-750-Citation-X-Executive-Jets. Das Flugzeug konnte bis zu zwölf Passagiere befördern, doch bei diesem Flug waren es außer den Piloten nur vier. Eine Frau und zwei Männer saßen an einem kleinen Tisch und studierten Landkarten und Fotografien. Nicholsen hatte ihnen kaum etwas über die Kubickis mitgeteilt. Je weniger diese Leute wussten, umso besser. Dieses Problem musste rasch aus der Welt geschafft werden. So wie nach dem Ausbruch einer Krankheit die ersten vierundzwanzig Stunden von entscheidender Bedeutung waren, kam es auch hier vor allem auf den folgenden Tag an. Wenn man die Dinge sofort anpackte und erledigte, dann würde es keine Probleme geben. Wenn aber irgendwelche Unsicherheitsfaktoren bestehen blieben, würde das Ganze möglicherweise außer Kontrolle geraten. Einer der Männer stand auf und kam zu ihm herüber. Er setzte sich Nicholsen gegenüber, damit er ihm ins Gesicht sehen konnte. Sein Name war Gus Chappadelaine; einigen Leuten im Geschäft war er als „der Franzmann“ bekannt. Der Frankokanadier aus Montreal hatte in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren für die CIA gearbeitet, bis er 1986 beschloss, sich selbstständig zu machen. Auf diese Weise konnte man viel besser verdienen und sich die Arbeitszeit selbst einteilen. Chappadelaine musterte Nicholsen mit seinen Falkenaugen. Der Franzmann machte sich so seine Gedanken über Nicholsen; er wirkte zwar recht kompetent, war aber manchmal ein bisschen vorschnell mit der Anwendung von Gewalt. Chappadelaine schätzte, dass er ein typischer Befehlsempfänger war; es gab wohl einen Mann im Hintergrund, dessen Anweisungen Nicholsen ausführte. Die Art und Weise, wie der ehemalige CIA-Agent mit Geld um sich warf, ließ vermuten, dass sein Boss über beträchtliche finanzielle Mittel verfügte. Es gefiel Chappadelaine gar nicht, dass er nicht wusste, wer Nicholsens Arbeitgeber war. Das Wissen um solche Dinge konnte in diesem Job eine Art Versicherung darstellen – für den Fall, dass etwas missglückte. Chappadelaine strich sich über seinen schwarzen Schnurrbart. „Also, wer sind die beiden Leute?“, wandte er sich an Nicholsen. „Niemand. Sie haben einen Auftrag angenommen, sie haben es vermasselt, und jetzt müssen sie dafür bezahlen.“ Chappadelaine fiel auf, dass Nicholsen in einem fast beiläufigen Ton sprach – so als ginge es darum, diese Leute zu feuern, weil sie keine Leistung brachten. „Und sie bezahlen mit ihrem Leben?“, fragte er. „Sie haben gewusst, worauf sie sich einlassen.“ Chappadelaine hielt zwei Schwarz-Weiß-Fotos hoch. „Und das ist alles, was Sie mir geben können?“, fragte er. „Keine Informationen, gar nichts?“ „Sie brauchen keine weiteren Informationen. Es wird ein einfacher Job. Wir fahren hin, ziehen es durch – und fertig.“ Chappadelaine musterte Nicholsen eindringlich. „Ich beurteile selbst, wie einfach ein Job ist.“ „Falls es Sie beruhigt – ich habe vor, selbst zu schießen.“ Chappadelaine sah ihn lächelnd an und lehnte sich in seinem Sitz zurück. „Wirklich?“ „Ja, wirklich. Was ist daran so komisch?“ „Ich habe noch nie erlebt, dass Sie sich einmal die Hände schmutzig gemacht hätten – geschweige denn, dass Sie jemanden getötet hätten.“ Nicholsen konnte nicht verbergen, dass ihm dieses Gespräch missfiel. „Es gibt einiges, was Sie nicht von mir wissen, Gus“, erwiderte er. „Oh, davon bin ich überzeugt – aber ich würde trotzdem gern mehr über diese beiden Ziele wissen.“ „Alles, was Sie wissen müssen, ist, dass es ein leichter Job wird und dass Sie gut dafür bezahlt werden“, entgegnete Nicholsen gereizt. „Meine Leute und ich werden uns nicht auf eine Sache einlassen, über die wir absolut nichts wissen“, erwiderte Chappadelaine unbeirrt. „Wenn Sie sich weigern, steigen wir aus dem Flugzeug aus, wenn wir in Colorado Springs landen, und nehmen die erste Maschine zurück nach Washington.“ Nicholsen gefiel die Vorstellung ganz und gar nicht. „Verdammt noch mal, Gus, wenn ich gewusst hätte, dass ihr solche Probleme macht, hätte ich Braun angerufen.“ Chappadelaine blickte kurz zu den beiden Leuten seines Teams hinüber. Der Hinweis auf Jeff Braun hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Braun war ein ehemaliger U.S. Marine, der das Corps wegen einer langen Liste von Vergehen hatte verlassen müssen. Seither waren zehn Jahre vergangen, der Sadist war heute Mitte dreißig, schien aber geistig in der Pubertät stecken geblieben zu sein. Er und seine Schlägertypen tobten sich jedes Mal so richtig aus, wenn sie einen Auftrag übernahmen. Chappadelaine fragte sich, wie der Kerl in diesem Geschäft gelandet war – doch er vermutete, dass der Mann, der ihm gegenübersaß, etwas damit zu tun hatte. Braun war bei den Kollegen nicht sehr geachtet. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man seine Aufträge möglichst still und leise erledigte. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, sollte ein Attentat wie Selbstmord aussehen; gegebenenfalls ließ man die Leiche auch einfach verschwinden. „Vielleicht sollten Sie wirklich Braun anrufen … dann sind Sie am Sonntag garantiert auf der Titelseite der Denver Post.“ „Was soll das denn wieder heißen?“ „Peter, wenn ich Ihnen das wirklich erst erklären muss …“ – Chappadelaine schüttelte den Kopf – „… dann sollten Sie sich vielleicht nach einem anderen Job umsehen.“ „He, Braun und seine Jungs machen immer ihren Job.“ „Und sie machen jede Menge Schlagzeilen.“ „Ich werde nicht mit Ihnen herumstreiten, Gus. Der Job, um den es hier geht, ist nicht mehr als ein Spaziergang. Vielleicht werden Sie langsam zu alt für solche Sachen.“ Chappadelaine starrte unverwandt in Nicholsens dunkle Pupillen. Mit seinen zweiundfünfzig Jahren war er immer noch gut in Form. Was er an körperlichen Fähigkeiten eingebüßt haben mochte, machte er mit seiner Erfahrung und seinem Instinkt mehr als wett. Und in diesem Augenblick sagte ihm sein Instinkt, dass Nicholsen log. Chappadelaine hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass man es sich in diesem Geschäft gut überlegen sollte, bevor man einem Kollegen drohte. Wenn man diese Karte einmal ausgespielt hatte, konnte man sie nicht mehr zurücknehmen, und oft sah sich der andere dadurch gezwungen, bestimmte Pläne zu schmieden. Es war offensichtlich, dass Nicholsen ein Mann war, dem man nicht trauen konnte. „Ich frage Sie jetzt zum letzten Mal“, sagte Chappadelaine mit Nachdruck. „Wenn Sie mir keine Antwort geben, ist unsere Beteiligung an der Sache vorbei. Und wenn Sie hinterher falsche Gerüchte darüber in Umlauf bringen sollten, warum wir ausgestiegen sind, dann sage ich Mario, dass er Sie besuchen soll.“ Chappadelaine blickte zu dem Kleiderschrank von einem Mann hinüber, der auf der anderen Seite des Ganges saß. Nicholsen wand sich auf seinem Sitz und blickte zu Mario Lukas hinüber. Der Mann jagte ihm eine Heidenangst ein. Er sah ein wenig aus wie Frankensteins Monster und folgte Chappadelaine auf Schritt und Tritt. Nicholsen zweifelte nicht daran, dass er binnen Sekunden tot wäre, wenn Chappadelaine den Mann auf ihn hetzte. Nicholsen beschloss, dass es nicht ratsam war, sich jetzt auf ein Geplänkel einzulassen. Um Chappadelaine und seine Leute konnte er sich später kümmern. „Also, was möchten Sie wissen?“, fragte Nicholsen mit gelangweilter Miene, so als wäre das Ganze reine Zeitverschwendung. „Sind die beiden Cops?“, fragte Chappadelaine. „Nein.“ „Haben sie militärische Erfahrung?“ Nicholsen zögerte kurz. „Ja.“ „Beide?“ „Ja.“ „In welchem Bereich?“ Erneut zögerte Nicholsen. „In der Army.“ „Irgendeine Ausbildung bei den Special Forces?“ „Darüber kann ich nichts sagen.“ „Und ob Sie das können“, erwiderte Chappadelaine höhnisch. „Ich habe Ihnen alle Informationen gegeben, die Sie brauchen.“ Nicholsen hielt sein Satellitentelefon in die Höhe. „Wenn Sie aussteigen wollen, dann sagen Sie es mir, und ich rufe sofort Braun an.“ Chappadelaine musterte ihn aufmerksam. Er war sich ziemlich sicher, dass Nicholsen bluffte. Der Job schien ziemlich eilig zu sein. „Na los, rufen Sie ihn an“, forderte er ihn auf. Nicholsen blickte kurz auf das Telefon und stieß einen leisen Fluch hervor. „Also gut, Gus“, sagte er schließlich resignierend. „Gott, Sie können manchmal eine richtige Nervensäge sein. Also los, fragen Sie schon.“ Nicholsens verschlagene Art gefiel Chappadelaine gar nicht. „Peter, ich mache diesen Job nun schon fast dreißig Jahre, und dass ich noch lebe, verdanke ich nur meiner Gründlichkeit. Wenn Sie noch einmal versuchen zu bluffen oder wenn Sie mir wichtige Informationen vorenthalten wollen wie zum Beispiel, dass die beiden Leute eine militärische Spezialausbildung haben …“ – Chappadelaine schüttelte den Kopf und starrte den übergewichtigen Nicholsen mit seinen Falkenaugen an – „… dann könnte es sein, dass Sie eines Tages mit Ihrem funkelnagelneuen Wagen einen bedauerlichen Unfall haben.“ Peter Nicholsen hatte schon seine Zweifel gehabt, ob er Chappadelaine überhaupt anrufen sollte. Der Mann war ein wenig zu unabhängig für seinen Geschmack. Doch er hatte Recht, was Braun betraf. Der Mann und sein Team gingen stets schwer bewaffnet in ihre Einsätze – und sie hatten keinerlei Skrupel, von ihren Waffen reichlich Gebrauch zu machen. Chappadelaine wiederum agierte zwar stets vorsichtig und unauffällig – dafür gab es mit ihm ein anderes Problem; es fehlte ihm eindeutig an Loyalität – und das nicht nur gegenüber seiner Wahlheimat, sondern auch gegenüber seinem früheren Arbeitgeber, der CIA. Nicholsen blickte durch die Windschutzscheibe des gemieteten Vans hinaus auf die Straße. Es war Viertel vor fünf Uhr abends, und die hohen Gipfel warfen bereits ihre Schatten ins Tal. Der Van wurde auf dem Parkplatz des Buffalo Bill Motels abgestellt, einem netten kleinen Motel am Rand von Evergreen, Colorado. Evergreen war ein schönes Städtchen in den Bergen, rund vierzig Minuten westlich von Denver; es war von allen Seiten von riesigen Hügeln umgeben, die man überall anders als in den Rockies als Berge bezeichnet hätte. Ein halbes Dutzend Bäche liefen von den Hügeln herab und trafen sich im Zentrum der Stadt. In Evergreen spielte sich der gleiche Kampf ab wie in vielen anderen Städten im ganzen Land. Überall schossen teure Häuser und Golfplätze aus dem Boden, sodass die alteingesessenen Bewohner des Städtchens innerlich zerrissen waren zwischen dem wachsenden Wohlstand, den die Neuankömmlinge mit ihren Dollars brachten, und dem Verlust an Ruhe und Beschaulichkeit, den dies mit sich brachte. Doch all das kümmerte Peter Nicholsen überhaupt nicht. Er wartete im Van, so wie Chappadelaine es ihm gesagt hatte. Chappadelaine hatte das Hotel allein betreten, um die Formalitäten zu erledigen. Er hatte Nicholsen mehr als einmal gesagt, dass er den Van unter keinen Umständen verlassen solle. Nicholsen hasste es, von diesem Kerl wie ein Anfänger behandelt zu werden, obwohl er schon fast so lange im Geheimdienst-Geschäft wie der Franzmann war. Gewiss, er hatte nicht die reiche Erfahrung an Einsätzen wie Chappadelaine, aber er hatte auch einiges miterlebt. Chappadelaine hatte die Gruppe geteilt, als sie in Colorado Springs angekommen waren. Mithilfe von falschen Papieren hatten sie von National Car Rental einen Van und einen Jeep Cherokee gemietet. Er und Nicholsen waren im Van weitergefahren, während Mario Lukas und Mary Juarez den Jeep genommen hatten. Lukas und Juarez befanden sich im Moment in den Bergen, wo sie das Haus der Kubickis überwachten. Wenn sie irgendetwas Ungewöhnliches sahen, würden sie es sofort melden; ansonsten sollten sie die Überwachungsgeräte installieren und danach essen gehen. Chappadelaine wollte auf keinen Fall, dass irgendjemand die vier Mitglieder der Gruppe zusammen sah. Die Maschine der Kubickis würde erst um neun Uhr ankommen – also hatten sie genügend Zeit, um alles vorzubereiten. Chappadelaine kam mit Schlüsseln in der Hand zum Van zurück und fuhr den Wagen an die Rückseite des Motels. Die beiden Männer nahmen Teile der Ausrüstung aus dem Wagen und trugen sie ins Zimmer hinauf. Nicholsen legte seine Sachen auf eines der Betten und blickte sich im Zimmer um. Der Fußboden war mit einem hässlichen orangefarbenen Teppich bedeckt, und am Kopfende der beiden Betten waren große Wagenräder angebracht. An Ziergegenständen waren ein Aschenbecher in Form eines Revolvers und ein billiges Aquarell-Bild an der Wand vorhanden. Chappadelaine öffnete die Verschlüsse an einem der beiden Kästen. „Es ist nicht das Ritz“, sagte er, „aber für unsere Zwecke reicht es völlig.“ Er holte eine detaillierte Karte der Gegend hervor, breitete sie aus und befestigte sie mit vier Reißnägeln an der Wand. Anschließend öffnete er zwei metallene Aktenkoffer und bereitete die Ausrüstung vor. Mario und Mary sollten vier Richtmikrofone und eine Digitalkamera installieren. Mary hatte gemeint, dass man auch einen Mikrowellen-Stolperdraht installieren sollte. Die Kubickis hatten so wie alle, die in diesem Geschäft arbeiteten, ihren Unterschlupf sorgfältig ausgewählt. Ihr Haus stand fast ganz oben auf dem Hügel und wurde nur von einem anderen Haus überragt. Es war außerdem gut hundert Meter von der Hauptstraße entfernt. Mary Juarez würde den unsichtbaren Stolperdraht zwanzig Meter nach dem Beginn der Zufahrt anbringen. Falls jemand zum Haus fuhr, würden sie es auf jeden Fall mitbekommen. Nachdem er seine Ausrüstung vorbereitet hatte, wandte sich Chappadelaine wieder der Karte zu. „Sie haben sich diese Stadt ganz bewusst ausgesucht“, sagte er. „Es führt nur eine einzige Straße durch dieses Tal und zu ihrem Haus. Das könnte uns vielleicht einen Vorteil verschaffen – aber, wenn etwas schief läuft, sitzen wir in der Falle.“ Nicholsen stand mit verschränkten Armen da und kratzte sich den Bart, während er ebenfalls die Karte studierte. „Ich verstehe, was Sie meinen. Wie weit ist es bis zur Interstate Seventy?“ „Ungefähr achtzig Meilen.“ „Und wie weit ist es von dort bis Denver?“ „Ungefähr zwanzig Minuten den Hügel hinunter, dann sollten wir in der Stadt sein.“ „Was ist, wenn wir Richtung Süden abhauen?“ Chappadelaine schaute auf die Karte. „Ich glaube, das wäre noch schlimmer. Wir könnten uns vielleicht auf irgendeiner Nebenstraße verdrücken und uns für eine Weile versteckt halten – aber wenn Sie nicht einen Helikopter organisieren können, der uns abholt, säßen wir ganz schön in der Falle.“ Stirnrunzelnd blickte Nicholsen auf die Karte und suchte nach irgendeiner anderen Möglichkeit – jedoch ohne Erfolg. „Ich fürchte, sie wären uns auf den Fersen, bevor wir nach Denver kämen. Jedenfalls können wir es uns nicht leisten, uns mit irgendwelchen Cops einzulassen.“ Er studierte noch eine Weile die Karte und fügte dann beiläufig hinzu: „Wenn uns Cops in die Quere kommen, müssen wir sie beseitigen.“ „Sie meinen, wir müssen sie töten.“ Chappadelaine hatte eine Abneigung gegen die abstrakte Ausdrucksweise solcher Schreibtischtäter, die immer Worte wie beseitigen oder eliminieren verwendeten, anstatt die Dinge beim Namen zu nennen. Nicholsen zuckte die Achseln. „Ich sehe keine andere Möglichkeit.“ „Es ist meine Sache, das zu entscheiden“, erwiderte Chappadelaine. Er fragte sich allmählich, warum er den Mann überhaupt hatte mitkommen lassen. „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie mit den beiden Zielen vorhaben. Sollen wir sie gleich töten, oder wollen Sie mit ihnen reden?“ Nicholsen hatte sich das noch nicht genau überlegt. „Ich habe mich noch nicht entschieden. Wie Sie selbst schon des Öfteren erwähnt haben – es wäre gut, wenn man großes Aufsehen vermeiden könnte. Ja, es wäre wohl am besten, wenn die beiden für immer von der Bildfläche verschwinden würden.“ „Kann Ihr Mann am Flughafen das übernehmen, wenn es sein muss?“ „Ich habe ihn angewiesen, sich in angemessener Entfernung zu halten.“ „Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“ Es gefiel Nicholsen ganz und gar nicht, wie Chappadelaine mit ihm redete. „Die Antwort auf Ihre Frage ist nein.“ „Nun, wenn das so ist, würde ich sie erst einmal in ihr Haus zurückkehren lassen, mir anhören, was sie zu sagen haben, und die Sache dann kurz vor Sonnenaufgang erledigen.“ Nicholsen nickte. „So habe ich es mir auch vorgestellt.“ Ein Grinsen erschien auf Chappadelaines Lippen. Du bist eine solche Null, dachte er bei sich. Du hast dein ganzes Leben noch keine eigene Idee gehabt. Nicholsen sah das hämische Grinsen in Chappadelaines Gesicht – und es gefiel ihm ganz und gar nicht. Der Mann musste lernen, seine Auftraggeber etwas mehr zu respektieren. Wenn diese Sache vorbei war, würde er sich überlegen, ob man den Franzmann und seine Leute nicht ausschalten sollte. Braun würde die Sache wahrscheinlich für die Hälfte des üblichen Honorars erledigen. Braun hasste den Franzmann fast noch mehr als Nicholsen selbst. Der Professor grinste Chappadelaine seinerseits an und beschloss, Braun gleich nach seiner Rückkehr anzurufen. Washington, USA Was Thomas Bush sehr wohl Sorge bereitete, war die CIA. Die Situation dort war nicht geordnet, und in jüngster Vergangenheit mehrten sich die Anzeichen, dass es schlimmer stand, als er befürchtet hatte. Er hatte niemandem außer seinen Angehörigen Einblick in sein sorgsam gehütetes Privatleben gewährt. Es gab eine einzige Ausnahme, nämlich Mia Johnson. Für Bush war sie so etwas wie eine dritte Tochter – und sie war seiner Ansicht nach die fähigste und wohl auch die wichtigste Mitarbeiterin der CIA. Allein deshalb hatten es wohl viele auf sie abgesehen – und Bush befürchtete, dass seine Feinde nach seinem Tod alles daransetzen würden, um sie zu Fall zu bringen. Sally führte Dr. Johnson in das Arbeitszimmer und ließ sie dann mit ihrem Vater allein. Mia trat zu Bush, der in seinem Stuhl saß, und küsste ihn auf die Stirn. Solche kleinen Gesten gab es zwischen ihnen erst, seit er erfahren hatte, dass er Krebs hatte. Sie hatten beide festgestellt, dass der Tod die wahren Gefühle zum Vorschein brachte. Mia setzte sich ihrem Chef gegenüber und erkundigte sich nach seinem Befinden. „Ganz gut, aber reden wir nicht von mir. An diesen Dingen können wir sowieso nichts ändern.“ Bush betrachtete sie einen Augenblick. „Was ist passiert?“, fragte er schließlich. Mia Johnson wusste nicht recht, wo sie anfangen sollte. „Die Operation, die wir in Deutschland durchgeführt haben …“, begann sie zögernd. „Ja.“ „Die Dinge sind nicht ganz planmäßig gelaufen.“ „Wie schlimm ist es?“ „Mike hat sich noch nicht gemeldet, und das BKA fahndet nach drei Personen, von denen die Ermittler annehmen, dass sie für den Tod von Graf Himmelhagen verantwortlich sind.“ „Das war zu erwarten.“ „Ja, schon, aber das ist noch nicht alles.“ Mia erzählte ihm von dem Brand und auch von der seltsamen Information, die sie vom BKA erhalten hatten – dass Nowak allem Anschein nach das Anwesen erst nach den Schumachers verlassen hatte und einen Wagen stehlen musste, um von dort wegzukommen. Als sie fertig war, sagte Bush: „Klingt so, als wäre irgendetwas nicht nach Plan gelaufen. Vielleicht hat Nowak die Schumachers aufgefordert, ohne ihn loszufahren, und danach hat er ein kleines Ablenkungsmanöver gestartet.“ Mia Johnson nickte. „Das habe ich mir zuerst auch gedacht, aber Mike hat sich noch nicht gemeldet, und ich habe erst vor kurzem eine Mitteilung von den Schumachers bekommen“, sagte sie. „Sie haben gesagt, dass der Auftrag ausgeführt ist, dass es aber einen Verlust gegeben hat“, fügte sie kopfschüttelnd hinzu. „Mike.“ Mia nickte traurig. „Ja.“ „Was ist mit der dritten Person, von der das BKA gesprochen hat?“ „Darüber wissen wir noch nichts Näheres.“ Bush lehnte sich überrascht zurück. Er hatte eigentlich angenommen, dass Mia sehr wohl in der Lage sein müsste, über ganz bestimmte Kanäle Genaueres in Erfahrung zu bringen. „Warum?“ „Es gibt da noch ein Problem. Als ich heute Morgen in die Zentrale kam, hat mir Tom Lee mitgeteilt, dass Außenminister Stanley mich sprechen will.“ Der gebrechliche Bush richtete sich in seinem Stuhl auf. Es war nicht üblich, dass sich der Außenminister an die Leiterin der Anti-Terror-Zentrale wandte, ohne vorher Bush selbst zu kontaktieren. „Was hat Stanley gewollt?“ „Wie es scheint, haben er und der Graf eine gemeinsame Leidenschaft – die Kunst.“ Bush sah aus dem Fenster und erinnerte sich daran, dass der arrogante Außenminister ziemlich stolz auf seine Fünfzig-Millionen-Dollar-Sammlung war. „Warum wollte er dich sprechen?“ „Angeblich wusste er, dass wir den Grafen überwacht haben, und jetzt möchte er, dass wir so gut wie möglich mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten.“ „Woher kann er wissen, dass wir den Grafen überwacht haben?“ Mia zuckte die Achseln. „Wie es aussieht, haben wir irgendwo eine undichte Stelle.“ „Oder einen Maulwurf.“ „Ja.“ „Irgendwelche Vermutungen?“ „Im Moment nicht, aber Tom Lee war genauso verdutzt wie ich. Er hat gesagt, er würde der Sache nachgehen.“ „Glaubst du, dass du Mr. Lee vertrauen kannst?“, wollte Bush wissen. „Ich denke schon, aber ich werde mich natürlich selbst um die Sache kümmern.“ „Gut. Hast du dem Präsidenten schon von Mike erzählt?“ „Nein. Ich möchte zuerst wissen, was wirklich passiert ist.“ „Das sehe ich auch so. Ich nehme an, du hast auf unsere Kontakte beim BKA deshalb nicht zurückgegriffen, weil du nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns lenken möchtest.“ „Ja. Ich versuche alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Informationen zu sammeln. Unser Plan funktioniert soweit ganz gut. Die meisten Leute bei uns glauben, dass Saddam Graf Himmelhagen auf dem Gewissen hat. Einige denken sogar, dass es die Israelis waren. Die Himmelhagens waren im Zweiten Weltkrieg Nazis, und sie haben hochsensible Güter an Israels gefährlichste Feinde verkauft. Es gäbe also ein handfestes Motiv. Ich schätze, es gibt auch einige schlaue Leute bei uns, die sehr wohl vermuten, dass wir unsere Hände im Spiel haben – aber sie werden das bestimmt nicht offen aussprechen.“ Mia runzelte die Stirn. „Wenn herauskommt, dass wir ihn überwachen ließen, dann sieht es nicht gut aus.“ „Das stimmt. Ich werde mich um den Außenminister kümmern. Wie willst du es anstellen, mehr über Mike herauszufinden?“ „Die Schumachers kommen heute Abend in die Staaten zurück. Ich werde nach Denver fliegen und mich persönlich mit ihnen unterhalten.“ „Wen nimmst du mit?“ „Niemanden. Ich habe bereits mit den beiden zu tun gehabt. Ich komme allein zurecht.“ Bush sah sie missbilligend an. Mia Johnson hatte wenig Erfahrung, wenn es darum ging, außerhalb von Langley zu agieren. Mia Johnson las ihrem Chef vom Gesicht ab, was er dachte. „Das ist mein Schlamassel“, sagte sie, „und ich muss die Sache selbst in Ordnung bringen. Außerdem ist es besser, wenn sich möglichst wenige von uns damit befassen.“ Bush schüttelte den Kopf. „Wenn du jetzt nach Denver fliegst, lenkst du noch mehr Aufmerksamkeit auf dich. Außerdem werden Leute wie die Schumachers, die nicht zu uns gehören, leicht nervös, wenn eine Operation schief läuft. Ich schicke ein paar Leute hin, die sie nach Washington holen werden.“ Mia Johnson sah ein, dass er Recht hatte. „Was soll ich deiner Ansicht nach tun?“ Bush überlegte einen Augenblick. „Als Erstes möchte ich, dass du dir um Mike keine Sorgen machst. Wenn einer weiß, wie man aus einer solchen Situation herauskommt, dann Mike. Er findet schon allein zu uns zurück.“ Der CIA-Direktor beugte sich etwas vor und sah Mia mit seinen grauen Augen an. „Außerdem möchte ich, dass du möglichst rasch und unauffällig herausfindest, woher Außenminister Stanley seine Informationen bezieht.“ Auf dem Flughafen von Colorado Springs luden Mike Kutcher, Kevin Harrison und Dan Ströbel ihre Ausrüstung in einen gemieteten silberfarbenen Chevrolet Suburban. Sie würden den Learjet auftanken und über Nacht hier stehen lassen. So wie die Gruppe, die zwei Stunden vor ihnen hier gelandet war, bezahlten auch sie mit Kreditkarten, auf denen nicht ihre wirklichen Namen standen. Harrison war wie immer der Mann für die Details. Schon in der Zeit im SEAL Team 6 hatte er sich um die vielen kleinen organisatorischen Dinge gekümmert. Er hatte die Geduld und die Fähigkeit, auch die kleinsten Details effizient zu lösen, während Kutcher sich mehr mit den großen Zusammenhängen beschäftigte. Auf diese Weise hatten sie sich immer schon bestens ergänzt. Es konnte jedoch bisweilen vorkommen, dass Harrisons Sinn für die Details ans Pedantische grenzte. Als sie alles im Wagen verstaut hatten, stiegen die drei Ex-SEALs ein und verließen das Flughafengelände. Sie fuhren auf die Interstate 25 auf, wo sie zügig vorankamen. Ströbel, der die Gegend gut kannte, saß am Steuer. Er hatte seinen beiden Kollegen erklärt, dass es günstiger wäre, auf dem Highway bis Denver zu fahren und dort abzuzweigen, als sich auf dem gewundenen Highway 67 durch das gesamte Vorgebirge zu schlängeln. Harrison saß auf dem Rücksitz und tippte fleißig auf seinem 4000-Dollar-Laptop mit eingebautem Digitaltelefon, mit dem sein Benutzer jederzeit Zugang zum Internet hatte. Harrison verfügte über ausgeprägte Computerkenntnisse; er war der Überzeugung, dass es nicht viel gab, was man nicht im Internet finden konnte. Anstatt irgendwo anzuhalten und in einen Laden zu gehen, um eine Karte von der Gegend rund um Evergreen zu kaufen, ging er einfach online und holte sich alle Informationen, die sie brauchten. Binnen fünfzehn Minuten hatte er auf seinem tragbaren Drucker acht Seiten an Informationsmaterial ausgedruckt. Harrison reichte Kutcher die Ausdrucke und wandte sich sogleich seinem nächsten Projekt zu. Während er eifrig tippte, fragte er schon zum dritten Mal, seit sie Baltimore hinter sich gelassen hatten: „Warum hat Stansfield ausgerechnet uns angerufen und nicht jemanden von der Polizeibehörde?“ Kutcher ließ die Blätter in seiner Hand sinken und starrte durch die Windschutzscheibe des Wagens hinaus. „Du weißt selbst, warum, Kevin.“ Ströbel saß vornübergebeugt am Lenkrad und betrachtete den Himmel über ihnen. Das Wetter in den Bergen war eine heikle Angelegenheit. Es konnte warm und sonnig sein, und im nächsten Moment kühlte es ab und begann urplötzlich zu schneien. „Wenn du ein Problem hast, dann sag es, aber geh mir nicht dauernd auf die Nerven, Kevin“, versetzte Ströbel. Die Gespräche zwischen Ströbel und Harrison verliefen oft in dieser Art. Kutcher achtete gar nicht mehr darauf, nachdem er die beiden schon so lange kannte. Sie waren wie Brüder zueinander. Es kam immer wieder einmal vor, dass zwischen den beiden die Fetzen flogen – und im nächsten Moment lachten sie schon wieder und tranken ein Bier miteinander. Wenigstens war es schon eine Weile her, dass die beiden handgreiflich geworden waren, doch hitzige Auseinandersetzungen gab es immer wieder. Die beiden waren schon befreundet, seit sie vor zwölf Jahren bei den SEALs mit der Basic Underwater Demolition School begonnen hatten. Sie hatten in den mörderischen sechzehn Wochen der Schwimmausbildung ein Team gebildet. Der Schlafentzug, die Schikanen, das Schwimmen im eiskalten Wasser mitten in der Nacht – all das war Teil eines Ausleseverfahrens, bei dem nur die Fähigsten und Zähesten übrig bleiben sollten. Wenn es wirklich ernst wurde und die ersten Einsätze kamen, gab es kein Zurück mehr. „Ich weiß nicht recht“, begann Harrison erneut und schob seine runde Brille auf dem Nasenrücken nach oben, „ich glaube nicht, dass das ein Routineeinsatz ist. Vermutlich haben sie irgendeine geheime Operation durchgezogen, und dabei muss einiges schief gelaufen sein.“ „Nein, wie hast du das nur wieder ausgeknobelt, Sherlock?“, erwiderte Ströbel. „Natürlich muss es so sein, sonst hätten sie uns wohl kaum gerufen.“ Er fand, dass Harrison manchmal ein richtiges Waschweib sein konnte. „Du übersiehst nur eines: Wenn irgendwas schief läuft, verwischen sie gern ihre Spuren. Heute sind wir diejenigen, die das Problem bereinigen – morgen könnten wir das Problem sein.“ „Was soll denn das schon wieder heißen?“, fragte Ströbel. Harrison hörte nicht auf zu tippen, während er antwortete: „Wir wissen nicht, was die Kubickis getan haben – aber wenn Venom mit der Sache zu tun hat, dann kannst du wetten, dass es eine ernste Sache war. Und dabei ist irgendwas nicht nach Plan gelaufen. In solchen Fällen hat unser liebes Culinary Institute of America immer schon die Tendenz gehabt, Leute verschwinden zu lassen.“ „Du bist paranoid“, entgegnete Ströbel spöttisch. „Das hast du damals in Libyen auch gesagt.“ Libyen war eine böse Erinnerung, die keiner von ihnen gerne heraufbeschwor. Ströbel umfasste das Lenkrad noch etwas fester. „Du bist immer paranoid, wenn wir eine Operation beginnen“, murmelte er. Harrison zögerte. „Das ist Unsinn, das weißt du genau“, erwiderte er schließlich in eisigem Ton. Mehr hatte er nicht zu sagen. Die beiden Männer vor ihm wussten genau, dass Harrison tatsächlich so etwas wie einen sechsten Sinn besaß. Kutcher drehte sich mit einem fragenden Blick zu Harrison um. Er hatte in seinen neununddreißig Lebensjahren eine Menge seltsamer Dinge gesehen – das meiste davon in seiner Zeit als SEAL. Manches davon konnte er erklären, aber vieles war weit von dem entfernt, was man mit wissenschaftlichen Mitteln beweisen konnte. Es war ganz einfach nicht zu erklären, wie ein Soldat durch einen dichten Dschungel gehen und auf einmal förmlich riechen konnte, dass sie in einen Hinterhalt liefen. Harrison war ein Mensch, dem immer wieder solche Dinge passierten. Als Kommandeur hatte Kutcher gelernt, solche Intuitionen nicht zu ignorieren. „Sag schon, was meinst du genau?“, fragte er. Harrison zuckte die Achseln. „Ich habe auf einmal so ein komisches Gefühl – als hätte ich das Ganze schon mal erlebt, obwohl ich natürlich weiß, dass es nicht so ist. Ich war noch nie in Evergreen, aber ich weiß, wie es dort ausschaut. Ich war noch nie im Haus der Kubickis, aber ich weiß, wie es aussieht.“ „So wie in einem Traum?“ „Ja.“ „Sonst noch was?“ „In dem Haus wird irgendwas passieren. Ich weiß nicht, was, aber es ist bestimmt nichts Lustiges.“ Ströbel verzog das Gesicht und blickte auf die Landschaft hinaus. „Scheiße“, presste er hervor – und diesmal klang es nicht spöttisch, sondern vielmehr beunruhigt. Kutcher nickte Harrison zu. „Okay, wir gehen die Sache ganz ruhig an“, verkündete er. „Wir sondieren erst einmal ausgiebig die Lage, bevor wir irgendwas unternehmen. Wenn dein Gefühl bis morgen früh noch nicht besser ist, müssen wir uns einen neuen Plan überlegen. Sind wir uns da einig?“ Die beiden anderen Männer nickten. Die Vögel zwitscherten, und am Himmel waren allmählich die ersten Anzeichen des beginnenden Tages zu sehen. Eine dünne Wolkenbank umhüllte die Spitze des Mount Evans, der sich im Westen erhob. Das Haus stand in etwa 2400 Metern Höhe, knapp zwei Kilometer vom Gipfel entfernt. Mike Kutcher verstand sehr gut, warum sich immer mehr Leute hier ansiedelten. Die bewaldeten Hügel, die hohen Berge ringsum, die eiskalten Bäche und Bergseen strahlten eine wunderbare Ruhe aus. So wie in einer der großen europäischen Kathedralen konnte man auch hier das Gefühl haben, dem Schöpfer nahe zu sein. Kutcher selbst fühlte sich mehr zum Meer hingezogen, aber er konnte gut nachvollziehen, warum andere die Berge bevorzugten. Kutcher saß auf der Terrasse einer Berghütte und behielt das Haus der Kubickis im Auge, das etwa hundert Meter unterhalb auf der anderen Seite einer breiten Schlucht stand. Harrison hatte die Hütte ohne großen Aufwand im Internet gefunden. Zuerst hatte er sich aus dem Computer-Network des Pentagon ganz legal detaillierte Karten von Evergreen geholt. Auf diese Weise fand er vier Straßen, von denen aus man das Haus gut beobachten konnte. Als Nächstes durchsuchte er die Websites der hiesigen Immobilienbüros. Er brauchte ungefähr fünfzehn Minuten, um das Häuschen in den Bergen zu finden und sich – auf nicht mehr ganz so legale Weise – alle wichtigen Informationen zu verschaffen. In einen Tarnschlafsack gehüllt, saß Kutcher auf einem Liegestuhl, die blaue Baseballmütze auf dem blonden Haar. Auf dem Tisch neben ihm lagen ein Nachtsichtgerät und ein Feldstecher. Leider waren sie zu weit entfernt, um das Richtmikrofon zu verwenden, das sie mitgenommen hatten. Ströbel und Harrison lagen im Wohnzimmer und schliefen. Vergangene Nacht gegen elf Uhr waren die Kubickis mit einem Shuttle-Van des Flughafens nach Hause gekommen. Die drei Ex-SEALs hatten sie etwa eine Stunde lang beobachtet und dann mit ihren Zwei-Stunden-Wachen begonnen. Kutcher absolvierte bereits die letzten Minuten seiner Wache, die um sechs Uhr endete. Die drei Männer hatten sich auf einen vorläufigen Plan geeinigt. Sie würden erst einmal abwarten, wie der Morgen verlief, und dann die Kubickis anrufen, um ihnen vorzuschlagen, sich mit ihnen in der Stadt oder hier oben in dem Wochenendhaus zu treffen. Falls Letzteres eintrat, würde sich Ströbel eine günstige Position suchen und sich mit seinem Galil-Scharfschützengewehr auf die Lauer legen. Kutcher sollte die Kubickis zurück nach Washington bringen, ob sie wollten oder nicht – und es sollte, wenn irgend möglich, vermieden werden, sie zu töten. Sie hatten vergangene Nacht darüber gesprochen, ob sie die Kubickis vielleicht schon am frühen Morgen überwältigen sollten. Ströbel hatte gemeint, dass die beiden von der langen Reise erschöpft sein würden, sodass es am besten wäre, gleich bei Sonnenaufgang zuzuschlagen und die Sache hinter sich zu bringen. Das war typisch Ströbel: Gefechtsweste anziehen, schallgedämpfte MP und ein paar Flashbang-Granaten mitnehmen und nichts wie rein durch die Haustür. Seine Devise lautete: schnell und wuchtig zuschlagen. Harrison konnte dem Plan seines Freundes nichts abgewinnen, zumal er immer noch ein schlechtes Gefühl hatte. Kutcher wiederum war vor allem daran gelegen, mit seinen beiden Männern und den Kubickis nach Washington zurückzukehren. Er wollte, dass niemand zu Schaden kam und dass in Evergreen niemand ahnte, dass drei überaus gefährliche Individuen eine Nacht in ihrem netten kleinen Städtchen verbracht hatten. Der Ex-Kommandeur von SEAL Team 6 wusste aus Erfahrung, dass die Dinge leicht eskalieren konnten, wenn man einmal begann, Türen aufzubrechen und mit Flashbang-Granaten um sich zu werfen. Außerdem hatten sie es hier nicht mit zwei jungen Randalierern zu tun. Die Kubickis waren hervorragend ausgebildete Sondereinsatzkräfte, und sie waren hier in ihrem vertrauten Gelände. Bestimmt hatten sie ihre Waffen griffbereit, und das machte Kutcher das meiste Kopfzerbrechen. Er und seine Männer waren nicht für Polizeieinsätze ausgebildet, wo es galt, jemanden festzunehmen; ihre Aufgabe war es immer gewesen, die Ziele zu töten, so wie man es ihnen in der Terrorbekämpfungsausbildung immer wieder eingehämmert hatte. Wenn jemand bewaffnet war, so zielte man auf den Kopf, nicht auf den Arm. Drei Schüsse auf den Kopf, und dann weiter zum nächsten Ziel. Es fiel Kutcher nicht schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem einer der Kubickis oder gar beide mitten in der Operation zur Waffe griffen. Wenn das passierte, waren die Kubickis so gut wie tot, und es bestand außerdem eine – wenn auch geringe – Chance, dass auch einer von ihnen eine Kugel abbekam. Nein, dachte Kutcher. Es durfte nicht passieren, dass irgendjemand bei dem Einsatz ums Leben kam. Es wurde allmählich hell ringsum. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch er konnte das Haus der Kubickis bereits deutlich erkennen. Kutcher streckte die Arme über dem Kopf aus und blickte auf seine Uhr. Es war 6.02 Uhr, also Zeit, Harrison zu wecken, der für die nächsten zwei Stunden das Haus im Auge behalten würde. Während Kutcher sich erhob, blickte er noch ein letztes Mal hinunter. Er wollte schon in die Hütte zurückkehren, als plötzlich die Haustür der Kubickis aufging und ein Mann herauskam. Kutcher schnappte sich rasch den Feldstecher und stellte ihn auf Jim Kubicki ein, ehe der Mann die Garage betrat. Das kam doch ein wenig unerwartet. In der Stille der Berge hörte Kutcher, wie der Motor des Wagens ansprang, obwohl er fast einen Kilometer entfernt war. Als Nächstes sah er die Bremslichter, ehe der Wagen rückwärts aus der Garage rollte. Kutcher eilte zur Glasschiebetür hinüber und riss sie auf. „He, ihr beiden, raus aus den Federn! Kubicki fährt weg.“ Kutcher trat wieder ans Geländer der Terrasse und sah zu, wie der Subaru Kombi in der Zufahrt wendete. Kubicki stieg aus, öffnete die Hecktür und lief ins Haus zurück. Kutcher drehte sich um und ging rasch ins Haus zurück. Es gefiel ihm überhaupt nicht, wie sich die Sache entwickelte. Lauf gegen die Zeit Schuster stoppte, sah die beiden Staatsanwälte an und verlangte etwas zu trinken. „Aber etwas Kaltes, bei dieser miesen, trockenen Luft hier im Raum.“ Gratzky stand auf und verließ den Raum, nachdem ihm Rosi das Ok dafür gab. „Brian, ich weiß echt nicht was ich von Deiner Geschichte halten soll. Ich bin mir sicher, dass die Zeugen Dich als den potenziellen Killer identifizieren werden bei einer Gegenüberstellung und Deine sogenannte Zeugin, diese Linda, die war ja bei dem Schussgefecht anscheinend nicht dabei.“ Sie sah Brian Schuster mit großen Augen an „Das sieht nicht gut aus für Dich diesmal, wirklich nicht.“ „Auf Linda kannst Du sowieso nicht zugreifen, Rosi. Die habe ich vorerst in Sicherheit gebracht, bis geklärt ist wer hier welches Spiel spielt.“ „So geht das nicht, Brian, Du musst mir schon ein bisschen Vertrauen schenken, wenn ich das hier irgendwie für Dich regeln soll. Wohin hast Du Sie denn gebracht?“ Rosi´s Blick durchdrang Brian dabei fast. Gerade als dieser etwas erwidern wollte, ging jedoch die Tür hinter Rosi wieder auf und ihr Kollege Gratzky kam mit zwei Gläsern Wasser in den Raum. Brian, der überlegte, was er seiner Ehemaligen anvertrauen konnte, beachtete diesen nicht weiter, sondern bemerkte nur am Rande dass der neben ihm ein Glas auf den Tisch abstellte, griff danach und wollte gerade daraus trinken, als er plötzlich verbunden mit einem gleisend hellen Lichtstrahl, einen extrem schmerzhaften Stich an seiner Seite wahrnahm und dabei das Bewusstsein verlor. Als Brian zusammensackte zog Gratzky den Teaser, mit dem er Schuster außer Gefecht setzte zurück und sprang so schnell über den Tisch auf Rosi zu, dass diese die ganze Situation gar nicht richtig begriff, sondern ebenfalls völlig überrumpelt vom Angriff ihres jungen Kollegen war. Der hatte Plastikhandschuhe übergezogen und zerschlug das Glas, auf dem jetzt die Fingerabdrücke von Brian Schuster waren, und stach mit einer großen Scherbe davon direkt in Rosi´s ungeschützten Halsbereich gnadenlos ein. Das wiederholte der zum Killer mutierte Kollege so oft, bis Rosi blutüberströmt und leblos auf den Tisch vor sich mit ihrem Kopf in die Blutlache sackte. Ohne große Aufregung, kalt wie ein Roboter, drückte der junge Staatsanwalt daraufhin die Scherbe, welche vom Blut seiner toten Vorgesetzten triefte, in die Hand von dem immer noch bewusstlosen Hauptkommissar, so das sicherheitshalber nochmal Fingerabdrücke von diesem auf der Tatwaffe waren. Dann zog er blitzschnell aus seiner Anzugjacke zwei Plastikhandschellen mit denen er beide Arme von Brian Schuster an die Stuhllehen fesselte, bevor dieser wieder zu sich kam und das Chaos sehen konnte. Dann trat er seeelenruhig zurück, grinste zufrieden über seine Aktion und wartete ab bis Schuster erwachte, um diesen mit der Situation zu konfrontieren, bevor er die Wachleute rufen würde. Darauf freute er sich bereits jetzt schon mächtig, diesem arroganten Kommissar dessen ehemalige Geliebte tot vor ihm liegend zu zeigen und ihm mitzuteilen, dass er den Mord vor seinen Augen ausgeführt hätte. Dafür würde der Mistkerl auf jeden Fall lebenslänglich bekommen. Zufrieden nutzte er die Zeit um Fatty anzurufen und schon einmal die Details und vor allem die Namen der beteiligten Zeugen zu nennen. Als Brian nach ca. 5 Minuten langsam aufwachte war er komplett verwirrt. Verschwommen sah er vor sich die blutüberströmte Leiche von Rosi sah und blickte dabei in die zusammengekniffenen Augen von diesem grinsenden Hurensohn Gratzky. Er konnte erst gar nicht fassen, was auf einmal los war, da dieser grelle Lichtstrahl und der ungewohnt heftige Schmerz das Letzte war, an das er sich erinnern konnte. „Ja, ja Herr Hauptkommissar Schuster, aus dieser Scheiße kommst Du nicht mehr raus. Insbesondere da ich bezeugen kann, dass Du die Frau Staatsanwältin vor meinen Augen im Wahn getötet hast, bevor ich dich in Notwehr außer Gefecht setzen konnte.“ „Damit kommst du doch niemals durch“, keuchte Schuster dem Anwalt entgegen. „Was soll das überhaupt alles?“ Brian versuchte natürlich Licht ins Dunkel zu bekommen und Zeit zu schinden, um sich parallel einen Ausweg aus dieser Lage einfallen zu lassen, da er sicher nicht vorhatte, ins Untersuchungsgefängnis zu wandern um dort von Fattys Komplizen beseitigt zu werden. „Naja, ich gebe zu, dass ich es mir nicht nehmen lassen möchte, Dir zu erzählen, dass Ihr Trottel ausgerechnet mich sucht, da ich ebenfalls zu der neuen Weltordnungsgeneration gehöre und Euer „sogenannter Maulwurf“ bin. Ha, Ha, Ha!“ Da kommt tatsächlich der Hauptkommissar, der versucht mich mit seinem Kollegen und mit faulen Hüttenzauber aus der Reserve zu locken und herauszufinden, wer hier in Hamburg zur neuen Weltordnung dazugehört und erzählt mir brühwarm alles was ich wissen muss. Vor allem auch Details über Leute die Mitwisser sind und somit ebenfalls mundtot gemacht werden müssen. So wie Deine Freundin Claudia, diese Krankenschwesterschlampe, Deine Informanten und so weiter. Herrlich, wie geil ist das denn!“ „Und weißt Du was, Schuster…“ er ging jetzt langsam auf Schuster zu um diesem etwas ins Ohr zu flüstern. „Nein, was denn?“ fragte Brian Interesse vorheuchelnd. Gratzky bückte sich jetzt so, dass er mit seinem Mund fast Schusters Ohr berührte und zischte leise: “Ich werde Deine kleine Schlampe Claudia erst einmal ordentlich durchficken, bevor ich mich in ihrem Blut sudeln werde, und dann…“ Weiter kam der Mörder nicht, da Brian in der Zwischenzeit sich mit einer Rasierklinge, die er für solche Zwecke immer unter einem Pflaster am Körper versteckte, was noch glücklicherweise eine Marotte aus seiner Zeit bei der GSG9 war, von den Plastikhandschellen befreite und seinen Kampfmesser aus seinem Gürtelbund am Rücken herausholen konnte. Dieses stach er Gratzky direkt in die Innenseite von dessen Oberschenkel, durchtrennte die Aorta und zog dabei das Messer mit einem heftigen Ruck in Richtung von dessen Hoden hoch. Dem verdutzten Staatsanwalt, der vergeblich versuchte sich die Wunde mit seinen Händen zuzudrücken, um den Blutschwall zu stoppen, trat Schuster beim Aufspringen vom Stuhl noch frontal in die Eier. „So, Du Bastard, leider habe ich keine Zeit, um Dich langsam und schmerzhaft für Deinen Hochverrat zu foltern, aber Du Vollpfosten hättest mal lieber anstelle von Theorieunterricht etwas mehr Praxiserfahrung kennenlernen müssen. Da hätte man Dir beigebracht, Gefangene erst einmal auf ‚Waffen oder so zu untersuchen, bevor man diese fixiert. Naja, da wo Du jetzt hin gehst, ist das egal.“ Kurz schaute er noch auf die tote Rosi, dann verließ er schnell den Raum mit den Gedanken an Claudia und Linda. Jetzt war keine Zeit zum langen Nachdenken. Dieser Mistkerl Gratzky hatte zwar nicht lange Zeit seinen Kollegen Details zu nennen, aber wer weiß das schon. Er wusste ja auch nicht, wie lange er bewusstlos war. In ein paar Minuten würde das komplette Kommissariat Hamburg nach ihm wegen zweifachen Mordes fahnden lassen und aus dieser Misere konnte ihm wenn überhaupt nur Hartmann helfen. Also musste er jetzt ganz schnell zu Claudia um sie zu schützen, Hartmann wegen Linda sowie einer weiteren Vorgehensweise zu kontaktieren und dann zusammen mit Claudia abzutauchen. What a fuck! Nicht einmal sein beschissenes Handy hatte er heute dabei. Er spurtet durch das Präsidium zu seinem Auto. Als er dieses erreichte, ohne von jemanden gesehen zu werden, war er schon mal ein bisschen erleichtert. Mit quietschenden Reifen verließ er im Fokus der Überwachungskameras die Tiefgarage und fuhr auf dem schnellsten Weg zu Claudia. „Kein Handy, keine Knarre, nix dabei!“ er fluchte während der Fahrt ununterbrochen vor sich hin. Vernünftig wäre es auf jeden Fall erst einmal nach Hause zu fahren um das Telefon und Waffen zu holen, aber was war dann mit Claudia? Der Weg vom Präsidium zu seiner Wohnung war in etwa so lang wie zu Claudia, also dachte er nicht lange nach sondern entschloss sich, zuerst Claudia in Sicherheit zu bringen. Als er nach einer guten halben Stunde bei ihr angekommen war, stellte er seinen Wagen direkt vor dem Hauseingang auf der Fahrbahn ab, ohne sich darum zu kümmern, erst lange einen Parkplatz zu suchen. Natürlich war die verdammte Tür zu und Schlüssel hatte er auch keinen dabei. Er klingelte bei Claudia aber es tat sich nichts. Er klingelte noch einmal, jetzt mehrmals hintereinander. Immer noch keine Reaktion. War sie vielleicht gar nicht zu Hause? War Sie heute doch arbeiten gegangen? Oder war sie einkaufen? Er drückte jetzt permanent auf die Klingeltaste bei Claudia, aber es rührte sich nichts. Also klingelte er jetzt bei den anderen Hausbewohnern in der Hoffnung das jemand zuhause ist und aufmachen würde. Wenn er erst einmal im Treppenhaus war, war der Zugang zu Claudias Wohnung kein Problem für ihn und falls er sich irrte und Claudia wirklich nur arbeiten oder ein kaufen war, dann war das auch egal, aber er musste Gewissheit haben, ob alle gut ist. Immerhin war in den letzten Stunden genug passiert, womit er auch nicht gerechnet hatte. Wie auch? Endlich meldete sich eine krächzende Stimme einer hörbar älteren Dame. „Wer ist da?“ „Polizei! Bitte öffnen Sie die Türe!“ schrie er entgegen. „Oh Gott, die Polizei? Was ist denn passiert?“ Die Stimme klang jetzt aufgeregt. „Machen Sie einfach auf, es ist ein Notfall!“ Auf Diskussionen mit einer Rentnerin hatte er jetzt echt gar keinen Nerv. „Öffnen Sie sofort die Tür, hier ist die Polizei!“ schrie er ein weiteres Mal. Als der Türöffner zu seiner Erleichterung summte, schlug er die Tür heftigst auf und rannte die Treppe hoch an einer alten Dame vorbei, die bei geöffneter Wohnungstüre halb im Treppenhaus stand um zu schauen, was hier los sei. Dabei rempelte er sie sogar um, so dass die alte kleine Frau fast hinfiel. „Sorry!“ schrie er nur und rannte weiter hoch zu Claudias Etage. Am Treppenabsatz sah er schon, dass die Zugangstür zu ihrer Wohnung offen stand. Das war wirklich gar nicht gut. Absolut nicht gut! „Scheiße! Claudia!“ schrie Brian jetzt laut und panisch. „Claudia, Claudia!“ Ohne Vorsichtsmaßnahmen stürmte er sofort in die Wohnung, da er im Geiste schon eine weitere Leiche vor sich sah. Aber dem war nicht so. Die Wohnung war menschenleer. Aber in der Küche sah es so aus, als hätte es einen Kampf gegeben, da ein Stuhl umgefallen war und mehrere Gläser zerbrochen auf dem Boden lagen. Auch die Kühlschranktür stand offen. Er durchsuchte immer noch panisch die komplette Wohnung, aber von Claudia war keine Spur. „Oh Scheiße, Claudia. Alles meine Schuld. Ich Arschloch!“ Er überlegte jetzt fieberhaft, was er tun könnte um Claudia zu finden, als er einen Zettel auf dem Küchentisch sah. Dieser war ihm vorher gar nicht aufgefallen, aber jetzt sprang dieser ihm förmlich ins Gesicht! Er griff den Zettel und während dem Lesen des kurzen Textes wurde er leichenblass und musste kotzen vor Wut und Trauer. Während er sich am Wasserhahn den Mund ausspülte und er sich dabei den Inhalt des Zettels Wort für Wort verinnerlichte, klingelte auf einmal das Telefon von Claudia. Das nahm er aber erst nach einer Weile wahr, da das Klingeln nicht aufhörte und ihm jetzt erst einfiel, bzw. er jetzt erst das Klingeln mit dem Text des Zettels kombinieren konnte. Es stand ja drauf, dass man ihn anrufen würde! „Oh Scheiße“ schnell rannte er in den Gang zum Telefon und nahm den Hörer ab. „Ja, ja, hallo Claudia?“ er stotterte und überhastete sich bei seinen Worten vor Aufregung. Hoffentlich war es nicht zu spät mit dem Entgegennehmen des Anrufes und die Hurensöhne haben noch nicht aufgelegt, dachte er dabei, als er eine Stimme mit ausländischem Akzent hörte. Newham, London Ferris hörte die Bombe zweimal. Der Nachhall der Explosion, der ihn mit einigen Sekunden Verzögerung erreichte, blieb ihm noch lange im Gedächtnis, nachdem er die eigentliche Detonation bereits Sekunden zuvor über das Telefon gehört hatte. In diesem Augenblick, in dem Vergangenheit und Zukunft verschmolzen, musste Ferris an die anderen Hotelgäste denken und sprach ein Gebet. Vom Au Vieux Quartier, einem kleinen Restaurant in Londons Stadtteil Newham, hatte Ferris am nächsten Morgen gerade im Ritz Carlton angerufen, um nachzufragen, ob jemand eine Nachricht für ihn hinterlassen hatte, da ihm erst jetzt einfiel, dass Judith ihn dort abholen wollte und er ihr keine Nachricht über den restlichen Verlauf der gestrigen Nacht geben konnte, bzw. daran in der Hektik gar nicht mehr gedacht hatte, als es plötzlich durch die Leitung dröhnte: das Donnern einer selbst für Londoner Verhältnisse ungewöhnlich lauten Explosion. Einem Wimpernschlag später, den die Schallwellen gebraucht hatten, um vom Piccadilly nach Newham vorzudringen, hörte er den Knall auch an seinem tatsächlichen Standort. „Eine Bombe!“, rief der erschrockene Hotelportier ins Telefon. „Können Sie erkennen, woher der Rauch kommt?“, fragte Ferris hektisch. „Von der Corniche her“, sagte der Portier nach einer kurzen Pause. Offenbar war er mit dem Telefon hinausgerannt, um nachzuschauen. „Aus der Nähe der Universität.“ „Was für eine Farbe hat der Rauch?“ „Weiß“, antwortete der Portier. „Verflucht!“, entfuhr es Ferris. „Mein Gott!“ Weißer Rauch deutete auf eine starke Explosion hin. Eine Bombe, die mit solcher Gewalt und Geschwindigkeit detonierte, dass der Luft in weitem Umkreis der Sauerstoff entzogen wurde und eine weiße Rauchfahne entstand. Ferris´ erster Impuls drängte ihn, aus dem Restaurant zu stürzen, um Judith oder Leo zu finden – tot oder lebend. Beide arbeiteten in der Universität, das konnte kein Zufall sein mit der Bombenexplosion. Das stand für Ferris fest. Und er Trottel hatte die beiden mit in die ganze Misere hineingezogen. Aber dann gewann seine Disziplin die Oberhand. Um 15 Uhr dreißig war er mit einem Besorger verabredet, der ihm einen Rucksack mit allen zum Abtauchen wichtigen Utensilien wie falsche Ausweispapier, Handfeuerwaffen, Satelliten-Mobilphon, Laptop, Bargeld etc. überbringen sollte. Einen Augenblick lang versuchte er sich vorzustellen, was Judith und Leo bei der Detonation wohl empfanden und konnte nur hoffen, dass beide schnell zu Tode kamen. Denn dass beide Tot waren, war für ihn nach den brisanten Informationen des Vortages klar. Ferris setzte sich wie verabredet an die Bar, um auf seinen Kontaktmann zu warten. Alle sprachen über die Bombe vom Vormittag. Haben Sie die Explosion gehört? Sie war unglaublich laut! Der Barmann warf ein, dass die Bombe in West-London hochgegangen sein musste, woraufhin sich alle ein wenig beruhigten. West-London lag auf der anderen Seite der Stadt. Das war ein anderes Universum. Ferris sagte nichts. Er bestellte sich ein Glas Mineralwasser, an dem er schweigend nippte. Der Barmann und seine Freunde setzten ihre Unterhaltung fort. Ferris hörte unauffällig zu. Fast schien es, als gehörte er in diese Umgebung. Obwohl er ein Multimillionär war, sah er aus wie all die anderen Geschäftsleute, die an der Bar saßen. Er trug einen unauffälligen hellgrauen Anzug und hatte sich zwischenzeitlich auch die Haare zu einem nicht allzu modischen Kurzhaarschnitt kürzen lassen. Die Araber haben ein spezielles Wort für diese Art von Tarnung. Sie nennen es taqiyya. Das Wort bedeutet, dass es erlaubt ist, andere zu täuschen und im Verborgenen zu bleiben, wann immer es nötig ist. Wenn sich z.B. ein Moslem in einer Gruppe von Christen befindet, dann sollte er sich auch für einen Christen ausgeben. Was spielt das schon für eine Rolle? Wahrheit ist ein dehnbarer Begriff. Wie er jetzt ausgerechnet auf diesen Vergleich kam? Ein Libanese steckte seinen Kopf hoch und rief dem Barmann zu: „Die Universität! Die Bombe ging in der Universität hoch, wusstet ihr das nicht?“ Die Gespräche wurden lauter. Ein Anschlag auf die Universität! Ferris spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Er versuchte an etwas anderes zu denken, aber jeder Gedanke führte zurück zum Vorabend und zu den Informationen, die ihm Judith während der Autofahrt mitteilte. „Die Behörden werden schon wissen, was zu tun ist“, sagte der Barmann. Einige seiner Gäste stimmten ihm zu. Nein, das wissen sie nicht, dachte Ferris. Das war ja das Problem. Als Ferris vor sechs Monaten einen Mitarbeiter der CIA-Station in London gefragt hatte, was die amerikanischen Soldaten hier mitten in London tun sollten, hatte ihm der junge CIA-Beamte erklärt, es gehe lediglich darum, „Präsenz zu demonstrieren“. „Präsenz demonstrieren“, hatte Ferris nachdenklich mit dem Kopf nickend wiederholt, da er dem jungen CIA-Mann nicht zu nahe hatte treten wollen. „Natürlich.“ Ferris rauchte eine Zigarette nach der anderen und starrte aus dem Fenster. Um Punkt 15 Uhr dreißig tauchte sein Kontaktmann auf, ein würdiger kleiner Herr namens Khoury. Ferris hatte ihn bereits vor dem Restaurant erwartet und manövrierte den Mann nun in ein Seitengässchen. Er nahm den Rucksack entgegen, um sich sogleich wieder hastig zu verabschieden. Dann eilte er in Richtung West-London zu den Trümmern der Universität. Bomben bringen in London immer eine Menge Leute auf die Straße. Als Ferris sich um 16 Uhr dreißig langsam näherte, schob sich bereits eine Menschenmenge die Corniche entlang in Richtung Universitätscampus. Das Gebiet war durch einen stabilen Metallzaun abgeriegelt, und Ferris musste einem Wachtposten der Londoner Police seinen gefälschten amerikanischen Pass zeigen, um nahe genug heranzukommen, dass er das Gebäude sehen konnte. Der Anblick trieb ihm die Tränen in die Augen. Es schien, als sei dem Gebäude das Fleisch weggerissen worden und das schwache Skelett darunter zum Vorschein gekommen. Viele der Überlebenden standen noch in kleinen Gruppen davor, zu benommen, um irgendetwas zu unternehmen. Ferris belauschte ihre Gespräche, und langsam setzte sich ein Bild zusammen von dem, was passiert war. Die Leute in der Universität hatten die Explosion überhaupt nicht gehört. Das Erste, was sie mitbekommen hatten, war ein Blitz aus heiterem Himmel, dann eine ungeheure Druckwelle, die erst die Fenster eindrückte und dann sie selbst, die sie noch immer auf ihren Stühlen saßen, gegen die Wände der Büros schleuderte. Es war, als seien sie in eine Zentrifuge geraten, sagten die Überlebenden. Staub und Glassplitter schienen in Zeitlupe durch die Luft zu fliegen. Nachdem der erste Schock sich gelegt hatte, dachten die meisten zuerst, die Universität sei von einer Granate getroffen worden. Einige, die schon Angriffe dieser Art miterlebt hatten, blieben auf dem Boden liegen und warteten auf den nächsten Einschlag. Andere krochen unter Herzklopfen durch Schutt und Trümmer, um die Türen ihrer Bürosafes zu schließen. Die Eingangshalle der Universität glich nun einem Abbild der Hölle: ein rußgeschwärztes Trümmerfeld voller Rauch und Staub. Überall herrschte Chaos, als Krankenwagen, Feuerwehr, Police- Officers, Soldaten der englischen Armee und Marineinfanteristen vor der ausgebombten Universität aufeinandertrafen. Die US Marines hatten rund um die Universität Stellung bezogen. Die jungen Soldaten hantierten mit ihren Waffen, während ihre Blicke die wachsende Menge Schaulustiger durchforschten. Hinter ihnen, in den Trümmern der Universität, bargen Rettungssanitäter Leichenteile aus dem Schutt. Ferris überlegte, ob er einen der Universitätsangehörigen, die wie erstarrt vor dem Gebäude standen, nach Judith und Leo fragen sollte, entschied sich aber dagegen; es wäre ein grober Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften gewesen. Zudem war er nicht sicher, ob er die Wahrheit jetzt schon wissen wollte. Stattdessen drückte er sich in die schattigen Seitenstraßen Richtung Innenstadt. Als er später in der Menschenmenge am Big Ben stand, überkam ihn plötzlich ein eisiges Gefühl; so kalt, dass er erschauerte. Zurück in seiner Notunterkunft, schaute Ferris über eine sichere Satellitenleitung auf seinem E-Mail Account, schaute ob jemand eine Nachricht für ihn hinterlassen hatte. Judith könnte vielleicht eine verschlüsselte Nachricht hinterlegt haben. Doch es gab keinerlei Nachrichten. Ein letzter Rest an Hoffnung führte ihn in das Haus, in dem Judith lt. seiner kurzen Recherche in einem Zimmerappartement gewohnt hatte, ein anonymes Gebäude, weit ab vom Zentrum in einer Nebenstraße der Londoner Westside. Ferris löcherte den Portier mit Fragen. Befand sich Mrs. Judith auf ihrem Zimmer? Hatte sie irgendwelche Nachrichten hinterlassen? War sie ausgegangen? War irgendjemand in ihrem Zimmer gewesen? Der Portier weigerte sich, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, bis ihm Ferris schließlich 100 englische Pfund in die Tasche seines Jacketts schob. Judith sei nicht zurückgekehrt, sagte der Portier. Aber vor einer Stunde seien drei Männer von der Universität gekommen, die es sehr eilig gehabt hätten. Sie seien auf Judiths Zimmer gegangen, hätten ihre Siebensachen zusammengepackt und in ein Auto verfrachtet, das vor dem Hotel auf sie gewartet hatte. Sie hätten die Rechnung bezahlt und gesagt, Mrs. Judith sei ausgezogen. Haus der Kubickis, USA Peter Nicholsen war nicht der Einzige, der auf die Idee gekommen war, im Internet nach Hinweisen auf die Geschehnisse in Deutschland zu suchen. Um ein Uhr nachts war Jim Kubicki noch online gegangen. Seine Frau schlief tief und fest, doch er fand einfach keine Ruhe. Sie hatten soeben eine Menge Geld verdient, und er wollte irgendwohin, wo es ruhig und warm war, damit er und seine Frau sich erholen konnten. Kubicki wusste, dass Mia Johnson einen Bericht von ihnen erwartete. Nachdem Venom nicht mehr unter den Lebenden weilte, würde es niemanden geben, der ihrer Version der Geschichte widersprechen konnte. Sie würden also ihren Bericht abliefern und sich dann für ein paar Wochen an einen einsamen Ort zurückziehen. Die Arbeit, die er und seine Frau machten, war sehr gut bezahlt, aber überaus anstrengend. Wenn man ihnen den gleichen Job für das gleiche Geld noch einmal anbieten würde, so war er sich sicher, dass sie ablehnen würden. Venom hatte ihn doch ziemlich nervös gemacht. Der Mann hatte gespürt, dass irgendetwas nicht stimmte – obwohl sie alles so gut vorbereitet hatten. Seine Frau hatte ihm in allen Einzelheiten erzählt, was im Haus passiert war – wie Venom zuerst Himmelhagen erschoss und dann den Leibwächter außer Gefecht setzte. Es war noch ein Glück, dass Judith ihn so einfach hatte ausschalten können. Kubicki begann mit der Londoner Times. Die europäische Presse hatte mittlerweile ganze drei Tage Zeit gehabt, um die Geschichte zu bringen – es bestand also durchaus die Möglichkeit, dass die Times in ihrer heutigen Ausgabe von der Ermordung Graf Himmelhagens berichtete. Wenn die deutschen Behörden herausfanden, dass Venom Amerikaner war, würde die Geschichte bald überall auf den Titelseiten erscheinen, aber das würde noch einige Zeit dauern. Kubicki war angenehm überrascht, folgende Schlagzeile in der Times zu finden: Deutscher Industrieller von Terroristen ermordet? Es war doch irgendwie aufregend, die Sache so groß aufgemacht zu sehen. Als Kubicki zum zweiten Absatz kam, wich die Aufregung einer gewissen Verwirrung. Es war weit und breit nichts von einem Feuer zu sehen gewesen, als sie den Ort des Geschehens verlassen hatten. Kubickis Verwirrung wurde immer größer, je weiter er las, und als er den Artikel zu Ende gelesen hatte, verspürte er nur noch Angst. Da war zunächst die Rede davon gewesen, dass ein Mann und eine Frau, die sich als BKA-Mitarbeiter ausgegeben hätten, um gegen 23.15 Uhr mit einem kastanienbraunen Audi weggefahren und seither nicht mehr gesehen worden wären. Dann wurde plötzlich eine dritte Person erwähnt, die rund fünf Minuten später mit einem gestohlenen Wagen flüchtete. Kubickis Herz begann immer schneller zu schlagen, je weiter er las. Der gestohlene Wagen wurde etwas später am Flughafen Hannover entdeckt. Der Verdächtige hatte die Flucht in einem Taxi fortgesetzt, der Taxifahrer war in einem Hotel in Freiburg gefesselt und geknebelt aufgefunden worden. Auf der Grundlage des detaillierten Berichts, den der Fahrer der Polizei geben konnte, bestand für Kubicki kaum noch ein Zweifel, dass es sich bei dem Mann, der mit dem Taxi geflüchtet war, um Venom handelte. Kubicki war in seiner Panik sofort ins Schlafzimmer gestürzt und hatte seine Frau geweckt. Er fragte sie noch einmal, was sich im Haus genau zugetragen hatte – und sie kamen zu dem Schluss, dass Venom eine kugelsichere Weste getragen haben musste und es ihnen verschwiegen hatte. Es war ein unverzeihlicher Fehler. Jim Kubicki hätte seine Frau erwürgen können, weil sie es versäumt hatte, dem Mann zur Sicherheit eine dritte Kugel in den Kopf zu jagen. Aus genau diesem Grund hatten sie eigentlich vereinbart, dass er selbst mit Venom ins Haus gehen und ihn ausschalten würde. Nun, jedenfalls war ziemlich klar, was sie jetzt zu tu hatten. Sie mussten untertauchen, und zwar rasch. Wenn der Mann, den sie in Deutschland hätten ausschalten sollen, es schaffte, in die USA zurückzukehren, würde er Mia Johnson alles erzählen – und sie würde ihm verständlicherweise alle nötigen Informationen geben, damit er sie aufspüren konnte. Jim Kubicki zweifelte nicht daran, wie eine solche Auseinandersetzung ausgehen würde. Wenn er sie fand, würden sie noch genau so lange leben, bis sie ihm verraten hatten, wer ihr Auftraggeber war – und dann würde er ihnen eine Kugel in den Kopf jagen. Während Jim und Judith Kubicki kreuz und quer durch das Haus hetzten, um all die Sachen zu packen, die sie brauchten, nachdem sie möglicherweise nie mehr hierher zurückkehren konnten, war ihnen nicht bewusst, dass in Zimmer zehn des Buffalo-Bill-Motels eine viel unmittelbarere Bedrohung lauerte. Peter Nicholsen hatte jedes Wort, das sie sprachen, mit angehört, und das gab ihm reichlich Zeit, um seinen nächsten Schritt vorzubereiten. Wenn alles gut ging, würde er gegen Mittag schon wieder in Washington sein. Nicholsen war äußerst geschickt im Umgang mit Feuerwaffen jeder Art – egal ob Pistole oder Gewehr. Mit Anfang zwanzig war er zusammen mit einem anderen CIA-Mitarbeiter einem Schießclub beigetreten. Damals hatte er begonnen, an Wettkämpfen teilzunehmen, was seither zu einer wahren Leidenschaft geworden war. Nicholsen war der beste Pistolenschütze seines Clubs und einer der besten an der gesamten Ostküste. Er war auch im Tontaubenschießen äußerst geschickt und traf mit dem Gewehr wie kaum ein Zweiter. Dennoch gab es etwas, was Nicholsen insgeheim grämte. Er hatte tausendfach bewiesen, dass er ein Meisterschütze war – aber seine Ziele waren immer nur Schießscheiben und Tontauben gewesen. Er hatte noch nie einen Menschen erschossen. Chappadelaine hatte Recht – Nicholsen hatte immer andere beauftragt, die Dreckarbeit zu machen. Jetzt, da Nicholsen sich offiziell von der CIA verabschiedet hatte und sich mit gedungenen Killern wie Chappadelaine und Braun abgab, hatte er das Gefühl, dass es an der Zeit war, zu beweisen, was er konnte. Mit diesem Argument begründete er jedenfalls vor sich selbst seinen Entschluss, diesmal selbst den Abzug zu drücken. In diesem gefährlichen Geschäft konnte es bisweilen über Leben und Tod entscheiden, dass ein Kollege die eigenen Fähigkeiten respektierte. In seinem tiefsten Inneren wusste er jedoch, dass es einen anderen Grund hatte, warum er die Kubickis persönlich ausschalten wollte. Nicholsen hatte sich in all den Jahren immer wieder gefragt, wie es wohl sein würde. Er hatte tausende Stunden damit zugebracht, auf leblose Ziele zu schießen – und das mit Waffen, die dazu da waren, um auf Lebewesen zu schießen. Viele davon waren speziell dafür hergestellt worden, um Menschen zu töten. Die Schießwettkämpfe hatten immer unter kontrollierten Bedingungen stattgefunden. Das Einzige, was sich ändern konnte, waren der Wind und die Luftfeuchtigkeit. Er hatte seine Leidenschaft nie in einer Situation ausleben können, in der es wirklich um etwas ging – und jetzt war der Moment gekommen. Nicholsen erkannte nun, dass es vielleicht ganz gut war, dass er Chappadelaine für diesen Job ausgewählt hatte und nicht Braun. Der Mann plante jeden Schritt peinlich genau, so wie er selbst, und er hatte jede Menge Erfahrung in dem, was er tat. Nicholsen hatte zwei Handfeuerwaffen, ein Scharfschützengewehr, ein Sturmgewehr und eine Maschinenpistole mitgenommen. Er hatte eigentlich vorgehabt, die Kubickis aus einer sicheren Entfernung von fünf- bis sechshundert Metern mit seinem Walther-WA-200-Scharfschützengewehr auszuschalten – doch Chappadelaine gefiel diese Idee nicht. Für dieses Gewehr verwendete man Winchester-Magnum-Munition Kaliber.300, sodass ein Schuss hier oben in den Bergen wie von einer Kanone klingen würde. Sie wollten schließlich aus Evergreen verschwinden, ohne Aufsehen zu erregen. Chappadelaine hatte gemeint, dass sie sich auch rund zweihundert Meter von der Eingangstür der Kubickis entfernt auf die Lauer legen konnten. Um 4.45 Uhr hielt der Van einen knappen Kilometer vom Haus der Kubickis entfernt an. Chappadelaine und Nicholsen stiegen aus und begannen den Berg hinaufzumarschieren. Lukas und Juarez gingen mit dem Van auf einem schmalen Weg abseits der Straße in Position, von wo sie die Situation mit Hilfe ihrer Überwachungsanlage im Augen behielten. Wenn Nicholsen sein Ziel verfehlen sollte und die Kubickis ihm entwischten, würden sie die Straße mit dem Van blockieren und den Wagen der Kubickis mit ihren MPs unter Beschuss nehmen. Nicholsen und Chappadelaine hatten länger als erwartet gebraucht, um ihren Posten zu erreichen. Chappadelaine war wieder einmal verärgert über seinen Begleiter. Er war mit seinen zweiundfünfzig Jahren selbst nicht gerade in Topform – aber im Vergleich zu Nicholsen fühlte er sich wie ein olympischer Zehnkämpfer. Wenigstens schien der Mann mit seinen Waffen umgehen zu können, dachte Chappadelaine. Es war fast 5.30 Uhr, als sie unter einer hohen Kiefer in Position gingen. Sie hatten freie Sicht auf das Haus und die Garage. Nicholsen hatte alles genau geplant, damit nichts schiefgehen konnte, wenn er zum ersten Mal auf ein lebendes Ziel schoss. Obwohl der Boden an dieser Stelle mit Kiefernnadeln gepolstert war, hatte er zusätzlich noch eine weiche Matte mitgebracht, auf der er sich in seinem Tarnanzug mit seinem Stoner-SR-25-Sturmgewehr auf die Lauer legte. Am Ende des Laufes war ein Schalldämpfer angebracht; außerdem ruhte die Waffe auf einem Zweibein, was ihr zusätzliche Stabilität verlieh. Es handelte sich im Wesentlichen um ein M-16-Gewehr, das leicht modifiziert war, um als Scharfschützengewehr eingesetzt werden zu können. Im Gegensatz zum M-16 verwendete man jedoch bei dieser Waffe die schwerere 7,62-mm-Munition. Die Waffe konnte im Einzelfeuer- oder Dauerfeuer-Modus eingesetzt werden. Nicholsen hatte das Gewehr auf Einzelfeuer eingestellt, während er durch das Teleskopvisier spähte und wartete. Als Kubicki um 6.02 Uhr aus dem Haus kam, war Nicholsen nicht überrascht. Mary Juarez hatte ihnen bereits mitgeteilt, dass die beiden allem Anschein nach fertig zum Aufbruch waren. Die Information ließ Nicholsens Herz schneller schlagen, noch bevor die Haustür überhaupt aufgegangen war. Trotz der kühlen Morgenluft trat ihm der Schweiß auf die Stirn, und er atmete kürzer. Nicholsen schwenkte die Waffe nach rechts, als Kubicki zur Garage ging, und verlor dennoch den Kopf des Ziels schon nach wenigen Metern aus dem Fadenkreuz. Er konnte nicht glauben, wie nervös er war. Er zielte gewöhnlich mit absolut ruhiger Hand – doch davon war er im Moment weit entfernt. Nicholsen versuchte sich zu beruhigen und rief sich in Erinnerung, dass nichts schiefgehen konnte, weil für den Fall, dass er sein Ziel verfehlen sollte, immer noch Lukas und Juarez da waren, um die Sache zu Ende zu bringen. Doch der Gedanke vermochte Nicholsen nicht zu beruhigen. Er wusste, dass es ein relativ leichter Schuss war, den er vor sich hatte – und wenn er danebenschoss, würde ihn Chappadelaine für einen Stümper halten. Als der Wagen rückwärts aus der Garage rollte, schloss Nicholsen für einen Moment die Augen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er begann von hundert rückwärts zu zählen und konzentrierte sich darauf, ruhig zu atmen, um seinen Puls zu senken. Er musste einfach nur ruhig bleiben, dann würde alles wie von allein gehen. „Ich sage es dir, wenn die Frau herauskommt“, flüsterte ihm Chappadelaine ins Ohr. „Behalte den Kerl im Visier.“ Der Wagen kam aus der Garage und wendete in der Zufahrt. Als der Fahrer heraussprang und ins Haus zurücklief, sagte Chappadelaine: „Jetzt ist es gleich so weit. Wenn er herauskommt, warte so lange wie möglich mit dem Schuss, bis auch die Frau da ist – aber lass ihn nicht in den Wagen einsteigen. Auf den Wagen wird nur geschossen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.“ Nicholsen gab keine Antwort. Er fühlte sich jetzt etwas besser. Seine Atmung und sein Puls waren langsamer geworden. Er spürte, dass er ruhiger wurde. Das Fadenkreuz hatte er jetzt auf die Haustür gerichtet. Er zählte weiter, wenn auch immer langsamer. Als Jim Kubicki nach einer Minute auf der Veranda auftauchte, erschrak Nicholsen nicht im mindesten. Er folgte dem Mann, der zum Heck des Wagens ging. Kubicki verstaute einige Taschen im Kofferraum und knallte die Hecktür zu. Nicholsen hatte das Gesicht des Mannes im Fadenkreuz, während sein rechter Zeigefinger ruhig auf dem kalten Abzug des Stoner-Gewehrs lag. Er hörte, wie Chappadelaine etwas sagte, und in diesem Moment drehte das Ziel den Kopf zur Tür. Nicholsen wusste augenblicklich, was Chappadelaine sagte, und ohne einen Moment zu warten, drückte er mit einer gleichmäßigen Bewegung den Abzug. Mike Kutcher hob den Feldstecher an die Augen und blickte auf das Haus der Kubickis hinunter. Es sah so aus, als würden sie gleich wegfahren wollen – und sie schienen es ziemlich eilig zu haben. Er wandte sich der Glasschiebetür zu. „Dan, hol den Wagen aus der Garage“, sagte er mit gedämpfter Stimme. „Wir kommen später zurück und machen hier sauber.“ Wenn sie sich beeilten, konnten sie die Kubickis einholen, bevor sie die Hauptstraße erreichten, und ihnen den Weg versperren. Vielleicht ließ sich die ganze Angelegenheit ja auf friedlichem Weg lösen, und sie konnten die beiden überreden, mit nach Washington zu kommen. Wenn sie die Kubickis aber nicht erwischten, bevor sie die Stadt erreichten, konnte die Sache ziemlich schwierig werden. Kutcher sah, wie Kubicki wieder aus dem Haus kam und mehrere große Taschen im Wagen verstaute. Kubickis Mund öffnete sich, als wolle er etwas sagen, als er plötzlich vom Wagen weggerissen wurde und zu Boden ging. Kutcher duckte sich instinktiv und richtete den Feldstecher auf die Haustür. Einen kurzen Moment lang sah er, wie Judith Kubicki mit großen Augen zu ihrem Mann hinüberstarrte, der leblos am Boden lag – doch bevor sie sich von dem Schock erholen konnte, wurde sie von einer Kugel in die Stirn getroffen, und sie stürzte mitten in die Sträucher neben der Verandatreppe. Oval Office, USA Mia Johnson begann die neue Woche mit wenig Begeisterung. Ihr Chauffeur kam im Montagmorgen-Verkehr nur mühsam voran, was ihre ohnehin trübe Stimmung nicht gerade hob. Mike Nowak hatte sich immer noch nicht gemeldet, und die beiden einzigen Menschen außer ihm selbst, die ihr hätten sagen können, was sich in Deutschland zugetragen hatte, waren tot. Sie war normalerweise stolz darauf, sich immer hundertprozentig auf ihre aktuelle Aufgabe konzentrieren zu können – doch im Moment wollte ihr das nicht so recht gelingen. Auf ihrem Schoß hatte sie das „Präsident Daily Brief“, den täglichen Bericht an den Präsidenten liegen, der von der Analyseabteilung der CIA vorbereitet wurde und der die neuesten Geheiminformationen enthielt. Die jeweiligen Präsidenten hatten dieses Dokument recht unterschiedlich behandelt; manche hatten es jeden Morgen persönlich gelesen, während andere diese Arbeit ihren Sicherheitsberatern überließen. Präsident Obama las den Bericht sehr aufmerksam und stellte auch immer wieder Fragen dazu. Als Leiterin der Abteilung für Terrorbekämpfung war es nicht unbedingt Mia Johnsons Aufgabe, ihm den Bericht zu überbringen – doch mit dem Angriff auf das Weiße Haus hatte sich einiges geändert. Der Kampf gegen den Terrorismus hatte für Präsident Obama oberste Priorität. Es hatte sich so eingespielt, dass Dr. Johnson ihm ungefähr einmal die Woche den Bericht überbrachte, was für die beiden auch eine gute Gelegenheit war, um über die Aktivitäten des Orion-Teams zu sprechen. Mia Johnson klappte die Mappe zu und sah aus dem Fenster. Ihre Limousine war soeben in die 17th Street eingebogen. Zu ihrer Rechten sah sie die weite Rasenfläche der „Ellipse“, und direkt vor ihr tauchte das Weiße Haus auf. Das ganze Gebäude war mit Gerüsten versehen; man bemühte sich, die Verwüstungen des Terroranschlags bis Weihnachten zu beseitigen. Präsident Obama legte großen Wert darauf, dass die Arbeiten an dem altehrwürdigen Haus so schnell wie möglich abgeschlossen wurden, damit nichts mehr an die traumatischen Ereignisse des Frühjahrs erinnerte. Das ganze Gebäude war von einer Hülle aus Aluminium und Kunststoff umgeben, um die Kameras fern zu halten. Zum Glück hielten sich die Schäden in Grenzen, was vor allem dem entschlossenen Eingreifen der Feuerwehreinheiten zu verdanken war. Der Westflügel war schon wieder zugänglich, doch es wurde immer noch spekuliert, ob der Präsident und die First Lady Weihnachten bereits im Weißen Haus feiern würden. Im Moment wohnten sie im Blair House, gegenüber dem Old Executive Office Building. Der Wagen schlängelte sich zwischen den Barrieren hindurch, die verhindern sollten, dass ein Lastwagen mit einer Bombe zum Weißen Haus vordringen konnte. Schließlich hielt die Limousine am Südwesttor an, wo sogleich zwei uniformierte Secret-Service-Leute aus ihrem Wachhaus kamen, um ihre Ausweise zu kontrollieren. Es war noch nicht lange her, dass sie einfach das Tor geöffnet und sie durchgewinkt hätten – doch mit dem Terroranschlag war vieles anders geworden. Mia Johnson hatte oft im Weißen Haus zu tun, und sie kam meistens mit demselben Fahrer und Leibwächter – doch das zählte heute nicht mehr. Sie ließ das Fenster herunter und reichte dem Secret-Service-Beamten ihre Papiere. Der Mann sah sie kurz an und gab ihr die Dokumente zurück. Ein dritter Sicherheitsbeamter ging mit einem Sprengstoffsuchhund um den Wagen herum und kontrollierte den Kofferraum. Der ganze Vorgang dauerte nicht einmal eine Minute, ehe das Tor geöffnet wurde. Der Fahrer hielt bei dem langen Vordach beim Westflügel des Weißen Hauses an. Mia Johnson dankte den beiden Männern und sagte ihnen, dass sie im Wagen warten sollten. Als sie das Haus betreten hatte, hielt sie die blaue Tasche hoch, in der sich der Bericht für den Präsidenten befand. Der Sicherheitsbeamte, der an seinem Schreibtisch saß, wusste, was das zu bedeuten hatte. Er grüßte Dr. Johnson und reichte ihr ein Klemmbrett, damit sie sich eintragen konnte. Danach stieg sie die Treppe zu ihrer Linken hinauf, wo am oberen Absatz ein Agent des Sonderkommandos zum Schutz des Präsidenten stand. Das bedeutete, dass sich der Präsident im Westflügel aufhielt. Mia Johnson blickte kurz auf ihre Uhr; es war 7.12 – er saß also wahrscheinlich gerade beim Frühstück und las die Morgenzeitungen. Als sie beim Oval Office ankam, blieb sie bei einer der Türen zu ihrer Rechten stehen und hielt die blaue Tasche hoch. Ein hünenhafter Secret-Service-Mann im dunkelgrauen Anzug nickte und ließ sie in das private Esszimmer des Präsidenten eintreten. Mia fand den Präsidenten an seinem gewohnten Platz vor, wo er vier Zeitungen vor sich liegen hatte. Ein klein gewachsener Mann philippinischer Herkunft, der mit weißer Weste und schwarzer Hose bekleidet war, kam auf sie zu. „Guten Morgen, Dr. Johnson“, sagte er. „Guten Morgen, Minister Carl“, antwortete sie, setzte sich dem Präsidenten gegenüber an den runden Eichenholztisch und öffnete die Tasche. Der Präsident blickte auf. „Guten Morgen Mia“, begrüßte er sie. „Guten Morgen, Sir.“ „Wie war das Wochenende?“ „Ganz passabel, Sir, und bei Ihnen?“ Mia Johnson zog ein Exemplar des Berichtes heraus und schob es über den Tisch. Sie wusste, dass sie noch ein Weilchen mit dem Smalltalk weitermachen würden, bis Carl draußen war. „Nicht übel. Camp David ist zu dieser Jahreszeit wirklich ein schönes Plätzchen.“ Obama las die Überschriften auf der ersten Seite des Berichts – und dabei fiel ihm auf, dass es größtenteils um die gleichen Themen ging wie auf der Titelseite der Washington Post. Er wusste, dass der Inhalt eine ganz andere Geschichte war. Die Tür ging mit einem leisen Klicken zu, während Präsident Obama sich noch eine Tasse Kaffee einschenkte. Er blickte über den Rand seiner Lesebrille hinweg. „Was, zum Teufel, ist in Deutschland passiert?“, fragte er. „Wir treffen uns in vierzig Minuten mit dem deutschen Botschafter.“ Für Mia Johnson war es nicht leicht, auf diese Frage zu antworten – ganz einfach, weil sie es selbst nicht wusste. „Ich arbeite gerade daran, das herauszufinden, Sir. Wir haben noch immer keine sicheren Informationen.“ „Haben Sie denn nicht mit Mike gesprochen?“ Dr. Johnson schüttelte den Kopf. „Nein. Ursprünglich hat es geheißen, dass er bei der Operation ums Leben gekommen sei.“ Obama beugte sich vor und schob seine Zeitungen beiseite. „Sagen Sie das noch mal.“ „Einige der Leute, die an dem Einsatz beteiligt waren, haben berichtet, dass Mike ums Leben kam. Wir glauben aber mittlerweile nicht mehr, dass das stimmt.“ Obama runzelte die Stirn. „Erzählen Sie mir alles von Anfang an.“ Dr. Johnson begann mit ihrem Bericht, ließ aber bewusst einige Details aus. Sie gab im Wesentlichen das wieder, was sie von ihren deutschen Kollegen erfahren hatte. Obama war vor allem an der genauen Beschreibung des Verdächtigen interessiert, der einen Taxifahrer in seine Gewalt gebracht hatte und mit ihm nach Freiburg gefahren war. Ansonsten hörte er sich äußerlich ruhig ihren Bericht an. „Warum haben Sie die beiden anderen, die an der Sache beteiligt waren, nicht genauer befragt?“, wollte er wissen, als Mia Johnson fertig war. Dr. Johnson zögerte einen Augenblick. Eine ihrer Aufgaben – so sah sie es jedenfalls – bestand darin, solche unangenehmen Dinge vom Präsidenten fern zu halten. Es konnte unter Umständen wichtig sein, dass er Dinge wahrheitsgemäß und glaubwürdig abstreiten konnte. Ihre Entscheidung, es ihm doch zu sagen, beruhte in diesem Fall auf einer gewissen Angst vor dem, was sich hinter dem Tod der Jansens verbarg. „Sir, wir haben ein Team nach Colorado geschickt, um die Jansens zu holen. Unsere Leute bereiteten sich gerade darauf vor, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, als sie ein anderes Team bemerkten – ein Team, von dem wir nichts wissen –, und diese Leute haben die Jansens ausgeschaltet. Unser Team hat aus der Ferne mitverfolgt, wie die Leichen entfernt wurden.“ „Das ist alles ziemlich verwirrend“, stellte der Präsident stirnrunzelnd fest. „Für uns auch, Sir.“ „Wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, sie zu töten?“, fragte Obama mit finsterer Miene. „Wir gehen der Sache nach, Sir.“ „Kann es sein, dass die Deutschen so schnell reagiert haben?“ „Das bezweifle ich, Sir.“ „Könnte es vielleicht sein, dass es dabei um irgendeine andere Sache ging, die mit unserer Operation gar nichts zu tun hat?“, fragte der Präsident auf der Suche nach irgendeinem anderen Grund als dem, den er am wenigsten hören wollte: dass es irgendjemanden gab, der ihre Operation verraten hatte und ihnen in den Rücken gefallen war. „Alles ist möglich, aber das Timing sagt natürlich einiges.“ „Was ist mit Mike? Was tun wir, um ihn zurückzuholen?“ „Nichts.“ „Was?“ „Sir, Mike weiß selbst am besten, wie er sich in Sicherheit bringen kann. Wenn wir jetzt nach ihm suchen, machen wir alles nur noch schlimmer.“ Der Gedanke gefiel Obama überhaupt nicht. „Wir müssen doch irgendetwas unternehmen.“ Mia Johnson schüttelte den Kopf. „Direktor Bush ist der gleichen Ansicht wie ich.“ „Wie gehen wir dann weiter vor?“ „Wir sind gerade dabei, das unbekannte Team aufzuspüren, das die Jansens ausgeschaltet hat.“ Der Präsident lehnte sich zurück und blickte durch das Fenster zum Old Executive Office Building hinüber. Er schwieg fast eine ganze Minute, in der er in Gedanken alle Möglichkeiten durchging, die ihm allesamt nicht besonders gefielen. Es wäre beruhigend gewesen, wenn diese Jansens von einem früheren Arbeitgeber getötet worden wären – aber Dr. Johnson hatte natürlich Recht; der Zeitpunkt ihrer Ermordung machte das eher unwahrscheinlich. Die Operation in Deutschland, die eigentlich streng geheim hätte bleiben sollen, hatte in der Tat einen äußerst beunruhigenden Verlauf genommen. Schließlich wandte sich Obama wieder Dr. Johnson zu. „Finden Sie heraus, wer die Jansens auf dem Gewissen hat“, sagte er, „und das so schnell und so unauffällig wie möglich.“ „Das werden wir, Sir.“ „Und jetzt zu diesem Treffen mit dem deutschen Botschafter. Es gibt da ein paar Dinge, die ich noch wissen muss.“ Um elf Minuten nach acht Uhr traten Präsident Obama, Dr. Johnson und Michael Haik, der Sicherheitsberater des Präsidenten, über das private Arbeitszimmer ins Oval Office ein. Auf den beiden langen Bänken am Kamin saßen mehrere hochrangige Persönlichkeiten, die Präsident Obama zu dem Treffen geladen hatte. Er hatte einen ungefähren Plan, wie dieses Treffen verlaufen sollte – und die Liste der Teilnehmer spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Alle Anwesenden erhoben sich, als Obama eintrat. Der Präsident ging auf den deutschen Botschafter Gustav Koch zu und schüttelte ihm die Hand. Dann nahm er auf einem der beiden Stühle am Kamin Platz. Michael Haik setzte sich neben ihn, während Mia Johnson auf der Bank neben General Flood, dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, Platz nahm. Neben Flood saß sein Boss, Verteidigungsminister Rick Culbertson. Ihnen gegenüber saßen Außenminister Stanley und der deutsche Botschafter. Präsident Obama lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Er blickte den deutschen Botschafter mit überaus besorgter Miene an. Es war ihm bewusst, welche Gedanken dem Botschafter und seinem Außenminister durch den Kopf gehen mussten, die dieses Treffen einberufen hatten. Es war, gelinde gesagt, ungewöhnlich, dass der Verteidigungsminister und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs an einer Sitzung teilnahmen, die eindeutig in den Zuständigkeitsbereich des Außenministeriums fiel. Als Erstes wurden dem deutschen Botschafter die Anwesenden vorgestellt, ehe sich Präsident Obama an seinen Gast wandte. „Was kann ich für Sie tun, Exzellenz?“ Botschafter Koch räusperte sich und blickte kurz den Außenminister an, ehe er in makellosem Englisch antwortete: „Bundeskanzler Vogt hat mich beauftragt, über eine sehr wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen.“ Koch war nicht dumm; nachdem er einunddreißig seiner sechzig Lebensjahre in der Politik verbracht hatte, wusste er genau, was die Anwesenheit der beiden Männer aus dem Pentagon zu bedeuten hatte. Das war auch der Grund, warum er gleich zu Beginn den Regierungschef seines Landes ins Spiel brachte. Obama wiederum dachte nicht daran, dem Botschafter oder seinem eigenen Außenminister auch nur einen Schritt entgegenzukommen; er gab nicht zu erkennen, dass er wusste, worum es bei diesem Treffen ging. Koch war die eintretende Pause ein wenig unangenehm, und er sah den Außenminister an, um von ihm Unterstützung zu bekommen. Es war Stanley, der schließlich das Schweigen brach. „Sir, ich nehme an, Sie sind darüber informiert, was vergangenes Wochenende in Deutschland vorgefallen ist.“ Stanley wartete auf eine Bestätigung seines Präsidenten, die jedoch nicht kam. „Sir, ich spreche von der Ermordung von Graf Himmelhagen und von dem Brand, bei dem eines der schönsten Schlösser in ganz Europa zerstört wurde – und dazu noch“, fügte er bestürzt hinzu, „eine unbezahlbare Kunstsammlung.“ Obama nickte schließlich. „Ich bin über die Situation im Bilde.“ Er fügte keinerlei Worte des Bedauerns über den Vorfall hinzu. „Sir“, fuhr Außenminister Stanley fort, „der Herr Botschafter kannte Graf Himmelhagen sehr gut, genauso wie Kanzler Vogt.“ Obama nickte nur kurz, ohne jedoch irgendetwas dazu zu sagen. Koch war verwirrt angesichts der mangelnden Anteilnahme des Präsidenten, begann aber schließlich, sein Anliegen vorzubringen. „Kanzler Vogt befürchtet, dass ein ausländischer Geheimdienst für die Ermordung Graf Himmelhagens verantwortlich sein könnte.“ „Ach ja, und warum nimmt er das an?“, fragte Präsident Obama. „Wir haben bestimmte Informationen, die diese Annahme nahelegen.“ „Und was sind das für Informationen?“ Botschafter Koch richtete sich auf seinem Platz auf. „Wir haben erfahren, dass der Graf in den Tagen vor seinem Tod observiert wurde.“ „Von wem?“ Koch blickte zuerst zu Mia Johnson und dann zum Präsidenten hinüber. „Von der CIA.“ „Und?“ „Trifft es zu, dass die CIA Graf Himmelhagen überwachen ließ?“ „Ich kann bestätigen, dass ihn die CIA vor seinem Tod observiert hat.“ Der Botschafter war froh über diese ehrliche Antwort. Was ihm jedoch weit weniger Freude bereitete, war die Richtung, in die er das Gespräch nun lenken musste. Er wählte seine Worte mit großer Sorgfalt, als er schließlich sagte: „Unsere Länder sind seit langem eng miteinander befreundet, Mr. Präsident. Kanzler Vogt ist tief besorgt, dass die freundschaftlichen Beziehungen durch diesen Vorfall Schaden nehmen könnten.“ „Warum denn das?“, fragte Obama, obwohl er genau wusste, was der Botschafter meinte; er wollte es jedoch von ihm selbst hören. Koch blickte etwas verlegen auf seine Hände hinunter und sah kurz zu Mia Johnson hinüber, ehe er sich wieder dem Präsidenten zuwandte. „Der Kanzler befürchtet, dass … die CIA … ohne Ihre Ermächtigung gehandelt haben könnte und möglicherweise etwas getan hat, das selbst die größten Freunde Amerikas in unserem Land vor den Kopf stoßen würde.“ Der Botschafter tat Obama irgendwie sogar leid. Es war sehr wahrscheinlich, dass man ihn absichtlich nicht über Himmelhagens jüngste Geschäfte informiert hatte. Mia Johnson hatte Obama zuvor mitgeteilt, dass möglicherweise nicht einmal der deutsche Kanzler über Himmelhagens dunkle Machenschaften im Bilde war. Das war der einzige Grund, warum Obama nicht die Geduld verlor. „Exzellenz, ich weiß unsere freundschaftlichen Beziehungen ebenfalls sehr zu schätzen. Deutschland ist einer unserer engsten Verbündeten.“ Der Präsident beugte sich vor und rieb sich die Hände. „Wie gut kennen Sie Graf Himmelhagen? Ich meine … haben Sie ihn gekannt?“ „Ziemlich gut. Seine Familie ist sehr angesehen und engagiert sich sehr für die Kunst und verschiedene wohltätige Zwecke.“ „Haben Sie gewusst, dass er gerade im Begriff war, hochsensible Güter an Saddam Hussein zu verkaufen? Güter, die man zur Herstellung von Atomwaffen braucht?“ Die Bombe war geplatzt. Außenminister Stanley rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her und wurde aschfahl im Gesicht. Botschafter Koch sah den Präsidenten verständnislos an. „Es fällt mir schwer, das zu glauben, Mr. Präsident“, erwiderte er. „Wirklich?“ Obama streckte die Hand aus, und Mia Johnson reichte ihm eine Akte. Der Präsident öffnete sie und hielt eine Fotografie hoch. „Den Mann links auf dem Bild werden Sie gewiss wiedererkennen. Wissen Sie, wer der andere ist?“ Koch schüttelte den Kopf. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass er es gar nicht wissen wollte. „Das ist niemand anderer als Abdullah Khatami. Sagt Ihnen der Name etwas?“ „Nein.“ „Er ist General in der irakischen Armee“, sagte Obama in etwas schärferem Ton. „Seine Aufgabe ist es, Saddams Atomwaffenprogramm wiederaufzubauen. Was Sie hier sehen …“ – der Präsident hielt Koch das Foto entgegen, um alle Zweifel zu zerstreuen – „… ist Graf Himmelhagen, wie er gerade einen Koffer von Khatami entgegennimmt – einen Koffer mit fünf Millionen Dollar.“ Botschafter Koch wollte es nicht glauben. „Ich habe Graf Himmelhagen persönlich gekannt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er zu so etwas fähig gewesen wäre. Er brauchte auch kein Geld. Er war ein reicher Mann. Außerdem könnte es ja sein, dass er das Geld für irgendwelche Kunstgegenstände bekommen hat. Der Graf war ein begeisterter Sammler.“ Außenminister Stanley, der sich bemühte, seine Fassung wiederzugewinnen, nickte zustimmend. Obama reagierte ganz bewusst mit einer gewissen Schärfe. „Graf Himmelhagen war keineswegs so reich, wie Sie vielleicht annehmen. Haben Sie gewusst, dass in der Nacht, als der Graf getötet wurde, in Himmelhagens Lager in Hannover eingebrochen wurde?“ Mia Johnson korrigierte ihn. „Es war in Hamburg, Sir.“ „Hamburg. Danke. Dieser Einbruch war Teil eines raffinierten Plans, den Graf Himmelhagen und Khatami ausgeheckt hatten, um das Geschäft ungehindert über die Bühne zu bringen.“ Obama schüttelte die Faust und fügte in eisigem Ton hinzu: „Bevor Sie hier hereinkommen und mich und meine Leute des Mordes beschuldigen, sollten Sie sich zuerst einmal um ein paar Antworten von Ihrer eigenen Regierung bemühen. Und wenn Sie schon dabei sind, könnten Sie auch gleich die Irakis fragen, was sie in der Nacht vorhatten.“ Der Präsident stand auf. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich habe heute noch viel zu tun.“ Der Botschafter erhob sich langsam und wandte den Blick vom Präsidenten ab. „Es tut mir leid, wenn ich Sie verärgert habe, Mr. Präsident. In meiner Position wird man nicht immer ausreichend informiert.“ „Das weiß ich, Herr Koch. Ich mache Ihnen persönlich ja auch keinen Vorwurf. Aber tun Sie mir den Gefallen und sagen Sie den Diplomaten in Berlin, dass sie sich erst einmal beim BKA informieren sollen, bevor sie Sie hierherschicken und wilde Behauptungen in den Raum stellen lassen.“ „Das werde ich, Mr. Präsident.“ Die beiden Männer schüttelten einander die Hände, und der deutsche Botschafter ging zur Tür. Außenminister Stanley erhob sich, um ebenfalls hinauszugehen, doch Präsident Obama hielt ihn zurück. „Herr Koch, ich muss noch kurz mit Außenminister Stanley sprechen. Würden Sie bitte draußen auf ihn warten?“ Der Botschafter ging hinaus, und Obama wandte sich Stanley zu. „Setzen Sie sich“, forderte er ihn auf. Stanley kehrte widerwillig an seinen Platz zurück. Der Präsident zog sein Jackett aus und warf es über den Sessel, auf dem er gesessen hatte. Er stemmte die Hände in die Hüfte und sah seinen Außenminister mit strenger Miene an. Obama kannte ihn schon von ihrer gemeinsamen Zeit im Senat. Er hatte grundsätzlich nichts gegen den snobistischen Stanley, doch der Mann war nicht seine erste Wahl für den Posten des Außenministerins gewesen. Dazu kam, dass vom Büro des Außenministers in jüngster Vergangenheit eine Reihe von Äußerungen an die Öffentlichkeit gelangt waren, die nicht im Einklang mit der offiziellen Position des Weißen Hauses standen. „Chuck, auf welcher Seite stehen Sie eigentlich?“, fragte Obama, absichtlich den Spitznamen verwendend. Stanley verdrehte die Augen. „Ich glaube, diese Frage brauche ich nicht zu beantworten.“ „Bitte“, sagte der Präsident spöttisch, „begeben Sie sich kurz auf mein Niveau herunter.“ Stanley machte ein beleidigtes Gesicht. „Graf Himmelhagen war ein guter Mann. Die Geschichte, die sich die CIA da ausgedacht hat, überzeugt mich überhaupt nicht. Meine Leute in Berlin haben mir gesagt, dass es ziemlich schlimm für uns aussieht.“ „Ausgedacht?“, rief Obama empört. „Sie haben noch nicht einmal ein Zehntel des Materials gesehen, das die CIA gegen ihn in der Hand hat.“ „Warum hat die CIA ihn überwacht?“, versetzte Stanley. Obama verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn er wütend war, so ließ er sich das normalerweise nicht anmerken. Wenn er mit jemandem eine Meinungsverschiedenheit hatte, dann trug er sie mit dem Betreffenden hinter verschlossenen Türen aus. Das war in diesem Fall nicht mehr möglich. Stanleys Arroganz war einfach unerträglich. Obama dachte sich, dass der Mann noch gar nicht zur Kenntnis genommen hatte, dass der Präsident der Chef dieser Regierung war. Im Senat war Stanley der Dienstältere von ihnen beiden gewesen, und als Außenminister hielt er sich jetzt anscheinend für unantastbar. Obama starrte ihn mit strenger Miene an. Du hast mich vor Zeugen in Frage gestellt – du lässt mir gar keine andere Wahl, dachte er. „Chuck, lassen Sie mich ein paar Dinge klarstellen. Erstens geht es Sie überhaupt nichts an, warum die CIA Himmelhagen überwacht hat. Und dann würde mich auch noch interessieren, woher Sie überhaupt davon wissen.“ Stanley zögerte. Er hatte Obama kaum jemals so wütend erlebt. Der Frage auszuweichen schien kaum noch möglich. Er blickte zu General Flood und Verteidigungsminister Culbertson hinüber. Keiner der beiden machte den Eindruck, als würde er ihn unterstützen wollen. „Jonathan Brown hat es mir erzählt. Aber“, fügte Stanley hinzu, „es war absolut nichts Unrechtes dabei. Ich habe am Samstagmorgen mit ihm gesprochen, nachdem ich gehört hatte, dass der Graf ermordet wurde.“ Jonathan Brown war der stellvertretende Direktor der Central Intelligence, also die Nummer zwei hinter Thomas Bush. Obama blickte kurz zu Mia Johnson hinüber und wandte sich gleich wieder Stanley zu. „Lassen Sie mich eines klarstellen, Chuck. Wenn Sie in Zukunft wieder einmal eine Information von Langley haben wollen, dann werden Sie sich an diesen Mann hier wenden.“ Obama zeigte auf Michael Haik. „Als Sicherheitsberater ist er dafür zuständig. Aber was noch wichtiger ist – wenn Sie das nächste Mal das Bedürfnis verspüren, geheime Informationen an einen ausländischen Diplomaten weiterzugeben … dann fragen Sie gefälligst zuerst mich, ansonsten könnte man Ihnen unter Umständen das auch als „Hochverrat“ auslegen.“ Die Entführung „Es freut mich, dass Sie den Anruf entgegennehmen, Herr Schuster. Ich habe Frage an Sie. Ich muss wissen, dass Sie es sind.“ „Hier spricht Brian Schuster vom BKA. Ich möchte mit Miss Claudia sprechen.“ „So einfach geht das nicht Herr Schuster. Ich muss erst sicher sein, das Sie auch wirklich mein Ansprechpartner sind.“ „Gut. Wie lautet die Frage?“ „Wo haben Sie Miss Claudia geführt zum Abendessen erstes Mal?“ Schuster drehte sich fast der Magen um. Diese Information konnten sie nur im Verhör aus Claudia herausgeholt haben. „Ins Stage Theater im Hafen Hamburgs. In das Restaurant!“ „Richtig. Ich glaube, Sie sind Mr. Schuster.“ „Fein. Kann ich jetzt bitte mit Claudia sprechen?“ „Sir, es tut mir sehr leid. Miss Claudia nicht hier. Aber sie sagt, ich soll Ihnen Botschaft ausrichten, wenn ich Sie anrufe.“ „Was für eine Botschaft?“, fragte Schuster brüsk. Er hatte genug von dem Geplänkel und wollte möglichst rasch zum Punkt kommen. „Wenn Sie sehen wollen Miss Claudia, müssen Sie hingehen, wo ich sage. Nur Sie. Keine Tricks. Sonst Miss Claudia ist tot.“ „Und wo soll ich hinkommen?“ „Nach St. Pauli, bitte.“ Schuster’ Augen glänzten vor Anspannung und Verzweiflung. „Ja, gut, aber wohin genau in St. Pauli?“ „Nach Tabledance Bar Hama, bitte, Mister. Da ist Miss Claudia.“ Die Hama- Bar kannte er nur zu gut. Der Puff gehörte zu Fattys Reich. Hier hatte die ganze schlimme Geschichte des Streits mit dem Zuhälter und Drogenbaron ihren Anfang genommen. „Ich komme nur, wenn ich Claudia sehen kann und sie dann freigelassen wird. Es muss ein Austausch sein.“ „Ja, Mister, ja“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung voller Eifer. Er klang, als könne er nicht recht glauben, dass der Hauptkommissar sich tatsächlich auslieferte. Und er hatte sofort einen Vorschlag parat: „Sie werden Miss Claudia sehen bei den Klo´s. Im Keller von Hama. Da sehen Sie sie. In genau einer Stunde müssen sie da sein, ohne Waffen ohne Kollege von der Polizei und ohne Tricks! Ganz alleene nur sie. Da sehen Sie dann, dass Miss Claudia gesund ist und frei. Dann Sie rufen oben an der Bar eine Nummer an und warten auf uns. Wir beobachten Sie genau, jeden Schritt von Ihnen! Wenn Sie weglaufen, wir töten Miss Claudia! Und Sie auch!“ Schuster hielt inne und schaute verwirrt in sein Gesicht, das er im Wandspiegel sah. In einer Stunde! Da musste er sofort los, da der Weg durch halb Hamburg führte. Und während dieser Uhrzeit war volle Rush-Hour. Was ein gottverdammter Scheiß! Er würde Hilfe brauchen, damit Claudia nach ihrer Freilassung in Sicherheit gebracht werden konnte. Nur dass zählte! Der Anrufer schien seine Gedanken gelesen zu haben. Er flüsterte kaum hörbar: „Wenn Sie nicht kommen, dann ist die Nutte tot! Seien Sie pünktlich da.“ „Ich nehme die Bedingungen an“, sagte Schuster. „Was für eine Nummer soll ich anrufen, wenn ich sehe, dass Claudia frei ist?“ „Bitte rufen Sie 040-5555-5510. Ich bin nur Zwischenmann. Sagen Sie auf Arabisch, dass Sie sind Mr. Brian Schuster von der BKA und dass Sie Mann am Telefon treffen wollen, direkt im Hama. Soll ich Ihnen Nummer noch einmal sagen?“ Schuster hatte sie bereits auf ein Stück Papier geschrieben, das er gefunden hatte. „Ich lese Sie Ihnen noch einmal vor“, sagte Schuster, „um sicherzugehen, dass sie auch richtig ist. 040-5555-5510.“ „Richtig, Mister.“ „Und ich soll der Person, die abhebt, auf Arabisch sagen, dass ich Brian Schuster vom BKA bin und dass ich Sie jetzt in Hama treffen will.“ „Mumtas, Mr. Schuster. Sehr gut. Und seien Sie pünktlich in Hama, bitte schön?“ Bevor Brian Schuster etwas erwidern konnte, hatte der Anrufer bereits aufgelegt. Da er sich absolut beeilen musste um überhaupt das knappe Zeitfenster von einer Stunde einzuhalten, ließ Brian den Hörer fallen und rannte durchs Treppenhaus an der immer noch zitternden alten Dame vorbei zu seinem Auto und startet durch. Er hatte eine winzige Chance, da eines seiner Lager auf dem Weg lag. Wenn alles klappte, konnte er dort schnell halten und sich ausstatten sowie Hartmann kontaktieren um einen Plan mit dem zu besprechen. Es durfte aber wirklich nichts passieren, sonst war er gearscht und seine geliebte Claudia tot! Celsia Air, Berlin Celsia Air, kurz CAir, war nach nur drei Jahren im Geschäft bereits zur Nummer Zwei der europäischen Low-Cost-Airlines aufgestiegen. CAir hatte scheinbar unaufhaltsam den Markt aufgerollt. Heute würde diese Erfolgsstory wegen einer Computerpanne enden. Nachts um 1:20 Uhr wurden, verursacht durch einen Computerfehler, sämtliche Buchungsdaten im zentralen Buchungscomputer von CAir gelöscht. Der Buchungscomputer stand im zentralen Verwaltungsgebäude von CAir, in einem Vorort von London. Um diese für das Unternehmen lebenswichtigen Daten zu schützen, war der Serverraum in das Innere des Gebäudes gelegt worden, ein Raum ohne Außenwände und mit mehrfach gesicherten Türen. Wegen der enormen Bedeutung der Daten gab es mehrere Back-Up Systeme. Die Daten wurden immer parallel auf zwei Speichersystemen gleichzeitig abgelegt. Die beiden Systeme standen in unterschiedlichen Stockwerken und in verschiedenen Brandschutzbereichen des Gebäudes. Bei einem Brand bestand somit eine gute Chance, dass zumindest eines der Systeme überleben würde. CAir hatte sich sogar für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass das ganze Gebäude verloren gehen sollte, abgesichert. Es gab es noch eine dritte Kopie der Daten. Alle 15 Minuten wurde der komplette Datensatz in einem weiteren Speichersystem gesichert, das sich in einem über 40 km entfernt gelegenen Rechenzentrum befand. Ein mehrfach redundantes und todsicheres System also. Heute Nacht erhielten jedoch alle drei Systeme zeitgleich den Befehl, sämtliche Daten zu löschen und zu überschreiben, damit gingen alle Buchungsdaten der CAir unwiederbringlich verloren. CAir-Kunden bekamen keine Tickets. Sie erhielten bei der Buchung lediglich eine Nummer, die sie beim Einchecken nennen mussten, das war alles. Und heute Nacht waren alle Buchungsnummern gelöscht worden. Die Geschäftsführung und die leitenden Angestellten von CAir wurden um 3 Uhr früh zu einer Telefonkonferenz zusammengerufen. Man sah nur eine Möglichkeit, alle Kunden, die zum Gate kamen und eine Nummer nannten, würde man mitnehmen. CAir hatte jetzt zwar keine Möglichkeit mehr die Buchungsnummer zu überprüfen, aber normalerweise versuchte auch niemand, ohne gültige Buchung in ein Flugzeug zu gelangen. Irgendwie musste CAir die nächsten Stunden und Tage überleben. Dann würde man weitersehen. Das Ganze musste nur streng geheim gehalten werden. Am frühen Morgen tauchte eine Nachricht über den abgestürzten Buchungscomputer in einigen Usergroups im Internet auf. Der erste CAir-Flug an diesem Tag ging um 7:30 Uhr von Amsterdam nach London-Stansted. Es wurde einfach jeder ins Flugzeug gelassen, der behauptete eine Buchungsnummer zu haben. Der Flug konnte ohne Probleme durchgeführt werden und die Führungsmannschaft bei CAir schöpfte wieder Hoffnung. Der nächste Flug von Amsterdam ging um 11:00 Uhr. Dieses Mal waren fast 230 Leute anwesend und alle behaupteten, eine Buchung für diesen Flug zu haben. CAir ließ die maximal zulässige Anzahl von 186 Passagieren in die Boeing 737 und bot den restlichen Fluggästen jeweils einen Gutschein in Höhe von 400 Euro als Entschädigung an. Später sollte sich herausstellen, dass etwa die Hälfte der Passagiere aus einem nahgelegenen Studentenwohnheim kam. Jemand hatte die Information über die Probleme bei CAir aus dem Internet ausgedruckt und mit der Überschrift ›Frühstücken in London‹ an das Schwarze Brett geheftet. Die meisten der versetzten Passagiere blieben bis zum nächsten Flugtermin um 14:30 Uhr am Flughafen und stellten sich dann erneut an der 400 Euro-Gutschein-Schlange an. An fast allen anderen Flughäfen sah die Situation für CAir ähnlich aus. Auf dem Flughafen von Rom-Ciampino wollten mehr als 1.000 Passagiere nach London fliegen. Es kam zu Tumulten und schließlich musste die Polizei einschreiten. Am frühen Nachmittag gab sich CAir geschlagen und stellte seinen Flugbetrieb vorläufig ein. Mehrere tausend CAir-Fluggäste saßen damit an den Flughäfen fest. Das war die große Stunde für United European Airways. United European Airways hatte in den letzten Jahren auf fast allen attraktiven, innereuropäischen Strecken große Marktanteile an CAir verloren. Durch viele glückliche Zufälle hatte United European Airways heute genügend Kapazität vorgehalten. An den wichtigsten Flughäfen konnte United European zusätzliche Flüge anbieten und die Slots von CAir übernehmen. Zu einem Sonderpreis von 29 Euro konnten CAir Fluggäste direkt am Gate auf United European umbuchen. Am Abend trat ein sichtlich erfreuter Ken Shortys, CEO der United European Airways, vor die Kameras: „Dank einer enormen Kraftanstrengung aller unserer Mitarbeiter ist es uns heute gelungen, einen Großteil der CAir-Passagiere sicher ans Ziel zu bringen. Erlauben Sie mir hinzuzufügen: Was wir heute erlebt haben, zeigt einmal mehr, dass es für Billigflieger keine wirkliche Zukunft gibt! Auf Dauer setzt sich auch in der Luftfahrt nur Qualität durch und genau dafür steht United European Airways seit über 30 Jahren.“ Ein Dutzend Techniker saß zur selben Zeit im Rechnerraum von CAir. Sie verstanden nicht, wie es geschehen konnte, dass drei Speichersysteme, an drei unterschiedlichen Standorten auf einmal sämtliche Daten löschten. Ein Phänomen, für das man nie eine Erklärung finden würde. Am späten Abend gab Ken Shortys persönlich den Auftrag, 20 Millionen Euro an eine Beratungsfirma in Zypern zu zahlen. In einem abhörsicheren Besprechungsraum in der Unternehmens-zentrale der BahnBau AG in Frankfurt wurde eine Sitzung des Konsortiums abgehalten. Auf Bitten der BahnBau AG fand das Treffen im kleinsten Kreise statt. Nur die beiden verantwortlichen Direktoren waren anwesend, Udo von Bosewitz für die BahnBau AG und Klaus Hamann als Vertreter der Schienenfahrzeuge AG. Die beiden Firmen hatten sich als Konsortium zusammengefunden, um bei der internationalen Ausschreibung für den Bahnbau in Malaysia gemeinsam ein Angebot abzugeben. Es ging um einen Milliarden-auftrag und die Angebotsfrist endete in 36 Stunden. Der größte Konkurrent des Konsortiums war die TrainInternational, ein Zusammenschluss von spanischen und französischen Unternehmen. „Guten Morgen, Herr Hamann, schön Sie zu sehen“, begann von Bosewitz das Gespräch, „Sie sehen etwas abgekämpft aus.“ „Um ehrlich zu sein, Herr von Bosewitz, ich war etwas verwundert über Ihren Wunsch bezüglich dieses Treffens“, antwortete Klaus Hamann gereizt, „so kurz vor der Angebotsabgabe stecke ich natürlich genau so tief in der Arbeit wie Sie, und ich habe weiß Gott Wichtigeres zu tun, als am Morgen nach Frankfurt zu fliegen, um mit Ihnen Smalltalk zu machen. Was gibt es also so Wichtiges?“ „Das hier hat mich bewogen Sie so kurzfristig um einen Termin zu bitten“, bemerkte von Bosewitz und legte eine CD auf den Tisch zwischen Ihnen. „Und, was ist das?“ „Das Angebot, das TrainInternational übermorgen abgeben wird, mit allen Anlagen und der Preiskalkulation.“ „Sind Sie verrückt, Udo, wie kommen Sie zu diesen Unterlagen?“ „Ich würde die Frage nach dem Woher gerne unbeantwortet lassen. Klaus, wir haben nicht mehr viel Zeit, ich benötige Ihre besten und vertrauensvollsten Mitarbeiter, um diese Unterlagen auszuwerten und unser eigenes Angebot entsprechend anzupassen.“ „Was Sie vorschlagen, ist Industriespionage. Wenn das herauskommt, werden wir vom Angebotsprozess ausgeschlossen. Ganz abgesehen von allen anderen Problemen, die wir bekommen werden.“ „Klaus, wir haben die letzten drei Ausschreibungen an TrainInternational verloren. Das Angebot für die Schnellbahnstrecke in Indien, das Angebot in Argentinien und schließlich auch die Ausschreibung in Tschechien. Immer waren wir die Zweiten. Wenn wir dieses Mal wieder nicht zum Zug kommen, sind wir endgültig aus dem Rennen.“ „Und wenn das herauskommt, was Sie da planen, sind wir definitiv aus dem Rennen.“ „Oder wir haben die Chance, den Auftrag in Malaysia zu gewinnen. Machen wir uns nichts vor, Klaus, wenn wir diesmal wieder unterliegen, war es das für uns. TrainInternational hat inzwischen so viele Aufträge gewonnen, dass sie uns weit überlegen sind. Und mit jedem weiteren Auftrag wird ihre Kostenstruktur besser als unsere. Ihre Forschungs- und Entwicklungskosten können Sie über immer mehr Aufträge verteilen, die berühmten ›Economies of Scale‹. Wenn wir in Malaysia wieder unterliegen, sind wir am Ende. Aber das wissen Sie selbst.“ „Gut, reden wir Klartext. Was Sie vorschlagen, ist kriminell und kann uns beide persönlich Kopf und Kragen kosten.“ „Ich für meinen Teil werde, wenn wir diesen Wettbewerb wieder verlieren, meinen Hut nehmen müssen, und wie man so hört, gilt das Gleiche für Sie, Klaus.“ Damit hatte er Recht. Wenn dieser Auftrag nicht gewonnen wurde, würde Schienenbau die Produktion deutlich zurückfahren müssen. Einige Werke müssten geschlossen und Leute entlassen werden. Man hatte ihm klar signalisiert, dass Malaysia auch für ihn die letzte Chance war. „Udo, was Sie da vorhaben, ist Wahnsinn.“ „Überlegen Sie, bei jedem Angebot wurden wir knapp unterboten, ich gehe jede Wette ein, dass wir eine undichte Stelle in unserer Organisation haben. TrainInternational muss Informationen über uns haben. Wir schlagen nur mit den gleichen Mitteln zurück. Und dieses Mal werden wir die Sieger sein.“ „Und wenn das rauskommt, sind wir beide unsere Jobs los und unsere Unternehmen werden in Malaysia in den nächsten Jahren keine Angebote mehr abgeben dürfen.“ „Das haben wir schon diskutiert, wir drehen uns im Kreis. Wenn wir den Wettbewerb in Malaysia verlieren, sind wir beide unsere Jobs los und unsere Unternehmen sind endgültig aus dem Geschäft. Wo also ist der Unterschied? Die Informationen auf der CD sind unsere einzige Möglichkeit, dieses Mal zu gewinnen.“ Klaus Hamann überlegte lange, die Argumente waren nicht von der Hand zu weisen. Es war Wahnsinn, aber es war eine Chance. Klaus nahm die CD in die Hand. „O.k., Udo, ich bin dabei, aber sagen Sie mir, woher Sie diese Informationen haben und was wir dafür tun müssen.“ „Bitte begnügen Sie sich mit der Antwort, dass die CD von einer zuverlässigen Organisation stammt, die darauf spezialisiert ist, Informationen zu beschaffen. Wenn wir den Zuschlag in Malaysia erhalten, wird es eine 50 Million Euro Position für Beratungsleistungen in unserem Projektbudget geben. Bei einem voraussichtlichen Budget von zwei Milliarden Euro fällt das nicht weiter auf.“ „Ich halte hier also 50 Million in der Hand“, fragte Klaus Hamann und sah dabei die CD an. „Sie halten ein Auftragsvolumen von zwei Milliarden und unser berufliches Schicksal in der Hand“, antworte Udo von Bosewitz, „lassen Sie uns an die Arbeit gehen, wir haben nur noch 36 Stunden.“ Ein Stab aus absolut vertrauenswürdigen Mitarbeitern der beiden Unternehmen verbrachte die nächsten 30 Stunden in Hektik und Abgeschiedenheit. Fünf Stunden vor Ende der Angebotsfrist traf eine weitere CD mit den letzten Modifikationen des Angebots von TrainInternational ein und zehn Minuten vor Ende der Angebotsfrist wurde schließlich in Malaysia vom Konsortium aus BahnBau AG und Schienenfahrzeug AG ein Angebot abgegeben. Das Angebot lag nur geringfügig unter der Angebotssumme von TrainInternational. Das Konsortium erhielt den Zuschlag für den zwei Milliarden Euro Auftrag. Paris Montagabend „Waffe!“, rief Mike Nowak und warf sich mit einem Hechtsprung in das Apartment, als ein Kugelhagel den Türrahmen um ihn herum in Stücke riss. Er stieß Riley Turner zu Boden, rollte sich auf den Rücken und trat die Tür zu. „Los! Los! Los!“, befahl er, während er sich auf die Füße rappelte, aber Riley regte sich nicht. Als Nowak nach unten blickte, sah er dort, wo eine der Kugeln ihren Schädel durchschlagen hatte, Blut und Klumpen grauer Masse. Er musste nicht nach Rileys Puls fühlen. Das wäre nutzlos gewesen. Sie war tot. Die Welt schien mitten in der Bewegung zu erstarren. Doch ebenso abrupt, wie alles stehen geblieben war, regten sich sein Überlebensinstinkt und – im selben Maße – seine Ausbildung. Das Entsetzen darüber, dass Riley tot war, wurde in einen hinteren Winkel seines Bewusstseins verdrängt, als er sich auf das Hier und Jetzt konzentrierte. Auf der Suche nach einer Waffe fuhr er mit den Händen ihren Körper ab, doch er fand keine. Er ließ seine tote Bekannte auf dem Boden der Diele zurück, sprang auf und lief zum Wohnzimmer. Jetzt ging es bloß noch darum, am Leben zu bleiben. Sämtliche sicheren Verstecke des Orion Teams waren gleich ausgestattet. Er eilte zu den beiden Schlafsofas und riss das Polster vom ersten, gab seine Bemühungen jedoch sofort auf, als er das ausziehbare Bettteil darunter entdeckte. Das Notfallset musste im anderen Sofa sein. Notfallsets gehörten zur Spionage-Grundausrüstung. Obgleich sie speziell bestimmten Aufträgen angepasst werden konnten, enthielten sie im Allgemeinen all die schwer zu beschaffenden Dinge, die ein Agent in einem fremden Land benötigte: Bargeld, neutrale SIM-Karten, Handys, Dietriche, ein kleines Erste-Hilfe-Päckchen, Peilsender, Kabelbinder, einen Elektroschocker, OC-Pfefferspraygranaten, ein Klappmesser, ein Multifunktionswerkzeug, einen Infrarot- und Laserpointer, eine Pistole samt Schalldämpfer, volle Magazine und Extramunition sowie eine Handvoll anderer Gegenstände. Nowak entfernte das Polster der Couch, riss die Holzlatten darunter heraus und enthüllte eine längliche Metallkiste. Er tippte den Code ein, ein grünes Lämpchen leuchtete auf, und das elektronische Schloss der Kiste schnappte auf. Als er den Deckel hochklappte, hätte er auch gewusst, dass ihm nicht viel Zeit blieb, wenn er die Stiefelschritte der Schützen draußen im Flur nicht gehört hätte. Den Schalldämpfern nach zu urteilen, mit denen ihre Waffen ausgerüstet waren – ganz zu schweigen von dem Umstand, dass sie das streng geheime „sichere Haus“ lokalisiert hatten –, verriet ihm, dass es sich um Profis mit Insider-Wissen handelte. Zudem war das hier nicht irgendein Pariser Ghetto, in dem Schüsse und Gewalt von den Anwohnern einfach ignoriert wurden. Selbst schallgedämpfte Waffen verursachten ein sehr typisches, vernehmliches Geräusch. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten Nachbarn bereits die Polizei alarmiert, was bedeutete, dass die Schützen unter Zeitdruck standen, die Sache zu Ende zu bringen und aus dem Gebäude zu verschwinden. Nowak musste rasch handeln. Sein Herz hämmerte wie wild, und Adrenalin pumpte durch seine Adern, als er sich eine Glock 21 vom Kaliber .45 schnappte und den Schalldämpfer auf den Gewindelauf der Waffe schraubte. Nachdem er den Schlitten durchgeladen hatte, steckte er sich zwei Ersatzmagazine in die Tasche und zwei Pfefferspraygranaten. Bloß im Wohnzimmer brannte Licht, und auch das löschte er jetzt hastig. Er brauchte jeden Vorteil. Als er in den abgedunkelten Flur hinausspähte, konnte er Rileys Leiche noch immer genau an derselben Stelle liegen sehen, an der sie zu Boden gestürzt war. Er drückte die Oberseite einer Granate gegen seinen Oberschenkel und warf sie dann in den Gang. Die Granate rollte ein paar Zentimeter weiter, als sie auf dem Boden landete, und begann dann zu zischen, als das Pfefferspray freigesetzt wurde. Zwar würde das keinen Profikiller davon abhalten, in das Apartment einzudringen, aber zumindest waren sie wahrscheinlich nicht darauf vorbereitet. Jeder, der darauf trainiert war, sich irgendwo Zutritt zu verschaffen, erwartete Möbelstücke und andere Hindernisse und auch, dass die Zielperson bei ihrem Eintreffen bewaffnet war, doch mit einer Wolke Oleoresin Capsicum rechnete niemand, was genau der Grund dafür war, weshalb Nowak sich für dieses Vorgehen entschieden hatte. Zwar wurden richtige Profis als Teil ihrer Ausbildung auch darauf trainiert, Pfefferspray ausgesetzt zu sein, aber es war trotzdem nicht angenehm, wenn einem plötzlich die Tränen in die Augen schossen und einem Speichel aus dem Mund lief. Die Lunge fühlte sich dann an, als hätte man Tausende Nadeln eingeatmet. Zu allem Überfluss brannten die Augen außerdem höllisch, und der Blick war getrübt, worauf Nowak auch in diesem Fall baute. Jetzt konnte er sich ganz auf die Hintertür konzentrieren. Kein sicheres Haus verfügte bloß über einen einzigen Ein- und Ausgang. Es musste immer mindestens zwei geben. Die Tatsache, dass die Schützen das Apartment nicht nur gefunden, sondern außerdem gewartet hatten, bis er auftauchte, ehe sie das Feuer eröffneten, verriet ihm, dass sie Zugriff auf entschieden zu viele Informationen und ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Mit Sicherheit kannten sie sämtliche Möglichkeiten, das Gebäude zu betreten und zu verlassen, was ihm einen entscheidenden Nachteil brachte. Obwohl es ihn bereits in ähnliche Apartments in Paris verschlagen hatte, war dies sein erster Aufenthalt in diesem Haus. In diesen älteren Gebäuden gab es häufig einen Dienstboteneingang, den man durch die Küche erreichte. Falls auch dieses Apartment einen solchen Hinterausgang besaß, wurde er garantiert gesichert. Tatsächlich bezog dort vermutlich just in diesem Moment ein zweites Team Stellung und machte sich bereit, die Wohnung zu stürmen. Nowak vergeudete keine Zeit damit herauszufinden, ob er damit richtiglag. Er betrat die Küche, verharrte reglos und lauschte, während sein Blick durch den Raum schweifte. Durch eine verwitterte Fenstertür fiel von draußen ein Balken Licht herein. Und am anderen Ende der Küche befand sich ein Ausgang, genau, wie er vermutet hatte. Nowak verlangsamte seine Atmung und fasste seine Waffe fester. Er konnte niemanden auf der anderen Seite der Tür hören, doch das war auch nicht nötig. Er konnte sie spüren. Er war ein tödliches Raubtier – an der Spitze der Nahrungskette. Er wurde nicht von irgendwelchen Leuten gejagt. Er war der Jäger und jagte sie. Wer auch immer entschieden hatte, ihn zur Zielscheibe zu machen, hatte damit einen kapitalen Fehler begangen. Er schlich nach links, öffnete den Schrank unter der Spüle und wühlte hastig darin herum, bis er fand, wonach er suchte. Er schraubte die Kappe von der Flasche Geschirrspülmittel, huschte zur Tür und vergoss das Zeug überall auf dem Boden. Als die Flasche leer war, legte er sie in die Spüle und verließ die Küche. Obgleich die OC-Schwaden einer dichten Wolke gleich in der Diele hingen, konnte Nowak die Dämpfe von dort, wo er stand, riechen. Noch tränten seine Augen nicht, aber das würde sich bald ändern. Er atmete ein letztes Mal tief durch und nahm die Waffe in Anschlag, während ihn eine eisige Ruhe überkam. Es würde jetzt jeden Moment so weit sein. Fünf Sekunden später hörte er draußen vor der Eingangstür des Apartments das charakteristische Tschok, mit dem die Zeitschaltuhr die Lichter ausschaltete. „Eins, eintausend. Zwei, eintausend“, murmelte er bei sich. Unmittelbar bevor er bei fünf angelangt war, erfolgte der Angriff, als die Vorder- und Hintertür des Apartments genau gleichzeitig eingetreten wurden. Die Ablenkungsmanöver, für die Nowak gesorgt hatte, überraschten beide Einbruchteams. Die beiden Männer, die durch die Küche hereinstürmten, rutschten auf dem schmierigen Boden aus und stürzten übereinander. Nowak huschte in die Küche, schoss dem ersten Mann in den Kopf und dem zweiten in den Rücken. Er war bereits wieder auf dem Weg nach draußen, als der Mann, dem er in den Rücken geschossen hatte, seine Pistole hob und zu feuern versuchte. Nowak kam ihm zuvor, indem er ihm zwei Kugeln seitlich in den Schädel verpasste; der Körper des Kerls erschlaffte auf der Stelle und sackte endgültig zu Boden. Nowak näherte sich rasch der Leiche, öffnete das Jackett des Mannes und legte eine Hand auf seinen Oberkörper. Kugelsichere Weste. Aus Richtung der Diele hörte Nowak das Husten eines schallgedämpften Schusses, als jemand Riley Turner eine weitere Kugel verpasste, um sicherzugehen, dass sie wirklich tot war. Er wusste, dass er nicht das Geringste für sie hätte tun können. Selbst wenn sie noch am Leben gewesen wäre, besteht die einzige Erste-Hilfe-Maßnahme während eines Feuergefechts darin, die Angreifer mit Kugeln einzudecken. Hört man damit auf, um sich um jemand anders zu kümmern, werden am Ende beide getötet. Nowak wusste, dass spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen war, um sich zu verdünnisieren und er genau das tun sollte, doch sein Zorn hatte die Überhand gewonnen. Jetzt verfolgte er eine gefährlichere, gewaltsame Taktik und würde erst gehen, bis auch der Letzte der Angreifer tot war. Er hatte noch immer das Überraschungsmoment auf seiner Seite und hastete durch das Wohnzimmer zum Flur hinüber. Die Schützen wussten zwar, dass er sich in dem Apartment befand, doch sie hatten keine Ahnung, wo. Er hingegen wusste, wo sie waren, und fing an, durch die Wände zu feuern. Beim vierten Schuss hörte er einen Mann im Gang grunzen und zu Boden stürzen. Mittlerweile hatte dessen Partner offenbar begriffen, was vorging, und erwiderte das Feuer durch die Wand. Da hatte Nowak allerdings bereits ein neues Magazin in seine Glock geschoben und die Position gewechselt. Während der Mann weiter durch die Wand schoss, tauchte Nowak wie ein Geist am Ende des Flurs auf. Das OC-Gas begann ihm in den Augen zu brennen, aber bevor es seine volle Wirkung entfalten konnte, legte er an und feuerte. Die Kugel traf den Mann in den Kopf und ließ ihn schlagartig zu Boden gehen. Dann nahm Nowak den anderen Kerl ins Visier, den er durch die Wand erwischt hatte; er lag zusammengekrümmt auf den Dielen, lebte aber noch. Der Mann hob gerade seine Pistole, um zu feuern, als Nowak den Abzug durchzog und ihm nur Zentimeter über seiner Schutzweste eine Kugel direkt in den Hals verpasste. Blut schoss aus der Wunde. Die Waffe des Angreifers fiel klappernd zu Boden. Nowak rückte vor, zielte auf seinen Nasenrücken und gab ihm den Rest. Dann feuerte er noch eine Kugel in das Herz des Komplizen des Mannes, bloß, um auf Nummer sicher zu gehen. Mit brennender Lunge, laufender Nase und tränenden Augen zog er sich aus dem Flur zurück und eilte ins Wohnzimmer. Am liebsten hätte er eins der Fenster aufgerissen und einen tiefen Zug kalter, sauberer Luft genommen, doch er wusste, dass er das nicht tun durfte. Womöglich hatten die Angreifer draußen noch weitere Männer postiert, vielleicht sogar einen Scharfschützen, deshalb hielt er sich von den Fenstern fern und bewegte sich so rasch wie möglich durch das abgedunkelte Apartment. Draußen konnte er in der Ferne das Heulen näherkommender Pariser Streifenwagen vernehmen. Er fand den schwarzen Camelbak-Rucksack, in dem sich Rileys Brieftasche, ihr Pass und mehrere persönliche Gegenstände befanden. Er stopfte die verbliebenen Utensilien des Notfallsets hinein und zog den Reißverschluss zu. Einer der Schränke des Verstecks enthielt ein Sortiment Wechselkleidung in verschiedenen Größen. Er schlüpfte hastig in eine größere Jacke, um seinen muskulösen, einen Meter achtundsiebzig großen Körper zu kaschieren, und schnappte sich eine dunkle Baseballkappe, um sein braunes Haar zu bedecken. Die Verkleidung war zwar nicht perfekt, aber immer noch besser als nichts. Er schulterte Rileys Rucksack und kehrte gerade lange genug in die Diele des Apartments zurück, um einige Fotos von ihr und auch von den beiden toten Schützen zu machen, die beide Anfang zwanzig zu sein schienen. Er stülpte ihre Taschen von innen nach außen, doch die Mühe hätte er sich sparen können. Abgesehen von ihren Waffen und Ersatzmagazinen trugen sie nichts bei sich. Um sich zu verständigen, verwendeten sie billige Sprechfunkgeräte und Headsets, die vermutlich aus einem hiesigen Outdoor- oder Elektrogeschäft stammten. Da ihm keine Zeit blieb, sich angemessen von Turner zu verabschieden, eilte Nowak in die Küche, um die Männer, die dort am Boden lagen, einer gleichermaßen raschen Durchsuchung zu unterziehen. Beide Männer sahen aus, als wären sie Mitte zwanzig, und hatten ebenfalls nichts in den Taschen. Normalerweise waren Killer älter, erfahrener. Doch abgesehen von ihrer Jugend wirkten sie durch und durch wie Profis. Nachdem Nowak sich ein Geschirrtuch und aus dem Kühlschrank eine Tüte Milch geschnappt hatte, fotografierte er die Männer und warf eine weitere Granate die Treppe hinunter. Er lauschte auf Bewegungsgeräusche von unten, und als er keine hörte, huschte er vorsichtig die Stufen hinab. Als er im Erdgeschoss anlangte, entfernte er sich von der Granate und tränkte das Geschirrtuch mit Milch. Nachdem er sich damit so gut wie möglich Gesicht und Haar abgewischt hatte, um die Wirkung des OC-Gases abzuschwächen, warf er das Handtuch beiseite und setzte die Baseballkappe auf. Dann nahm er den Akku sowie die Speicher- und SIM-Karten aus seinem Handy und schob sie in eine seiner Jackentaschen, ebenso den Schalldämpfer, nachdem er ihn von seiner Waffe abgeschraubt hatte. Er verstaute die Glock in einer der größeren Jackentaschen auf der rechten Seite, wo er sie in der Hand behalten und, falls nötig, durch den Stoff schießen konnte. Als das erledigt war, wurde es Zeit rauszugehen. Das Wohnhaus, in dem sich das Versteck der Gruppe befand, gehörte zu einer Ansammlung von Gebäuden, die ein grobes Oval bildeten und einen gemeinsamen Innenhof besaßen. Nowak verließ das Haus, überquerte den Hof und benutzte den Hintereingang eines anderen Gebäudes, das vorn auf eine andere Straße hinausging. Es gab nur eine Möglichkeit, in Erfahrung zu bringen, ob der Killertrupp jeden Ausgang überwachte. Mit der linken Hand schlug er den Kragen seiner Jacke hoch und trat hinaus. Er ließ seinen Blick rasch die Straße entlangschweifen. Es würde nicht schwierig sein, die Art von Männern zu entdecken, nach denen er suchte: Sie besaßen eine ganz bestimmte Statur, eine ganz bestimmte Körperhaltung. In der Nähe war eine Handvoll Leute unterwegs, aber keiner von denen schien Notiz von ihm zu nehmen. Also wandte Nowak sich nach Norden und marschierte los. Er musste aus Paris verschwinden, und das schnell. Er musste sich an einen sicheren Ort begeben, von wo aus er Mia Johnson kontaktieren und darüber informieren musste, dass hier in Europa entweder ein Komplett gegen Ihn, gegen das Orion-Team oder gegen die Agency laufen würde. Dabei war ihm jedoch nicht die Überbringung dieser Nachricht wichtig, das, so war er sich sicher, wusste sie längst, sondern Ihre Reaktion darauf, um aus dieser ihre Kenntnisse über die Hintergründe herausleiten zu können. Das Heulen der Streifenwagen war jetzt sehr nahe und schien aus allen Richtungen zu kommen. In Kürze würde das Viertel komplett abgeriegelt sein. Nowak beschleunigte seine Schritte. Er wusste, dass sie später die Aufnahmen der Überwachungskameras sichten würden. Genau wie London und Chicago war auch Paris diesbezüglich eine gefährliche Stadt für seinesgleichen. Hier gab es unzählige öffentliche Sicherheitskameras, die die Behörden miteinander vernetzt hatten, um alles aufzunehmen, was vorging. Er hielt den Kopf gesenkt, zog das Kinn ein und versuchte zu vermeiden, erfasst zu werden. Unterwegs ging er im Geiste seine Möglichkeiten durch. Er konnte einen Wagen stehlen, aber das würde das Risiko, geschnappt zu werden, noch mehr steigern. Nein, das einzig sinnvolle Vorgehen bestand darin, so schnell wie möglich und ohne aufzufallen erst aus Paris und dann aus Frankreich zu verschwinden. Und das wiederum ließ sich am besten per Zug bewerkstelligen. In Paris gab es sieben große Bahnhöfe, von denen aus zahlreiche nationale und internationale Ziele erreichbar waren. Nowak musste nur entscheiden, wohin er wollte. Er wusste, dass er vorerst im Gebiet der EU bleiben musste. Obwohl er einen gefälschten italienischen Reisepass bei sich hatte, bestand die Gefahr, dass er bei der Einreise in ein Nicht-EU-Land vom Zoll einer genaueren Überprüfung unterzogen wurde. Und angesichts dessen, was er in Riley Turners Rucksack bei sich trug, wollte er dieses Risiko nicht eingehen. Er musste irgendwohin, wo es jemanden gab, der ihm helfen konnte. Und bis er wusste, was hier eigentlich gespielt wurde, sollte derjenige, an den er sich wandte, so wenig Verbindung wie möglich zu seinem Berufsleben haben. Denn je weniger derjenige mit Nowaks Job zu schaffen hatte, desto schwieriger würde es für jemanden sein, ihn aufzuspüren. Während er den Friedhof Montparnasse umrundete, ging er die Liste von Leuten durch, von denen er glaubte, ihnen trauen zu können. Der nächstgelegene Bahnhof war der Gare Montparnasse, von wo aus Züge nach West- und Südwestfrankreich gingen. Von dort aus konnte er weiter nach Spanien und dann ins Baskenland reisen, wo er jemanden kannte, der ihm helfen würde. Aber fuhren so spät nachts überhaupt noch Züge vom Montparnasse ab? Er gelangte zu dem Schluss, dass der Gare d’Austerlitz die bessere Wahl war. Unter den zahlreichen Zielen, die hier angeboten wurden, waren auch Direktverbindungen nach Spanien. In der Nähe der Rue Boissonade nahm Nowak ein Taxi und trug dem Fahrer auf, ihn zur Gare de Lyon zu bringen, gegenüber vom Gare d’Austerlitz, auf der anderen Seite des Flusses. Dann kaufte er auf seinen Namen eine Fahrkarte erster Klasse für den Hochgeschwindigkeitszug TGV nach Lyon, und als der Schalterbeamte ihn bat, sich auszuweisen, zeigte er ihm seinen amerikanischen Pass. Er hatte nicht die Absicht, nach Lyon zu fahren, aber je mehr falsche Fährten er legte, desto besser. Er verließ den Gare de Lyon und verwendete einige Zeit darauf sicherzustellen, dass ihm niemand folgte. Schließlich überquerte er die Seine und betrat den Gare d’Austerlitz. Auf der Fahrplananzeige stand ein Nachtzug nach Hendaye, einer Stadt im französischen Baskenland, nahe der spanischen Grenze. Das war die schnellste und direkteste Verbindung, die ihm kurzfristig zur Verfügung stand, also kaufte er bar ein Ticket für die zweite Klasse. Für alle Fälle hielt er seinen italienischen Pass griffbereit, aber der Schalterbeamte wollte ihn nicht sehen. Jetzt, wo er seine Fahrkarte hatte, blieb ihm nichts weiter zu tun, als sich möglichst bedeckt zu halten, bis es Zeit wurde zu verschwinden. Um 23:06 Uhr – fünf Minuten vor der planmäßigen Abfahrt des Zuges – stieg er ein. Erst als der Zug die Außenbezirke von Paris hinter sich gelassen hatte, schloss er die Augen. Doch selbst dann gab er bloß vor zu schlafen. Zu viel war geschehen. Zu viel, das keinen Sinn ergab. Sein Verstand mühte sich, die einzelnen Puzzlestücke zusammenzufügen und sich darüber klar zu werden, was er als Nächstes tun sollte. Er war erpicht darauf, Dr. Johnson zu kontaktieren, aber er wusste, dass er sich ans Protokoll halten musste. Die Regeln waren eindeutig: In einer Situation wie dieser durfte es keine Kommunikation geben, bis er sich in Sicherheit befand. Und selbst dann musste er mit größtmöglicher Vorsicht agieren. In der Zwischenzeit ließ er vor seinem geistigen Auge das Geschehen in dem Pariser Versteck noch einmal Revue passieren. Er konnte einfach nicht glauben, dass Riley, zu der er im Laufe der Jahre eine Beziehung aufgebaut hatte, die über ihre rein professionelle Partnerschaft hinausging, tot war. Er war niedergeschmettert. Wie zur Hölle konnte das geschehen? Eigentlich hätte niemand außerhalb des Orion-Teams von diesem sicheren Haus wissen dürfen. Und das war nur eine der vielen Fragen, die ihn quälten. Mia Johnson hatte ihn mit einem Auftrag nach Deutschland geschickt. Nachdem die Sache komplett aus dem Ruder lief, hatte er sich ohne jegliche Kontaktaufnahme über diverse Zwischenziele gemäß seinen internen Anweisungen in das Versteck begeben wollen, das für solche Fälle vorgesehen war. Hatte dies jedoch in Eigenregie aufgrund der Brisanz des Vorfalls umentschieden und sich auf seine eigenen Ausweichmöglichkeiten hin, nach Paris durchgeschlagen und hatte sich nach mehreren vergeblichen Kontaktaufnahmeversuchen zu Riley ohne irgendwelche Hinweise nach Paris ins „sichere Haus“ zur weiteren Strategieausarbeitung begeben. Er hatte keine Ahnung, dass Riley dort sein würde, doch als sie die Tür öffnete, freute er sich, sie zu sehen. Dann begann die Schießerei, und sie wurde getötet. Was wollte sie dort? Was hatte Mia für sie geplant gehabt? Hatte jemand sie verraten? Jemand aus ihrer eigenen Organisation? Als er das Apartmentgebäude verlassen hatte, hatte er sich etwas geschworen, und diesen Schwur bekräftigte er jetzt noch einmal: Er würde diejenigen finden, die für den feigen niederträchtigen Anschlag auf ihn sowie für diesen Überfall verantwortlich zeichneten, und sie mit ihrem Leben dafür bezahlen lassen, und wenn es ihn jeden einzelnen Tropfen Blut kostete, der in ihm war. Situation X Mit seinem braunen Haar und den blauen Augen sah Mike Nowak nicht unbedingt wie ein Einheimischer aus. Tatsächlich wirkte er ungeachtet seines Spitznamens Nordmann, den er sich eingehandelt hatte, als er in früheren Jahren mit einer Reihe skandinavischer Flugbegleiterinnen ausgegangen war, deutscher als jeder Deutsche. Er war ein attraktiver Mann Mitte Dreißig mit einem unverwechselbaren Auftreten, das für einen Uneingeweihten nichts Anderes als entspanntes Selbstvertrauen widerzuspiegeln schien. Den Eingeweihten hingegen entging nicht, wie er seine Umgebung sondierte, wie er alles und jeden in seiner Nähe unauffällig im Auge behielt, scheinbar ohne irgendetwas besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Im Agentenjargon ausgedrückt: Sie konnten sehen, dass er „eingeschaltet“ war, und diese gesteigerte Wahrnehmung ließ sich nur einer erstklassigen Militär- oder Kommando-Ausbildung zuschreiben. Tatsächlich hatte Nowak das beste Training erhalten, das sowohl Militär als auch Geheimdienste zu bieten hatten. Nachdem er seine Laufbahn als Amateursportler aufgegeben hatte, um in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters zu treten, durchlief er ein zermürbendes Ausbildungs- und Auswahlprogramm, um ein Mitglied der GSG 9 zu werden. Nach einer komplett aus dem Ruder gelaufene Operation, nach der sich das restliche Team, das während der Operation nicht getötet worden war, auflöste, kam er mit Dr. Mia Johnson vom CIA in Kontakt, die ihn dann auch aktivierte. Während dieser Anfangszeit unter ihrem Kommando, gehörte er unter anderem einem maritimen Präsidenten-Schutzkommando an und im Zuge dessen erregte er die Aufmerksamkeit des Secret Service. Der Secret Service rekrutierte ihn, um seine Anti-Terror-Kräfte im Weißen Haus zu verstärken. Doch obwohl dies eine enorme Ehre war, gefiel es Nowak nicht sonderlich, plötzlich defensiv zu agieren, nachdem er jahrelang offensiv vorgegangen war und sich die bösen Jungs persönlich zur Brust genommen hatte. Es dauerte nicht lange, bis der Präsident erkannte, dass die Fähigkeiten des jungen Mannes nicht voll ausgeschöpft wurden. Da der Präsident schon lange den Wunsch hatte, für eine gewisse Chancengleichheit im Kampf gegen Terroristen zu sorgen, die Amerikas Bürger und Interessen bedrohten, rief er eigens mit Hilfe von Dr. Mia Johnson für Nowak ein streng geheimes Programm ins Leben: das Orion-Team. Im Wesentlichen hatte Nowak hier bloß eine einzige Regel zu befolgen: Lass dich nicht erwischen. Das Programm war unglaublich erfolgreich und sorgte mit spektakulären verdeckten Aktionen und Tötungen weltweit für einen großen Rückgang von Terroristen jeder Art. Nowak nahm schnell die Führungsposition als Nummer 1, mit dem Decknamen Venom in diesem Team ein, dessen Aufgabe es war, Terroristenführer zu identifizieren, sie aufzuspüren oder zu einem bestimmten Ort zu locken und dann möglichst viele von ihnen gefangen zu nehmen oder zu töten, nach dem einfachen Motto: „Finden, festsetzen und fertigmachen.“ Man erwartete von Nowak, dass er sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Informationen nutzte, um den nächsten Einsatz zu planen und durchzuführen. Das Ziel bestand darin, konstanten Druck auf die Terrornetzwerke auszuüben und sie so schwer zu treffen, dass sie in ihren Vorhaben weit zurückgeworfen wurden und es nicht mehr schafften, auch nur einen einzigen Schritt nach vorn zu machen. Nowak hatte den Job angenommen, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. Zusätzlich zu der bisherigen Spezial- und Geheimdienstausbildung erwartete man von Nowak, seine Anti-Terror-Fähigkeiten noch weiter zu verbessern. Er nahm Unterricht in israelischen und russischen Nahkampftechniken und frischte regelmäßig seine Feuerwaffen-, Fahr- und Fremdsprachenkenntnisse auf. Er machte ausgezeichnete Fortschritte und war ungeachtet des Umstands, dass er mittlerweile Mitte Dreißig war, in der Form seines Lebens. Seine gesamte Ausbildung zielte darauf ab, ihn auf jede Eventualität vorzubereiten, doch das, was in Paris geschehen war, hatte ihn bis ins Mark erschüttert. Riley Turner war eine bemerkenswerte Agentin gewesen. Sie gehörte zu den ersten Rekruten, an die die US-Army für ihre elitäre, komplett aus Frauen bestehende Delta-Force-Einheit mit dem Codenamen Athena-Projekt herangetreten war. Er hatte bei einer Handvoll Gelegenheiten mit ihr zusammengearbeitet und wusste ihre Fähigkeiten und Fachkenntnis zu schätzen. Zudem fühlte er sich zu ihr hingezogen, auch wenn er versuchte, die Dinge zwischen ihnen professionell zu halten. Vor einigen Jahren hatte er sich mit der Tatsache abgefunden, dass der amerikanische Traum nur fortbestehen konnte, wenn jemand ihn beschützte. Er hatte akzeptiert, dass er einer dieser Menschen war und dass er dafür, den amerikanischen Traum anderer zu schützen, selbst ein gewisses Maß davon aufgeben musste, genauer gesagt: sein Privatleben. Damals fand er das okay. Die Welt war voll guter Menschen, die Hirtenhunde brauchten, um die Wölfe in Schach zu halten. Nowak war bereits seit der Grundschule so ein Hirtenhund, wo er den behinderten Jungen von nebenan vor den Rüpeln aus der Nachbarschaft in Schutz nahm. Er war ein verdammt guter Hirtenhund. Das verschaffte ihm das Gefühl, eine Bestimmung zu haben, einen Lebenszweck. Trotzdem wollte er mehr, als bloß ein Hirtenhund zu sein. Er wollte eine Familie. Obgleich er auf eine ganze Reihe gescheiterter Beziehungen zurückblickte, hatte er nie aufgehört, nach der Richtigen zu suchen; nach einer, die verstand, wer er war, warum er tat, was er tat, und mit alldem leben konnte. Er hatte sich gefragt, ob womöglich Riley Turner diese Frau war, und beschlossen, dass er versuchen würde, das herauszufinden, wenn sie sich das nächste Mal sahen. Jetzt wurde ihm schweren Herzens klar, dass diese Frage für alle Zeiten unbeantwortet bleiben würde. Als Nowak in dem Küstenort Hendaye aus dem Zug stieg, versuchte er, diese Gedanken aus seinem Bewusstsein zu verdrängen und sich auf seinen nächsten Schritt zu konzentrieren. Wäre es Abend gewesen, hätte er auf einem der Hotelparkplätze einen Wagen gestohlen, in dem Wissen, dass der Diebstahl vermutlich erst am nächsten Morgen gemeldet werden würde, wenn nicht gar erst Tage später, wenn der Hotelgast schließlich nach seinem Fahrzeug verlangte. Doch es war halb acht Uhr morgens, und das hieß, dass er einen besseren Plan brauchte. Er ging zu einem angrenzenden Bahnsteig, kaufte Kaffee und etwas zu essen, bevor er in einen baskischen Nahverkehrszug stieg, der ihn über die Grenze nach Spanien brachte. Von Irún aus nahm er den Bus nach Bilbao, eine Stadt, die er relativ gut kannte, da er im Sommer dort gewesen war. Er suchte sich ein kleines Hotel im mittelalterlich anmutenden Viertel Casco Viejo, der Altstadt Bilbaos, und zahlte bar für zwei Nächte, nachdem er sich mit seinem italienischen Pass ausgewiesen hatte. Er hatte keine Ahnung, ob er das Zimmer überhaupt so lange brauchen würde, aber zumindest hatte er so einen Rückzugsort, falls er ihn brauchte. Nachdem er geduscht und frische Kleidung angezogen hatte, die er unterwegs gekauft hatte, verließ er das Hotel, um seine nächste Zielperson zu observieren. In Bilbao war es wärmer als in Paris, zu warm, um eine Jacke zu tragen. Nowak war froh über Rileys Rucksack. So hatte er nicht bloß die ganze Zeit über all seine Habseligkeiten bei sich, sondern musste sich auch keine Sorgen darum machen, in einem offenen Hemd herumzulaufen, unter dem sich womöglich seine Waffe abzeichnete. Der von der Firma Camelbak eigens für Spezialeinsatzkräfte konzipierte Rucksack verfügte in Kreuzhöhe des Trägers über ein verstecktes Fach für Handfeuerwaffen – eine geniale Konstruktion, die ihm raschen Zugriff auf seine Pistole gewährte, derweil er genauso aussah wie jeder andere Tourist und einfach mit der Menge verschmolz. Um seine Tarnung zu komplettieren, kaufte er sich einen Reiseführer auf Italienisch und einen Stadtplan, die er beide wiederholt zu Rate zog, während er durch die beliebten Siete Calles – die „Sieben Straßen“ – schlenderte und sich vergewisserte, dass ihm niemand folgte. Schließlich ging er in ein kleines baskisches Restaurant hinter der Kathedrale in der Calle de la Tendería und entschied sich für denselben Tisch, an dem er auch bei seinem letzten Besuch hier gesessen hatte, zwei Tische vom Fenster entfernt. Er machte es sich bequem, studierte die Speisekarte und bestellte sich etwas zu essen. Wie lange es dauern würde, bis der Tabakhändler seinen Laden verlassen würde – falls überhaupt –, ließ sich unmöglich sagen. Situation ungelöst „Ok, Brian, bleib cool. Ich muss zwar zugeben, dass alles komplett aus dem Ruder gelaufen ist, aber bleib bitte cool, sonst siehst Du auch Claudia nicht mehr, ok?“ Es tat gut, die beruhigende Stimme von Hartmann zu hören. Das war schon früher dessen Spezialität, egal in welcher Situation immer die Nerven zu behalten und strukturiert denken zu können. „Gut, ich versuche es. Also was machen wir?“ „Ich gehe davon aus, dass Dir klar ist, dass es sich dabei mit 100%-iger Sicherheit um eine Falle handelt?“ „Auf jeden…“ erwiderte Schuster kurz. Dachte Hartmann echt, dass er das evtl. nicht bedacht hatte? „Klar, sorry für die dumme Frage, aber sicher ist nun mal sicher. Wenn Du wüsstest, mit welchen Vollpfosten ich es hier in Mannheim zu tun habe, würde Dich das aber nicht wundern. Ok, weiter im Text. Also da Claudia mit Sicherheit dort nicht sein wird, musst Du denen irgendwie klarmachen, dass Du höchst brisante Daten hast und diese ihnen gegen Claudia zum Tausch aushändigst, bzw. das Passwort zum Entschlüsseln des Laptops. Hast Du noch den Laptop mit dem Peilsender in greifbarer Nähe?“ „Klar, Chris, von denen habe ich überall welche, also auch hier.“ „Das ist gut, Brian.“ Chris Hartmann klang sichtlich erleichtert durchs Handy. „Wenn du dann Claudia bei dir hast, gibst Du denen ein Passwort. Egal was für eins. Die gehen eh nicht darauf ein, da sie bestimmt mit einer Bombe oder so rechnen. Ha Ha Ha!“ Also werden Sie Dich auffordern, den Laptop zu entschlüsseln und damit Bingo! Dann kannst du den Peilsender aktivieren und ein Team von uns holt Euch da innerhalb von ein paar Minuten raus! Musst nur diese Zeit irgendwie überbrücken!“ „Alter, das ist der Plan?“ Brian konnte es nicht fassen. „Und wenn das alles anders kommt?“ „Dann kommt es anders. Aber wenn du eine bessere Idee hast, bitte, dann mach die!“ „Hab ich aber nicht! Ok, scheiß drauf, dann die Nummer, wird schon irgendwie klappen. Wie immer, oder?“ Schuster klang alles andere als souverän. „Ja, wie immer…“ Auch Chris Hartmann klang nicht gerade euphorisch, da er selbst auch nicht wirklich an einen guten Ausgang dieser beschissenen Situation glaubte. Aber was sollte er seinem Freund sonst raten? Etwa dessen Freundin Claudia zu opfern und erst einmal zu ihm nach Mannheim zu kommen? Und dass nachdem erst gerade Die Ex von Brian von dem Killer getötet wurde und dass auch zum großen Teil seine eigene Schuld war. Nein, sicherlich nicht! „Ok, dann bis später…“ „Jo, Du mich auch, bis später…“ Damit drückte Brian auf den roten Knopf zum Beenden schnappte sich seine Ausrüstung, incl. dem Laptop mit Peilsender. Wenn das mal gut gehen wird. Schuster kam es so vor, als würde die Zeit stillstehen, während die Schatten länger wurden, die Farben ergrauten und das Tageslicht sich langsam zurückzog und er Stück für Stück dem Hama näher kam. Als Schuster 5 Minuten vor Ablauf der Zeit beim Hama ankam, eilte er am Türsteher, der ihm bereitwillig diesmal den Weg freimachte, vorbei und rannte dann in der Spelunke die Treppe runter in Richtung der Toiletten. Als er die Tür zum Herren-WC aufstieß und er in die Augen von Braun schaute, wuß0te er dass der Plan auf dem besten Weg war schief zu gehen. Dann merkte er nur noch einen gewaltigen Schlag auf seinen Hinterkopf, bevor es Nacht um ihn herum wurde und er bewusstlos zusammensackte. München, Gartenstr. 20 Das Haus von Moritz Bleibtreu war abgesperrt. Schaulustige und Fotografen standen hinter dem Plastikband. Die Presse hatte längst Wind davon bekommen, dass der Fundort der Leiche vorgestern ein Grab auf einem Waldfriedhof war und es sich bei der Leiche um den Namensvetter des bekannten Schauspielers Moritz Bleibtreu handelte. Hier gab es wenig zu sehen. Benny Hoffmann stand an dem Gartentor und wartete auf seinen Kollegen Dennis. Er hielt einen Plastikbecher mit Kaffee in der Hand. Wie immer sah er total übernächtigt aus, hatte Schlapperjeanshosen an, die ihm fast in den Kniekehlen hängten und anscheinend nur durch gute Worte hochgehalten wurden. Darüber hatte er eines seiner löchrigen, wie er sagte bequemen, T-Shirts mit einem lustigen Spruch auf der Vorderseite an. Darüber hing wie immer sein knittriger Hoodie, der auch schon wesentlich besserer Zeiten gesehen hatte, über seinem klapprigen dürren Oberkörper. Aufgrund einer Entführungsanzeige des Vortags, war es dem Ermittlungsteam mittlerweile gelungen, aufgrund einer Identifikation mit der Leiche, deren Personalien festzustellen. Mit sofortigem Großaufgebot, wurde daraufhin das Wohnhaus, aus dem die Leiche anscheinend in der Mordnacht, trotz polizeilicher Überwachung, entführt wurde, zum Tatort erklärt. „Was macht der Tatort?“, fragte er den Dennis. „Wird dir nicht gefallen.“ „Die beiden Kollegen, haben leider erst gestern im Laufe des Vormittags bemerkt, dass Herr Bleibtreu nicht mehr in seinem Haus ist.“ „Wieso sind die überhaupt hier vor dem Haus abgestellt?“ „Das ist das Verrückte bei der ganzen Angelegenheit. Herr Bleibtreu hatte seit ca. 1 Woche massive, ernstzunehmende Morddrohungen telefonisch erhalten und daraufhin die Kollegen eingeschaltet.“ „Weshalb wurde er nicht in Schutzhaft genommen?“ „Das wollten die Kollegen ja, aber er fühlte sich mit der Wache vor dem Haus so sicher, dass er mit Hinweis auf seine persönlichen freiheitlichen Rechte, trotz Allem durchboxte, dass er zuhause bleiben konnte und sein Haus polizeilich überwacht wurde.“ „Was ein sturer Spinner! Mord mit Ankündigung sozusagen…“ Dennis ballte kurz seine Faust und unterdrückte nur sehr schwer einen Aufschrei vor Zorn über so viel Unvermögen. „Ich verstehe aber trotzdem nicht, wer ihm die Überwachung genehmigt hatte, bloß aufgrund von Drohanrufen. Lass uns da mal intern nachhaken, ich habe da so ein Gefühl, als das hier mehr dahinterstecken könnte.“ „Niemand weiß, wie der Mörder hineingekommen ist“, sagte Benny. „Es gibt keine Einbruchsspuren, und die Streife, die von Herrn Bleibtreu zum Schutz bestellt wurde, hatte die Vordertür ständig im Blick. Wahrscheinlich hatte der Täter einen Schlüssel zur Hintertür.“ „Woher? Moritz Bleibtreu hatte doch bestimmt keinem Fremden einen Hausschlüssel gegeben, oder?“ „Das ist ein billiges Stiftschloss. Der Schlüssel dazu ist leicht zu fälschen. Ein Abdruck genügt.“ „Verdammt“, sagte Dennis, dem die ganzen Leichen mit den makabren Fundorten und der damit verbundenen medialen Aufmerksamkeit zunehmend zu schaffen machte. „Also kannte er den Mörder?“ „Oder er hat sich vor Tagen anders Zugang verschaffen können. Als Handwerker oder Gärtner.“ „Spuren?“ „Überall wurden Fingerabdrücke und DNA-Spuren abgenommen. Die Auswertung läuft noch, könnte aber der gleiche Rohrkrepierer werden wie bei den vorherigen Morden.“ „Wo wurde Moritz Bleibtreu ermordet?“ „Das nächste Problem. Es gibt keine Hinweise, dass er im Haus ermordet wurde.“ „Was?“ „Die Spurensicherung hat das nicht geglaubt und die Bude gleich zweimal durchsucht. Keine Tatwaffe. Kein Blut. Ein paar getrocknete Spermaflecken auf der Wohnzimmercouch. Da Herr Bleibtreu Abonnent eines Pornosenders war, stammen sie wahrscheinlich von ihm.“ „Dann war er noch am Leben, als sein Mörder hier aufgekreuzt ist um ihn zur Hinrichtung abzuholen?“ „Scheint so. Was sagen die zwei Kollegen?“ „Der Große hat nichts gesehen. Und der kleinere hat angeblich die ganze Nacht im Auto geschlafen“ „Na, das sind ja mal schöne Wachen!“ Dabei grinste Dennis zu Benny rüber und zeigte den beiden Wachmännern sinngemäß einen Vogel. Dennis schloss die Augen und versuchte sich die Situation vorzustellen. „Wenn Bleibtreu in seinem Haus war und aufgrund der Drohungen und den Wachen vor dem Haus normalerweise sehr aufmerksam sein musste, wie kann es dann sein, das ihn sein oder seine Mörder aus dem Haus entführen konnten, so dass die Wachen nichts bemerkt hatten. Und warum hat er sich nicht gewehrt?“, wunderte sich Dennis. „An der Leiche wurden keine Abwehrverletzungen gefunden.“ „Vielleicht war er gefesselt?“ „Mikaela sagt nein. Und außerdem hätte er sich doch nicht freiwillig fesseln lassen, oder? “ „Drogen? Betäubungsmittel?“ „Ebenfalls Fehlanzeige. Die Untersuchung läuft noch. Wir werden uns bis heute Abend gedulden müssen.“ „Vielleicht hat der Mörder ihm eine Knarre an den Kopf gehalten?“ „Und sich nebenbei noch so verhalten, das den beiden Wachmännern vorm Haus nichts auffällt? Schwer vorstellbar.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir übersehen etwas.“ „Wir werden warten müssen, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind. Kann ich bis dahin was tun?“ „Geh nach Hause und schlaf dich aus. Ich werde die Nachbarn befragen und mich in der Gegend umsehen. Informiere die anderen, dass wir uns heute Abend nochmal treffen. Wir haben eine Menge zu besprechen.“ „Schlaf hört sich gut an.“ „Danke für die Hilfe.“ „Nicht dafür.“ Als sein Kollege gegangen war, lehnte sich Dennis an den Gartenzaun und betrachtete das Haus. Der Mörder war nicht von vorne gekommen. Einen Hinterausgang vom Grundstück zur Straße gab es nicht, also war er über die Gärten der Nachbarn gekommen. Die Zäune waren niedrig, und Wachhunde gab es in der Gegend auch nicht. Die Spurensicherung hatte nur das Grundstück von Moritz Bleibtreu durchsucht. Es musste so gelaufen sein! Es war Zeit, den Suchradius zu erweitern. Die Rückkehr Es war schon dunkel an diesem Montagabend, als die Maschine der American Airlines auf der Rollbahn des Baltimore Washington International Airport aufsetzte. Der Flug hatte von San Juan, Puerto Rico, über 2500 Kilometer nonstop hierher geführt. Mike Nowak blickte auf seine Uhr, während die Maschine zum Gate rollte. Es war zwanzig Minuten nach neun. Nachdem er Deutschland erst einmal hinter sich gelassen hatte, war die Rückreise nach Amerika vergleichsweise einfach verlaufen. Von Lyon im Süden Frankreichs hatte er einen Flug der Trans North Aviation nach Fort-de-France, Martinique, genommen. Der 7000-Kilometer-Nonstop-Flug hatte ihm die Möglichkeit gegeben, es sich in der ersten Klasse bequem zu machen und sechs Stunden durchzuschlafen. Auf der kleinen Insel, einem Übersee-Département Frankreichs, hatte er sich in einem netten kleinen Hotel auf einem Hügel einquartiert, von wo er auf das blaue Wasser der Karibik hinunterblickte. Nowak bezahlte für Samstag und Sonntag im Voraus. Den Sonntag verbrachte er am Pool; er lag einfach nur im Liegestuhl, erholte sich von den Strapazen und blickte auf das Fischerdorf hinunter. Gleichzeitig plante er aber schon seinen nächsten Schritt. Am Abend saß er auf dem Balkon und genehmigte sich ein paar kühle Flaschen Bier, während er dem Rauschen der Brandung lauschte. Seine Gedanken beschäftigten sich unter anderem auch damit, was er mit den Schumachers tun würde, wenn er sie in die Finger bekam. In der folgenden Nacht schlief er fast acht Stunden durch. Er erwachte mit einem leichten Kater, doch nachdem er am Strand ein wenig gejoggt hatte und eineinhalb Kilometer geschwommen war, fühlte er sich gestärkt und bereit für das, was daheim in den Staaten auf ihn wartete. Die beiden Nächte und der Tag auf Martinique hatten ihn nach den Strapazen zuvor körperlich und geistig wieder aufgebaut. Am Montagmorgen nahm er einen Flug der Air Guadeloupe nach San Juan. Den Nachmittag verbrachte er damit, neue Kleidung einzukaufen und essen zu gehen, ehe er den Flug um 18.15 Uhr nach Maryland nahm. Als Nowak in Baltimore aus dem Flugzeug stieg, sah er wie ein ganz gewöhnlicher Tourist aus, der ein Wochenende in der Sonne verbracht hatte. Er trug eine ausgeblichene rote Baseballmütze, ein blau-weißes Hawaiihemd, eine Khakihose und blaue Schuhe. Sein Gesicht und seine Unterarme waren sonnengebräunt. Nowak war sich ziemlich sicher, dass ihn die Leute in Langley nicht hatten aufspüren können. Er war unter zwei verschiedenen Namen gereist, von denen man in Langley überhaupt nichts wusste. Wenn sie das Glück hatten, ihn auf dem Bildmaterial irgendeines Flughafens zu erkennen, auf dem er sich aufgehalten hatte, dann war das auch kein Unglück. Bis dahin wäre er ohnehin längst wieder fort gewesen und in Baltimore untergetaucht. Es bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie ihre Leute am Flughafen postiert hatten – doch Nowak war überzeugt, dass er sie sofort erkennen würde. Zusammen mit zwei Frauen, die er am Flughafen von San Juan kennen gelernt hatte, sowie den anderen Urlaubern ging er zur Gepäckausgabe, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, und blickte sich wachsam um. Er achtete darauf, so lange in der Menge zu bleiben, bis er das Gefühl hatte, unbemerkt verschwinden zu können. Auf Martinique hatte sich Nowak drei verschiedene Pläne ausgedacht. Der erste Schritt war bei allen gleich – es ging zunächst einmal darum, für einen gewissen Schutz zu sorgen. Eine Rückkehr in sein Haus kam jedenfalls nicht in Frage, solange er nicht herausgefunden hatte, wer hinter den Vorfällen in Deutschland steckte. Er konnte auch nicht gleich mit Brittany Kontakt aufnehmen, auch wenn er noch so gerne mit ihr gesprochen hätte – doch das wäre aus verschiedenen Gründen nicht ratsam gewesen. Sie würde versuchen, ihn zu überreden, sein altes Leben hier und jetzt hinter sich zu lassen. Sie verstand einfach nicht, dass es sich in diesem Geschäft immer rächte, wenn man gewisse Dinge ungelöst ließ. Er würde ihr irgendwie mitteilen, dass alles in Ordnung war und dass er wieder im Land war – aber mehr war im Moment leider nicht möglich. Als die Scharen gebräunter Touristen an der Gepäckausgabe warteten, schlugen ihm die beiden Frauen aus Bowie, Maryland, vor, sie auf einen Drink in eine Bar zu begleiten. Nowak lächelte etwas verlegen und sagte, dass das seiner Freundin gar nicht gefallen würde. Er nahm den Aufzug, verließ das Flughafengebäude und trat auf den Bürgersteig hinaus. Da waren drei Taxis, die ihre Fahrgäste aussteigen ließen. Die Fahrer durften hier keine neuen Fahrgäste aufnehmen; sie mussten zu den anderen Taxis zurückkehren und sich hinten anstellen. Nowak wartete, bis einer der Fahrer in sein Fahrzeug eingestiegen war, sprintete zu ihm hinüber und sprang rasch auf den Rücksitz. Bevor der Fahrer etwas einwenden konnte, hielt ihm Nowak einen Fünfzig-Dollar-Schein unter die Nase. Der Mann ließ sich von diesem Argument überzeugen; er blickte sich um, um zu sehen, ob ihn jemand beobachtete, und fuhr rasch los. „Ins Hyatt Regency in Judithesda, bitte.“ Der Mann nickte und schaltete das Taxameter ein. Nowak drehte sich zur Seite, um zu sehen, ob ihm vielleicht jemand folgte. Einige Minuten später waren sie schon auf der Interstate 95 und fuhren Richtung Süden nach Washington. Die Fahrt verlief absolut ereignislos – doch man konnte sich heutzutage nie ganz sicher sein. Im Zeitalter der Satelliten und der Mikrotransmitter konnte es einem passieren, dass man aus hunderten von Meilen Entfernung beobachtet wurde, ohne dass man irgendetwas davon mitbekam. Als das Taxi vor dem Hyatt hielt, gab Nowak dem Fahrer noch einmal fünfzig Dollar und trat dann durch die Drehtür in die Lobby. Er ging sogleich zu einem der Telefone, warf ein paar Münzen ein und wählte aus dem Gedächtnis eine Nummer. Nachdem er es sechsmal hatte klingeln lassen, meldete sich der Anrufbeantworter. Nowak nahm das als gutes Zeichen, dass Michael Drummer dort war, wo Nowak es sich wünschte. Bevor er die Lobby verließ, nahm Nowak ein Sweatshirt aus seinem Rucksack. Es war hier ein wenig kühler als in der Karibik. Das Café war nur sechs Blocks entfernt. Es war die Idee von Michael Drummer gewesen. Mike Nowak und Michaels Bruder Steven hatten das Kapital zur Verfügung gestellt und fungierten als stille Teilhaber. Das Lokal trug den Namen „Café Wired“ und war ein richtiges Internetcafé – und Nowaks Überzeugung nach eines der wenigen, die wirklich profitabel waren. Nowak hatte Drummer kennen gelernt, als dieser noch studierte. Drummer gehörte zu den Menschen, die zwar einiges auf dem Kasten hatten, aber manchmal dazu neigten, Dummheiten zu begehen. Er war ein siebenundzwanzigjähriges Computergenie – aber andererseits ein Mensch, der keine hohe Meinung von Gesetzen und Vorschriften irgendwelcher Art hatte. Nowak hatte Drummer vor drei Jahren dazu gebracht, für die CIA zu arbeiten. Davor hatte der junge Mann großen Ärger bekommen, weil er sich als Hacker Zutritt zu einer der größten Banken von New York verschafft und größere Beträge auf verschiedene Überseekonten transferiert hatte. Für die CIA war dabei besonders interessant, dass er nicht geschnappt wurde, weil er Spuren hinterlassen hatte, sondern weil er eines Nachts in betrunkenem Zustand mit seinen Taten geprahlt hatte. Damals hatte Drummer mit seinem Bruder in einer Wohnung gelebt. Als der ältere Bruder von Drummers Problemen mit dem FBI hörte, rief er Mia Johnson an und sagte ihr, dass es sich vielleicht lohnen würde, sich den Hacker einmal näher anzusehen. Die CIA gibt nicht gern zu, dass sie einige der besten Computerpiraten der Welt in ihren Diensten hat. Diese meist jungen Leute verschaffen sich Zugang zu den Systemen von ausländischen Firmen, Regierungen und Militärs. Die besondere Herausforderung besteht darin, nicht nur in ein System einzudringen, sondern es so zu verlassen, dass kein Mensch etwas merkt. Drummer war ein Meister in dieser Kunst, und seine Fähigkeiten waren in der Anti-Terror-Zentrale von großem Nutzen. Nowak öffnete die Tür und betrat das Café, das vom Duft von frisch gemahlenem Kaffee erfüllt war. Ganz hinten sah er Michael Drummer, der mit dem Rücken zur Tür an seinem Platz saß. Nowak runzelte nachdenklich die Stirn. Drummer war ein fürchterlich leichtsinniger Kerl. Hätte er bei der CIA denselben Job wie Nowak, würde er keine fünf Minuten überleben. Nowak trat an die Theke, bestellte einen Kaffee und blickte sich weiter um. Im Moment waren vierzehn Gäste da, die überwiegend um die zwanzig waren. Die vier Computer an der rückseitigen Wand waren alle besetzt, einer der Gäste las ein Buch, zwei weitere schrieben irgendetwas in ihre Ringbücher. Die übrigen Gäste arbeiteten auf ihren Laptops. Drummer saß an einem Tisch mit zwei Frauen, mit denen er plauderte und im Web surfte. Drummer hatte die vertraute Stimme gehört, die einen Kaffee bestellte, und unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen. Die Stimme gehörte Mike Nowak, einem Mann, von dem er Dinge wusste, die er eigentlich nicht hätte wissen dürfen. Es war nichts Außergewöhnliches, dass Nowak im Café vorbeischaute, doch er tat es für gewöhnlich sonntags zusammen mit seiner Freundin. Drummer stand schließlich auf und nahm seine halb volle Kaffeetasse mit. Während er zur Theke ging, leckte er sich unbewusst über seine plötzlich sehr trockenen Lippen. Nowak bezahlte den Kaffee und bedankte sich bei der jungen Frau hinter der Theke. Als er sich umdrehte und Drummer ansah, zeigte er mit einem Kopfnicken auf den hinteren Bereich des Cafés. Die beiden Männer gingen zwischen den Tischen und Stühlen hindurch zu einem Tisch in der Nähe der Toiletten. Nowak setzte sich so, dass er die Eingangstür im Auge behalten konnte. „Netter Afrolook, Michael.“ Drummer griff sich instinktiv an sein gekräuseltes schwarzes Haar. „Na ja, sie wachsen eben.“ „Das wird Dr. J sicher freuen.“ „Wen?“ Mike schüttelte lächelnd den Kopf. Michael war bestimmt der einzige achtundzwanzigjährige Afroamerikaner in Washington, der nicht wusste, wer der große Basketballspieler Julius „Dr. J“ Erving war. „Ach, nicht so wichtig.“ „Du siehst aus, als wärst du in der Sonne gewesen.“ „Ich war unterwegs.“ „Geschäftlich oder privat?“ Nowak umschloss seine Kaffeetasse mit beiden Händen. „Geschäftlich“, antwortete er. „Wie ist es gelaufen?“, fragte Drummer ein wenig zögernd. „Nicht so gut“, antwortete Nowak und nippte an seinem Kaffee. „Wie war’s in der Zentrale?“ Er meinte die AntiTerror-Zentrale der CIA. „Immer der gleiche Käse.“ „Nichts Ungewöhnliches in den letzten drei Tagen?“ „Nein“, sagte Drummer stirnrunzelnd. „Mir ist jedenfalls nichts untergekommen.“ „Und was ist mit Mia? Ist dir nichts Besonderes an ihr aufgefallen?“ „Mike, diese Frau stöhnt wahrscheinlich nicht mal, wenn sie einen Orgasmus hat. Verdammt, wahrscheinlich hat sie überhaupt noch nie einen gehabt.“ Nowak sah Drummer vorwurfsvoll an, und bevor er etwas sagen konnte, warf Drummer ein: „Es tut mir Leid. Ich mag Mia, aber du weißt schon, was ich meine. Sie ist so cool, wie man’s nur sein kann. Da könnte das Haus rund um sie niederbrennen, und sie macht wahrscheinlich weiter, als wäre nichts geschehen.“ Nowak verstand ihn nur zu gut. „Dir ist also überhaupt nichts aufgefallen?“ Drummer lehnte sich zurück. „Na ja, verdammt, Mike, es gibt immer Kleinigkeiten, die einem auffallen. Wenn ich wüsste, mit welchen Geschäften du zu tun hattest – vielleicht könnte ich dir dann mehr sagen.“ Er überlegte einen Augenblick, beschloss dann aber, Drummer nichts von Deutschland zu erzählen. „Ich nehme an, du hast noch den Kasten, den ich dir gegeben habe?“ „Ich habe ihn nicht angerührt, so wie du’s mir gesagt hast.“ Nun, in Wahrheit hatte er ihn wohl angerührt, er hatte sich sogar darauf gesetzt und ihn immer wieder betrachtet. Er hatte sich oft gefragt, was wohl in dem kalten Metallkasten war. Seine Gedanken kreisten immer wieder um Waffen oder Geld. Mike Nowak war ein Mann, der beruflich immer wieder mit üblen Dingen zu tun hatte, und er würde bestimmt nicht seine Zeit damit verschwenden, irgendwem einen Kasten mit Kleidern zur Aufbewahrung zu geben. Nowak blickte auf seine Uhr. „Steht er immer noch bei dir zu Hause?“ „Ja.“ „Gut, lass uns gehen.“ Nowak hatte die Nacht auf der Couch in Michael Drummers Wohnung verbracht. Seine 9-mm-Beretta hatte er dabei fest in der linken Hand gehalten. Er war zu der Einsicht gelangt, dass er Drummer in die Sache einweihen musste; er brauchte unbedingt Hilfe bei dem, was er vorhatte. Eine wichtige Frage war immer noch offen: Hatte Mia Johnson die Schumachers losgeschickt, um ihn zu töten? Sein Instinkt sagte ihm, dass das völlig ausgeschlossen war. Er kannte Mia seit mehr als zehn Jahren, und sie war für ihn der vertrauenswürdigste Mensch, der ihm je begegnet war. Doch wie gut konnte man in diesem paranoiden Geschäft jemanden tatsächlich kennen? Nowak wollte nur zu gern glauben, dass sie nichts mit der Sache zu tun hatte, doch das war nicht ganz so einfach, weil sich nämlich absolut keine andere Erklärungsmöglichkeit anbot. Sie war allem Anschein nach die einzige Verbindung zwischen ihm und den Schumachers. Die beiden Männer saßen am Küchentisch von Drummers geräumiger Dreizimmerwohnung. In der Küche gab es eine kleine Essecke, und das Esszimmer hatte Drummer zu einem Büro umfunktioniert. Eine zweieinhalb Meter lange massive Eichenholztür auf übereinander gestapelten Ziegeln diente als Schreibtisch. Darauf standen drei Computer-Monitore, Mäuse, Tastaturen, Scanner und einige andere Dinge, die Nowak noch nie gesehen hatte. An den Wänden hingen mehrere gerahmte Poster, auf denen verschiedene Comichelden zu sehen waren. Nowak war nur vier Jahre älter als Drummer, doch es war so, als wären die beiden in verschiedenen Jahrhunderten zur Welt gekommen. Drummer war ein Mensch, der von Kindesbeinen an im Cyberspace zu Hause war. Drummer löffelte sein Müsli, während ihm Nowak verschiedene Anweisungen gab. „Pass auf, dass dich niemand erwischt, während du herumstöberst.“ Drummer sah auf, und ein Tropfen Milch lief ihm am Kinn hinunter. „Keine Sorge, Mike, das ist schließlich mein Beruf.“ Das, womit Drummer sein Geld verdiente, war wohl sein Traumberuf. Die Regierung der Vereinigten Staaten tolerierte es nicht nur, sondern bezahlte ihn sogar noch dafür, dass er sich als Hacker betätigte. „Ja, aber diesmal ist es etwas anderes. Du spionierst immerhin in den Daten der CIA und des Pentagon herum.“ „Da ist überhaupt nichts anderes als sonst“, erwiderte Drummer grinsend. Nowak sah ihn mit ernster Miene an. Drummer kam sich manchmal ein wenig zu schlau vor. „Du solltest es nicht übertreiben, Michael.“ „Da ist wirklich nichts dabei. Ich bin mindestens einmal am Tag in den Systemen des Pentagon.“ „Und Langley?“ „Das gehört sowieso zu meinem Job.“ „Aber was ist mit den Bereichen, wo du nicht herumschnüffeln darfst?“ „Da sehe ich mich auch von Zeit zu Zeit ein wenig um.“ „Wie oft?“ „Na ja, eigentlich fast jeden Tag.“ „Weiß Mia, dass du das tust?“ „Nein … nicht immer.“ Nowak schüttelte den Kopf wie ein besorgter Vater. „Michael, ich gebe dir einen guten Rat: Pass auf, was du tust. Wenn du die Akte der falschen Person öffnest, könnte es sein, dass du plötzlich verschwindest.“ Nowak schnippte mit den Fingern. „Wie sollen sie mich denn erwischen, wenn niemand weiß, dass ich dort war?“ „Michael, ich weiß, dass du dein Handwerk verstehst – aber niemand ist perfekt. Wenn du so weitermachst, erwischen sie dich irgendwann.“ Drummer lächelte und schüttelte den Kopf. „Michael, ich meine es wirklich ernst!“, fügte Nowak eindringlich hinzu. „Du spielst ein ziemlich gefährliches Spiel – und früher oder später kommt dir jemand auf die Schliche. Und wenn das passiert, dann kostet dich das nicht bloß deinen Job, sondern dein Leben. In der CIA und im Pentagon gibt es einen Haufen Leute wie mich, die keinen blassen Schimmer von Computern haben, die aber genau wissen, wie man jemanden umlegt.“ „Gut … du hast ja Recht“, sagte Drummer beschwichtigend. Er schien sich die Warnung nun doch zu Herzen zu nehmen. Einige Minuten später verließen sie die Wohnung. Drummer fuhr nach Langley, während Nowak zunächst acht Blocks zur Wisconsin Avenue ging und dann die Metro in nördlicher Richtung nahm. Er trug dieselben Kleider wie am Abend zuvor – seine Baseballmütze, ein Sweatshirt, eine Khakihose und blaue Tennisschuhe. Wenn er erst bei dem unscheinbaren Lagerschuppen war, in dem er verschiedene nützliche Dinge aufbewahrte, würde er sich zuerst einmal umziehen. Der Metro-Zug war fast leer, da die meisten Leute in die Stadt zur Arbeit fuhren, während er in der anderen Richtung unterwegs war. Nowak hatte seinen Rucksack auf den freien Platz neben sich gestellt und den Arm darauf gelegt. Der Metro-Zug rollte sanft schaukelnd durch den Tunnel und war wenig später über der Erde, wo die Sonne durch die Fenster schien. Der einzige andere Fahrgast in dem Waggon nahm ein Handy aus der Tasche und begann zu telefonieren. Nowak ließ eine Hand zu einer der Außentaschen seines Rucksacks wandern. Drummer hatte ihm ein verschlüsseltes Telefon gegeben und ihm versichert, dass er damit überall und jederzeit absolut sicher telefonieren könne. Doch Nowak nahm sich vor, vorsichtig damit umzugehen und es nur sehr sparsam und jeweils nur für ein paar Minuten zu verwenden. Der Wunsch, Brittany wiederzusehen, war schier überwältigend. Er sah aus dem Fenster, während der Metro-Zug nach Norden rollte. Er wusste, dass er es nicht tun sollte – aber er konnte einfach nicht anders; er zog das Handy aus der Tasche hervor und schaltete es ein. Rasch tippte er die Nummer ein und zählte aufgeregt die Sekunden. Nachdem es dreimal geläutet hatte, meldete sich ihr Anrufbeantworter. Mike lauschte ihrer Stimme, wartete bis zum Piepton und beendete dann enttäuscht die Verbindung. Nowak war voller Zweifel; er fragte sich, ob es nicht besser wäre, einfach auszusteigen und das alles hinter sich zu lassen. Die Frage war, ob sie ihn so einfach aussteigen lassen würden. Er stand so nahe vor dem Ziel seiner Wünsche. Warum hatte er diesen letzten Auftrag überhaupt noch annehmen müssen? Warum hatte er nicht einfach Lebewohl gesagt? Er nahm seine Baseballmütze ab und strich mit der Hand über sein kurzes schwarzes Haar. Nowak staunte immer wieder, dass hochrangige Vertreter amerikanischer Behörden zu Hause keinerlei Sicherheitsvorkehrungen trafen. Mit Ausnahme des Präsidenten, des Vizepräsidenten und ihrer Familien waren die vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen der reinste Witz. Wenn bestimmte Amtsträger ins Ausland reisten, sah die Sache schon etwas anders aus, aber hier im eigenen Land hatten die Leute nur ihre Alarmanlage und einen Chauffeur, der gleichzeitig als Bodyguard fungierte. Er nahm an, dass Stansfield etwas besser abgesichert war, aber bestimmt nicht so, dass es ein unüberwindliches Hindernis dargestellt hätte. Nowak zog einen kleinen Feldstecher aus der Jacke hervor und nahm die Fenster unter die Lupe. Im ersten Stock brannte nirgends Licht. Unten im Erdgeschoss sah er eine Frau in der Küche, die allem Anschein nach mit Abwaschen beschäftigt war. Nowak kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Haushaltshilfe handeln musste. In der Zufahrt zum Haus stand ein Wagen einer Regierungsbehörde, in dem ein Mann auf dem Fahrersitz saß, der ihm irgendwie bekannt vorkam – doch die obere Hälfte seines Gesichts war durch die Schirmmütze verdeckt. Nowak schlich mit Shirley durch das hohe Gras die Grundstücksgrenze entlang. Dabei fiel ihm etwas Interessantes auf; neben einem Blumenbeet war eine Vorrichtung installiert, die Nowak bei näherem Hinsehen als Laser-Stolperdrähte erkannte. Er zog sein Nachtsichtgerät hervor und sah damit die roten Strahlen, die rund um das Grundstück verliefen. Nowak kam zu dem Schluss, dass diese Sicherheitsmaßnahme kein Problem für ihn darstellen würde. Zusammen mit Shirley ging er an der Hinterseite des Grundstücks entlang, bis er die andere Seite des Hauses erkennen konnte. Nowak war sich ziemlich sicher, dass sich Stansfield in diesem Teil des Hauses aufhielt. Er musste unbedingt mit dem Mann sprechen. Er musste ganz einfach die Wahrheit herausfinden. Nowak hoffte für Thomas Stansfield, dass er ihm die eine oder andere Antwort auf seine Fragen geben konnte. Danach würde er zu Mia Johnson gehen und sich ihre Version der Geschichte anhören. Er hatte lange überlegt, wie er vorgehen sollte – und er war zu dem Schluss gelangt, dass dies der beste und schnellste Weg war, um zu erfahren, was in Deutschland wirklich passiert war. In der Höhle des Löwen Auf der Ladefläche eines Fahrzeuges kam er wieder zu Bewusstsein. Sein Kopf dröhnte und hinter dem rechten Ohr pocht ein stechender Schmerz. Schuster wusste dass er in einem Transporter war da er die Fahrgeräusche hörte und das Schlingen spürte wenn der Wagen rechts oder links abbog. Sehen konnte er nichts, denn sie hatten ihm etwas über den Kopf gestülpt. Es lag am Hals eng an wie eine Tüte mit Zugband oder ähnlich. Schuster wollte hin greifen, konnte es aber nicht, da er Handschellen anhatte. Auch die Füße steckten irgendwie in Fesseln. Außerdem waren sie durch eine kurze Kette miteinander verbunden, sodass er die Hände nicht mehr als ein paar Zentimeter über die Hüfte heben konnte. Um die Taille spürte er eine Art Gürtel und im Rücken einen harten eckigen Kasten, der ihn drückte, wenn er sich an die Wagen Wand lehnte. Aber es gab noch mehr festzustellen. Er spürte einen Teil der Ladefläche an Oberschenkeln, Gesäß und Rücken. Seine Hände steckten in weichen Boxhandschuhen, so dass er unmöglich etwas ertasten konnte. Aber das war auch gar nicht nötig, denn er wusste auch so, dass er vollkommen nackt war. Nach längerer ruckelnder Fahrt und scharfen Kurven wurde der Wagen endlich langsamer. Als das Motorgeräusch auch leiser brummte, hatte Schuster das Gefühl, dass der Wagen in eine Garage oder Ähnlich gefahren wurde. Dann wurde der Motor abgestellt und Schuster hörte von der linken Seite ein metallisches Rasseln und das Klappern der Seitentür. Dann spürte er einen Ruck an der Kette und er suchte nach Halt, als er aus dem Wagen gezerrt und wie ein Sack auf den Boden geworfen wurde. Es gab einen neuerlichen Ruck an der Kette und er wurde auf die Beine gestellt, so dass ihm die Handschellen noch tiefer ins Fleisch schnitten. Er wurde blind und kaum gehfähig durch eine Tür und einen Gang geführt. Dabei stieß er mit den Zähnen gegen etwas Hartes, was ihm einen überraschten Schmerzensschrei entlockte und dabei ringsum Gelächter erzeugte. Er bekam einen Tritt in den Rücken und wurde an den Armen heftig gezogen. Er konnte, bedingt durch die Beinfesseln, nur entwürdigend langsam, eine Treppe hinauf hinterherlaufen. Während er unter dem Gelächter seiner Begleiter mit regelmäßigen Schlägen und Tritten ermuntert wurde, kam er endlich oben an. Mal gingen sie über kalte Steinfliesen, dann über warme Holzdielen, bis er schließlich einen weichen Teppich unter den Füßen spüren konnte. Dann befahl eine Stimme Schuster stehen zu bleiben. Jemand griff an seine Handgelenke um die Fäustlinge abzunehmen. Als nächstes spürte er am Hals einen scharfen Ruck und die Kapuze wurde ihm vom Kopf gezogen. Er blinzelte in die Helligkeit und nach und nach konnte er wieder klar sehen. Er stand in einer Ecke eines großzügigen Wohnzimmers und spürte die Wärme eines Feuers auf der nackten Haut. Hinter ihm befand sich ein nach allen Seiten offener Kamin, vor ihm lag ein Perserteppich und links gab es eine Ledercouch die an die Wand gerückt war. Auf der Couch saßen die drei Stooges: einer von ihnen mit feuerroten Haaren hatte eine altmodisch aussehende Fernbedienung in der Hand. Braun stand neben Schuster und sagte kein Wort. Jetzt traf sein Blick auf den Mann, der in einem grauen Anzug direkt vor ihm stand und Schuster mit der unbeteiligten Nüchternheit eines Gerichtsmediziners, der eine Leiche auf dem Seziertisch hat, anstarrte. Zum ersten Mal schämte er sich wegen seiner Nacktheit und seiner Gefangenschaft und er musste sich zwingen, den Kopf oben zu behalten und nicht weg zu sehen. „Guten Abend, “ sagte Fatty „Hauptkommissar Schuster, ich will Ihnen zunächst ihre Lage erklären. Als erstes müssen sie begreifen, das es keine Hoffnung auf Entkommen gibt, selbst wenn wir einmal annehmen, Sie könnten sich wie Whodini von ihren Fesseln befreien, so würden wir sie augenblicklich bewegungsunfähig machen. Sie haben ja sicherlich bemerkt, dass Sie einen schwarzen Nylongürtel um die Taille tragen. Das ist ein Elektroschockgürtel und dieser hat an der Rückseite, also außerhalb ihrer Reichweite, ein Netzteil, das ihnen 50.000 Volt durch den Körper jagt und mittels Fernbedienung gesteuert wird.“ Jetzt wusste Schuster auch, was der Mann auf dem Sofa in der Hand hielt. Fatty fuhr fort. „Dieser Gürtel wird von den amerikanischen Behörden eingesetzt, um gewalttätige Gefangene zu zügeln. Leider wurde er aber kürzlich von den schwachsinnigen Liberalen bei Amnesty International, als Foltergerät verdammt. Diese Weicheier haben etwas gegen die völligen physischen Schwächen, die ein solcher Stromschlag nach sich zieht. Genauso wie gegen die entsetzlichen Schmerzen, das Hirntrauma und die Inkontinenz, die ebenfalls entstehen. Meiner Meinung nach scheinen das aber eher Empfehlungen zu sein…“ Schuster sah auf das schwarze Band an seiner Taille. „Autsch!“ sagt er trocken. „Das tut bestimmt weh. Aber sie sollten auch etwas wissen: Ich habe ein Laptop dabei, auf dem für Sie sehr wichtige nützliche Daten aufgespielt sind. Außerdem habe ich mit meinem Handy einen Videobeweis von Ihrem Lakaien Gratzky und dessen dilettantisch ausgeführten Mord an die Staatsanwältin, sowie den Mord von Braun an meinen Stellvertreter vor dem sicheren Haus, aufgenommen und in die cloud hochgeladen. Und wenn ich bis spätestens morgen früh nicht gesund und munter zusammen mit Claudia dieses Haus verlasse, werden diese Beweise gegen Euch automatisch an mehrere Kollegen von mir, sowie an die wichtigsten Nachrichtenportale der gesamten Bundesrepublik gesendet.“ Fatty legte die Stirn in Falten, „Herr Schuster, meinen sie wirklich, das Ihre lächerliche und unangebrachte Drohung mir ernsthafte Sorgen bereitet? Glauben Sie, das wird sie schützen? Bitte gebrauchen Sie ihren Verstand. Wie viele falsche Fake-Videos gehen täglich bei den Fernsehsendern und Zeitungen ein? Jeder Spinner will doch heutzutage ein bisschen einen auf dicke Hose machen. Was Fake-News und Verschwörungstheorien angeht, so gibt es hunderte davon. Niemand wird dem Beachtung schenken und man wird ihre Videos zusammen mit dem ganzen anderen Mist in den Papierkorb werfen!“ Fatty grinste über beide fetten Backen siegessicher. „Gut, nachdem wir das also abgehandelt haben, werde ich Ihnen jetzt mein Personal vorstellen. Ich hoffe, sie werden Ihnen den kurzen Aufenthalt so unangenehm wie möglich machen. Herrn Braun kennen Sie ja schon…“ Er stellte seine Bande vor, wie ein Entertainer seine Nebenschauspieler. Er zeigte auf die ausgemergelte Gestalt des Rothaarigen. „Das ist Mister Tetov, er hält die Fernbedienung Ihres Gürtels in den Händen, wie Sie vielleicht bemerkt haben. Ihr Dompteur sozusagen.“ Als nächster kam der Mann daneben mit dem runden Gesicht und widerlich fetten wulstigen Lippen dran. Das seine Nase unter einem Verband steckte, machte ihn kein bisschen ansehnlicher. „Ein richtiger hässlicher Wichser“, dachte Brian. Schließlich kam ein hartgesotten aussehender Typ mit Stoppelfrisur und vernarbtem Gesicht, der auch nicht besser aussah, dran. Der Mann machte eine spöttische Verbeugung und grinste Brian auch mit bleckenden Zähnen an. „Und selbstverständlich“, vor Fatty fort „habe ich das Beste zum Schluss aufgehoben.“ Dabei zeigte er auf einen Ledersessel direkt hinter sich, auf dem ein Mensch saß, den Schuster versucht hatte, sich hier krampfhaft wegzudenken. Zu der schönen Frau, die auf der Armlehne saß und Fatty mit glänzenden Fingernägeln durch die Haare fuhr, so dass dieser zufrieden seufzte. Er sah Claudia, die ihre nackten Oberschenkel übereinander-geschlagen hatte. Fatty lächelte Schuster vergnüglich an. „Ich glaube, Sie kennen meine Geliebte bereits. Claudia sah aus, als hätte man sie mit Geld überschüttet und ihre Lippen leuchteten feucht rot. An ihren Handgelenken funkelten Diamanten, die schwarzen Lackstiefel hatten mind. 18 cm lange Stilettoabsätze und aus einem glänzenden durchscheinenden Stoff, der vom Hals herunter hing und nur das obere Drittel der Oberschenkel bedeckte, drang ihre Titten hervor. Im Feuerschein sah man unter dem Glitzerstoff, der sich über Bauch und Brüsten bewegte, deutlich ihre harten Nippel durchschimmern. Und es machte ihr offensichtlich auch nichts aus, dass sie nichts darunter anhatte, als sie sich zu Fatty beugte, um ihm kichernd etwas ins Ohr zu flüstern und einen spöttischen Blick in Schusters Richtung zu werfen. Das traf ihn wie ein Peitschenhieb, denn er sah, dass das Kleid den Rücken völlig frei lies und nur den nackten Hintern mit einem Hauch von Silber bedeckte. Das also war die echte Claudia! Eine erfahrene abgebrühte Hure von Fatty! Ein wertvolles Besitzstück, das von seinem Eigentümer eingesetzt und benutzt wurde, so wie der es wünschte. Schuster schnürt es die Kehle zu, als er seine Demütigung hinunter schluckte. Soeben war die letzte Säule seiner Zuversicht zum Einsturz gebracht worden. Jetzt war keine mehr übrig, denn die Liebe die ihn hätte erlösen sollen, hatte sich als Täuschung erwiesen. Er hätte eigentlich wütend sein müssen und er wünschte, er könnte es sein, denn das würde ihm wenigstens einen kleinen Energieschub geben. Aber wie auch immer, er war nicht bereit diesen Bastarden Befriedigung zu verschaffen, indem er vor ihnen auf dem Bauch kroch. Er straffte die Schultern, hob den Kopf und fragte Fatty, ob er vorher fett oder dämlich war in jungen Jahren, denn das war das aktuell einzige Irrsinnige was ihm in dieser beschissenen Situation einfiel, um diesen arroganten, verfluchten Wichser wenigstens einigermaßen Paroli zu geben. Fatty jedoch setzte sich langsam in den Sessel, beugte sich dann sagte in einem sehr beängstigten ruhigem Ton: „Und nun, Herr Hauptkommissar Schuster, entschuldigen Sie sich bei Claudia!“ Als Brian sich nicht rührte, nickte Fatty Tetov kurz zu. Dieser grinste jetzt zufrieden Schuster an und drückte auf dem schwarzen Kästchen in seiner Hand einen runden weißen Knopf. 50.000 Volt jagten sofort durch Schusters Leisten. Jeden Nerv aufschreiend, jeden Muskel schlotternd, wie eine epileptische Marionette warfen ihm den Kopf hin und her und entrissen seiner Kehle ein tierisches Heulen. Unfähig seine Bewegungen unter Kontrolle zu bringen viel Schuster nach vorn auf den Boden, ohne dass er sich mit den gefesselten Händen abfangen konnte. Hilflos wand er sich dort. Der Strom, der durch sein Nervensystem fuhr, hatte ihn restlos in seiner Gewalt. Seine Haut war schweißnass, sein Herz hämmerte und er stand kurz vor einer Ohnmacht. Endlich nickte Fatty und Tetov nahm den Finger vom Knopf. Der Strom hörte auf zu fließen und Schuster blieb in seliger Regungslosigkeit liegen. Allmählich ebbte sein Puls wieder ab. Eine volle Minute lang lag Schuster bewegungslos da, während das russische Publikum über seine unfreiwillige Vorstellung Kommentare austauschte. Die Männer auf der Couch schüttelten sich vor Lachen wenn sie abwechselnd seine zuckenden Bewegungen nachahmten. Schuster kam dabei zu Atem, zog die Knie unter den Leib, so dass er, den Kopf am Boden, auf den Unterschenkeln saß wie ein chinesischer Bauer, der sich vor seinem Herrscher in den Staub geworfen hatte. Er brauchte noch einige Augenblicke um Kraft zu sammeln, bevor er sich mit dem Oberkörper wieder aufrichten konnte. Sein Sturz hatte ihm näher zu Fatty und Claudia gebracht, sie waren nur noch knapp zwei Meter weit weg und er hatte ihre Brüste in Augenhöhe. Bei jedem Atemzug wehte ihr berauschender Duft heran. In seinen Augen spiegelte sich der silberne Schein, der über ihren Körper flimmerte. Selbst jetzt, nach allem was passiert war, empfand er ein überwältigendes Verlangen und eine schmerzliche Sehnsucht nach ihr. „Die Entschuldigung!“ verlangte Fatty. „Küssen Sie ihr die Füße und bitten Sie sie um Vergebung!“ Brian Schuster sah zu Claudia auf, suchte in ihrem Blick nach einem Zeichen, dass er hoffen durfte, dass sie ihn achtete, und nicht restlos getäuscht hatte. „Du willst das nicht!“ sagte er. „Oh doch!“ widersprach sie ihm jedoch in ruhigem kühlen Ton, der keinen Raum für Zweifel ließ. Schuster hörte kaum, das Fatty die Forderung wiederholte, noch bemerkt er das Nicken, das Tetov galt. Als er den zweiten Stromschlag erlitt, meinte Schuster, es sei ein anderer, der so laut schrie und so unkontrolliert zuckte. Als der Strom versiegt und Schuster die Augen öffnete, lag er direkt vor ihren Füßen. Er brauchte die Knie nicht zu bewegen. Sobald er sich wieder bewegen konnte, rutschte er das Stückchen auf dem Bauch voran. Sein Puls raste noch. Er keuchte angestrengt und der Schweiß tropfte. Er konnte den Hals recken, so dass er mit den Lippen ihre schwarzen Stiefel berührte, als er flüsterte: „Es tut mir leid.“ Ob er sich nun bei ihr entschuldigte oder bei sich selbst, das wusste er nicht. Mit einem kurzen Ruck der Stiefelspitze trat sie sein Gesicht von sich weg. Schuster lag still mit dem Gesicht auf dem Teppich, seine plumpe Nacktheit bildete einen starken Kontrast zu dessen kunstvoll komplizierten, ineinandergreifenden Mustern. Claudia sagte ein paar Worte auf Russisch. Fatty erhob sich von seinem Sessel, hockte sich neben Schuster und griff ihm unters Kinn, um seinen Kopf soweit zu heben, dass er ihm in die Augen sehen konnte. „Lassen Sie mich übersetzen“ sagte Fatty. „Claudia sagt, sie verabscheut Sie. Sie wünscht das Zimmer zu verlassen, bevor ihr von Ihrem erbärmlichen Anblick schlecht wird.“ Er schwieg einen Moment lang, während Claudia sich auf ihre 18 cm Absätze erhob und hinaus stelzte. „Sehen Sie sich noch einmal satt, Mister Schuster, denn Sie werden sie nicht mehr wiedersehen. „Mir wird nicht viel fehlen“ krächzte Schuster. Er hatte sich heiser geschrien und sein Mund war so trocken wie Papier. „Kommen Sie hoch und nehmen Sie Platz“ sagte Fatty auf einen Stuhl neben ihm zeigend. „Wir werden uns unterhalten. Nur wir beide!“ Seine Männer wurden mit einem Wink entlassen. Unterwegs blieb Tetov bei Schusters Stuhl stehen, blickte ihn einen kurzen Moment an und versetzte ihm einen seitlichen Faustschlag. Der Schlag war nicht so kräftig, wie er hätte sein können. Sein Kieferknochen war angeknackst, aber nicht gebrochen. Doch der Schmerz war darum nicht geringer. Als Tetov sich glücklich die blaugeschlagen Fingerknöcheln rieb, während er den Raum verließ, drehte Schuster den Kopf hin und her, um wieder klar zu werden. Er schmeckte Blut von der aufgeplatzten Wange und tastete mit der Zungenspitze umher. Zwei Backenzähne wackelten wie die Milchzähne eines Schulkindes. „Tetov hat sich noch nie sonderlich beherrschen können“ sinnierte Fatty, ohne auf Schuster zu achten. „Wenn es nach ihm geht, ist es nur ein Auftaktgeplänkel. Er wird Ihnen noch viel mehr Schmerzen bereiten, ehe ihn das Ergebnis befriedigt. Und ich stimme ihm zu! Auch ich bin noch lange nicht mit Ihnen fertig!“ Schuster saß auf dem Stuhl, die Füße auf dem Boden gestemmt, die Zehen in den Teppich gedrückt, die Oberschenkel angespannt. Fatty stand jetzt seitlich neben ihm und schien einen Moment entspannt, da warf Schuster sich durch die Luft und zielte mit dem Kopf auf Fattys Gesicht. Mitten im Sprung fuhren die 50.000 Volt zum dritten Mal in seinem Körper und schmetterten ihn auf den Teppich, wo er sich vor Schmerzen wandte. Fatty hielt den Knopf gedrückt und die Zeit schien stillzustehen. „Haben sie wirklich gedacht, dass ich so unvorsichtig bin?“ fragte Fatty und setzte sich in seinem Sessel. „Verstehen Sie immer noch nicht, wer ich bin?“ Fatty wurde nicht im Mindesten laut, sondern sprach jedes Wort mit kalter, nüchterner Überlegung. Dann lies er los und Schuster kam schnappend wieder zu Luft. „Ich war Oberst beim KGB! Ich habe Gefangene zusehen lassen, wie ihre ganze Familie lebendig verbrannt wurde. Frauen, Kinder, Mütter und Väter, alle! Ich habe Gefangene dazu gebracht, die Hände in kochendes Wasser zu halten und sich dann die Haut abzuziehen wie einer überreifen Tomate! Soll ich das vielleicht auch mit ihnen tun?“ „Nein…“ krächzte Schuster. „Bitte, ich flehe sie an. Ich werde Ihnen helfen. Ich kann etwas für Sie tun, wirklich. Ich kenne das Passwort für den Laptop des BKA, den ich dabei habe. Den Entschlüsselungscode dazu habe ich auch. Ich werde ihn alles geben, aber hören Sie bitte auf mich zu foltern.“ „Ich bin unbeeindruckt!“ sagte Fatty. „Ich hatte erwartet dass ein Mann der bei der GSG-9 gewesen ist, mehr Widerstand gegen Schmerzen zeigt. Vielleicht sind sie verweichlicht. Vielleicht tun sie aber auch nur so, als würden sie aufgeben, was meinen Sie?“ Schuster lag mit der unverletzten Gesichtshälfte auf dem Teppich, der Russe konnte die dunkelrote Schwellung klar sehen, die die Stelle markierte, wo Tetov seinen Faustschlag platziert hatte, also stellte er seinen Stiefelabsatz darauf und erhöhte langsam den Druck, so dass Schuster den Kopf nicht wegziehen konnte und sich hilflos am Boden wandte, während er ein unterdrücktes Schmerzensgeheul von sich gab. „Nein, Sie tun nicht nur so!“ bedachte Fatty. „Dennoch könnte es sein, dass sie eine Falle für mich aufgestellt haben. Für einen Mann mit ihren Fähigkeiten wäre es kein Problem, in einem Laptop eine Sprengladung zu verstecken, richtig. Man ersetze die Batterie durch Sprengstoff und ein Tastendruck genügt, um ihn hochgehen zu lassen. Diese Anschlagmethode habe ich schon selbst benutzt. Vielleicht werden wir noch feststellen, welche Geheimnisse dieses lächerlichen Gerät in sich birgt, aber wenn es eine Falle ist, sind sie es, der dabei stirbt!“ Als Claudia sagte, ihr würde bei Schusters Anblick schlecht werden, war das die Wahrheit gewesen. Sie hatte beinahe weinen müssen, als Schuster so nackt und besiegt vor ihren Füßen lag und ihre Versace-Stiefel küsste. Sie hatte ihn wegtreten müssen um sich nicht auf der Stelle zu übergeben und nicht aus Verachtung. Ihr war übel, wenn sie an ihr eigenes Verhalten dachte. Sie hatte den einzigen Mann, der sie wirklich geliebt hatte und stolz kam, um mit Fatty von Mann zu Mann zu verhandeln, mit Füßen getreten und gedemütigt, wie es schlimmer nicht mehr ging. Und dann wurde er wie ein Tier hereingeführt, nackt und mit einem schwarzen Sack über dem Kopf. Sie hätte fast geweint. Sie zwang sich zu kalter Zurückhaltung, während er diese Schmerzen auszuhalten hatte, aber schließlich durfte sie den Raum verlassen. Sie bewahrte Haltung, bis sie in ihrem Zimmer ankam und rannte dort sofort ins Bad, um ihr Schluchzen zu dämpfen. Nachdem sie die Tür ihres marmornen Zufluchtsorte abgeschlossen hatte, weinte sie um den Mann und um sich selbst und um die Liebe, die sie weggeworfen hatte. Nun lag Claudia in der Wanne. Auch um einen Vorwand zu haben, in Ruhe weinen zu können. Als sie irgendwann wieder aufstand, den Trauermantel an sich abgleiten lies und nach dem dicken weichen Handtuch griff, wusste sie was sie zu tun hatte. Egal was darauf folgen würde! Kriminalfachdezernat 1, München „Moritz Bleibtreu wurde auf dem Friedhof erschlagen“, merkte Mikaela an. „Wie hat er ihn dorthin geschafft und warum der Aufwand?“ „Zu Fuß. Wir haben in einem Nachbargarten einen Fußabdruck gefunden, der zu Moritz Bleibtreu passt. Dann sind sie wohl in ein Auto in einer Nebenstraße gestiegen und zum Friedhof gefahren. Bis die beiden Vollpfosten von Wachmännern etwas gemerkt hatten, war die Sache längst gelaufen.“ „Apropos Friedhof“, sagte Mikaela und kramte ihr Handy heraus. „Ich wollte mich bei der Spurensicherung melden und nach den neusten Ergebnissen fragen.“ Sie wählte eine Nummer und schaltete auf Lautsprecher. Nach dem dritten Klingeln meldete sich eine Frau. „Kriminaltechnik, Kripo München. Franziska Schmidt“, meldete sich eine Frauenstimme. „Mahlzeit“, sagte Mikaela. „Hier spricht Dr. Ricci von der Rechtsmedizin. Ich brauche die Ergebnisse vom Fall Moritz Bleibtreu.“ „Hat das andere Team gemacht. Wen wollen Sie sprechen?“ „Na, irgendeinen von denen“, sagte Mikaela ungehalten. „Wen genau?“ „Diesen Robert, aber bitte pronto.“ „Hier gibt es keinen Robert.“ Mikaela stöhnte genervt. „Dieser Jungspund. Schwarze Haare, dürres Kerlchen, riecht nach Clearasil und hat sich noch nie rasieren müssen.“ „Ach, Sie meinen Romir?“ „Sag ich doch.“ „Moment bitte.“ Das Telefon wurde zur Seite gelegt. Einen Augenblick später näherten sich Schritte. „Romir Hannim“, meldete sich der junge Mann. „Na endlich“, sagte Mikaela. „Hier spricht Dr. Ricci aus der Rechtsmedizin. Kennen Sie mich noch?“ „Klar. Sie sind der herrische Nikotin-Junkie mit dem Charme einer Kettensäge.“ „Ich komme gleich rüber und hau …“ Dennis nahm das Handy vom Tisch und ging zur Seite. Er brauchte die Ergebnisse vom Friedhof und wollte es sich nicht mit der Spurensicherung verderben. „Hallo Robert, hier spricht Kommissar Demirci vom Dezernat 1.“ „Romir.“ „Ich leite die Ermittlungen in den Fällen Bernhard Valburg, Matthias Friedman und Moritz Bleibtreu. Haben Sie Spuren auf dem Friedhof gefunden?“ „Wir werten noch aus, aber das Wesentliche haben wir.“ Romir räusperte sich. „Der Friedhof war der Tatort. Der Mörder hat Moritz Bleibtreu vor dem Grab knien lassen und ihn von hinten erschlagen. Er hatte einen Pyjama an und war barfuß.“ „War der Schlag auf den Hinterkopf die Todesursache?“, wandte Dennis sich an Mikaela. „Ja“, antwortete sie mürrisch. Sie hatte sich auf dem Stuhl zurückgelehnt und blies Rauchwolken zur Decke. „Und war es die gleiche Mordwaffe wie bei Bernhard Valburg?“ „Höchstwahrscheinlich.“ „Höchstwahrscheinlich?“ „99 Prozent Überstimmung.“ „Das ist doch nah an 100 Prozent“, bemerkte Benny. „Was du nicht sagst, Bennylein Klugscheißer“, keifte Mikaela. „Hat man sonst Spuren vom Täter gefunden?“, wandte sich Dennis wieder an Romir. „Wir haben Fuß- und Stiefelabdrücke gefunden. Die stimmen mit jenen, aus dem Garten von Simon Engfer überein, dem Nachbarn von Moritz Bleibtreu die wir neben den Fußabdrücken von Bleibtreu gefunden haben.“ „Und die DNA-Probe mit dem Blut vom Kieselstein?“ „Haben wir mit Moritz Bleibtreus DNA verglichen. Die Übereinstimmung beträgt 99,9 Prozent.“ „Das ist doch nah an 100 Prozent“, bemerkte Mikaela. „Danke für den kompetenten Hinweis“, ergänzte Romir durchs Telefon. „Er mag dich“, flüsterte Benny Mikaela zu. „Klappe, King Louie. Mach mir lieber einen Kaffee, aber pronto.“ Benny salutierte grinsend und ging in die Küche. „Fingerabdrücke oder DNA des Mörders?“ „Wir haben das Umfeld des Grabes Millimeter für Millimeter durchkämmt. Dieses Mal hat der Regen nichts weggespült, aber wir haben trotzdem nichts gefunden.“ „Und das Zeichen?“ „Identische Ausführung wie bei Bernhard Valburg. Gleiche Säbel, gleiche Palme, gleiche Globus. Eingeritzt in eine stinknormale MDF-Platte die man in jeden Baumarkt kaufen kann. Muss wieder vorbereitet gewesen sein, da die Einritzung mit einem wetterbeständigen Klarlack überlackiert wurde“ „Wie kann er Brett anfertigen, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen? Hat er Handschuhe getragen?“ „Muss er nicht“, erklärte Romir. „Er sägt das Brett zusammen, ritzt diese Zeichen rein und schmiert eine dicke Schicht Lack drauf. Das bedeckt jeden Fingerabdruck. Außerdem haben wir Reste von Bleiche gefunden. Der Mörder hat an alles gedacht.“ Dennis seufzte. „Wäre auch zu schön gewesen.“ „Die Spurensuche ist eine Sackgasse“, bemerkte Romir. „Sie müssen den Mörder auf andere Art kriegen.“ „Vielen Dank.“ „Gerne. Wenn wir noch was finden, melde ich mich.“ Er legte auf. Die anderen im Raum schauen Demirci alle mit ausdrucklosen Gesichtern an, bis Chris Hartmann herausplatzt:“ Welches Brett bitteschön? Und welches Zeichen?“ „Stronzo, das möchte ich aber jetzt auch wissen!“ mischte sich Mikaela mit ein. „Ja, ja, scho gut, ich erzähle es euch schon.“ „Na jetzt sind wir aber mal ganz gespannt, was der feine Herr Hauptkommissar Demirci jetzt wieder geheimnisvolles seinem Team, vorenthalten hat“ spottete jetzt auch der ansonsten sehr ruhige Benny. „Tja, wie fange ich am besten damit an, ähm…“ Dennis wollte gar nicht wissen, was Mikaela ihn in diesem Moment alles an den Hals wünschte, da nicht mal sie von den gleichen Hinterlassenschaften der Mörder in allen drei Mordfällen Kenntnis hatte. „Ok, beim Fund des ersten Mordes hatten wir ein Brett in unmittelbarer Nähe des Opfers gefunden, das offensichtlich von den Mördern dort angebracht wurde. Um nicht zu viel, Infos herauszugeben, hatten Kriminalrat Zachrau und ich beschlossen, das vorerst niemanden zu zeigen.“ „Also nicht mal uns, Deinem Team? Das heißt doch, dass Ihr quasi niemanden richtig vertraut, nicht mal den eigenen Reihen, richtig?“ „Genauso sehe ich das auch und gebe Bennylein ausnahmsweise einmal Recht“ bestärkte Mikaela jetzt noch Bennys Protest. „Ist ja gut jetzt und kam auch nicht von mir. Ok?“ „Beim 2. Mord an Herrn Friedman einen Tag später, hatten wir genauso ein Brett wie beim Opfer davor gefunden. Deshalb kam uns auch gleich der Gedanke an einen Serienmörder. Um die Medien und die Öffentlichkeit nicht gleich in Panik zu versetzen, behielten wir das aber immer noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit.“ „Toller Teamleiter, der Herr Demirci, echt kotzt mich das gerade an. Scheißtyp!“ „Pst, Stronzo!“ Unterbrach Mikaela ihren Kollegen Chris scharf, „lass ihn doch jetzt mal fertigreden, bevor wir ihm zusammen den Arsch aufreißen.“ „Also, nachdem ich aber eben im Moment, quasi die Bestätigung erhalten habe, das auch im aktuellen Mordfall dasselbe Brett im Tatortbereich aufgefunden wurde, mit den gleichen Zeichen…“ „Ja mit welchen Zeichen denn?“ Benny wurde immer ungeduldiger, da gerade er solche Geheimniskrämereien gar nicht ausstehen konnte. „Tja, also nochmal da ich quasi eben diese Bestätigung erhalten habe, steht für mich zumindest eindeutig klar fest, dass es sich um eine Serie handelt und damit ist auch klar, dass ich Euch gegenüber diese Info nicht mehr zurückhalten werde.“ Mikaela klatschte jetzt übertrieben laut und applaudierte gespielt: „Bravissimo, bravissimo!“ „Ist ja jetzt gut, Ihr kennt doch alle genauso wie ich die Dienstvorschriften, oder etwa nicht?“ Dennis schlug jetzt zornig mit geballter Faust auf den Tisch vor ihnen, so dass die Kollegen zusammenzuckten. „Nachdem wir das jetzt geklärt haben, können wir dann zum eigentlichen Thema zurückkommen. Immerhin haben wir es mittlerweile mit einer Serie von 3 Morden innerhalb von 1 Woche zu tun. Diese Zeitspanne von den Morden ist katastrophal. So schwindelerregend kurz aufeinander diese drei Morde erfolgten, muss doch ein extrem hohes Maß an Vorbereitung und Planung dazu notwendig gewesen sein. Wenn ich an die Tatorte denke, die Inszenierung der Leichen, diese Bretter und so weiter…“ „Jetzt klär uns bitte auch noch über deine komischen Zeichen auf den Brettern auf“ Chris blickte gespannt zu Dennis, der diesen Ball dankend aufnahm und weiter mit seinen Ausführungen fortfuhr: „Also, bei diesen Zeichen, die wohlgemerkt NICHT meine Zeichen sind, sondern die des Mörders handelt es sich um zwei gekreuzte Krummsäbel unter einer Palme innerhalb eines Kreises oder so Ähnlich…“ „Das heißt nicht Krummsäbel, sondern nur Säbel!“ „Wie bitte?“ Dennis schaute Benny leicht verwirrt an, während dieser fortfuhr: „Ich sagte nur, das es nicht Krummsäbel heißt, sondern nur Säbel, da Säbel im Gemeinhin krumm sind, macht man sich mit dem Zusatz „Krumm“ nur lächerlich und outet sich als…“ „So liebe ich unseren kleinen Klugscheißer, ti amo Bennylein“ fügte Mikaela noch mit ein, bevor Benny weiter mit seinen in dieser Sache mehr als unwichtigen Detailverliebtheiten, weiter diese leidigen Begrifflichkeiten ausschmückte. „Allora, lass uns weitermachen, ich habe heute noch ein Date, und da möchte ich mich davor noch frisch machen. Ein schöne Frau braucht ihre Zeit zur Gestaltung ihrer wahren Schönheit, capisce?“ „Du sagst es, Mika“ spottete Chris dazwischen „mach mal weiter Dennis…“ „Also, wie gesagt, sind auf den Brettern 2 „Säbel“ gekreuzt unter einer Palme. Und das Ganze in einem Kreis.“ „So wie das Afri-Cola Zeichen?“ warf Benny ein. „Das Afri-Cola Zeichen?“ Chris schüttelte seinen Kopf dabei „Meinste das es hier um den Cola- Mörder geht, der alle Leute, die Coca anstelle von Deiner komischen Afri Cola trinken, meuchelt? Afri Cola!“ Er schnaubte verächtlich. „Na immerhin eine Idee, oder? Was hast du denn dagegen zu bieten? Das Starbucks Logo? Oder Deine altes Ossi Logo?“ Benny klang mittlerweile ungewöhnlicher Weise auch gereizt. „Was heißt hier mein altes Ossi- Logo, scheiß Nerd!“ „Was meinst du mit Ossi?“ Was bedeutet Ossi?“ Mikaela schaute Benny jetzt auch fragend an. „Wegen dem alten DDR Logo mit dem gekreuzten Hammer und Sichel meint er weil Chris doch kurz vor der Maueröffnung noch im Ostteil von Deutschland geboren wurde. Aber jetzt reißt Euch bitte alle mal noch kurz zusammen, bevor hier alles drunter und drüber geht, ok?“ Dennis versuchte jetzt wieder verzweifelt die Oberhand über die Situation zu erlangen, was in seiner Funktion als Leiter des Ermittlungsteams auch normalerweise so üblich war, nicht jedoch in ihrem Team. Hier kannten sich alle schon so lange und hatten so viele Fälle gemeinsam aufgeklärt, das man eher von einer Freundes-clique als von einem Ermittlungsteam sprechen konnte. „´tschuldigung“ brummelte Benny in Richtung Chris, das dieser mit einem knurrigen „Passt scho, Spasti“ beantwortete. Mikaela zog bei diesen ganzen Kommentaren nur ihren Augenbrauen hoch und kommentierte die Situation noch mit einem sehr langgezogenen „Määääänner, das können nur Määäääänner!“ Dabei überprüfte sie auf ihrem Smartphone die Uhrzeit und fummelte gelangweilt mit Ihren langen zu den Schuhsohlen ihrer Pumps passenden rot lackierten Fingernägeln auf dem Display herum. „Jungs,…“ Dennis versucht wieder das Wort zu ergreifen, wurde aber sofort von Mikaela mit einem straffenden Blick angeschaut „…und Mädels…“ korrigierte dieser dann schnell und wurde dafür mit einem süffisanten Lächeln belohnt, das er zumindest meinte, aus ihrer Mimik deuten zu können „folgender Vorschlag zur allgemeinen Güte:“ Dabei schaute er alle kurz nacheinander an. „Ich fordere bis morgen ein Foto oder eine der Holzplatten zur Bemusterung bei der SpuSi an…“ „Doch nicht etwa bei diesem blassen jungen Reinhold…“ blabberte Mikaela gewohnt dazwischen. „Doch genau bei diesem „Robert“, den so heißt der junge fähige Mann bei der SpuSi…“ „Ihr meint doch den Romir, oder?“ Benny war auch wieder in seinem Element, wie man hörte. „Klugscheißer…“ Mikaela schaute Benny jetzt aber mit einem fast liebevollen Lächeln an. „Habt ihr es jetzt aber“ Nur Chris war immer noch gereizt, da ihm der Seitenhieb von Benny auf seine DDR Vergangenheit immer noch nachging. „Ok, also egal wie der Kollege auch immer heißt, er soll uns morgen die Holzplatten vorbeibringen und uns dazu die bisherigen Ermittlungsergebnisse diesbezüglich erläutern. Damit hätten wir das Thema der hinterlassenen Botschaft oder Tätersignatur oder wie auch immer wir diesen eindeutigen Beweis dafür, dass es sich bei allen drei Opfern um denselben Täter handelt, und somit von einer Serie ausgegangen werden muss, geklärt und können uns den von Benn vorbereiteten bisherigen Ergebnissen unserer Ermittlungen widmen.“ Das ist mein Stichwort“, sagte Benny. Er schaltete den Beamer an, und ein Foto von Moritz Bleibtreu erschien an der Wand. „Unser aktuellstes Opfer: Moritz Bleibtreu.“ Er deutete mit einem Stück Pizza auf das Bild. „Moritz Bleibtreu, geboren am 20.04. 1945 in Goslar als Kind jüdischer Einwanderer, die damals in der Zeit des Nazi-Regimes bei deutschen Landarbeitern versteckt wurden und so dem Holocaust knapp entkommen sind. Alter 71 Jahre, ledig, keine Kinder oder bekannte Verwandte. Wohnhaft in München, Gartenstr. 20, auf den ersten Blick ein harmloser Pensionär, dessen Akte jedoch einen ganz anderen Blick auf das Opfer zeigen. Bis zu seinem 35 Lebensjahr lebte der gelernte Diplom-Kaufmann bis auf einen längeren Auslandsaufenthalt in Jerusalem im Jahr 1977, den er bei seiner Rückkehr den damaligen Ordnungsamt Beamten mit der Abwicklung von angeblichen Erbschaftsangelegenheiten begründete, lebte Herr Bleibtreu unauffällig erst in Gosslar und später dann ab 1979 in München in dem Haus das er bis heute noch bewohnte. Dieses Haus und das dazugehörige Grundstück sind übrigens im Grundbuchamt als sein Eigentum eingetragen. Er hat in der Zeit zwischen 1980 und 1998 bei einer großen Krankenversicherung hier in München gearbeitet und Ärzten dabei geholfen, teure Medikamente falsch abzurechnen. Nachdem der jahrelange Betrug aufflog, bekam er eine Bewährungsstrafe und schulte daraufhin zum Autoverkäufer um.“ Benny machte eine kurze Pause, genehmigte sich einen großen Schluck seiner Coke, ohne die er der Meinung seiner Kollegen nach, nicht überlebensfähig sei, griff sich noch ein weiteres Stück seiner fetttriefenden Pizza, um dann weiter fortzufahren: „Jetzt kommen wir zur ersten Überraschung des heutigen Tages…“ „Du meinst zur 2. Überraschung!“ unterbrach ihn der immer noch mürrische Chris. „Die erste Überraschung war ja wohl ohne Zweifel, das klitzekleine Geheimnis mit dem übereinstimmenden Brett mit der Mördersignatur, das uns unser Teamleiter heute präsentiert hat…“ „Hey, Chris, Klappe, ok!“ Dennis warf ihm einen strengen Blick zu. „Ok, ok, wollte das ja nur für das Protokoll hinzufügen…“ „Was Du jetzt ja auch getan hast, Bello Ragazzo“ hauchte Mikaela zuckersüß und blickte ihn dabei mit unschuldigen Augen an. „Also kommen wir zur 2. Überraschung des heutigen Tages“ erläuterte Benny weiter und drückte ein paar Tasten, und ein Bild von Opfer Nr. 1 Bernhard Valburg erschien neben Moritz Bleibtreu. „Dr. Valburg wurde damals der Mitarbeit beim Versicherungsbetrug verdächtigt, wurde aber von allen Vorwürfen freigesprochen.“ „Das wissen wir doch bereits“, sagte Mikaela. „Damit ist unsere einzig mögliche Verbindung zwischen den Opfern aber leider auch hinfällig.“ „Was aber, wenn die Vorwürfe gegenüber Dr. Valburg gerechtfertigt waren und er nur aufgrund von, zum Beispiel fehlenden Beweisen nicht verurteilt werden konnte?“ „Hä?“ „Hast du darüber Hinweise gefunden?“, fragte Dennis. „Die Unterlagen geben zu dem damaligen Prozess nicht genug her“, erklärte Benny. „Aber vielleicht hat die Polizei nicht alles aufgedeckt.“ „Kein schlechter Gedanke“, sagte Chris. „Wenn Dr. Valburg cleverer war als seine Kollegen, hat er mitverdient, ist aber nicht erwischt worden.“ „Das mag die Männer verbinden“, sagte Dennis, „aber das ist mir zu schwach. Selbst wenn es so gewesen sein sollte, wegen ein paar tausend Euro Schaden tötet doch kein Mensch.“ „D-Mark meinst Du wohl…“ Alle drei Kollegen schauten jetzt wieder fragend auf Benny, der weiter erklärte: “Na damals gab es noch keine Euro, sondern die Währung war die Deutsche Mark, abgekürzt D-Mark, die…“ „Benny, Stupido, molto Stupido, was bist du nur für ein kleiner Klugscheißer, wenn das so hier mit Deinen ständigen Verbesserungen so weitergeht, zeige ich dir mal auf Italienisch, wie man in Italien mit solchen Weltverbesserern wie Dir umgehen würde…“ Dabei fuchtelte sie mit Ihren Armen wild in der Luft herum, was wohl als Geste des Halsabschneidens zu verstehen sein sollte. „Ok, sorry….“ Gab Benny kleinlaut bei und brachte damit alle zusammen zum Lachen. Ein wahres Lachgewitter, das nach der geladenen Luft im Büro so richtig befreiend für die vier Freunde und Kollegen war. Nachdem Dennis sich ein paar Lachtränen aus den Augen gewischt hatte, versuchte er die Sitzung wenigstens noch einigermaßen zu retten, was aber ein eher sinnloser Versuch war. „Das mit dem Geld hat mich auch überzeugt“, warf Benny ein. „Daraufhin habe ich mich mit einer Beamtin vom LKA 3 in Verbindung gesetzt. Bettina Arns gehört zum Dezernat 7, das für Wirtschaftskriminalität zuständig ist. Sie hat damals den Fall bearbeitet und gab mir bereitwillig Auskunft. Sie konnte mir nicht viel Neues erzählen, aber eine Info hat mich aufhorchen lassen. Moritz Bleibtreu war nicht nur ein Beteiligter des Betruges sondern der Strippenzieher bei der Sache. Eigentlich wäre er in den Knast gewandert, aber er hat sich auf einen Kuhhandel eingelassen und der Kripo Beweismaterial für einen Mann geliefert, hinter dem sie schon länger her waren und der unter anderem mit dem Import nicht zugelassener Medikamente ordentlich verdient hat. Das hat Moritz Bleibtreu eine Gefängnisstrafe erspart.“ „Also hat er geplaudert und sich freigekauft“, sagte Benny. „Das würde die abgeschnittene Zunge erklären.“ Benny tippte auf seiner Tastatur herum, und ein drittes Bild erschien mit einem Tusch an der Wand. „Darf ich vorstellen?“ Der junge Hacker deutete schwungvoll an die Wand. „Mark Landgraf. Der Mann, den Moritz Bleibtreu durch seine damalige Aussage ins Gefängnis gebracht hatte. Zufällig ist er seit sechs Wochen wieder auf freiem Fuß, obwohl er noch mindestens 5 Jahre abzusitzen hätte.“ „Fuck“, sagte Mikaela und erhob sich vom Tisch, auf dem sie halb liegend dem Vortrag zugehört hatte. Chris kam von der Toilette, auf die er kurz vorher gegangen war, gelaufen, während Dennis das Bild mit großen Augen anstarrte. Die Glatze, die schiefe Nase und die Narbe über der Augenbraue. Alles kam ihm irgendwie bekannt vor. Nur woher bloß? „Es kommt noch viel besser, denn mir kam die lange Haftstrafe für einen Medikamentenbetrug extrem lange vor, deswegen habe ich bei diesem Landgraf weiter recherchiert. Jetzt kommt´s: Er hat neben den illegalen Medikamenten auch Handel mit Organen und sonstigen Innereien, für die viele notleidende Menschen töten würden, gehandelt. Und zwar auf übelste Weise mit einem internationalen Organhändlerring, die Menschen, unter anderem auch Kinder, entführt hatten auf Bestellung und ihnen dann die gewünschten Organe entnehmen ließen. Danach ließen sie die Opfer auf grausamste Weise verstümmelt oder stümperhaft zusammengeflickt irgendwo in der Pampa frei. Das war damals ganz groß in den Medien und dieser feine Herr Landgraf hatte auch da seinen Wichsgriffel mit drin. Deshalb bekam er die lange Haftstrafe. Den Versicherungsbetrug hatte er nur so nebenbei als zusätzliche Verdienstmöglichkeit mit betrieben, bis eben durch unser Opfer Bleibtreu der miese Typ aufflog und endlich eingesperrt werden konnte. Leider brachen aber alle weiteren Kontakte über ihn hinaus ab, da er alles auf sich genommen hatte und die Staatsanwaltschaft lieber den Spatzen in der Hand, als die Taube auf dem Dach gewählt hatte, um Erfolge zu präsentieren. Dafür dass er die Klappe hielt, hatte er ein relativ angenehmes Leben im Knast und es wurde ihm von keinem der üblichen Verdächtigen auch nur ein Haar gekrümmt.“ „Bei einer Glatze eh schlecht, oder“ witzelte Chris jetzt wieder gut gelaunt. „Ha, Ha, Ha, Du kleiner lustiger böser Bub“ erwiderte Mikaela, „auf den Schreck brauche ich jetzt erst mal einen Prosecco, was meint ihr dazu?“ „Ich dachte, dass Du ein Date hast“ Benny schaute Mikaela fragend an. „Papperlapapp, nix Date, ich bin in Ermittlungslaune und dass kommt nicht allzu oft vor. Das ist schon wesentlich besser, als in den frühen Morgenstunden im Matsch irgendwelche Leichen zu begutachten und von pickeligen Grünschnäbeln sich lauwarmen Espresso bringen zu lassen, oder Jungs?“ „Bin dabei, dann lasst uns doch eine kreative Pause nehmen und danach weitermachen.“ Mit diesem Vorschlag ihres Teamleiters waren natürlich alle einverstanden und begaben sich zusammen gut gelaunt zum nächsten Supermarkt, um sich für eine lange Nachtarbeit mit allerlei diversen alkoholischen Getränken, die besser kein Vorgesetzter sehen durfte, einzudecken. Nach einem anschließenden Besuch bei ihrem Lieblings Döner-Händler kamen sie 2 Stunden später bestens gelaunt und für die weiteren Ermittlungen gerüstet lachend und witzelnd an und gingen an ihren verwundert blickenden Kollegen im Präsidium vorbei in ihren Besprechungsraum. „Ok, damit hätten wir zumindest ein Motiv für den Mord an Bleibtreu, aber immer noch keinen schlüssigen Zusammenhang zu Dr. Valburg…“ begann Chris die nächste Runde, als Mikaela ihn unterbrach. „Ich Tochter einer Eselin, wie konnte ich das nur vergessen…“ Sie hüpfte aufgeregt wie ein Gummiball auf und ab und begann hektisch an ihrem Smartphone wild zu fummeln. „Dr. Valburg, Dr. Valburg, Opfer Numero uno! Uno Momento, bin gleich wieder da“ und schon lief sie unglaublich rasant dafür, dass Sie 8cm hohe Pumps anhatte, aus dem Büro und ließ ihre drei sich wortlos anschauenden perplexen Kollegen stehen. „Na, dann lasst uns solange anstoßen und ein Schlückchen zu uns nehmen“ grinste Dennis in die Runde und hob sein Glas zum Anstoßen den beiden anderen entgegen. Kurze Zeit später kam Mikaela über beide Ohren grinsend wieder zurück und streckte ihnen einen Beutel mit einem dunkel gefärbten Organ entgegen. „Ich tippe mal, dass ich hier die Verbindung zu unserem Opfer Numero uno in den Händen halte.“, sagte sie triumphierend. „Wie kommst du darauf?“ Sie deutete auf den Beutel. „Wo hast du das her?“ „Das hatte ich komplett vergessen oder im Verlauf des heutigen Tages einfach nicht in Kombination mit unserem Fall gebracht. Hat der Mörder aus Dr. Bernhard Valburg rausgeschnitten und achtlos neben die verbuddelte Leiche geschmissen, bevor er ihn im Grab versenkt hat. Nicht gerade sehr professionell, wenn ich das bemerken darf. Er hat mit einem scharfen Messer einen langen Schnitt direkt unter dem Brustbein gesetzt und darin so lange herumgewühlt, bis er die Lunge gefunden hat. Einen Arzt kannst Du ausschließen.“ „Da- Da Das ist die Lunge?“ Benny stotterte. Mikaela nickte. „Und warum ist die so dunkel?“ „Belomorkanal.“ „Nie von der Krankheit gehört.“ Dennis begutachtete ungläubig den Beutel mit dem seltsamen Inhalt. Mikaelas Hochziehen der Augenbrauen genügte, um ihrer Missgunst Ausdruck zu verleihen. Offensichtlich lag Dennis mit seiner Vermutung falsch. „Das ist eine Zigarettenmarke, Supergenie. Dr. Valburg war Kettenraucher.“ „Auf jeden Fall hatte er Dreck am Stecken“, sagte Chris. „Ich mache bei der Staatsanwaltschaft jetzt mal richtig Druck. Wenn die ihren Sonderstaus nutzen, um illegale Organhändler aus dem Knast vorzeitig zu bringen und die dann anfangen wild um sich zu morden, ist die Zeit der Kollegialität vorbei. Ich lade wenn es sein muss, alle damals Beteiligten vor. Bis morgen Abend ist jeder von denen auf der Wache gewesen.“ Er zog sein Handy aus der Tasche und verließ energischen Schrittes laut fluchend das Büro. Das ließ erahnen, dass entweder die Staatsanwälte oder im Umkehrfall auch sie selbst, falls sich dieselben über eine Vorladung beim Kriminalrat beschweren würden, heute keinen schönen Tag haben würde. „Ich mache mit meinem neuen Freund weiter.“ Mikaela deutete auf das Foto von Moritz Bleibtreu. „Den schaue ich mir nochmal genau an. Bis morgen Mittag habe ich was.“ „Danke“, sagte Dennis. „Und zieh ein neues Hemd an, Mikaela. Blutrot steht dir nicht.“ „Hä?“ Sie sah ihn mit erst großen Fragezeichen an und verfolgte dann mit ihrem Blick seinen Finger, der auf Ihren Busen zeigte. „Molto grasso Subito! Molto stupida!“ Sie schimpfte mit sich selbst, als sie sah, das der Beutel mit dem Organ offensichtlich ein Leck hatte und ihre neue weiße Christian Dior Bluse, die sie gerade erst gekauft hatte, fast auf der kompletten Vorderseite mit dem Blut, das aus dem Beutel tropfte, versaut war. „Was bin ich nur für eine Eselin…“ Damit machte sich auch Mikaela vom Acker. Wahre Liebe Als Nowak das andere Ende des Grundstücks erreichte, hob er erneut den Feldstecher an die Augen und sah Stansfield in seinem Arbeitszimmer sitzen. Er sah geschwächt aus, so als hätte er gut zehn Pfund abgenommen. Er sprach mit jemandem, doch Nowak konnte nicht erkennen, mit wem, und so ging er ein Stück weiter. Als er schließlich die Frau sah, die Stansfield gegenübersaß, fühlte sich seine Kehle mit einem Mal sehr trocken an. Nowak ließ den Feldstecher sinken und stand wie angewurzelt da. Seine Paranoia hatte neue Nahrung bekommen. Während er zurück zum Schuppen schlich, klammerte er sich an die Hoffnung, dass keiner der beiden in die Sache verwickelt war – doch er hatte das bedrückende Gefühl, dass sie sehr wohl etwas damit zu tun hatten. Während Nowak sich darauf vorbereitete, ins Haus einzudringen, sah er plötzlich zwei Scheinwerfer auftauchen; ein Auto rollte die Zufahrt herauf. Nowak beschloss, zuerst einmal abzuwarten, und kniete sich neben Shirley ins Gras. Der kleine Hund hatte noch keinen Laut von sich gegeben, und Nowak hoffte, dass er sein gutes Benehmen beibehalten würde. Nowak beobachtete mit wachsendem Interesse, wie der Fahrer ausstieg. Als der Mann auf die Haustür zuging, wusste Nowak augenblicklich, wer er war. Nowaks Puls begann zu rasen, während er fieberhaft überlegte, was es für einen Grund haben mochte, dass dieser Mann, mit dem er einst in seiner Vergangenheit zu tun hatte, heute Abend hierher kam. Der Mann war in gewisser Weise wie er selbst. Er war ein Killer, doch einer, so hatte er bisher angenommen, dem er vertrauen konnte. Nowak bekam es mit der Angst zu tun. Es war nicht Angst vor diesem Mann, sondern vor dem, was er vielleicht getan haben mochte. Er blickte auf die Uhr – es war fast halb acht. Bevor er mit seinem Plan fortfuhr, musste er noch einen Anruf machen. Er wusste, dass er dem Drang nicht hätte nachgeben sollen, doch er konnte einfach nicht anders. Er musste Gewissheit haben. Nowak kehrte zusammen mit Shirley in den Wald zurück und schaltete das Handy ein. Brittany stand im Licht der grellen Scheinwerfer und nahm Petes Ankündigung von „Marble Mouth“, wie Pete den Top-Moderator des Senders nannte, lächelnd zur Kenntnis. Sie wusste, dass Pete immer noch Schuldgefühle hatte, und wollte ihm schon versichern, dass sie ihm nicht böse war, als sie plötzlich spürte, wie ihr Handy zu vibrieren begann. Sie sah nach, wer anrief, doch da war keine Angabe auf dem Display. Sie hatte den Daumen an der Sprechtaste und überlegte. Normalerweise nahm sie so knapp vor der Sendung keine Anrufe mehr entgegen, doch sie drückte schließlich doch auf die Taste – in der Hoffnung, dass es derjenige sein würde, dessen Anruf sie so sehnlich erwartete. Sie hob das Handy ans Ohr. „Ja, hier Brittany Share“, meldete sie sich. Nowaks Herz schmolz dahin, als er ihre Stimme hörte. „Liebling, ich bin’s. Ist alles okay?“ Brittany verschlug es für einen Moment die Sprache. „Mikeell“, brachte sie schließlich hervor. „Ja, Liebling, ich bin’s, aber ich kann nicht lange sprechen. Ist alles okay bei dir?“ Brittany drehte sich mit dem Rücken zur Kamera. „Nein, es ist überhaupt nichts okay. Ich bin seit vier Tagen ganz krank vor Sorge.“ „Das tut mir Leid, aber ich konnte nicht anders. Es ist doch alles in Ordnung … oder? Ich meine, außer dass du dir Sorgen machst.“ „Ich denke, du bist derjenige, dem man diese Frage stellen muss.“ „Ich bin okay“, antwortete Nowak hastig. „Wohnst du bei unseren Freunden?“ „Ja. Wo bist du gerade?“ „Das kann ich dir nicht sagen. Ist dir irgendetwas aufgefallen – ist dir zum Beispiel jemand gefolgt?“ „Nein. Wann kann ich dich sehen?“ „Das weiß ich nicht genau. Vielleicht in ein paar Tagen, vielleicht in einer Woche.“ Die Antwort gefiel ihr gar nicht. „Mikeell, es ist mir egal, in wessen Auftrag du unterwegs bist – ich will, dass du sofort nach Hause kommst.“ „Das geht nicht. Jedenfalls nicht in den nächsten Tagen.“ „Du hast gesagt, dass du aussteigst – und jetzt scheint mir ein sehr guter Moment dafür zu sein.“ „Ich werde auch aussteigen, aber zuerst muss ich noch ein paar Dinge in Ordnung bringen.“ „Mike, Liebling, bitte. Ich halte das nicht mehr aus. Komm bitte heim.“ „Liebling, ich bin in Sicherheit … ich bin hier in der Stadt, und wenn ich mit dem fertig bin, was ich noch zu erledigen habe, dann steige ich aus, und dann bleiben wir für den Rest unseres Legens zusammen. Aber du musst noch ein wenig Geduld mit mir haben. Ich muss erst ein paar Dinge erledigen, bevor ich wirklich aufhören kann.“ Nowak hielt kurz inne. „Ich liebe dich, Brittany. Hast du noch ein klein wenig Geduld mit mir?“ „Ja, aber …“ Nowak ließ sie nicht ausreden. „Kein Aber, Liebling. Du musst mir vertrauen.“ „Na gut, aber sei bitte vorsichtig.“ „Das werde ich, aber ich habe noch eine Frage an dich. Hat unser Freund mit Mike C. gesprochen, oder hast du ihn vielleicht gesehen?“ Brittany musste kurz überlegen. „Ich glaube nicht, dass er mit Mike gesprochen hat – und gesehen habe ich ihn auch nicht. Was hat er mit der ganzen Sache zu tun?“ „Nichts. Ich muss jetzt aufhören. Bleib dort, wo du bist, bis ich dir etwas anderes sage, okay?“ Brittany seufzte. „Na gut.“ „Ich liebe dich, Brittany.“ „Ich liebe dich auch.“ Brittany zögerte kurz, und im nächsten Augenblick war die Verbindung unterbrochen. Nowak schaltete das Telefon aus – erleichtert, dass Brittany in Sicherheit war. Nun war es Zeit, ein paar Dinge in Erfahrung zu bringen. Mit Shirley an der Leine ging er zu dem kleinen Schuppen zurück. Nowak überlegte einen Moment; er wusste, dass Stansfield gern unauffällig blieb – deshalb gab es hier keinen Zaun und auch keine Wächter, die mit Hunden um das Haus streiften. Nowak wusste, dass die meisten Geheimdienst-Chefs in Europa und im Nahen und Mittleren Osten fünfmal so viel für ihre Sicherheit taten wie Stansfield. In Amerika war das anders. Das Einzige, was Stansfield einen gewissen Schutz bot, war das Haus selbst. Auf den ersten Blick unterschied es sich nicht von den anderen Häusern in der Siedlung – doch Nowak vermutete, dass der äußere Eindruck täuschte. Es würde nicht funktionieren, einfach die Tür einzutreten und hineinzumarschieren. Er würde dafür sorgen müssen, dass sie die Tür selbst aufmachten – und dafür brauchte er Shirley. Irgendwo im Haus saß ein Mann aus dem Sicherheitsbüro der Agency, der sich wahrscheinlich zu Tode langweilte. Vielleicht las er gerade einen Roman oder sah fern, wenn Stansfield es ihm erlaubte. Der Mann saß bestimmt an einer Konsole, von wo aus er das Haus samt Gelände über ein dichtes Netz von Kameras, Stolperdrähten und möglicherweise einiger anderer Hightech-Geräte im Auge behielt. Nowak hatte eine Idee, die durchaus funktionieren konnte. Wenn nicht, so war er zumindest zuversichtlich, dass er das Ganze abbrechen konnte, ohne dass Stansfield oder Mia Johnson je erfuhren, dass er hier gewesen war. Er warf noch einen Blick auf die Fenster und überlegte, wie viele Personen sich im Haus aufhalten mochten. Sie waren mindestens zu fünft: Stansfield, Mia Johnson, Kutcher, die Haushaltshilfe und ein Leibwächter. Es bestand die Möglichkeit, dass es zwei Leibwächter waren – doch Nowak bezweifelte das. Im Kongress drehten sie jeden Penny zweimal um, der ins Budget der CIA floss. Es wurde sicher peinlich genau darauf geachtet, wie viel der Direktor der CIA für seine persönliche Sicherheit ausgab. Nowak holte die Tüte mit den Hundekuchen aus seiner Tasche hervor und hielt sie Shirley vor die Nase. Der Hund wurde ganz aufgeregt, als er die Leckerbissen roch. Nowak hielt die Leine fest, während er ein Stück herausnahm, es Shirley zeigte und es dann in Stansfields Garten warf. Das Stückchen landete fast genau in der Mitte zwischen seinem Versteck und der Tür bei der Küche. Shirley wollte loslaufen, um sich den Happen zu holen, doch Nowak hielt sie an der Leine zurück. Der Hund winselte ein wenig, bis Nowak ein zweites Stückchen hervorholte, das er noch etwas weiter in den Garten hineinwarf. Erneut wollte Shirley loslaufen, doch Nowak hielt sie zurück und warf noch drei weitere von den Leckerbissen in Stansfields Garten. Das letzte Stück landete ganz in der Nähe der Hintertür. Der Hund blickte sehnsüchtig zu den Hundekuchen hinüber, dann wieder zu Nowak und begann immer stärker an der Leine zu zerren. Nowak hielt Shirley am Halsband fest und nahm die Leine ab. Dann ließ er sie los, trat zurück und sah zu, wie sie durch den Garten sauste. Wie erwartet, blieb sie gleich beim ersten Leckerbissen stehen und schnappte ihn sich. Gleichzeitig gingen mächtige Scheinwerfer an, die den Garten beleuchteten. Nowak zog seine Beretta aus dem Schulterholster und schraubte einen Schalldämpfer ans Ende des Laufs. Er brauchte nicht erst zu überprüfen, ob eine Kugel in der Kammer war – er wusste es auch so, und auch, dass fünfzehn weitere im Magazin waren. Mit dem Schalldämpfer passte die Waffe nicht mehr in das Schulterholster – deshalb steckte er sie hinten in seine Hose, wo sie unter der Jacke verborgen war. Shirley lief von einem Hundekuchen zum nächsten und gelangte so immer näher zur Hintertür. Nowak wartete geduldig hinter dem Schuppen auf seine Gelegenheit. Einige Augenblicke später sah er einen Mann hinter der Tür auftauchen und in den Garten hinausblicken. Wenn der Mann klug war, wenn er wirklich gut war, dann blieb er hinter der verschlossenen Tür. Nowak setzte auf die Tatsache, dass dem Mann stinklangweilig war und dass er deshalb ein wenig übermütig wurde. In diesem Job passierte es sehr leicht, dass man mit der Zeit abstumpfte und es dann nicht mehr ganz so genau nahm. Deshalb wurden Organisationen wie der Secret Service auch nicht müde, ihren Leuten einzuhämmern, dass sie sich strikt an ihre Vorgaben zu halten hatten – jedoch nicht immer mit Erfolg. Als schließlich die Tür aufging, zwang sich Nowak, noch zu warten. Er sah, wie der Mann den Kopf herausstreckte und sich im Garten umsah. Allem Anschein nach interessierte er sich weniger für Shirley selbst; vielmehr schien er sich zu fragen, wo ihr Herrchen sein mochte. Nowak war versucht, aus seinem Versteck zu kommen, doch er zwang sich, noch ein paar Augenblicke zu warten. Als der Mann schließlich in den Garten trat, kam Nowak gemächlichen Schrittes hinter dem Schuppen hervor. Er ging nicht direkt auf das Haus zu. „Hierher, Nimitz! Nimitz, hierher!“ Nowak verwendete absichtlich den Namen des Hundes, den er als kleiner Junge hatte – in der Hoffnung, dass Shirley dort bleiben würde, wo sie war. Er spazierte weiter mit der Leine in der Hand am hinteren Ende von Stansfields Garten entlang. „Ist das Ihr Hund, Mister?“ Nowak blieb stehen und wandte sich dem Haus zu. „Oh, es tut mir Leid. Bist du dort, Nimitz?“ Er ging auf das Haus zu. „Komm sofort her, Nimitz. Bitte entschuldigen Sie, dass sie so ungezogen ist. Normalerweise ist sie ein braves Mädchen.“ Er ging weiter auf den Mann zu – in der Hoffnung, dass Shirley sich nicht von der Stelle rührte. Schließlich blickte der Hund auf; der Bodyguard machte Anstalten, ins Haus zurückzukehren. „Hallo, mein Name ist Dave“, rief ihm Nowak hinterher. „Meine Frau und ich sind neu in der Gegend; wir wohnen drüben am Linganore Court.“ Lächelnd streckte er dem Mann die Hand entgegen. „Sie muss irgendetwas Interessantes gewittert haben. Es tut mir Leid.“ Der Bodyguard stand mit der rechten Seite von Nowak abgewandt und ließ die Hand lässig herunterhängen, anstatt sie an der Hüfte zu haben, wo sie sein sollte. Verdammt, dachte Nowak, der Kerl sollte wirklich nicht hier draußen herumlaufen. Der Mann sah noch ziemlich jung aus. Nowak schätzte, dass er noch keine dreißig war. Schließlich streckte der Mann ebenfalls seine Rechte aus. „Hallo, ich heiße Trevor.“ Nowak lächelte und ergriff die Hand des Mannes. Du Idiot, dachte er bei sich. „Freut mich, Sie kennen zu lernen.“ Nowak schüttelte ihm die Hand und zeigte mit der freien Hand auf Shirley. Sobald Trevor ebenfalls zu dem Hund schaute, feuerte Nowak einen wuchtigen linken Haken ab, der den Bodyguard mitten am Kinn traf. Der Mann ging in die Knie und wäre zu Boden gesunken, wenn Nowak ihn nicht aufgefangen hätte, um ihn ins Haus zu tragen, wo er ihn im Vorraum auf den Boden legte. Rasch schloss er die Tür – Shirley blieb draußen – und zog Plastikhandschellen hervor. Er fesselte dem Mann damit die Hände hinter dem Rücken und durchsuchte ihn nach irgendwelchen verborgenen Waffen, ohne jedoch etwas zu finden. Nowak nahm ihm die Pistole aus dem Holster und steckte sie in seine Jackentasche, als der Mann plötzlich erste Anzeichen erkennen ließ, dass er wieder zu sich kam. Rasch öffnete Nowak die Hose des Mannes und richtete ihn auf, sodass die Hose herunterrutschte. Mit der Beretta in der rechten Hand packte Nowak den Bodyguard mit der linken Hand an den Haaren und schob ihn vor sich her über den Flur, direkt auf Stansfields Arbeitszimmer zu. Nowak hielt den Haarschopf am Hinterkopf des Mannes fest umklammert und drückte ihm den Lauf der Pistole in den Rücken. Der Mann schlurfte mühsam dahin, während Nowak ihn vorwärts schob; seine Hose befand sich mittlerweile in Kniehöhe. Binnen weniger Sekunden hatten sie die Tür zum Arbeitszimmer erreicht. Nowak wusste nicht, ob sie zugesperrt war – deshalb klopfte er zur Sicherheit an und hörte im nächsten Augenblick, wie Stansfield „herein“ sagte. Er ließ die Haare des Leibwächters los, ohne jedoch die Pistole von seinem Rücken wegzunehmen. Dann öffnete er die Tür und drückte sie auf. Er trat einen halben Schritt zurück und stieß den Mann mit einem Fußtritt ins Zimmer hinein. Der Leibwächter taumelte und stürzte schließlich mit der Hose um die Knöchel zu Boden. Nowak folgte ihm und hielt sogleich nach Kutcher Ausschau. Stansfield und Mia Johnson waren keine Gefahr für ihn. Er sah Kutcher auf der Couch neben Mia sitzen. Nowak schloss die Tür mit seiner freien Hand. Kutcher machte eine Bewegung, doch Nowak war schneller. Er feuerte einen Schuss ab, während er quer durch das Zimmer ging. Kutcher erstarrte; entsetzt starrte er auf das Loch in der Couch hinunter, das von Nowaks Kugel stammte. „Die nächste landet in deiner Kniescheibe“, sagte Nowak. „Setz dich auf deine Hände, Mike, und rühr dich nicht von der Stelle.“ Kutcher blickte wieder auf das Loch in der Couch hinunter. Es befand sich direkt zwischen seinen Beinen, keine fünf Zentimeter vom Schritt entfernt. So ruhig wie möglich schob er die Hände unter den Hintern und nickte Nowak zu, um ihm zu verstehen zu geben, dass er sich nicht widersetzen würde. Nowak sagte Mia Johnson und Stansfield, dass sie die Hände im Schoß lassen sollten, damit er sie sehen konnte. Beide taten, was er von ihnen verlangte. Nowak trat hinter Stansfield und postierte sich so, dass er mit dem Rücken zur Wand und nicht zum Fenster stand. Der lange schwarze Schalldämpfer seiner Pistole zeigte genau auf Kutcher, doch seine dunklen Augen waren auf Mia Johnson gerichtet. Sie suchten nach dem geringsten Anzeichen von Schuldgefühlen. Doch da war absolut nichts zu sehen – diese Frau war einfach unerschütterlich. Mia Johnson war zuerst völlig überrascht von Nowaks plötzlichem Erscheinen, bis ihr auf einmal klar wurde, dass ihr etwas Wichtiges entgangen war. Sie hatte sich in den vergangenen Tagen solche Sorgen um Nowak gemacht, dass ihr gar nicht in den Sinn gekommen war, dass er sich möglicherweise von ihr und Stansfield hintergangen fühlen könnte. „Mike“, sagte sie schließlich, „ich weiß, was du denkst, aber so etwas könnte ich dir nie antun.“ „Ach ja? Und woher weißt du dann, was ich denke?“ „Warum solltest du sonst mit einer Waffe hier hereinplatzen?“ Nowak ging nicht auf ihre Bemerkung ein und fragte stattdessen: „Warum hast du die beiden mit dem Auftrag losgeschickt, mich zu töten?“ „Haben sie das versucht?“, fragte Mia und blickte zu Stansfield hinüber. Ihre Vermutung hatte sich also als richtig herausgestellt. „Mike, ich habe ihnen keinen derartigen Befehl gegeben. Ich fürchte, da hat noch jemand anderer seine Finger im Spiel. Wir wissen aber noch nicht, wer.“ Nowak hätte ihr nur zu gerne geglaubt, doch er brauchte Beweise. „Wie ich das sehe, Mia, gibt es nur drei Menschen, die in der Lage waren, mir eine solche Falle zu stellen. Direktor Stansfield, du und der Präsident. Nun, welcher von euch dreien war es?“ „Mike, ich würde dir so etwas nie antun … und Thomas und der Präsident genauso wenig.“ „Warum hast du so seltsam reagiert, als ich gesagt habe, dass es mein letzter Job wäre? Wolltest du nicht, dass ich aufhöre und eure schmutzigen kleinen Geheimnisse mit mir herumtrage? Wolltest du die Sache schön sauber beenden?“ Mia Johnson schüttelte traurig den Kopf. Sie wirkte gekränkt angesichts dieser Anschuldigung. „Du kennst mich doch etwas besser, oder? Ich könnte dir niemals wehtun. Wegen Thomas habe ich so reagiert.“ Mia zeigte auf den Direktor. „Er hat Krebs und nur noch kurze Zeit zu leben. Das hast du nicht gewusst, nicht wahr?“ „Nein“, sagte Nowak und blickte auf Stansfield hinunter. Das erklärte, warum der Mann so geschwächt wirkte. „Die Geier kreisen schon in der Luft – sie wittern ihre Beute. Wir bekommen von allen Seiten Druck.“ Mia hielt inne und fügte hinzu: „Sieh mir in die Augen, Mike, und sag mir, dass du wirklich glaubst, dass ich dir so etwas antun könnte.“ Wenn Nowak in den vergangenen zehn Jahren etwas gelernt hatte, dann dass Menschen zu fast allem fähig waren. Dennoch war Mia Johnson stets der eine Mensen für ihn gewesen, auf den er sich immer verlassen konnte. „Wenn du es nicht warst, wer dann?“ „Das versuchen wir gerade herauszufinden.“ „Sagt mir einfach, wo ich die Leute finde, die mit mir in Deutschland waren, dann bekomme ich es schon heraus.“ Mia blinzelte kurz. „Das dürfte schwierig werden.“ „Oh, lass mich raten“, sagte Nowak und tat überrascht. „Sie sind verschwunden.“ „Nein, schlimmer.“ „Sie sind tot.“ „Ja.“ „Wie praktisch.“ „Glaub mir, niemand hätte lieber mit ihnen gesprochen als ich.“ Nowak stieß ein höhnisches Schnauben hervor. „Also, ich glaube, ich stünde da ganz oben auf der Liste.“ Er richtete die Pistole auf Mia. „Dir wollte die Frau immerhin nicht zwei Kugeln in die Brust jagen.“ „Was ist in Deutschland passiert?“ „Ich habe selbst noch ein paar Fragen, bevor wir dazu kommen. Woher weißt du, dass sie tot sind?“ Mia Johnson schaute zu Kutcher. „Ich war dabei“, sagte der ehemalige SEAL-Kommandeur. „Hast du es nur gesehen, oder hast du den Abzug gedrückt?“ Kutcher schüttelte den Kopf. „Ich habe sie nicht umgebracht.“ „Nichts für ungut, Mike, aber was tust du eigentlich hier?“ Stansfield räusperte sich und hob die rechte Hand. „Das sollte ich beantworten, Mikeell. Wir haben nach der Mission eine Nachricht von den Kubickis bekommen – Sie haben sie unter dem Namen Schumacher gekannt. Die beiden haben uns mitgeteilt, dass der Graf ausgeschaltet wurde und dass Sie dabei ums Leben gekommen wären. Wir haben die Sache natürlich weiter verfolgt – und dabei hat sich gezeigt, dass die Mitteilung der Kubickis offensichtlich nicht der Wahrheit entsprach. Es gab Berichte, wonach jemand gesehen wurde, dessen Beschreibung auf Sie zutraf und der das Haus des Grafen fünf bis zehn Minuten nach den Kubickis verließ. Dann brach in dem Haus ein Feuer aus. Darüber hatten die Kubickis kein Wort gesagt. Wir wurden misstrauisch, und ich bat Mike, nach Colorado zu fliegen und die Kubickis herzuholen, damit wir sie eingehend befragen können.“ Mia beugte sich ein wenig vor. „Mike, was ist in Deutschland passiert?“, fragte sie. „Einen Moment noch.“ Er wandte sich wieder an Kutcher. „Erzähl mir, was in Colorado passiert ist.“ „Ich war mit ein paar Männern dort, um sie zu holen.“ „Wann war das?“ „Samstagabend. Die Kubickis hatten ein Haus westlich von Denver, in einem Städtchen namens Evergreen. Wir hatten sie beobachtet und wollten am Sonntagmorgen Kontakt aufnehmen, als auf einmal ein anderes Team auftauchte und sie ausschaltete.“ Nowak musterte ihn einen Augenblick und versuchte irgendein Anzeichen zu entdecken, dass Kutcher log. „Wer war dieses andere Team?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete Kutcher und schüttelte den Kopf. „Sie waren jedenfalls zu viert – drei Männer und eine Frau. Sie haben das sehr professionell erledigt – rasch und gründlich.“ „Und du hast wirklich keine Ahnung, wer es gewesen sein könnte?“ „Nein.“ „Das ist doch Unsinn, Mike“, brauste Nowak auf. Er wandte sich Mia Johnson zu. „Und du?“ „Wir haben gerade darüber gesprochen, als du hier hereingeplatzt bist“, sagte Mia ein wenig gereizt. „Ach so, entschuldige, dass ich nicht angeklopft habe – aber ich hoffe, dass ihr Verständnis habt, dass ich im Moment ein klein wenig verärgert bin. Ihr schickt mich auf eine Mission, von der angeblich nur einige wenige Leute wissen, ich schalte den Grafen aus und drehe mich um – und da jagt mir dieses Miststück, das mich eigentlich unterstützen sollte, zwei Kugeln in die Brust.“ Nowak deutete mit dem Finger auf sich. „Von meinem Standpunkt aus ist es ziemlich eindeutig, dass mir jemand eine Falle gestellt hat. Du …“ – Nowak zeigte mit der Pistole auf Mia Johnson – „… hast gewusst, wie man so was einfädelt, und jetzt möchte ich wissen, was du für ein Motiv hattest.“ Mia Johnson stand abrupt auf. „Also, wenn du wirklich glaubst …“ „Setz dich sofort hin!“, rief ihr Nowak zu. „Nein, ich setze mich nicht hin! Und nimm endlich diese Pistole weg!“ „Setz dich hin, Mia, oder ich schwöre dir, dass ich …“ „Was denn? Dass du mich erschießt?“, fragte sie herausfordernd und trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich kenne dich, Mike. Ich weiß, dass du das niemals tun würdest. Du würdest nie auf mich schießen – und genauso weißt du, dass ich nie den Befehl geben würde, dich zu töten.“ Sie holte tief Luft und blickte ihm in die Augen. Nowak musterte sie aufmerksam. Ihr Gesicht war gerötet, und ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Er hatte noch nie erlebt, dass sie so aufgebracht war. Dass er ihr glaubte, lag letzten Endes daran, dass er ihr so gerne glauben wollte. Langsam zog er die Pistole zurück, bis der Lauf zu Boden zeigte, und nickte Mia zu. „Okay, dann sollten wir uns überlegen, wer es war.“ Es regnete an diesem Mittwochmorgen und hatte kühle elf Grad. Mia Johnsons Wagen fuhr auf der Independence Avenue nach Osten. Der Verkehr war dicht, da ganze Heerscharen von Beamten unterwegs waren, um rechtzeitig bis neun Uhr im Büro zu sein. Die Limousine rollte am Air and Space Museum vorüber und überquerte die 4th Street. Mia Johnson blickte aus dem Fenster auf die Scharen von Menschen hinaus, die unter ihren Regenschirmen auf grünes Licht warteten, um die Straße überqueren zu können. Normalerweise hätte sie die Fahrt von Langley auf den Capitol Hill für irgendeine Arbeit genützt, doch heute verzichtete sie bewusst darauf, weil sie über ein paar Dinge nachdenken musste. Die einzige gute Neuigkeit seit Samstag war, dass Mike lebte. Sie hätte auf seine dramatische Rückkehr und auf seine Zweifel an ihrer Integrität verzichten können – doch wie er ganz richtig bemerkt hatte, war es nicht sie, auf die man geschossen hatte. Mike musste sich immer wieder in Situationen begeben, in denen es um Leben und Tod ging – und das allein nötigte ihr großen Respekt ab. Er hatte einmal mehr gezeigt, zu welch unglaublichen Dingen er imstande war. Ohne die geringste Hilfe hatte er Deutschland verlassen und war in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, wo er in das Haus des CIA-Direktors eindrang, nachdem er dem CIA-Mitarbeiter, der das hätte verhindern sollen, den Kiefer zertrümmert hatte. Als Nowak sich schließlich beruhigte und zu ihnen setzte, berichteten sie ihm das wenige, das sie wussten. Er hatte jede Menge Fragen, auf die sie jedoch selbst noch keine Antworten gefunden hatten. Die Situation war ziemlich trist; Nowak war empört und Mia Johnson bestürzt über das, was sich zugetragen hatte. Nowak war kein Mensch, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt – und so gab er die Schuld an der Misere der Leiterin der Anti-Terror-Zentrale und Direktor Stansfield. „Ihr seid verantwortlich dafür, dass geheime Informationen nach außen gedrungen sind – und wenn ihr nicht herausfindet, was passiert ist, dann finde ich es für euch heraus.“ Vertrauen Mia Johnson wusste, dass etwas nach außen gedrungen war – doch das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war, dass Mike Nowak in Washington herumlief und allen möglichen Leuten auf den Zahn fühlte. Mia war überrascht, dass Stansfield ihn tatsächlich ermutigte, der Sache nachzugehen, während sie selbst Mike auf einen langen Urlaub geschickt hätte. Nachdem der Abgeordnete Rudin sie alle wie ein Habicht im Auge behielt, erschien es ihr nicht hilfreich, dass Nowak unnötig Aufmerksamkeit auf sich – und damit auch auf sie – lenkte. Was Stansfield ihr nicht mitgeteilt hatte, war der wahre Grund, warum er den Elefanten in den Porzellanladen lassen wollte. Sein Arzt hatte ihm am Tag zuvor mitgeteilt, dass sich die Metastasen viel schneller ausbreiteten als erwartet. Und Stansfield spürte tatsächlich, wie ihn die Krankheit innerlich auffraß. Mit jedem Tag wurde es ein wenig schlimmer. Es war nicht mehr eine Frage von Monaten, sondern nur noch von Wochen. Er musste die Dinge in Ordnung bringen, bevor seine Zeit zu Ende war. Er musste herausfinden, wer hinter den jüngsten Vorfällen steckte. Nowak war wohl in Deutschland das Ziel gewesen – doch irgendetwas sagte dem alten Direktor, dass diejenigen, die hinter der Sache steckten, ein viel größeres Ziel im Visier hatten. Es blieb nicht mehr genug Zeit, um subtil vorzugehen – es mussten möglichst rasch Lösungen her. Und wenn es etwas gab, in dem Nowak außerordentlich gut war, dann in der Kunst, effektive Lösungen herbeizuführen. Die Regierungslimousine passierte das Sam Rayburn House Office Building. Der dreistöckige Koloss war nach Samuel Taliaferro Rayburn benannt, einem Kongressabgeordneten aus Texas, der von 1912 bis 1961 dem Repräsentantenhaus angehörte und zuletzt auch mehrere Jahre als dessen Sprecher fungierte. In dieser Zeit passierte in Washington nur sehr wenig ohne Sam Rayburns Zustimmung. Abgeordneter Rudin hatte ein Büro im Rayburn Building, doch er verbrachte die meiste Zeit in einem zweiten Büro im obersten Stockwerk des Kapitols, das er gern als seinen Adlerhorst bezeichnete. Max Salmen, der Direktor der CIA-Operationsabteilung, pflegte gelegentlich die Bemerkung fallen zu lassen, dass dort oben kein Adler, sondern ein Aasgeier hause. Rudin hörte das gar nicht gern, doch genau das war ja auch Salmens Absicht. In den vergangenen Jahren hatte Salmen mehrmals betont, dass es seine einzige Mission vor dem Ruhestand sei, Rudin zu ärgern. Zunächst hatte sich Mia Johnson gewundert, dass Stansfield ihm das durchgehen ließ, bis ihr schließlich dämmerte, dass es für die Agency gar nicht so schlecht war, wenn Rudin seinen Hass auf Salmen konzentrierte. Sie wünschte sich jedenfalls, dass ihr das heute Morgen zugute kommen würde. Die Limousine hielt an einem Security-Checkpoint der Capitol Hill Police an. Nach einer kurzen Überprüfung wurden sie durchgewinkt. Mia Johnson stieg beim Eingang an der Südostseite aus, spannte ihren Regenschirm auf und ging durch den Regen auf das riesige neoklassizistische Gebäude zu. Nachdem sie eingetreten war, musste sie zuerst einmal die Metalldetektoren passieren. Das Erdgeschoss des Kapitols war zum Großteil von Sitzungszimmern und Büros besetzt und konnte von Besuchern nicht ohne entsprechende Genehmigung betreten werden. Die frei zugänglichen Bereiche lagen überwiegend in der Mitte des Gebäudes; dazu gehörten die Brumidi Corridors, die Hall of Columns und der alte Saal des Obersten Gerichts. Im Südflügel war das Repräsentantenhaus untergebracht, während im Nordflügel der Senat zu Hause war. Im ersten Stock befanden sich die Sitzungssäle für beide Häuser des Parlaments. Das imposanteste Detail des Kapitols, die Rotunda, von der man zur großen Kuppel aufblickte, lag ebenfalls im ersten Stock. Im zweiten Stock waren weitere Sitzungszimmer und Büros untergebracht, aber auch die Galerien, von denen aus Besucher den Senat und das Repräsentantenhaus in Aktion sehen konnten. Bis hierhin war das Haus in makellosem Zustand. Mia Johnson musste in den dritten Stock, der ihr ein bisschen wie das Stiefkind des Kapitols vorkam. Die Büros hier oben waren viel weniger ansprechend, hier und dort blätterte die Farbe ab, und Wasserflecken an den Decken waren nichts Ungewöhnliches. Besucher kamen nur selten hier herauf, was einer der Gründe war, warum hier der Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses untergebracht war. Mia ging an Büro H-405 vorbei, wo die Mitarbeiter des Ausschusses zu Hause waren. Sie öffnete eine der nachfolgenden Türen und trat in einen kleinen Warteraum ein. In dem Zimmer befanden sich zwei Personen – ein Polizeibeamter und ein Mitarbeiter, der Mia bat, Platz zu nehmen. Er griff zum Telefon und meldete, dass Dr. Johnson eingetroffen war. Der Mann hörte einige Augenblicke zu und legte dann auf. Er wandte sich Mia Johnson zu und sagte: „Es dauert noch ein paar Minuten.“ Mia Johnson nickte. Es wird wohl etwas länger als nur ein paar Minuten dauern, dachte sie bei sich. Der Abgeordnete Rudin war berüchtigt dafür, dass er CIA-Leute gern warten ließ. Sie blickte auf ihre Uhr – es war 8.56. Man hatte ihr gesagt, dass sie um neun Uhr hier sein sollte. Sie hätte sich sehr gewundert, wenn man sie vor Viertel nach neun hereingebeten hätte. Sie sollte Recht behalten. Um 9.24 Uhr bat man sie schließlich in den relativ kleinen Ausschusssaal, in dem es weder eine Galerie noch Plätze für Journalisten gab. Die sechzehn Mitglieder des Ausschusses – acht Demokraten, sieben Republikaner und ein Unabhängiger – saßen in zwei Reihen etwa drei Meter vor dem Tisch, an dem sie ihre Aussage machen würde. Dahinter standen noch ein paar Stühle für die Ausschussmitarbeiter, und an der Wand prangten die dreizehn Embleme jener Behörden, die zusammen die so genannte Intelligence Community bildeten. Wie im Ausschusssaal des Senats stand auch hier Sicherheit an erster Stelle. Das Zimmer wurde wöchentlich, manchmal sogar täglich von Technikern der National Security Agency nach Wanzen abgesucht. Mia Johnson legte ihren Terminplaner auf den Tisch, und als sie aufblickte, sah sie Michael O’Rourke auf sich zukommen. Der Kongressabgeordnete aus Minnesota war der einzige Unabhängige im Ausschuss. O’Rourke begrüßte sie und fragte sie, wie es ihrem Sohn gehe. Nachdem sie ein paar höfliche Worte gewechselt hatten, sagte O’Rourke schließlich: „Mia, ich muss Sie etwas fragen – und ich brauche unbedingt eine ehrliche Antwort von Ihnen.“ Mia Johnson musterte den jungen Politiker kurz. „Ich werde tun, was ich kann. Worum geht’s?“ „Sagt Ihnen der Name Mike Nowak etwas?“ Mia Johnson zögerte und blickte sich kurz im Zimmer um, ehe sie antwortete. „Vielleicht sollten Sie einmal nach Langley kommen – dann können wir uns weiter unterhalten.“ Sie wusste von Nowak, dass Brittany Share und O’Rourkes Frau eng befreundet waren. „Dann kennen Sie ihn also?“, fragte O’Rourke. „Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Johnson ausweichend und legte kurz die Hand auf seinen Arm. „Kommen Sie nach Langley, dann reden wir weiter.“ O’Rourke nickte. „Dann komme ich heute Nachmittag vorbei.“ „Gut. Rufen Sie in meinem Büro an und vereinbaren Sie einen Termin.“ O’Rourke war einverstanden und ging an seinen Platz zurück. Noch etwas, um das ich mir Sorgen machen muss, dachte Mia Johnson bei sich. Sie blickte auf und sah, dass Chairman Rudin stirnrunzelnd irgendein Schriftstück las. Er blickte von seinem erhöhten Platz auf sie herunter. „Sie dürfen sich setzen“, sagte er zu ihr. Der Abgeordnete Zebarth, der rangälteste Republikaner im Ausschuss, der neben Rudin saß, beugte sich vor. „Guten Morgen, Dr. Johnson. Danke, dass Sie so kurzfristig zu uns gekommen sind“, sagte er augenzwinkernd und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Zebarth war der Einzige im Ausschuss, der so lang wie Rudin in Washington war. Es gab nur wenige Politiker – noch dazu republikanische –, die mit Rudin gut auskamen, doch Zebarth gehörte einer Spezies von Politikern an, die mittlerweile im Aussterben begriffen war: Er konnte sich noch mit anders Denkenden darauf einigen, dass man eben in manchen Punkten uneins war, und danach mit dem Betreffenden gemütlich einen Manhattan trinken. Der redegewandte Abgeordnete aus Virginia konnte, wenn es sein musste, einen politischen Gegner förmlich zerlegen, ohne auch nur seine Stimme zu erheben. Die Republikaner hatten ihn in diesen Ausschuss berufen, weil sie ihn für den Einzigen hielten, der imstande war, mit dem verschrobenen Rudin fertig zu werden. Rudin ordnete irgendwelche Unterlagen und räusperte sich vernehmlich. Dann trank er einen Schluck Wasser, nahm seine Brille ab und sah Mia Johnson an. „Ich habe in letzter Zeit einige sehr beunruhigende Dinge aus Ihrer Agency gehört“, sagte er. Dr. Johnson sah ihn mit ausdrucksloser Miene an und wartete, dass Rudin sich präziser ausdrückte. Der Vorsitzende des Ausschusses sah ihr streng in die Augen, und sein Blutdruck begann zu steigen, als er feststellen musste, dass Mia Johnson sich offenbar nicht einschüchtern ließ. Es machte ihn immer wieder zornig, wenn diese Berufslügner aus Langley hier vor seinen Ausschuss traten und ihn zum Narren halten wollten. „Mrs. Johnson, würden Sie mir freundlicherweise erzählen, was vergangenes Wochenende in Deutschland passiert ist?“ Bevor Mia Johnson antworten konnte, warf Abgeordneter Zebarth ein: „Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste – aber wenn ich mich recht entsinne, heißt es nicht Mrs. Johnson, sondern Dr. Johnson, nicht wahr?“ Rudin murmelte irgendetwas Unverständliches und sagte schließlich: „Dr. Johnson, was ist vergangenes Wochenende in Deutschland vorgefallen?“ „Könnten Sie sich etwas genauer ausdrücken, Mr. Chairman?“ „Und ob ich das könnte – ich werde es aber nicht tun, weil Sie nämlich sehr gut wissen, wovon ich spreche.“ „Verzeihung, Mr. Chairman“, warf Zebarth mit verwirrter Miene ein, „ich habe ja keine Ahnung, ob Dr. Johnson weiß, wovon Sie sprechen, oder nicht, aber ich muss leider gestehen, dass ich selbst keinen blassen Schimmer habe.“ Rudin würdigte Zebarth keines Blickes. Er hasste den alten Schwätzer. Den Blick geradeaus gerichtet, sagte er: „Sie weiß genau, wovon ich spreche, und Sie werden es auch gleich wissen.“ Zu Mia Johnson gewandt, fügte er hinzu: „Also, Dr. Johnson, kehren wir zu meiner Frage zurück. Was ist vergangenen Samstag in Deutschland vorgefallen – und was hatte Ihre Agency damit zu tun?“ „Sprechen Sie von den Vorfällen rund um die Maschinenbaufirma Himmelhagen?“ „Ich spreche von der Ermordung von Graf Himmelhagen“, erwiderte Rudin mit Nachdruck. „Dazu kann ich Ihnen nicht viel sagen, was Sie nicht ohnehin schon wissen, Mr. Chairman“, gab Mia Johnson zurück. Rudin hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet und sah Mia Johnson direkt in die Augen. „Ich glaube Ihnen nicht.“ Auf der Seite der Republikaner erhob sich lautes Gemurmel. Rudin kümmerte sich nicht darum und fügte unnachgiebig hinzu: „Ich will, dass Sie diesem Ausschuss in allen Einzelheiten berichten, welche Rolle die CIA bei der Ermordung von Graf Himmelhagen gespielt hat. Und ich möchte Sie an eines erinnern: Wenn Sie hier die Unwahrheit sagen sollten, dann hätte das strafrechtliche Konsequenzen.“ Nun sahen auch die Demokraten ihren Vorsitzenden etwas verdutzt an. Es kam nicht oft vor, dass in diesem Saal eine so unverblümte Anschuldigung ausgesprochen wurde. „Also, ich weiß nicht recht …“, wandte Zebarth ein. „Dr. Johnson hat sich bisher diesem Ausschuss gegenüber immer sehr kooperativ verhalten – deshalb nehme ich doch an, dass unser eifriger Vorsitzender über Informationen verfügt, die er uns zuerst einmal mitteilen sollte, bevor wir hier Dinge aussprechen, die möglicherweise durch nichts gerechtfertigt sind.“ Rudin griff nach seinem Hammer und ließ ihn einige Male auf den Tisch knallen. „Ich habe Ihnen nicht das Wort erteilt!“, rief er entschieden. „Sie kommen schon noch an die Reihe.“ Von der rechten Seite kam ein ganzer Chor von Fragen. Jedes Mal, wenn sich Rudin wieder an Dr. Johnson wenden wollte, bat einer der Republikaner mit lauter Stimme um das Wort, um einen Antrag zur Geschäftsordnung vorzubringen. Dieses ungebührliche Verhalten war im Justizausschuss durchaus nichts Außergewöhnliches – doch hier im Geheimdienstausschuss kam so etwas normalerweise nicht vor. Selbst die demokratischen Abgeordneten fanden Rudins aggressives Vorgehen nicht ganz angebracht. Mia Johnson verfolgte die Szene schweigend. Sie ließ es sich nicht anmerken, dass Rudins unverblümte Frage sie doch ein wenig beunruhigt hatte. Das Orion-Team existierte nicht – und mit dem Tod von Himmelhagen hatte sie nicht das Geringste zu tun. Sie würde diese Unwahrheiten behaupten, so lange sie lebte. Es kam nicht in Frage, auch nur eine Winzigkeit zuzugeben – egal, wie eng es für sie werden sollte. Die große Frage war, ob Rudin bluffte oder ob er tatsächlich irgendwelche Informationen in der Hand hatte. Noch vor einer Woche hätte sie um alles in der Welt gewettet, dass er bluffte – doch jetzt, da sie wusste, dass es eine undichte Stelle gab, war sie sich nicht mehr so sicher. Mit zorngerötetem Gesicht rief Rudin über die vielstimmigen Einwände hinweg: „Dr. Johnson, beantworten Sie meine Frage! Hat die CIA irgendetwas mit der Ermordung von Graf Himmelhagen zu tun?“ Mia Johnson sah den zornigen Vorsitzenden mit ruhiger Miene an. „Soweit ich weiß“, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, „ist die CIA in keiner Weise in den Tod von Graf Himmelhagen involviert.“ Mia Johnson wusste, dass sie soeben eine Straftat begangen hatte. Es war nicht das erste Mal, und es würde bestimmt nicht das letzte Mal sein. Des Wahnsinns Grauen Fatty sprach ins Telefon und ein paar Sekunden später wurde Schuster in die Mitte einer fünfköpfigen Prozession gestellt. Braun bildete die Spitze mit einer Beretta 92. Er ging seitlich und zielte auf Schuster, der von der hässlichen Wulstlippe am linken Arm festgehalten wurde. Tetov ging dahinter mit der Fernbedienung des Elektroschockers in der Hand. Das Scarface mit der Stoppelfrisur ging zum Schluss. So durchquerten sie das Wohnzimmer, betraten die Eingangshalle und brachten ihn vor eine Holztür. Hinter der Tür befand sich eine nackte Betontreppe, die in den Keller führte. Braun ging bis nach unten, drehte das Gesicht zu den Wartenden und rief: „Ok!“ Die Anderen stiegen in den Keller hinunter. Die Treppe endete an einem schmalen Gang, in dem eine flackernde Neonröhre brannte. Hier unten musste die Garage sein, in der er angekommen war. Doch die war nicht der Bestimmungsort. Braun führte die Gruppe durch eine dicke Stahltür in einen nackten, fensterlosen Raum, dessen Fußboden, Decke und Wände strahlend weiß waren. Die Kamera in einer Ecke der Decke zeigte auf das einzige Möbelstück: Einen hochlehnigen Metallstuhl in der Mitte des Raumes, der an den Boden geschraubt war. An der Rückenlehne, den Armstützen und den Beinen waren Ledergurte befestigt, um den, der darauf saß, so zu fesseln dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Aus einer Wandsteckdose schlängelte sich ein schwarzes Kabel zu einem Kopfhörer, der an einem Haken an der Rückseite der Stuhllehne hin. Auf einem zweiten Haken steckte eine Rolle Klebeband. Auch hier gab es Leuchtstoffröhren an der Decke. Dem Stuhl gegenüber war ein großer flacher Kasten angebracht. Er hatte einen schwarzen Rahmen doch die größte Fläche, die dem Stuhl gegenüber lag, wird durchsichtig. Das Innere war weiß und ebenfalls mit Leuchtstoffröhren bestückt. Diese waren aber nicht eingeschaltet. In dem Raum war es nicht wärmer als zuvor. Schuster spürte fröstelnd den Schweiß auf seiner Haut. Er war benommen von den Stromstößen, die Gesichtsverletzung pochte am Rücken und an den Fußgelenken war er durch die Fußfesseln auch mit Schnitten übersäht. Er sehnte sich nach einem Schluck Wasser, um seinen Durst wenigstens ein bisschen zu lindern, doch genauso dringend wollte er pinkeln. Er hatte sich äußerst konzentrieren müssen, um sich während der Elektroschocks nicht zu bepissen. Jetzt spürte er die mahnenden Stiche seiner Blase im Unterleib. Er würde das Urinieren unterdrücken müssen. Fatty sollte nicht Zeuge werden, wie er sich bepisste. Scarface zog Schuster zu dem Stuhl und stieß ihn darauf. Dann schnallte er ihn an seiner Brust, der Taille und Oberschenkel fest. Er musste Schusters Beinfesseln entfernen, um diese an die Stuhlfüße zu fesseln. Der Elektroschockgürtel blieb jedoch, wo er war und die Fernbedienung in Tetov´s Händen. Braun hielt die ganze Zeit die Waffe auf ihn gerichtet. Es hatte keinen Zweck ein Risiko einzugehen, denn er hatte Wichtigeres zu tun! Wulstlippe hatte eine Uhr am Handgelenk, die Schuster verriet, dass es mittlerweile 01.10 Uhr war. Das war gut zu wissen. Die Gurtschnallen wurden hinter und unter dem Stuhl geschlossen. Er hatte auch den Laptop-Koffer dabei, nahm dieses heraus und gab es Schuster. Der Koffer wurde außerhalb seiner Reichweite auf den Boden abgelegt. „Ich überlasse Ihnen jetzt den Computer, damit Sie diesen öffnen und einschalten oder sonst was damit tun können, wenn meine Männer und ich den Raum verlassen haben und die Tür geschlossen ist. Wir werden in einem anderen Raum sein und Sie durch die Kamera an der Decke beobachten. Wenn Sie den Computer gestartet und das Passwort eingegeben haben, geben Sie ein Zeichen und wir werden wieder reinkommen, verstanden?“ Als Fattys Leute nacheinander den Raum verlassen hatten, schlüpfte auch er durch die Tür und knallte diese laut hinter sich zu. Jetzt konnte Schuster endlich anfangen, zurückzuschlagen! Zuerst musste er Laptop einschalten, indem er den Einschaltknopf drückte und darauf wartete, dass das Eingabefeld für das Passwort aufging. So, jetzt konzentrieren, denn es gab nur diese einzige Chance für ihn, den Peilsender im Laptop zu aktivieren. Er gab die Kombination ein: H-0-0-l-1-g-@-N-! Zum Glück konnte er das selbst im Schlaf. Für eine quälend lange Sekunde bleibt der Bildschirm schwarz, hektisch drückte Schuster auf die Leertaste, dann endlich erschien der bekannte Windows- Desktop mit etlichen Icons und in dem Plastikgehäuse versteckt, schickte ein kleiner Satelliten-Sender ein einzelnes Signal an Hartmann. Schuster drückte jetzt so oft wie möglich die Leertaste. Fatty hatte zwar bedingt recht, aber nicht so, wie er es dachte. Der Peilsender war soeben durch die Leertaste aktiviert worden und sendete je gedrückten Tastendruck ein Signal, egal ob der Kasten an oder aus war. Wenn alles gut ging irgendwie, dann würden seine Jungs ihn doch noch innerhalb der nächsten Stunden hier rausholen. „Einfach nur durchhalten, Brian. Du hast schon ganz andere Situationen geschafft!“ Er versuchte sich selbst zu motivieren. Dann schaute er an die Decke in die Kamera und reckte die Fäuste in die Höhe. Nach ein paar Minuten öffnete sich die weiße Tür und vier von den Russen kamen herein. Braun wie immer die Pistole schussbereit auf Brian gerichtet. Tetov nahm ihm den Laptop vom Schoß. „Danke Mister Cover!“ sagte er höhnisch grinsend. Schuster widerstand es, im etwas zu erwidern. Er musste es irgendwie schaffen, einen Weg aus der Gefangenschaft zu finden, sonst würde er sterben, wurde er sich plötzlich klar, als er das perfide Grinsen auf Brauns Gesicht sah. Vielleicht gab es sogar jetzt noch eine Chance vorher zu fliehen, wenn er nur aus diesem verdammten Stuhl raus käme. „Lassen Sie mich helfen, ich kann in das System eindringen!“ Er versuchte jetzt alles auf eine Karte zu setzen. Fatty, der wegen seiner grenzenlosen Dummheit. „Die Dateien interessieren mich einen Dreck!“ sagt er. „Ja und falls mich die Neugier packen sollte, kann ich jederzeit die besten Hacker der Welt kontaktieren, wenn ich möchte! Was mich jedoch brennend interessiert, will ich Ihnen verraten.“ sagte Fatty. „Ich will sie leiden sehen. Ich will das Sie so langsam und qualvoll, wie möglich sterben, denn Sie haben meine Frau gefickt! Es spielt keine Rolle, wie oder warum. Wenn sich nämlich herumspricht, dass Sie das getan haben und mit dem Leben davon gekommen sind, würden meine Freunde und meine Feinde, die in vielen Fällen identisch sind, das als Schwäche meinerseits ansehen.“ Er drehte sich zu Tetov um und gab eine Reihe von Anweisungen, die wieder einmal ein höhnisches Grinsen auf dessen Gesicht brachten. Tetov schob sich die Fernbedienung in die Hosentasche, trat an den Stuhl und stieß Schusters Kopf gegen die hohe Lehne. Er legte ihm einen Riemen um die Stirn und zog ihn so stramm, als solle sich das Leder in den Schädelknochen drücken. Ein zweiter Riemen wurde Schuster über den Mund gelegt und so straff befestigt, dass er erstens geknebelt wurde, und zweitens bei der kleinsten Bewegung, zu der noch imstande war, starke Schmerzen litt da ihm die lockeren Zähne und der angebrochene Kiefer gequetscht wurden. Jetzt hatte Schuster wirklich Angst. Als ihm die Handschellen abgenommen und die Arme an die Stuhllehnen geschnallt wurden, leistete er keinerlei Widerstand. Tetovs Bewegungen wirkten geübt. Seine sonstige Nervosität war der Ruhe eines Mannes gewichen, der tiefe Zufriedenheit aus seiner Arbeit bezog. Doch er hatte seine Aufgabe noch nicht zur Gänze erledigt. Zuerst griff er hinter den Stuhl nach dem Kopfhörer und setzte ihn Schuster auf. Es kam kein Laut heraus, nur die übrigen Geräusche wurden unterdrückt, so als wenn man sich die Finger in die Ohren stecken würde. Als nächstes zog er einen kurzen Klebestreifen von der Rolle und riss ihn mit den Zähnen ab. Dann beugte er sich herunter und drückte Schusters Lider herab. Schuster spürte die klebrige Haftung des Bandes am rechten Lid. Dann wurde es ruckartig nach oben gezogen und an der Stirn fest gedrückt. Das Auge war jetzt weit geöffnet. Schuster konnte nicht mehr blinzeln. Diese Prozedur machte Tetov danach mit dem anderen Lid. Dann verließ er den Raum. Schuster sah Tetov aus seinem Blickfeld verschwinden. Er hörte wie die Tür zugeknallt und die Riegel geschlossen wurden. Ein paar Sekunden lang, saß er nur nackt, frierend und bewegungsunfähig in der einsamen Stille seiner weißen Zelle. Dann verströmte der weiße Kasten an der Wand vor ihm schlagartig eine gleißende Helligkeit, die ihn in den weit geöffneten Augen brannte. Gleichzeitig erwachten die Kopfhörer zum Leben und beschallten seine Ohren mit einem weißen Rauschen von höchster Lautstärke. Es explodierte in seinem Schädel, füllte sein Hirn mit einem wahllosen Tosen, das weder Struktur noch Bedeutung hatte und das sein Verstand nicht verarbeiten konnte. Das Licht blendete ihn wie eine Lötlampe und es gab nichts, was er dagegen tun konnte! Brian Schuster saß in der Hölle. Lärm und Licht würden ewig währen. Er konnte die Augen nicht schließen, er konnte sich die Ohren nicht zuhalten, er konnte kein Lid bewegen, er konnte nicht einmal die eigenen Schreie hören! „Claudia, meine geile Stute! Wir haben ihn ungefähr eine Stunde da drinnen gelassen“ sagte Fatty freudig, als er zu ihr unter die Decke rutschte. „Dann sind unsere Leute in den Raum gestürmt und haben ihn von dem Stuhl losgemacht. Er war restlos verwirrt. Es war deutlich, dass er überhaupt nichts sehen konnte, so lange hatte er in dieses Licht sehen müssen. Er wedelte mit den Armen wie ein Blinder! Sie haben ihn in die Garage gebracht und an die Wand gestellt. Da stand er mit eingezogenem Kopf wie ein geprügelter Hund und stierte mit diesen aufgerissenen Augen umher, das Klebeband auf den Lidern. Es war fast wie in den alten Zeiten. Claudia versuchte, nicht hinzuhören. Es war einfach zu schrecklich. Darum dauerte es ein paar Sekunden, bis sie verstand, was Fatty gerade gesagt hatte. Es war wie ein Messerstich ins Herz, dachte sie doch, dass Schuster tot war und hörte nun, dass er noch lebte und im Haus war. Er blickte höhnisch zu Claudia. „Wie schon gesagt“ fuhr er fort. „hatten sie alle die Waffen in der Hand. Aber die waren nur mit Platzpatronen geladen. Sie gaben eine ganze Salve auf Schuster ab. Er kauerte sich an die Wand und brauchte eine volle Sekunde, bis er begriff, dass er noch am Leben war. Da hat er sich bepisst, wie ein Tier, also habe ich ihn natürlich gezwungen, auf allen Vieren durch seinen Urin zu kriechen. Ha, ha, ha, das war recht befriedigend.“ Schuster lebte noch, das war das wichtigste. Claudia konnte sich gerade noch zusammenreißen, um nicht von Fatty herunter zu rollen und sich erleichtert auf dem Bett auszustrecken. Doch in ihre Freude mischte sich ein guter Schuss Wut und Scham über die Qualen, die er ihretwegen erdulden musste. „Wo ist er jetzt?“ fragte sie Fatty und hob ihren Kopf. „Wieder in seinem Lieblingsstuhl im Keller unten“ antwortete dieser sichtlich amüsiert. Dabei stieß er ein hartes gackerndes Lachen aus und gab Claudia einen Schlag aufs Hinterteil. „Du bist wirklich eine Schlimme, komm lass uns jetzt ficken. Bei Dir werde ich im Gegensatz zu den andren Schlampen immer gleich hart!“ Nach einem stundenlangen Bett-Marathon blieb sie reglos liegen bis er eingeschlafen war. Am Allerliebsten hätte sie Fatty auf der Stelle umgebracht. Ihm sein Kissen auf sein selbstgefälliges Gesicht gedrückt, bis er erstickte. Doch er würde womöglich dabei aufwachen und sich wehren und das konnte sie sich jetzt nicht leisten. Endlich konnte sie ins Bad zum Duschen. Dabei weinte sie und schrie still vor Zorn in sich hinein. Nach dem Duschen schlich sie sich an den Nachttisch auf Fattys Bettseite, denn dort lag eine Pistole. Langsam zog sie die Schublade auf und nahm die Waffe heraus. Es war eine Sig-Sauer. Mit dieser in der Hand schlich sie aus dem Schlafzimmer raus ging runter in den Keller um Schuster zu befreien. Egal was passieren würde, wenn jemand einer von der Bande sie sah. Aber lieber wollte sie bei einem Versuch, Schuster zu befreien, sterben, als eine weitere Sekunde in dieser Hölle zu leben. War Schuster überhaupt in einem Zustand, um fliehen zu können? Konnte er sich den Weg nach draußen erkämpfen, wenn sie entdeckt werden würden? Egal, wichtig war, dass sie ihn sehen und in den Arm zu nehmen konnte. Nur das allein zählt im Moment für sie. Natürlich wurde die Vorfreude von der Angst untergraben, was Sie vorfinden würde, wenn Sie den Folterraum betreten würde. Sie müsste damit fertig werden. Claudia hatte noch das Nachthemd an, da alle Kleider, die im Haus waren, sowieso genauso offenherzig waren wie das Nachthemd, deswegen wollte sie keine Zeit vergeuden und ging barfuß auf Zehenspitzen durchs Haus. Es war niemand da. Es stank nur nach abgestandenem Rauch und dem verschütteten Schnaps dieser versoffenen Penner. Der Wächter würde im Kellergeschoss sein, in dem engen Techniker-raum neben der Folterkammer. Dort gab es ein Schaltbrett mit Knöpfen und Hebeln, wo der Wächter die Licht und Toneffekte regeln der Folterkammer regeln konnte. Ebenso gab es dort einen Monitor, der die Aufnahmen der Kamera an der Decke zeigte. Als Claudia vor der schweren Kellertür stand, dachte sie an das Schusstraining, dass sie mit Brian öfters absolviert hatte. Sie prüfte das Magazin und vergewisserte sich dass die Waffe durchgeladen war. Sie entsicherte sie, hielt sie beidhändig vor sich und ging vorsichtig die Treppe hinunter, bereit, sofort zu schießen. Sie glitt lautlos über den nackten Betonboden zur Tür des Technikraums und stieß sie nach innen auf. Claudia schlich seitwärts hinein, damit der Aufpasser die Pistole nicht sehen konnte. Sie hätte sich keine Sorgen zu machen, brauchen es war Rutchev mit seinen wulstigen Lippen und seine runder Schweinskopf war ihm auf die Brust gesunken. Das einzige Geräusch in dem Raum war sein schnaufender Atem. Claudia zögerte kurz und zielte dann aus einer handbreiten Entfernung auf seinen Kopf. Bemühte sich dabei, nicht zu zittern. Vor allem aber, den Willen aufzubringen, einen anderen Menschen kaltblütig zu töten und dann wurde ihr Blick zum ersten Mal vom Licht des Monitors angezogen. Sie drehte den Kopf und sah Brian gefesselt auf dem Stuhl sitzen. Mund und Augen offen, den Kopfhörer auf den Ohren. Es war die vollkommene Stille und seine Reglosigkeit, die ihr den größten Schrecken einjagte. Es musste unbegreiflich sein, was er zu erdulden hatte, doch man sah ihm gar nicht an, dass er litt. Selbst die Fähigkeit Schmerzen zu äußern, wurde ihm genommen. 10 Sekunden lang stand sie reglos da und starrte auf den Monitor, dann fuhr sie herum und jagte ohne einen Augenblick des Zögerns Rutchev zwei Kugeln in den Kopf. Ein paar Sekunden später schob sie die Riegel der Zellentür zur Seite. Brian Schuster wurde wie vom Ende eines unendlich langen Korridor, bewußt, dass etwas Neues mit ihm passierte. Eine wohltuende Dunkelheit hatte sich herabgesenkt und er spürte sanfte Hände. Warme Hände, die ihm Stirn und Wangen streichelten und ihm fiel auf dass sich sein Mund wieder bewegte und er überlegte, ob er sprechen konnte. Fatty wachte auf und sah, dass die Schlampe nicht neben ihm im Bett lag. Verdammt! Er sah auf seine Uhr und versuchte das beleuchtete Ziffernblatt zu begreifen. War sie etwa nach unten in den Keller gegangen? Sie hatte ihn ja gefragt, wo Schuster untergebracht sei. „Hinterhältiges Miststück!“ Er fluchte laut und sprang aus dem Bett. Als er die Kellertreppe hinter sich gelassen hatte, fiel ihm als erstes der beißende Gestank auf. Blutgeruch hing in der Luft. Er war schlagartig hellwach, sein Kater kuriert. Er rannte zum Technikraum. „Rutchev!“ schrie er laut. Die Tür zum Technikraum war nur angelehnt. Er bekam von dem Penner keine Antwort. Wo war der denn jetzt. Faules Pack, was er um sich hatte. Er hielt seine Knarre feuerbereit an der Schulter, als er den Technikraum betrat. Dann ließ er sie wieder sinken, als er die blutige Schweinerei sah, da wo Rutchev einmal sein Gesicht gehabt hatte. Aber wer hat ihn erschossen. Fatty dachte angestrengt nach. Versuchte sich zu erinnern, ob er irgendwelche Spuren eines Einbruches gesehen hatte. Aus dem Haus konnte das niemand getan haben. Es hatte auch keinen Streit unter seiner Bande gegeben, das hätte er mitbekommen. Nur noch der Bulle war da, aber nicht im Stande irgendetwas zu tun. Der war ja fertig. Da blickte er zufällig auf den Monitor, kniff sich die Augen zu und blickte noch einmal genau hin. Das Blut stockte ihm in den Adern, denn die dreckige Hure war gerade dabei den Bullen zu befreien! Claudia legte die Pistole im Technikraum ab und rannte durch den eisigen weißen Raum auf die Höllenschlüsselszene in der Mitte zu. Durch einen Tränenschleier hindurch konnte sie kaum etwas sehen, als sie Schuster vorsichtig das Klebeband von den Liedern zupfte und ihm sagte, dass er wieder die Augen schließen könnte. Sie nahm ihm den Kopfhörer weg und löste die Ledergurte. Dann begann sie ihm am Kopf zu streicheln, da wo er es am meisten liebte. Sie arbeitete sich nach unten durch. Nur dieser Elektroschockgürtel hatte ein Vorhängeschloss. Mist! „Das war’s, Schlampe!“ ertönte plötzlich direkt hinter ihr die Stimme von Fatty und als sie sich erschrocken umdrehte, klatschte auch schon seine Faust gewaltig auf ihre Nase, die mit einem hörbar lauten Knack brach. Dann wurde es dunkel um Claudia! Von Rindern und Eseln Ein weiterer verbrauchter Tag. Das Wissen, dass da draußen ein verrückter Mörder herumlief, der sie schon dreimal genarrt hatte, ließ ihn kaum schlafen. Zusammen mit seinen Albträumen würde er das nicht mehr lange durchhalten. Vielleicht sollte er endlich einsehen, dass er nicht mehr der Alte war, und den Fall an Chris übergeben. „Was ist eigentlich mit Benny?“, riss ihn Mikaela aus seinen Gedanken, während sie sich mit ihren Stäbchen einen Shiitake-Pilz aus dem Reis fischte. „Er hat mich vor einer Stunde angerufen und irgendetwas von Besuch und Erledigungen erzählt“, erklärte Dennis. „Er kommt nach dem Essen.“ „Besuch?“, fragte Mikaela. „Wer geht freiwillig in diese Wohnung?“ „Er ist nicht der einzige Nerd auf der Welt.“ „Ist zu befürchten.“ „Ich mag ihn.“ Chris Hartmann brachte frischen Reis aus der Küche. „Er ist noch jung, hat ein paar Macken, aber ohne seine Hilfe wären wir schon mehrmals mit unseren Ermittlungen im Sand verlaufen, oder?“ „Paar Macken ist gut“, bemerkte Mikaela. „Da ist er nicht der Einzige hier.“ Chris zwinkerte ihr zu. Mikaela zeigte ihm ein breites Lächeln und machte sich über den Reis her, als es klopfte. „Wenn man vom Teufel spricht.“ Chris öffnete die Tür. Der große Mann hatte schon viel Kurioses gesehen, aber auf diesen Anblick war er nicht vorbereitet. Sein Mund blieb offen stehen, als der junge Hacker in die Wohnung kam. Sein wild sprießendes Haar war kurz geschnitten und mit feinen Strähnen versehen. Er trug dunkle Sneaker, eine leicht verwaschene Jeans und ein lachsfarbenes Hemd, dessen Ärmel aufgerollt waren. Seine Digitaluhr war durch eine silberne Uhr mit dunklem Ziffernblatt ersetzt. Sein Versuch, sich einen Bart wachsen zu lassen, war einem Rasierer zum Opfer gefallen. Chris vermeinte sogar ein Hauch von Aftershave zu vernehmen. Benny war top gestylt, einzig sein mürrisches Gesicht passte nicht zu alldem. Ohne einen Gruß ging er an Chris vorbei und setzte sich auf einen Sessel. Es war totenstill in dem Raum. Chris verharrte neben der Tür, als hätte er in die Augen der Medusa geblickt. Dennis starrte unsicher auf das Bier in seiner Hand, nur Mikaela durchbrach sie Stille, indem sie den Reistopf fallen ließ, der scheppernd auf dem Boden herumrollte. Dennis begann das Gespräch. „Äh?“ „Was …“, ergänzte Chris. Seine Starre verschwand. Er schloss die Tür und setzte sich neben Mikaela, ohne Benny aus den Augen zu lassen. Die Rechtsmedizinerin musterte den jungen Mann von oben bis unten. Dann lehnte sie sich zurück und begann laut zu lachen. Chris konnte sich einen Augenblick länger beherrschen, dann vergrub er sein Gesicht in einem Kissen. Während Mikaelas Lachen laut durch das Wohnzimmer hallte, kamen von Hartmann kurze Lachattacken, als würde er in das Kissen beißen. „Arschlöcher“, sagte Benny, was Mikaela nur lauter lachen ließ. Sie lehnte sich an Chris und schlug auf seine Schulter, während ihr Tränen die Wangen herunterliefen. Ihr Lachen war ansteckend. Dennis hatte sichtbar Mühe, sich zu beherrschen. Er biss sich auf die Lippe, ballte die Fäuste und sah zu Boden. Mikaela versuchte etwas zu sagen, aber jedes Mal, wenn sie ihren Blick zu Benny richtete, überwältigte sie ein erneuter Anfall. Chris Kissen vor dem Mund würde den Abend nicht überleben, so sehr bebten die Schultern des großen Mannes. Benny stand mit verkniffenem Gesicht auf, stellte den Beamer auf den Tisch und startete seinen Laptop. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und nahm wieder Platz. Er saß auf dem Sessel wie ein bockiges Kind, das seine Suppe nicht essen wollte. Zwei Minuten später hatte Chris das Kissen von seinem Gesicht genommen, und Mikaela hatte aufgehört, auf die Schulter des großen Mannes zu hauen. Dennis wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht und war als Erster wieder in der Lage zu sprechen. „Verzeihung“, versuchte Dennis zu schlichten. „Es war nicht nett, dass wir gelacht haben, aber deine … Wandlung hat uns überrascht.“ „Wäre ich nie draufgekommen“, fauchte Benny. „Friede, mein Freund“, sagte Chris. „Sag uns, was passiert ist.“ Mikaelas Lachen war zu einem Kichern abgeebbt. „Meine Schwester ist wieder in München.“ „Ok“, sagte Chris lang gedehnt. „Ein oder zwei Hinweise brauche ich noch.“ Benny gab seine störrische Haltung auf und nahm sich ein Bier vom Tisch. Es musste wohl sehr schlimm sein. Er hasste Bier. „Linda studiert an der Universität der Künste in Hamburg Mode. Sie arbeitet außerdem noch für zwei Designer und reist die meiste Zeit durch die Welt. Wenn sie mich besucht, fühlt sie sich als die Ältere verpflichtet, mich zu bevormunden. Sie ist schlimmer als meine Mama. Ich musste die Wohnung durchlüften, die Pizzakartons entsorgen und die leeren Flaschen zurückbringen.“ Benny trank einen Schluck Bier und verzog angewidert das Gesicht. „Ich war eine Stunde an dem verdammten Leergutautomaten.“ Das Gespräch wurde durch einen erneuten Kicheranfall von Mikaela unterbrochen, was der junge Hacker mit einem giftigen Blick quittierte. „Sie hat mich zum Hairstylisten geschleppt, der mir diese komische Frisur verpasst hat. Dann ging es weiter zu einem trendigen Herrenausstatter und in ein Schuhgeschäft, bis wir schließlich in einem Vegan-Restaurant Spaghetti aus Zucchini gegessen haben.“ Benny trank wieder einen Schluck Bier. „Deshalb sehe ich so aus.“ „Du hast eine Wandlung zum Positiven gemacht“, sagte Chris. „Der Besuch deiner Schwester hat sich gelohnt.“ „Findest du? Sie hat sogar meine Unterwäsche durchwühlt und eine paar meiner Lieblingsstücke entsorgt. Manche von denen waren regelrecht antik.“ „So genau will es nicht wissen“, sagte Mikaela und zog ihr Zigarettenetui hervor. Sie hatte sich fast wieder im Griff. Ihr Kichern wurden weniger. „Kümmern wir uns um unseren Serienmörder“, wechselte Dennis das Thema. „Dazu gehen wir zurück zu Opfer Nummer 1: Dr. Valburg. Hier nochmal kurz zur Erinnerung der Ablauf: Am 20. September 2016, also vor knapp einer Woche wurde den Kollegen von einem Friedhofswächter gemeldet, das bei einem Grab, das für eine Beerdigung vorbereitet und ausgehoben wurde, bei einem Kontrollgang festgestellt wurde, das die Grube wieder zur Hälfte mit Erde gefüllt war. Da dieser Friedhofsmitarbeiter am Vortag bei genau diesem Grab zur Aushebung dabei gewesen war, kam ihm das komisch vor und er fragte bei Kollegen nach. Diese teilten ihm mit, dass lt. PC ein Dr. Valburg dort beigesetzt wurde. Da unser aufmerksamer Friedhofsmitarbeiter sich jedoch sicher war, das das nicht sein konnte, ging er zusammen mit einem Kollegen, der ebenfalls am Vortag bei Aushub dabei war zurück zu dem Grab. Beide beschlossen kurzfristig, das Ganze zu überprüfen und packten spontan ihre Schaufeln aus um die lockere Erde die zur Hälfte gefüllt war, vorsichtig auszuschaufeln.“ „Mama mia“ Mikaela schüttelte den Kopf. „Bei Ausbuddeln hatte einer der beiden Friedhofsjockels dann einen Widerstand mit seiner Schaufel beim Herausziehen derselben gespürt. Nach festerem Ziehen sah er zu seinem Entsetzen, das an der Schaufel ein menschlicher Arm festhing. Vor Schreck ließ er die Schaufel ins Grab fallen. Daraufhin rannten die beiden in Ihr Verwaltungsgebäude zurück und veranlassten, das wir angerufen wurden. Soviel zum anlauf bis zum Auffinden der 1. Leiche. Noch Fragen bis dahin?“ Benny schaute gespannt in die Runde. „Wissen wir, wie der Killer die Leiche von Dr. Valburg auf den Friedhof gebracht hat?“ begann Chris. „Deine Kollegen haben die Lösung gefunden.“ Benny projizierte das Verwaltungsgebäude des Friedhofs an die Wand. „Der Mörder ist an einer schwer einzusehenden Stelle über die Mauer geklettert, hat sich bis zum Verwaltungsgebäude durch die Büsche geschlagen und dort die Scheibe mit einem Glasschneider entfernt.“ „Wie ist er dort hineingekommen?“, fragte Mikaela. „Ich dachte, der Friedhof wird voll überwacht.“ Benny drückte eine Taste auf seinem Laptop, und eine Luftaufnahme erschien. Den größten Teil des Bildes nahmen Bäume ein. „Ist das der Friedhof?“, fragte Chris. „Sieht eher aus wie ein Stadtwald mit großem See.“ „Deshalb heißt er auch Waldfriedhof, und genau das war das Problem“, erklärte Benny. „Selbst die ganze Polizei von München hätte nicht jede Stelle der fast 150.000 Quadratmeter überwachen können.“ „Wurde das Verwaltungsgebäude nicht überwacht?“, fragte Chris. „Den Vordereingang. Für mehr gab es keinen Grund.“ „Der Mörder fand leicht Zugang zum Computersystem, weil der Friedhofsleiter seinen Code aufgeschrieben hatte. Und selbst wenn nicht, das System ist uralt und 1234 ist nicht wirklich ein sicheres Passwort.“ Benny seufzte, als wäre solche Dummheit nur schwer zu ertragen. „In der Nacht hat er das Begräbnis von Moritz Bleibtreu ins System getippt, sodass die Friedhofsmitarbeiter auf ihre Liste gesehen und sich nichts weiter dabei gedacht haben.“ „Ist keinem aufgefallen, dass der Name Dr. Bernhard Valburg lautet und als Ort ein bereits bestehendes Grab eingetragen ist?“, fragte Mikaela. „Leider nicht.“ Dennis kratzte sich verlegen am Kopf. „Wir haben das Grab sofort abgeschirmt und selbst die Friedhofsmitarbeiter nicht hingelassen. Außerdem haben wir den Namen unter Verschluss gehalten, aus Angst, dass einer von ihnen plaudern könnte. Es waren wenige eingeweiht. Die für das Begräbnis zuständigen Männer gehörten nicht dazu.“ „Das hätte ich auch geschafft“, sagte Chris, „aber wie hat er die Leiche auf den Friedhof bekommen, wenn alle Eingänge bewacht waren?“ „Er hat einen Schwachpunkt ausgenutzt.“ beantwortete Benny weiter. „Welchen?“, fragte Dennis. „Die Leichenwagen.“ Benny schaute alle an, als wäre diese Lösung absolut selbstverständlich. „Natürlich.“ Dennis schlug sich an die Stirn. „Nehmt ihr uns mit?“, fragte Chris. „Ich kann nicht folgen.“ „Es sollte kein Verdacht erregt werden, also durfte der Betrieb des Friedhofs nicht zum Erliegen kommen“, erklärte Benny. „Die Wachen kennen ja alle Kennzeichen der Leichenwagen, die sie dann auch passieren lassen, ohne weiter zu kontrollieren.“ „Natürlich, natürlich, wer sollte auch auf die absurde Idee kommen, dass in Leichenwagen irgendwelche Leichen transportiert werden sollen…“ Als Mikaela in die Runde der verdutzten Gesichter der Kollegen blickte, fiel ihr auf, was sie gesagt hatte. „Io sono stupida, va bene. Natürlich meinte ich falsche Leichen, ihr Vollpfosten. Mir ist schon klar, das in Leichenwagen üblicherweise Leichen transportiert werden, ts ts“. „Also hat er einen Leichenwagen geklaut“, stellte Dennis fest. Benny drückte wieder eine Taste auf dem Computer. Die Luftaufnahme zoomte näher an den Eingang. „Laut Protokoll öffnete sich um 01.14 Uhr das Vordertor, und ein registrierter Leichenwagen verließ das Gelände. Er fuhr nordöstliche Richtung die Fürstenrieder Straße entlang und bog dann nach rechts in den Waldfriedhofstraße ein. Einunddreißig Minuten später kam er denselben Weg wieder zurück, passierte die Zivilbeamten in der Nähe des Verwaltungsgebäudes und verschwand im Friedhof. Dr. Valburg wohnte übrigens in der Würmtalstr. 97 in München. Das sind knapp 3 km Entfernung zwischen dem Waldfriedhof und dem Haus von Valburg. „Mit der Leiche von dem feinen Dr. Valburg.“, ergänzte Chris. „Das passt zum Todeszeitpunkt“, sagte Mikaela. „Etwa um Mitternacht.“ „Hat er das Auto geknackt?“, fragte Chris. „Oder wie ist er in den Besitz eines Leichenwagens gekommen?“ „Er hat den Schlüsselkasten im Verwaltungsgebäude aufgebrochen. Dann hatte er die freie Auswahl. Weiterhin haben die Leichenwagen automatische Toröffner neben dem Fahrersitz. So musste er nicht aussteigen, als er mit der Leiche wieder zurückgekommen ist. Er hat den Wagen an seinen Platz gestellt, den Toten zum Grab gebracht und ist dann nach fertiger Arbeit verschwunden.“ „Gab es Spuren im Wagen?“, wandte sich Dennis an Mikaela. „Die Kollegen sind noch dran. Wenn man die bisherige Sorgfalt des Grabmörders bedenkt, würde ich mir wenig Hoffnung machen.“ „Und an der Leiche?“ „Nichts. Auch Dr. Valburg wurde mit einem Hammer wie seine beiden Nachfolger erschlagen. Keine Drogen, Gifte oder Betäubungsmittel. Er war bei vollem Bewusstsein.“ „Vergiß seine Finger nicht?“ erklärte Benny lehrerhaft. „Ach richtig seine Finger, sehr gut aufgepasst Bennylein! Was bist Du nur für ein niedlicher kleiner Klugscheißer. Herr Kommissar, darf man einen Klugscheißer versehentlich das Nasenbein brechen?“ Mikaela guckte Dennis unschuldig an. „Also die Finger wurden mit einer Garten- oder Geflügelschere abgetrennt. Das muss auch erst beim Friedhof passiert sein, da die Finger genauso wie der Beutel mit der Lunge neben dem Grab im Gebüsch lagen“ „Wow, und das alles bei vollem Bewusstsein? Was ne angefahrene Scheiße…“ Chris meldete sich auch mal wieder zu Wort. „Langsam wird mir das unheimlich“, sagte er weiter. „Erst die Finger und die Lunge, jetzt die Zunge. Und Ihr glaubt nicht, dass der Typ irre ist?“ „Irre ist er schon“, erklärte Dennis. „Aber Sadist dazu. Sonst hätte er dem Opfer wohl kaum die Finger noch abgeschnitten.“ „Und was bedeutet das?“, fragte Benny. „Wahrscheinlich hatte Landgraf seine Finger zusätzlich zu dem Betrug auch noch beim Organhandel voll mit drin, wo sie nicht hätten sein dürfen“, sagte Mikaela. „Daher schnipp-schnapp.“ „Fesselspuren?“, fragte Dennis. „Nope.“ „Abwehrverletzungen?“ „Ebenfalls Fehlanzeige.“ „Das kann doch nicht wahr sein“ Chris unterdrückte das Bedürfnis, seine Flasche an die Wand zu werfen. „Mark Landgraf kam doch gerade erst aus dem Gefängnis raus und war dann gleich untergetaucht und vorsichtig. Woher wusste er, wo die Opfer wohnten?“ „Die Spurensicherung nimmt noch den Leichenwagen auseinander“, sagte Benny. „Vielleicht finden sie einen Hinweis, wo das Auto hingefahren ist. Das Navi hat der Mörder nicht benutzt.“ Dennis lehnte sich in dem Sessel zurück. „Mir gehen die Ideen aus. Benny kannst Du bitte bis morgen, die kompletten Dossiers der Opfer, und zwar aller drei Opfer zusammenstellen?“ „Bisher haben wir zwar vage Motive für die Morde an Dr. Bernhard Valburg und Moritz Bleibtreu, wenn wir davon ausgehen, dass Mark Landgraf der Mörder ist, wo aber ist der Bezug und vor allem der Zusammenhang zu Matthias Friedman, den wir bisher nicht berücksichtigt haben.“ Chris sah fragend in die Runde. „Jops, mach ich glatt. No Prob. Das mache ich nebenher wenn ich mich um die Blitzer und Überwachungskameras in der Stadt kümmere“, sagte Benny. „Vielleicht ist irgendwo unser Leichenwagen zu sehen.“ „Jetzt ist er nicht nur Vorwitzig unser Mister Klugscheißer sondern haut sogar noch einen drauf. Mr. Bennylein, langsam mache ich mir um Deine Gesundheit Sooooorgen, große Sorgen“ schnurrte Mikaela geheimnisvoll „Aber wie Du ja weißt, trinke ich sehr gerne Prosecco…“ fügte sie süffisant noch hinterher. „Seniora Ricci, das weiß ich doch und Dir bereits beim Italiener am Augustiner Platz online einen Tisch incl. allem reserviert. Und sogar schon bezahlt“ jetzt grinste Benny über beide Backen. „Und wie hast Du das bezahlt, Kollege Hacker?“ fragte Dennis. „Ähm, naja. Ok, ich gebe zu, ich habe mir kurz die Online Daten vom Dr. Valburg, so-zu-sagen…“ alle schauten ihn an. „…ausgeliehen?“ fügte er mehr fragend hinzu. „Alter, das habe ich jetzt aber nicht gehört!“ Chris schlug ihn auf die Schulter. „Lass mal gut sein, ich gebe eine Runde aus. Und zahle in bar! Aufi geht´s“. „Ich bin eigentlich durch“, sagte Mikaela. „Mehr Untersuchungen gehen nicht, aber ich schicke meine Ergebnisse einem Kollegen, der fast so gut ist wie ich. Vielleicht hat der noch eine Idee.“ „Du hast doch von Pokerrunden erzählt, die Matthias Friedman organisiert hat“, sagte Chris. Dennis nickte. „Ich habe einen alten Bekannten, der ein leidenschaftlicher Zocker ist.“ „Wer?“, fragte Dennis. „Becks.“ „Becks?“ Mikaela zog die Augenbraue hoch. „Wie das Bier?“ „Keine Ahnung, wie er zu dem Namen gekommen ist.“ „Wer ist der Typ?“ „Ein Zuhälter und Genießer. Fährt einen Maserati mit Champagnerkühler statt Handschuhfach.“ „Wie bescheiden“, sagte Mikaela. „Auch nicht mein Fall.“ „Der Maserati?“ „Der Champagnerkühler.“ „Haust du ihm zur Begrüßung auch eine auf die Birne?“ Chris sah missbilligend zu Mikaela. „Das wäre nicht gut für meine Gesundheit, aber wenn es in München eine große Runde gibt, ist Becks dabei. Dann kennt er auch Matthias Friedman.“ „Na dann, los jetzt ich habe Durst…“ Dennis schaltet mit diesen abschließenden Worten das Licht im Büro aus, bevor diese Diskussionen endlos weitergehen. Falsche Freunde Das Gesicht kam ihm vertraut vor. Ganz sicher konnte er sich nicht sein, weil die Augen des Mannes geschlossen waren – doch er sah ganz eindeutig einem der Männer ähnlich, die er in Colorado gesehen hatte. Mike Kutcher blickte auf den Monitor und blinzelte kurz. Es war später Vormittag, und sie befanden sich in Michael Drummers Wohnung in Judithesda. Der Computer-Experte der Anti-Terror-Zentrale hatte sich mit Zustimmung von Mia Johnson krankgemeldet. Sie hatte ihm ferner die Anweisung gegeben, Nowak zu unterstützen und sich bei dem, was er tat, nicht erwischen zu lassen. Es war nichts Ungewöhnliches, dass jemand in Washington eines gewaltsamen Todes starb. So etwas kam immer wieder vor. Ungewöhnlich an diesem Fall war jedoch die Anzahl der Kugeln, die abgefeuert worden waren, sowie die Tatsache, dass sie aus schallgedämpften Waffen stammten. Drummer hatte den Bericht in den Abendnachrichten gesehen. Die Polizei, die den Fall bearbeitete, hatte sich an die Anti-Terror-Zentrale gewandt, um prüfen zu lassen, ob vielleicht irgendwelche terroristischen Gruppen mit der Sache zu tun hatten. Kutcher beugte sich über Drummers Schulter. „Gibt es noch andere Fotos?“ „Mal sehen“, antwortete Drummer und klickte mit der Maus eines der Symbole an. Mit seiner High-Speed-Verbindung dauerte es nicht einmal eine Sekunde, bis ein zweites Foto heruntergeladen war. Es zeigte den Toten, wie er zwischen zwei geparkten Autos auf der Straße lag. „Er muss ein ziemlicher Riese gewesen sein“, stellte Drummer fest. „Ja, der Mann in Colorado war auch ein richtiger Kleiderschrank“, sagte Kutcher und blickte angestrengt auf das Foto. „Ich glaube, das ist er. Gibt es irgendwelche Angaben über den Mann?“ „Ich sehe mal nach“, sagte Drummer und machte sich an die Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis er fündig wurde. „Tut es der Autopsiebericht?“ „Auf jeden Fall“, sagte Kutcher und begann den Bericht am Bildschirm zu lesen. Der Name des Verstorbenen war mit Todd Sherman angegeben; außerdem stand da, dass er einen Meter fünfundneunzig groß war und hundertdreißig Kilo wog. „Ich glaube, das ist er.“ Nowak kam aus der Küche herein. „Wer ist was?“, fragte er. „Der Mann, der gestern in College Park erschossen wurde … ich glaube, das ist einer der Jungs, die das Ehepaar Kubicki auf dem Gewissen haben.“ „Lass mich mal sehen.“ Kutcher trat zur Seite, und Nowak beugte sich über Drummers Schulter. „Todd Sherman. Kannst du mir mal zeigen, wie er aussieht?“ „Kein Problem.“ Wenige Augenblicke später erschien auf dem Bildschirm das Foto, das den Toten zwischen den Autos zeigte. „Hast du auch ein Bild von seinem Gesicht?“ Kurz darauf war das erste Foto zu sehen. Nowak neigte den Kopf zur Seite und studierte das Bild einige Augenblicke. „Kommst du von hier aus in die Seven Dwarves hinein?“ Nowak meinte die sieben Cray-Supercomputer, die im Keller in Langley standen. Drummer lächelte. „Ich komme von hier aus überall rein.“ „Schön. Dann tu mir den Gefallen.“ Drummer setzte sich an einen zweiten Computer und begann auf die Tastatur einzuhämmern. Nowak wandte sich unterdessen Kutcher zu. „Mir scheint, ich kenne den Burschen.“ „Von wo?“ „Von einer Operation in Frankreich. Ich wurde da von einem Kerl unterstützt, der einmal für die Agency gearbeitet hat. Und dieser Mann da hat für den Kerl gearbeitet … ein richtiger Kleiderschrank. Sein Boss hatte den Spitznamen ›Franzmann‹.“ „Ich bin drin“, meldete Drummer. „Soll ich unter Todd Sherman nachsehen?“ „War das der Name im Autopsiebericht?“ „Ja.“ Nowak dachte kurz nach. „Ich glaube kaum, dass das sein richtiger Name ist, aber versuchen können wir es ja.“ Drummer machte sich an die Arbeit. Der Computer fand einunddreißig Todd Shermans. „Soll ich die Suche eingrenzen?“ „Ja.“ Drummer grenzte das Alter ein und fügte außerdem eine kurze Beschreibung des Mannes hinzu. Die Liste wurde daraufhin auf elf Einträge reduziert. Nowak und Kutcher holten sich jeder einen Stuhl, während Drummer das Material durchging. Bis auf zwei Einträge waren überall Fotos dabei – und die beiden Männer ohne Foto waren schon über sechzig Jahre alt. „Versuch’s mal mit Kyle“, sagte Nowak. „Das war einer seiner Kontaktnamen.“ „Als Vor- oder Zuname?“ „Das weiß ich nicht. Gib es als Deckname ein; mal sehen, was passiert.“ Drummer tat wie ihm geheißen, und sagte schließlich: „Ich glaube nicht, dass dir das gefallen wird, was wir hier bekommen.“ Die Suche förderte nicht weniger als 1462 Einträge zutage. „Scheiße“, murmelte Nowak frustriert. „Da sind bestimmt mehr als eine Milliarde Dossiers in diesem System.“ „Ist das dein Ernst?“ „Und ob.“ „Wie kann es so was geben?“, fragte Kutcher. „Ganz einfach. Sie haben Leute aus der ganzen Welt da drin, und es reicht mindestens hundert Jahre zurück.“ „Dann lassen wir uns mal ein paar Suchkriterien einfallen, damit wir die Sache ein wenig eingrenzen“, sagte Nowak und beugte sich vor, um besser auf den Bildschirm sehen zu können. Der Van der Teppich-Expressreinigung fuhr an der Washington Cathedral vorbei, überquerte die Massachusetts und die Wisconsin Avenue und rollte dann den Hügel hinunter. Nach vier Blocks bog er rechts ab und hielt vor einem großen Wohnhaus an. Zwei Männer stiegen aus, und der dritte blieb hinter dem Lenkrad sitzen. Sie trugen Lederhandschuhe und hellblaue Overalls mit dem Firmenlogo links auf der Brust. Beide Männer trugen außerdem Baseballmützen, Sonnenbrillen und Gürteltaschen. Der kleinere der beiden hatte ein Klemmbrett in der Hand. Die beiden Männer traten in den Eingangsbereich des Apartmenthauses, und der größere der beiden hob den Hörer des Sicherheitstelefons ab und begann die Liste der Mieter durchzugehen. Als er den Namen der Frau fand, wählte er die Nummer ihrer Wohnung und ließ es mehrmals klingeln. Nicht dass er erwartet hätte, dass jemand abhob. Der zweite Mann zog beiläufig eine so genannte Lock-Pick-Pistole aus der Tasche, steckte sie ins Schloss und schirmte das Werkzeug mit dem Klemmbrett vor eventuellen Blicken ab. In weniger als fünf Sekunden hatte er die Tür geöffnet. Der andere Mann hängte den Hörer ein, und sie betraten die Vorhalle. Sie gingen an den Aufzügen vorbei und stiegen die Treppe bis in den dritten Stock hinauf. Bevor sie das Treppenhaus verließen, warfen sie einen kurzen Blick auf den Gang hinaus. Das Einzige, was sie jetzt noch aufhalten konnte, war ein neugieriger Nachbar. Sie hatten keine Ahnung, wer ihr Auftraggeber war. Das Geschäft war durch einen einfachen Telefonanruf abgewickelt worden; sie hatten lediglich einen kurzen Hinweis erhalten, worum es ging und wo sie den Umschlag abholen sollten, der einige Angaben zur Zielperson und eine Liste der Dinge, die der Auftraggeber von ihnen haben wollte, enthielt. Außerdem fanden sie in dem Umschlag zehntausend Dollar in druckfrischen Hundert-Dollar-Noten. Das war das Doppelte ihres herkömmlichen Honorars, und wenn man bedachte, um wen es sich bei der Zielperson handelte, war der Betrag durchaus gerechtfertigt. Sie wussten, wer die Frau war; sie hatten sie des Öfteren im Fernsehen gesehen. Wenn man bedachte, was sie für einen Job ausübte, so konnte man sich auch denken, worum es bei dem Auftrag ging. Wahrscheinlich war irgendein steinreicher Typ nicht allzu erfreut über eine Geschichte, an der sie arbeitete – und so wollte er sich eine kleine Versicherung verschaffen, damit die Sache nicht brenzlig werden konnte. Sie hatten solche Jobs schon öfter erledigt. Schließlich hatte fast jeder irgendetwas zu verbergen. Die Chancen, dass sie demnächst nach Hause kommen würde, waren gering – und wenn es doch so sein sollte, gab es immer noch ein paar Leute in der Nähe des Weißen Hauses, die sie warnen würden. Sie verließen das Treppenhaus und schlichen auf leisen Sohlen den Korridor entlang. Als sie zur Wohnungstür kamen, machte sich der kleinere der beiden wieder an die Arbeit. Diesmal benötigte er acht Sekunden, um die Tür zu öffnen. Die beiden Männer betraten die Wohnung und schlossen die Tür hinter sich. Der größere der beiden legte die Sicherheitskette an und spähte durch das Guckloch, um zu sehen, ob vielleicht irgendein Nachbar auf sie aufmerksam geworden war. Nach zehn Sekunden zog er zufrieden ein kleines Funkgerät hervor und teilte dem Mann unten im Wagen mit, dass sie in der Wohnung waren. Der Fahrer stellte den Wagen an einem Platz ab, von wo er die Straße und den Hauseingang im Auge behalten konnte. Die beiden Männer begannen die Wohnung systematisch abzusuchen. Auf dem Nachttisch im Schlafzimmer lag eine Zeitschrift, von der jede Seite fotografiert wurde. In jedem Zimmer wurden Wanzen angebracht und auf einer raschen Skizze eingezeichnet. Sie sollten ihrem Auftraggeber unter anderem auch einen Plan von der Wohnung mit der exakten Position der Wanzen liefern. Auf einem kleinen Tisch im Wohnzimmer fanden sie schließlich einen Großteil der Informationen, die sie suchten: Rechnungen, Briefe und – das Wichtigste überhaupt – ihren Laptop-Computer, dessen Dateien sie binnen fünf Minuten kopiert hatten. Danach wurden auch die E-Mail-Accounts mit den entsprechenden Passwörtern notiert. Ab jetzt konnten alle möglichen Bereiche von Brittany Shares Leben überwacht werden – auch wenn die beiden Männer keine Ahnung hatten, zu welchem Zweck dies geschah. Nicht dass ihnen das wichtig gewesen wäre. Ihr Job, ja sogar ihr Leben hing davon ab, dass sie möglichst wenig Fragen stellten. Sie würden die Informationen überbringen und verschwinden. In weniger als eineinhalb Stunden hatten sie alles erledigt und verließen die Wohnung, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Das Ritz-Carlton in der Massachusetts Avenue war eines der angenehmsten Hotels in Washington. Ausländische Würdenträger aus fast aller Herren Länder hatten ebenso schon hier gewohnt wie viele der größten Wirtschaftsbosse Amerikas. Mike Nowak und Mike Kutcher hatten ihren Wagen im Ladebereich geparkt. Nowak saß auf dem Beifahrersitz von Kutchers Ford Explorer und fixierte den Haupteingang des Hotels. Er suchte nach Michael Gould, dem Concierge des Hotels. Sie hatten seinen Namen in Gus Chappadelaines Akte gefunden. Gould war der Kontaktmann, den Chappadelaine einsetzte, um mit seinen Auftraggebern zu sprechen. Nowak hatte sich eingehend über Gould informiert. Der Mann war Franzose und besaß eine doppelte Staatsbürgerschaft. Er sprach vier Sprachen fließend, was in seinem Job sehr nützlich war. Die CIA-Akte über den Mann besagte, dass er offiziell keinem Geheimdienst angehörte – doch Nowak war, was das betraf, skeptisch. Er hatte oft genug mit solchen Typen zu tun gehabt, deren Job es war, Informationen zu verkaufen. Sie taten für Geld so ziemlich alles und fürchteten brutale Gewalt. Nowak hatte sich noch nicht entschieden, ob er Geld oder seine Fäuste einsetzen würde, um die Informationen zu bekommen, die er brauchte. Er hatte vor über einer Stunde mit Gould telefoniert. Seine Botschaft an den Franzosen war recht einfach gewesen: „Ich muss Monsieur Chappadelaine sprechen – und zwar sofort.“ Nowak hatte Gould seine Handynummer gegeben, woraufhin er mit Kutcher zum Hotel fuhr – in der Hoffnung, dass Chappadelaine vielleicht dort auftauchen könnte. Falls er überhaupt noch am Leben war. Wenn es Mario Lukas erwischt hatte, dann konnte man sich unschwer vorstellen, dass dasselbe auch Chappadelaine widerfahren konnte. Nowak hoffte inständig, dass Chappadelaine noch lebte. Er war die einzige Verbindung zu demjenigen, der die Kubickis in Colorado hatte beseitigen lassen – und, so nahm Nowak an, der zuvor den Auftrag gegeben hatte, ihn in Deutschland aus dem Weg zu räumen. Wenn Chappadelaine tot war, bestand nach Nowaks Ansicht nicht viel Hoffnung, dass sich jemals herausfinden ließ, wer hinter alldem steckte. Nowak und Kutcher hatten beide keine große Lust zu plaudern – und so saßen sie schweigend auf ihrem Beobachtungsposten und warteten. Nach Mittag hatte es zwar zu regnen aufgehört, doch der Himmel war immer noch grau in grau. Nowak hatte beschlossen, dass sie noch eine Stunde hier warten und das Hotel im Auge behalten würden und dass sie danach einen Blick in Goulds Wohnung werfen würden. Der Mann musste immerhin die Möglichkeit haben, mit Chappadelaine Kontakt aufzunehmen. Je länger Nowak auf eine Rückmeldung von Gould wartete, desto mehr war er geneigt, dem kleinen Franzosen die gewünschten Informationen mit nicht allzu höflichen Mitteln zu entlocken. Es war fast zwei Uhr nachmittags, als Nowaks Handy schließlich klingelte. Nowak drückte auf die Sprechtaste. „Hallo.“ „Ist dort Venom?“ „Ja. Spreche ich mit dem ›Franzmann‹?“ „Ja.“ Nowak wusste nicht genau, wie er die Sache anpacken sollte. Er hatte insgesamt dreimal mit Chappadelaine und Lukas zusammengearbeitet; alle drei Operationen hatten in Frankreich stattgefunden, und Nowak war von beiden Männern ziemlich beeindruckt gewesen. Sie hatten sich als kompetent und verlässlich erwiesen. Sie hatten Nowak einst bei der Jagd nach Rafik Aziz geholfen, jenem palästinensischen Terroristen, der zusammen mit anderen für den Flugzeugabsturz über Lockerbie verantwortlich war. Chappadelaine und Lukas waren in einer Nacht zur Stelle gewesen, als Nowaks Leben in größter Gefahr war. Wahrscheinlich hatte ihm Lukas damals sogar das Leben gerettet. „Das mit Mario tut mir Leid. Er war ein guter Mann.“ „Freut mich, dass Sie das so sehen“, sagte Chappadelaine und schwieg einen Moment. „Mario hat Sie gemocht. Er hielt Sie für einen ehrlichen Menschen.“ „Das war Mario auch. Und sehr verlässlich.“ Chappadelaine verspürte erneut den Schmerz über den Verlust seines Freundes und sagte einige Augenblicke nichts. „Sie müssen verzeihen, aber die Sache mit Mario ist mir doch ein wenig nahe gegangen.“ „Das verstehe ich sehr gut – aber ich muss trotzdem dringend mit Ihnen sprechen.“ „Sie wollen sich mit mir treffen?“ „Das wäre mir sehr recht.“ „Ich fürchte, das ist im Moment ausgeschlossen.“ Chappadelaines Haltung überraschte Nowak nicht. Er hätte sich an seiner Stelle nicht anders verhalten. „Das ist schade, aber ich verstehe Sie gut.“ Die NSA hörte so gut wie jedes Gespräch in der Hauptstadt ab. Die leistungsstarken Computer in Fort Mead analysierten die Flut der Gespräche, indem sie nach Schlüsselwörtern wie Pistole, Bombe, erschießen und dergleichen mehr suchten. Wenn die Computer auf ein derartiges Wort stießen, wurde der betreffende Anruf zur nächsten Analyse-Ebene weitergeleitet. Wenn ein Anruf mehrere solcher Schlüsselwörter enthielt, kümmerte sich schließlich ein Mensch aus Fleisch und Blut darum. Gespräche in Arabisch, Chinesisch oder Russisch wurden besonders aufmerksam unter die Lupe genommen. Der einfachste Weg, das System auszutricksen, bestand darin, wie ein ganz normaler Geschäftsmann zu sprechen. Nowak formulierte seinen nächsten Satz mit großer Sorgfalt. „Ich denke, wir haben da möglicherweise ein gemeinsames Problem.“ „Was für eines?“ „Ich war letztes Wochenende in Europa – zusammen mit Ihren Freunden aus Colorado. Wissen Sie, wen ich meine?“ „Ich denke schon.“ „Ihre Freunde haben mich reingelegt.“ „Was meinen Sie damit?“ „Sie sollten mit mir zusammenarbeiten – und dabei stellte sich heraus, dass sie in Wahrheit für jemand anders arbeiteten.“ „Ich glaube nicht, dass ich Ihnen folgen kann.“ Nowaks Stimme wurde eine Spur gereizter. „Sie haben mich hintergangen und versucht, mich in den Ruhestand zu schicken.“ „Oh … ich verstehe. Haben sie auf Anweisung der Firma gehandelt?“ „Mit Sicherheit nicht. Ich habe mich an höchster Stelle erkundigt – und dort hat man genauso wenig davon gewusst wie ich.“ „Aber was hat das alles mit mir zu tun?“ „Jemand hat Sie für den Trip nach Colorado engagiert. Ich habe den starken Verdacht, dass dieselbe Person auch meine Geschäfte in Europa vereiteln wollte.“ Nowak wartete einen Augenblick und fügte schließlich hinzu: „Genauso bin ich mir ziemlich sicher, dass dieselbe Person etwas mit Marios Unfall zu tun hatte.“ Eine Weile schwiegen beide, ehe Chappadelaine schließlich fragte: „Woher wissen Sie, dass ich Geschäfte in Colorado hatte?“ Nowak sah Kutcher an. „Es gab da ein paar Leute, die Sie gesehen haben.“ „Waren Sie von der Firma?“ „Nicht direkt … aber die Firma hat sie geschickt.“ „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das glauben soll.“ Nowak wechselte das Handy vom linken zum rechten Ohr. „Hören Sie, ich weiß, dass Sie im Moment in einer schwierigen Situation sind. Mir ist es noch vor ein paar Tagen auch nicht anders gegangen. Wenn Sie sich nicht mit mir treffen wollen, so verstehe ich das. Aber ich muss wissen, wer Sie engagiert hat.“ Nowak saß da und wartete auf eine Antwort. Er konnte gut nachvollziehen, wie Chappadelaine sich fühlen musste. Der Mann konnte absolut niemandem trauen. Nach einigen Sekunden des angespannten Schweigens fügte er hinzu: „Mario hat mir einmal das Leben gerettet. Ich schulde ihm etwas. Sagen Sie mir, wer Sie engagiert hat, und ich versichere Ihnen, der Kerl wird für das bezahlen, was er Mario angetan hat.“ Chappadelaine fand den Vorschlag durchaus verlockend. Venom wäre tatsächlich ein mächtiger Verbündeter. Der Professor würde sich in die Hosen machen, wenn er wüsste, dass Venom hinter ihm her wäre. Es wäre die einfachste Art, sich an dem Kerl zu rächen, wenn er ihm Venom auf den Hals hetzen würde. Aber vielleicht war die ganze Sache ein wenig zu einfach; es kam fast ein wenig zu gelegen. Chappadelaine musste erst einmal darüber nachdenken. „Wir telefonieren schon zu lange. Ich überlege es mir und melde mich dann bei Ihnen.“ „Also … ich verstehe wirklich, dass Sie zögern. Wenn ich in Ihrer Situation wäre, würde ich mich auch mit niemandem treffen wollen. Ich will auch nichts anderes von Ihnen, als dass Sie mir sagen, wohin ich mich wenden muss.“ „Ich werd’s mir überlegen.“ Nowak wollte noch etwas sagen, doch die Verbindung war bereits unterbrochen. „Verdammt“, stieß er hervor und wandte sich Kutcher zu. „Ich hoffe nur, er lebt noch lange genug, dass er uns sagen kann, was er weiß.“ Die Jagd Mario Lukas erwachte am Dienstagmorgen um fünf Uhr. Er hatte, soweit er zurückdenken konnte, noch nie besonders lange geschlafen. Er dachte, dass das wohl einer der Nachteile war, den sein Beruf mit sich brachte. Für einen Auftragskiller war es eben nie ganz einfach, sich so richtig zu entspannen. Und wenn man es in dem Geschäft so weit gebracht hatte wie Mario, dann machte man sich keine Sorgen wegen der Polizei, sondern eher wegen der Kollegen. Man musste immer auf der Hut sein, ob es nicht vielleicht jemanden gab, der sich an einem rächen wollte, oder ob jemand, den man für einen Freund hielt, einen hinterging. Genauso gut konnte es natürlich vorkommen, dass ein Arbeitgeber einen als Unsicherheitsfaktor betrachtete und beseitigen wollte. Das waren so die Gedanken, die Mario für gewöhnlich durch den Kopf gingen, wenn er in den frühen Morgenstunden aus dem Bett stieg. Da war zum Beispiel dieser Mann, der allgemein als „der Professor“ bekannt war. Mario fand, dass man ihm einfach nicht trauen konnte. Er hatte den Mann genau beobachtet, als sie in Colorado waren. Chappadelaine hatte ihm gesagt, dass er ein Auge auf ihn haben sollte – und was Mario da gesehen hatte, gefiel ihm gar nicht. Operationen wie die in Colorado waren eine hässliche Sache. Mario fand, dass sie ungefähr so waren, wie wenn man eine verheiratete Frau vögelte. Wenn man sich auf etwas Ernstes einließ, durfte man nicht überrascht sein, wenn sie eines Tages genau das mit einem machte, was sie mit ihrem ersten, zweiten oder dritten Mann getan hatte. Kurz gesagt, der Professor hatte die beiden Leute in Colorado angeheuert, damit sie einen Job für ihn erledigten – und dann legte er sie um. Er hatte Mario, Chappadelaine und Juarez angeheuert, um ihm bei dem Job zu helfen – lag da der Gedanke so fern, dass er sich nun wieder an irgendwelche Killer wenden könnte, um nun auch sie zu beseitigen? Und genau deshalb konnte Mario nicht schlafen. Mario schwang die Beine aus dem Bett seines Apartments. Er saß eine Minute auf der Bettkante, kratzte sich und wartete darauf, dass das Schwindelgefühl sich legte. Schließlich stand er auf und ging mit steifen Beinen zum Badezimmer hinüber. Seine Wohnung war nur mit dem Allernotwendigsten eingerichtet, was Mario vollauf genügte. Er häufte nicht gern viele Dinge um sich herum an. Er hatte ungefähr dreißig seiner über fünfzig Lebensjahre in Wohnungen wie dieser verbracht. Nicht einmal Mario selbst wusste genau, wie alt er war. Er hatte schon unter so vielen falschen Namen und an so vielen verschiedenen Orten gelebt, dass er nicht mehr hätte sagen können, ob er nun fünfundfünfzig oder sechsundfünfzig Jahre alt war. Alles, was er besaß, hätte er jederzeit im Kofferraum seines Wagens verstauen können. Bei seinem Beruf wäre es sinnlos gewesen, allzu viele Dinge anzuhäufen. Man musste jederzeit bereit sein, alles zusammenzupacken und zu verschwinden. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es nun wieder einmal so weit war. Mario war sein Leben lang ein Einzelgänger gewesen. Der einzige echte Freund, den er je gehabt hatte, war Chappadelaine. Außer ihm gab es niemanden, dem Mario wirklich vertraute. Chappadelaine hatte ihm sogar geholfen, für die Zukunft vorzusorgen, damit er einmal seinen Ruhestand genießen konnte. Mario hatte sein Geld immer in verschiedenen Bankschließfächern aufbewahrt, bis Chappadelaine es für ihn anlegte. Die Erträge waren so gut, dass er sich schon heute zur Ruhe hätte setzen können, wenn er gewollt hätte. Nach dem Job in Colorado, so dachte er, wäre es vielleicht eine gute Idee, zumindest einmal eine Pause einzulegen. Um 6.25 Uhr war er bereit für seinen kleinen Spaziergang in die nahe gelegene Bäckerei. Mario hatte über fünfundzwanzig Jahre in Frankreich gelebt und konnte den amerikanischen Kaffee nicht ausstehen. Er hatte über eine Woche gebraucht, bis er endlich ein Lokal fand, wo man einen guten Cappuccino bekam. Es war eine kleine Bäckerei, die sechs Blocks von seiner Wohnung entfernt war. Bevor er ging, steckte er noch eine 9-mm-Pistole in seinen Hosenbund, wo sie von dem dunklen Hemd verdeckt wurde. Er schlüpfte in sein Jackett, setzte den Hut auf und ging hinaus. Jeff Braun war auf Speed. Er saß auf dem Fahrersitz seines grauen Dodge Durango und trommelte den Rhythmus irgendeines Musikstücks auf dem Lenkrad, während sein Blick ständig zwischen den beiden Außenspiegeln und dem Rückspiegel hin und her huschte. Braun trug einen dunkelbraunen Anzug und einen etwas helleren Trenchcoat. In der Brusttasche seines Anzugs verwahrte er Papiere, die ihn als Steven Metzger, einen Beamten des Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms, auswiesen. Braun trug sein Haar sehr kurz, wenn auch nicht ganz so kurz wie in seiner Zeit bei den Marines. Er war einst mit achtzehn Jahren den Marines beigetreten. Damals hatte er nur zwei Möglichkeiten – entweder ins Ausbildungscamp für US-Marines auf Parris Island oder ins Gefängnis. Braun dachte zuerst, dass er im Marine Corps so etwas wie ein Zuhause gefunden hatte – bis sich herausstellte, dass sich auch Schwule im Corps herumtrieben. Wenn diese politisch korrekten Politiker glaubten, sie könnten ihn zwingen, auch Schwule in seiner Einheit zu dulden, so hatten sie sich geschnitten. Er hatte andere dazu ermuntert, Leute, die im Verdacht standen, homosexuell zu sein, zu schikanieren – und er hatte selbst ausgiebig Hand angelegt. Ein besonders naiver Soldat, der direkt aus dem Ausbildungslager kam, hatte Brauns Aufforderung etwas zu ernst genommen; nachdem sie eines Abends reichlich Bier getankt hatten, ging der Soldat in die Kaserne zurück und prügelte einen Kameraden zu Tode. Die folgende Untersuchung brachte nicht nur Brauns Rolle bei diesem Vorfall ans Licht, sondern auch viele andere Verfehlungen, worauf er aus dem Corps ausgeschlossen wurde. Danach arbeitete er zunächst für private Sicherheitsdienste und dann als Auftragskiller. Wally McBride saß auf dem Beifahrersitz, eine schallgedämpfte Steyr-TMP-Maschinenpistole im Schoß. Braun und seine Leute hatten eine Kiste dieser kompakten Waffen in einem Lager in Richmond aufbewahrt. Es war äußerst wichtig, immer genug Waffen vorrätig zu haben – denn Braun hatte eine Grundregel, an die er sich eisern hielt. Wenn man eine Waffe verwendete, um jemanden zu töten, dann wurde sie so bald wie möglich ins Meer geworfen. Peter Nicholsen saß auf dem Rücksitz und verfolgte, wie die beiden Männer vor ihm unruhig auf ihren Plätzen herumzappelten. Er hatte gesehen, wie sie die Aufputschmittel nahmen, hatte aber nichts gesagt. Er wusste, warum sie es taten, und er fragte sich, warum er nicht selbst etwas genommen hatte, als sie es ihm anboten. Er hatte die ganze Nacht mit Braun an dem Plan für ihr Vorhaben getüftelt, und er hatte jede Menge Kaffee getrunken, um sich wach zu halten. Jetzt musste er wieder einmal auf die Toilette, doch er wagte es nicht, den Wagen zu verlassen. Die Sache wurde allmählich ernst – es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihr Ziel auftauchte. Bevor er am Sonntag aus Colorado aufgebrochen war, hatte sich Nicholsen kurz von Chappadelaine und seinen Leuten entfernt, um einen Anruf zu machen. Er hatte mit Braun telefoniert. Nicholsen hatte damals noch nicht die Anweisung gehabt, Chappadelaine und seine Leute auszuschalten, doch er war eben ein Mann, der Eigeninitiative zeigte. Nicholsen sagte ihm, wann sie landen würden und wer beschattet werden sollte. Als sie am Montgomery County Airpark landeten, warteten Braun und seine Leute bereits auf sie. Sie hatten an acht in Frage kommenden Wagen auf dem Parkplatz Transponder angebracht. Als Chappadelaine, Juarez und Lukas den Flughafen verließen, folgten ihnen Braun und seine Leute in sicherer Entfernung und ließen die Transponder die Arbeit machen. Juarez parkte ihren Wagen direkt vor ihrer Wohnung, was ziemlich dumm von ihr war. Lukas stellte seinen Wagen acht Blocks von seiner Wohnung entfernt ab, und sie verloren ihn prompt aus den Augen. Am Montag spürte einer von Brauns Männern ihn wieder auf, und jetzt wussten sie auch, wo er wohnte. Chappadelaine hingegen hatte sich praktisch in Luft aufgelöst. Der Wagen, mit dem er den Flughafen verlassen hatte, wurde immer noch beobachtet, und sie durchkämmten die Gegend, in der er stand, doch bisher ohne Erfolg. Das bereitete Nicholsen jedoch keine großen Sorgen. Ohne Mario Lukas war Chappadelaine keine Gefahr mehr. Nicholsen war überzeugt, dass es der Franzmann mit der Angst zu tun bekommen würde, wenn er erfuhr, dass sein alter Freund tot war. Braun vernahm die Nachricht über den Knopf in seinem Ohr und wandte sich Wally McBride zu. McBride nickte und stieg aus dem Wagen. Mario Lukas war in ihre Richtung unterwegs. Braun hatte drei Wagen und sechs Leute in der Gegend postiert. Wenn sie Glück hatten, ging er in dieselbe Bäckerei wie am Morgen zuvor. Ihr Plan sah vor, Lukas abzulenken und ihn dann von hinten zu erledigen. Für die Ablenkung sollte Sandra Hickock sorgen, eine frühere Stripperin, die Braun persönlich rekrutiert und ausgebildet hatte. Die Straßen waren so gut wie leer. Die Laternen brannten noch, obwohl es eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre. Die Sonne würde in etwa einer Viertelstunde aufgehen. Mario erkannte eine Nachbarin, die mit ihrem Pudel unterwegs war. Als er kurz vor ihr war, tippte er sich an den Hut und nickte. Mario wusste seit langem, dass er mit seiner Statur die Menschen oft einschüchterte. Das war manchmal gut, aber manchmal war ihm das nicht angenehm. Die Frau erwiderte sein Lächeln, als sie aneinander vorbeigingen. Nach einem Block bog Mario rechts ab. Er ging nie zweimal hintereinander auf demselben Weg zur Bäckerei. Auf der anderen Straßenseite kam ihm ein frühmorgendlicher Jogger entgegen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Mario ging weiter, behielt die abgestellten Autos im Auge und warf immer wieder einmal einen kurzen Blick zurück. Er bog noch einmal ab und sah die Bäckerei nicht mehr weit entfernt zu seiner Rechten. Als er den halben Block hinter sich hatte, bog eine Frau um die Ecke und kam direkt auf ihn zu. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Hände unter den Achselhöhlen vergraben. Obwohl es ein relativ milder Morgen war, schien sie zu frieren. Mario bemerkte auch aus der Entfernung, dass sie elegant gekleidet und ziemlich attraktiv war. Diese Frau wäre ihm bestimmt im Gedächtnis geblieben, wenn er ihr schon einmal begegnet wäre. Als sie näher kam, blickte die Frau auf, strich sich einige Strähnen ihres schwarzen Haars aus dem Gesicht und lächelte. In Marios Kopf begannen sofort die Alarmglocken zu läuten. Er blickte rasch über die Schulter und ließ seine Hand unter das Hemd wandern. Hinter ihm kam ein Mann um die Ecke, der es ziemlich eilig zu haben schien. Mario blickte auf die andere Straßenseite, um nach irgendetwas Verdächtigem zu suchen, und wandte sich dann wieder der Frau zu, die immer noch lächelte. Er ging schnell weiter und zog seinen 9-mm-Colt-2000. Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht der Frau, als sie die Waffe sah. Ihre verschränkten Arme begannen sich zu bewegen, und Mario sah etwas Schwarzes in ihrer rechten Hand – doch bevor sie die Waffe auf ihn richten konnte, hatte er bereits abgedrückt. Das laute Krachen der automatischen Pistole hallte von den Hauswänden wider. Die Kugel traf die Frau mitten ins Gesicht. Mario duckte sich und ging zwischen zwei abgestellten Wagen in Deckung. Bevor er sich umdrehen konnte, um nach dem Mann zu sehen, der von hinten kam, ging ein Kugelhagel auf die Motorhaube des Wagens hinter ihm nieder. Mario blieb in Deckung, hob die Waffe und feuerte drei Schüsse ab. Im nächsten Augenblick hörte er einen Motor aufheulen und Reifen quietschen, und die Kugeln prasselten auf die Autos rund um ihn nieder. Braun stieg aufs Gaspedal. „Lasst ihn nicht entwischen, ich bin gleich da!“, rief er in sein Mikrofon. Der Durango schlitterte um die Kurve. Braun ließ das Fenster auf der Fahrerseite herunter und machte sich bereit zum Feuern. Vor ihm zu seiner Linken sah er bereits die Glasscherben fliegen, als die Kugeln die Windschutzscheibe eines geparkten Wagens zertrümmerten. Braun steckte seine kompakte Steyr-Maschinenpistole aus dem Fenster und begann zu feuern. Als er sich der Stelle näherte, trat er abrupt auf die Bremse und brachte den Wagen zum Stehen. Da sah er Mario Lukas, der zusammengekauert hinter dem Kofferraum eines Autos hockte. Braun drückte den Abzug und feuerte den Rest des Fünfundzwanzig-Schuss-Magazins in den breiten Rücken des Mannes. Lukas fiel vornüber und landete mit dem Gesicht nach unten im Rinnstein. Das Lager befand sich ganz in der Nähe des National Arboretum. Als der graue Dodge Durango um die Kurve geschlittert kam, wartete einer von Brauns Männern bereits bei dem offenen Garagentor. Im nächsten Augenblick verschwand der Wagen in dem alten Backsteingebäude. Der Mann, der Wache stand, blickte sich noch kurz um und schloss dann das Garagentor. Braun hielt den Wagen an, ließ aber den Motor laufen. Als er ausstieg, wartete bereits ein Mann mit einem Müllsack. Braun warf seine Maschinenpistole in den Sack und ging zum Heck des Wagens. Sandra Hickock lag im Kofferraum. Er blickte kopfschüttelnd auf die Frau hinunter, deren schönes Gesicht von der Kugel regelrecht zertrümmert worden war. Ein klein wenig war er sogar erleichtert, dass sie tot war; sie war in letzter Zeit ein wenig besitzergreifend geworden. Alles in allem war es wahrscheinlich am besten so – aber im Moment war es natürlich eine lästige Sache. Er trat zur Seite und rief seinen Leuten Befehle zu. Seine Männer gingen sofort an die Arbeit. Der Durango bekam neue Nummernschilder, während die Leiche in ein Ölfass kam, das mit Sand aufgefüllt, verschlossen und schließlich zusammen mit acht anderen Fässern auf die Ladefläche eines Lasters geladen wurde. In nicht einmal fünf Minuten waren die Waffen und die Leiche ebenso verschwunden wie der Durango, der zu einem Chop Shop gebracht wurde, einer illegalen Werkstätte, wo gestohlene Autos ausgeschlachtet wurden. Peter Nicholsen nützte die Zeit, um sich zu beruhigen. Es war ziemlich dumm von ihm gewesen, die Leute bei der Operation zu begleiten. Binnen einer Stunde würde überall über den Vorfall berichtet werden. Es waren insgesamt bestimmt an die hundert Kugeln verfeuert worden. Brauns Leute hatten zwar schallgedämpfte Waffen verwendet, doch das würde auch nicht viel nützen, wenn die Polizei und die Medien erst einmal alarmiert waren. Die beiden abgestellten Wagen, zwischen denen sich Lukas verschanzt hatte, sahen aus, als wären sie in einen gewaltigen Hagelschauer geraten, und Mario Lukas’ Leiche war von Dutzenden Kugeln durchlöchert. So hatte sich Nicholsen diese Operation bestimmt nicht vorgestellt. Chappadelaine hatte mit seinem Urteil über Braun Recht gehabt. Der Mann konnte gar nicht anders, als mit voller Wucht zuzuschlagen. Braun trat mit einer neuen Waffe in der Hand zu Nicholsen. „Holen wir uns das Mädchen“, sagte er. „Nein“, erwiderte Nicholsen gereizt. „Mach dir keine Sorgen wegen der Cops. Die haben mit dem ersten Tatort genug zu tun.“ „Nein, für heute ist es genug.“ Er rieb sich die Schläfen und fügte hinzu: „Sie werden auf allen Kanälen über den Vorfall berichten.“ „Na und? Die Reporter fangen keine Verbrecher – das tun die Cops, und wir haben nichts zu befürchten. Die einzigen Beweise, die darauf hindeuten, dass wir etwas mit der Sache zu tun haben, sind soeben aus der Garage verschwunden.“ Nicholsen wollte schon fragen, wo das ganze Zeug hingebracht wurde, doch er verkniff sich die Frage. „Nein, es reicht für heute.“ „Was ist bloß los mit dir?“ Braun trat einen Schritt auf ihn zu. „Wir müssen handeln, solange wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite haben.“ „Nein, wir lassen es gut sein. Zum letzten Mal … für heute sind wir fertig.“ Braun sah ihn wütend an. „Quatsch! Wir schlagen jetzt sofort zu! Ich sag dir eines: Wir müssen früher oder später sowieso mit den Kerlen aufräumen – und je früher wir die Sache erledigen, umso besser.“ Nicholsen schüttelte den Kopf. Es gefiel ihm überhaupt nicht, ein weiteres Risiko einzugehen. Braun spürte, weswegen sich Nicholsen Sorgen machte. „Hör zu“, sagte er, „du bleibst hier, und wir kümmern uns um die Frau. Ich will, dass Chappadelaine allein dasteht und abzuhauen versucht.“ Nicholsen dachte kurz nach. „Nein, wir ändern den Plan“, sagte er schließlich. „Ich will Chappadelaine genauso, und das Mädchen wird uns zu ihm führen, sobald es erfährt, was mit Lukas passiert ist. Wir beobachten Juarez und schnappen uns dann beide.“ Braun fand den Plan überzeugend. „Klingt gut“, sagte er. „Tut mir Leid, dass ich dich so angefahren habe. Ich bin im Moment ein bisschen aufgedreht.“ Das kommt wahrscheinlich von dem Speed, das du dir reingezogen hast, dachte Nicholsen bei sich. „Ist schon okay, gebt nur Acht, dass ihr diese Juarez nicht verliert. Sie ist unsere einzige Verbindung zum Franzmann.“ Eine Minute später sah Nicholsen, wie Braun und McBride in einen Ford Taurus stiegen und wegfuhren. Vielleicht war er gerade dabei, die falschen Leute ausschalten zu lassen. Nein, sagte er sich – Braun war zwar ungehobelt und wild, aber mit ihm wurde er schon fertig. Es klopfte an der Tür des Arbeitszimmers. „Herein“, sagte der Senator. Peter Nicholsen trat ein und kratzte sich seinen schwarzen Bart. Clark machte keine Anstalten, sich zu erheben, sondern zeigte auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch. Normalerweise hätte Clark ihm einen Drink angeboten – doch Nicholsens Ton vorhin am Telefon hatte ihm gar nicht gefallen. Er wollte erst einmal wissen, warum sein Handlanger so nervös war. Clark nahm einen Schluck Wein und lehnte sich zurück. „Haben Sie heute Abend die Nachrichten gesehen?“, fragte Nicholsen. „Ich habe ein wenig davon mitbekommen.“ „Haben Sie zufällig den Bericht über den Mann gesehen, der in College Park erschossen wurde?“ Clark beugte sich vor und stellte das Weinglas nieder. Der Mord in College Park war das Thema des Tages gewesen. Mehr als fünfzig Kugeln waren dabei abgefeuert worden – die meisten davon aus schallgedämpften Waffen. Es gab mehrere Augenzeugenberichte, denen zufolge auch eine Frau getötet worden sei – doch das hatte die Polizei bisher nicht bestätigen können. Sie suchten in den Krankenhäusern der Umgebung nach Frauen, die Schussverletzungen aufwiesen. „Ich habe den Bericht gesehen“, bestätigte Clark. Nicholsen rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Ich war dabei“, verkündete er schließlich. „Warum?“ „Ich wollte sichergehen, dass alles klappt.“ Clark betrachtete Nicholsen und seinen ungepflegten Bart einige Augenblicke schweigend. „Erzählen Sie mir einfach, was passiert ist“, forderte er ihn schließlich auf. Nicholsen entschuldigte sich zunächst einmal dafür, dass er Braun und seine Leute nicht besser unter Kontrolle gehabt hatte. Danach schilderte er die Ereignisse der Reihe nach. Er bestätigte den Tod der Frau, die in dem Bericht erwähnt worden war, und fügte hinzu, dass man ihre Leiche ebenso hatte verschwinden lassen wie die Waffen und die Fahrzeuge, die bei der Operation verwendet worden waren. Immerhin konnte er auch berichten, dass Gus Chappadelaines stärkste Waffe, nämlich Mario Lukas, keine Bedrohung mehr darstellte. Clark schaffte es, ruhig zu bleiben und Nicholsen nicht zu unterbrechen, obwohl er eine dringende Frage an ihn hatte, die ganz offensichtlich auf der Hand lag. Als Nicholsen mit seinem Bericht geendet hatte, sprach er die Frage schließlich aus. „Was haben Sie dort gemacht?“ „Ich verstehe Sie nicht ganz.“ „Was haben Sie in dem Wagen gemacht? Warum sind Sie ein solches Risiko eingegangen, erkannt oder geschnappt zu werden?“ Die Sache war Nicholsen ein wenig peinlich. Clark hatte ihm immer wieder gepredigt, wie wichtig es war, sich im Hintergrund zu halten. „Ich wusste, dass die Sache nicht ganz einfach wird, und da wollte ich eben sichergehen, dass Braun es nicht vermasselt.“ Clark brauchte erst einmal einen kräftigen Schluck Wein. Er überlegte, ob es sein konnte, dass Nicholsen nicht ganz ehrlich zu ihm war. Der Mann war ein Voyeur, das war ziemlich offensichtlich. Sein plötzliches Bedürfnis, so nah am Geschehen zu sein, war ziemlich gefährlich. Nicholsen war der Einzige, über den der Senator mit den Ereignissen der vergangenen fünf Tage in Verbindung gebracht werden konnte. Clark nahm noch einen Schluck Wein, und während der kostbare Rebensaft durch seine Kehle rann, beschloss er, dass Nicholsen wegmusste. Clark wusste nicht, durch wen er ihn ersetzen sollte – doch das würde sich schon finden. Der Mann war einfach ein zu großer Unsicherheitsfaktor. Der Senator würde dafür sorgen müssen, dass er von der Bildfläche verschwand – doch bis dahin musste er den Mann bei Laune halten. „Peter, Sie haben gute Arbeit geleistet. Ich will nicht, dass Ihnen etwas zustößt oder dass Sie im Knast landen.“ Der Senator runzelte die Stirn. „Keine Ausflüge mehr an den Tatort. Dafür sind Sie mir zu wertvoll. Lassen Sie die anderen die Dreckarbeit machen, und sehen Sie zu, dass Ihre Hände sauber bleiben.“ „Ja, Sir.“ Nicholsen seufzte erleichtert. „Es hat sich noch etwas anderes getan“, fügte er hinzu. „Positiv oder negativ?“ „Oh, ich denke, das wird Ihnen gefallen“, antwortete Nicholsen lächelnd und zog einen kleinen Kassettenrekorder aus der Tasche. „Heute Abend hat einer meiner Männer dieses Gespräch abgefangen.“ Nicholsen drückte auf die Wiedergabetaste und drehte die Lautstärke auf. „Ja, hier Brittany Share.“ „Liebling, ich bin’s. Ist alles okay?“ Die Tonqualität war gut. Clark beugte sich vor und stützte die Unterarme auf den Schreibtisch. „Irre ich mich oder ist das tatsächlich Nowak?“, fragte er. Nicholsen nickte. „Mikeell.“ „Ja, Liebling, ich bin’s, aber ich kann nicht lange sprechen. Ist alles okay bei dir?“ Clark spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Es war das erste Mal, dass er Mike Nowaks Stimme hörte. Nachdem er ihn einige Monate lang eingehend studiert hatte, spürte er nun zum ersten Mal seine Präsenz. Die Stimme war tief und ein klein wenig rau, so wie es der Senator erwartet hatte. Clark hörte sich die ganze Aufnahme aufmerksam an und ließ sie sich von Nicholsen noch zweimal vorspielen. Clark prägte sich jedes einzelne Wort ein. Er begann einen Weg zu erkennen, wie er seine Pläne zu Ende führen konnte. Nachdem er eine Weile überlegt hatte, sah er Nicholsen. „Ich möchte, dass Sie sich in der Wohnung des Mädchens umsehen“, sagte er. „Wenn sie ein Tagebuch führt, kopieren Sie es. Wenn es Disketten gibt, kopieren Sie sie ebenfalls. Finden Sie heraus, was für Bücher und Zeitschriften sie liest und ob sie irgendwelche Medikamente nimmt. Ich will so viel wie möglich über sie erfahren, und das bis morgen Abend.“ „Das könnte ein wenig schwierig werden.“ Das war nicht das, was Clark hören wollte – nicht jetzt, da Nowak so nahe war. Die Dinge näherten sich dem kritischen Punkt. „Peter, ich bezahle Sie gut. Ich will keine Ausreden hören. Ich will die Informationen bis morgen Abend.“ Seiner bewährten Strategie folgend, Freund und Feind gleichermaßen bei Laune zu halten, fügte er mit einem gewinnenden Lächeln hinzu: „Wenn die ganze Sache vorbei ist, werde ich dafür sorgen, dass Sie für Ihren Aufwand angemessen entschädigt werden, Peter. Und zwar so angemessen, dass Sie vielleicht beschließen, sich zur Ruhe zu setzen.“ Clark hob sein Weinglas, um auf die Zukunft zu trinken. Nicholsen nickte. „Ich werde es erledigen.“ Immer noch lächelnd, beschloss Clark, schon jetzt jemanden anzuheuern, der Nicholsen ausschalten sollte. Schließlich konnte man nicht sagen, wann es nötig wurde, ihn loszuwerden. End of chapter 1 In der stillen Atmosphäre der frühen Morgenstunden, tief hinter den Korridoren des GSG 9-Hauptquartiers, versammelte sich das Black Devil Hawks -Team im abgedunkelten Konferenzraum. Sie waren bereit, in den Schatten zu treten, um das Licht zu verteidigen. Es herrschte eine gespannte Stille, die nur vom leisen Summen der Klimaanlage unterbrochen wurde. Eine Aura von Entschlossenheit und Erwartung füllte den Raum. Die "Black Devil Hawks" waren versammelt, bereit für die Einweisung in ihre bisher gefährlichste Mission. Mike Nowak, der Teamleiter, stand vorne, seine Augen blitzten im gedämpften Licht. Sein Blick fiel auf jedes Teammitglied – sie waren seine Familie, seine Verantwortung. Jeder von ihnen war einzigartig, unverzichtbar. Er ergriff das Wort, seine Stimme fest und klar. "Wir sind hier, um ein Team zu bilden, das wie kein anderes funktioniert. Jeder von euch wurde ausgewählt, weil ihr die Besten seid." Brian Schuster, der Sprengstoffexperte, dessen Hände ebenso geschickt mit komplizierten Bomben wie mit Kartenstapeln waren, lehnte lässig an der Wand. Ein Lächeln spielte um seine Lippen. "Wenn es um Sprengstoff geht, gibt es keinen, der es besser kann als ich." Seine lockere Art verbarg ein scharfes Verständnis für Taktik und Gefahren. Er überprüfte seine Ausrüstung, während er einen Witz über die Stabilität von C4 murmelte. Chris Hartmann, ein Mann weniger Worte, aber tiefen Nachdenkens, saß abseits, seine Augen hinter einer dunklen Brille verborgen. Er nickte zustimmend. Sein Blick war ruhig, aber intensiv. "Und niemand trifft ein Ziel so präzise wie ich." Sein Scharfschützengewehr war eine Verlängerung seines Willens, ein Instrument der Präzision, es glänzte im schwachen Licht. Terry Flow, das technische Genie, dessen Finger schneller über die Tastatur flogen als die meisten Menschen denken konnten, war umgeben von Monitoren und Geräten. Sein Witz war so schnell wie sein Verstand. Er kicherte über einen Scherz, den er gerade an Speedy Rafter geschickt hatte. Er tippte etwas in sein Tablet und sah dann auf. "Kommunikation ist der Schlüssel. Ich sorge dafür, dass wir immer einen Schritt voraus sind." Rafter, der Sanitäter, dessen ruhige Stärke und unerschütterliche Loyalität das Rückgrat des Teams bildeten, antwortete mit einem grimmigen Grinsen, als er seine medizinische Ausrüstung sortierte. Seine medizinischen Kenntnisse waren auf dem Schlachtfeld ebenso lebensrettend wie seine Fäuste. Er faltete seine Hände. "Ich werde dafür sorgen, dass jeder von euch lebend zurückkommt." Die Zwillinge Andreas und Bernd Markowitz, die schon so manche Mission zusammen mit den anderen durchgeführt hatten, nickten zustimmend, während Janet Susan gedankenverloren daran dachte, wie es wohl wäre, wenn sie dieses Mal im Headquarter bleiben müsste. Da würde sie den ganzen verdammten Spaß verpassen. Mike erläuterte die Mission: "Unser Ziel ist klar – ein Waffenlager im Herzen des feindlichen Territoriums", begann er, während auf dem Bildschirm hinter ihm Satellitenbilder aufleuchteten. "Wir werden zuerst in das feindliche Gebiet einzudringen und wichtige Informationen zu beschaffen. Dann gehen wir anhand dieser in die Lager rein, sichern die Waffen und exfiltrieren, bevor der Feind unsere Anwesenheit realisiert." erklärte Mike. "Wir dürfen keine Spuren hinterlassen, denn wir haben es mit einem gut bewaffneten Gegner zu tun", fuhr er fort. "Unsere Strategie muss daher auf Täuschung, Schnelligkeit und Präzision basieren." Wir haben nur 96 Stunden, um uns vorzubereiten und dann zuschlagen. Jede Minute zählt." Brian neckte Chris: "Sorge dafür, dass deine Schüsse so präzise sind wie meine Sprengstoffmischungen." Chris erwiderte kühl: "Ein Schuss, ein Treffer. Keine Sorge." Terry warf ein: "Solange ihr beide eure Arbeit macht, können Rafter und ich ein Nickerchen halten." Rafter lachte: "Pass nur auf, dass du nicht schnarchst und uns verrätst." Brian warf ein: "Hoffentlich sind die Wachen dort genauso aufmerksam wie du beim Pokern, Mike." Chris, ohne aufzublicken: "Lasst uns hoffen, dass es nicht darauf ankommt." Terry grinste: "Ich habe das Kommunikationssystem des Feindes bereits gehackt. Wir werden ihre Schritte hören, bevor sie es tun." Rafter nickte still, seine Gedanken bereits bei den möglichen Verletzungen, die er behandeln müsste. Auch Janet nickte jetzt wortlos, war sie doch sicher, dass sie wieder dabei sein wird, bei ihrem Team und bei ihrem heimlichen Schwarm Mike. Vielleicht würde sich dieses Mal etwas ergeben, wenn Mikaela nicht dabei ist. Jedes Teammitglied listete auf, was es brauchte. Brian sprach über spezielle Sprengstoffe, während Chris auf präzise Waffen bestand. Terry sorgte dafür, dass jede Anforderung erfüllt wurde, und überprüfte jede Lieferung persönlich. Mike führte das Team durch jede Phase der Mission, wobei sie die möglichen Risiken und die zu erwartenden Vorteile diskutierten. "Wir müssen flexibel bleiben", mahnte er. "Jeder von euch muss bereit sein, den Plan zu ändern, wenn es nötig ist." Das Team arbeitete mehrere Szenarien durch, plante für jede Eventualität. Am Ende stand ein Plan, der jede Fähigkeit des Teams berücksichtigte und dennoch Raum für Unvorhersehbares ließ. Mike stand auf, blickte jeden im Raum an. "Wir stehen vor einer Herausforderung, die nur wir meistern können. Ich vertraue jedem von euch. Lasst uns zeigen, warum wir die 'Black Devil Hawks' sind." Seine Worte hallten im Raum nach, und jedes Teammitglied fühlte die Schwere der bevorstehenden Aufgabe. Während des Briefings bemerkte Rafter einige Inkonsistenzen in den Geheimdienstberichten. "Sind wir sicher, dass diese Infos stimmen?", fragte er. Trotz der sorgfältigen Planung und Vorbereitung blieb ein Hauch von Unsicherheit. Die Informationen, die sie hatten, konnten unvollständig oder gar falsch sein. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Mission hatte begonnen. Die Vorbereitungen für die Mission der "Black Devil Hawks" waren intensiv und forderten das Team bis an seine Grenzen. In den folgenden Tagen unterzogen sich die Hawks einem intensiven Training mit rigorosen Trainingssimulationen, das keine Schwäche duldete, feilte an Taktiken und stimmte ihre Ausrüstung aufeinander ab. Jeder Handgriff, jeder Schritt war koordiniert. Jeder Raum des Hauptquartiers wurde zur Simulationszone – vom Nahkampftraining in der Turnhalle bis hin zu Sprengstoffübungen auf dem Übungsgelände. In einer realitätsnahen Kampfumgebung wurden verschiedene Szenarien durchgespielt. Von Geiselrettungen in engen Räumen bis hin zu taktischen Angriffen auf feindliche Stellungen, jedes Detail wurde berücksichtigt. Mike beobachtete jeden Zug seiner Teammitglieder, analysierte und korrigierte, wo nötig. Rafter leitete die Nahkampfübungen, die verschiedene Kampfstile wie Krav Maga, Judo und Sambo integrierten. Die Übungen waren erschöpfend, schweißtreibend und oft schmerzhaft. Brian und Chris übten Würfe und Haltegriffe, während Terry und Mike Schlag- und Tritttechniken perfektionierten. Chris führte das Team durch verschiedene Schießübungen. Sie übten mit Pistolen, Sturmgewehren und Scharfschützengewehren, wobei sie auf bewegliche Ziele in verschiedenen Entfernungen schossen. Brian zeigte sein Können mit dem Granatwerfer, während Rafter das Team in der Handhabung von Messern und anderen Nahkampfwaffen unterwies. Die Strategie wurde verfeinert, jeder Schritt und jede Rolle festgelegt. "Wir sind die Schatten, die das Licht bewachen", sagte Mike während einer der vielen Besprechungen. "Wir dürfen nicht scheitern." Um sicherzustellen, dass das Team unter Druck funktionieren konnte, wurden sie extremen Bedingungen ausgesetzt. In einem simulierten Szenario mussten sie einen Raum voller Tränengas betreten, um eine Geisel zu retten, ohne ihre Sicht zu verlieren. Mike und Hartmann saßen stundenlang über Karten und Satellitenbildern, planten jeden Schritt der Mission. Sie diskutierten Fluchtrouten, Angriffsstrategien und Notfallpläne. Terry leitete Übungen, bei denen das Team blind und nur durch seine Anweisungen geführt wurde. Diese Übungen stärkten das Vertrauen und die Abhängigkeit voneinander. Zur Vorbereitung auf die psychologischen Aspekte der Mission führte ein externer Experte Sitzungen durch, um das Team in Techniken zur Stressbewältigung und mentalen Stärkung zu schulen. Jeder Morgen begann mit einem langen Lauf, gefolgt von einem intensiven Fitnessprogramm. Rafter, als fittestes Mitglied des Teams, setzte den Standard, den die anderen zu erreichen suchten. Jedes Stück Ausrüstung wurde überprüft, gewartet und angepasst. Vom Nachtsichtgerät bis hin zum letzten Schraubenzieher im Werkzeugkasten, alles musste perfekt sein. Am Ende jedes Trainingstages kamen die Hawks zusammen, um Erfahrungen und Erkenntnisse zu teilen. In diesen Momenten wuchs die Bindung zwischen ihnen, und sie wurden mehr als nur ein Team – sie wurden zu Brüdern im Kampf. Als das intensive Training endlich beendet war, sahen sich die Teammitglieder an. Mike hob sein Glas: "Auf uns. Auf die, die im Dunkeln stehen, um das Licht zu schützen." Gläser klangen, und ein unausgesprochenes Versprechen zirkulierte unter ihnen – sie waren bereit für alles, was kommen mochte. Die Nacht war still, als die "Black Devil Hawks" sich ihrem Ziel – einem scheinbar verlassenen Außenposten unter dem Sternenhimmel der Wüste näherten. Tief in der Wüste, verdeckt durch die Dunkelheit, bereiteten sie sich auf ihren Einsatz vor. Mike Nowak, der erfahrene Anführer, überprüfte die Ausrüstung und die Kommunikation seines Teams. Die "Black Devil Hawks" erreichten unter dem Schleier der Dunkelheit ihr Zielgebiet. Versteckt hinter einem Sanddünenkamm, überblickten sie den feindlichen Außenposten in der Ferne. Mike Nowak, der Teamleiter, gab leise Anweisungen über das Headset: "Überprüft eure Ausrüstung noch einmal. Wir dürfen nichts dem Zufall überlassen." Brian Schuster, der Sprengstoffexperte, nickte und überprüfte seine Detonatoren. "Alles bereit für ein großes Bumm", flüsterte er mit einem grimmigen Lächeln. Terry Flow, der Kommunikationsspezialist, tippte konzentriert auf seinem Gerät. "Kommunikationskanäle sind gesichert. Wir sind unsichtbar." Chris Hartmann, der Scharfschütze, richtete sein Gewehr aus und überprüfte den Horizont. "Klarer Himmel, gute Sicht. Ich habe das Feld im Blick." Rafter, der Sanitäter, überprüfte seine medizinische Ausrüstung. "Hoffen wir, dass das meiste hiervon ungenutzt bleibt", murmelte er. Mike sah zu jedem seiner Teammitglieder. "Brian und ich nähern uns von Westen. Chris, nimm deine Position auf jenem Hügel ein. Terry, du bleibst mit Rafter als Rückendeckung hier." "Wir kennen unsere Aufgaben. Lasst uns konzentriert und präzise vorgehen. Wir sind die Schatten in der Nacht", sagte Mike mit entschlossener Stimme. In der tiefen Stille der Wüstennacht bewegte sich das Team lautlos vorwärts, jeder Schritt sorgfältig gesetzt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Schatten verschmolzen mit der Dunkelheit, als sie sich dem Außenposten näherten. Das Team war in höchster Alarmbereitschaft, jeder Sinn geschärft für das kleinste Geräusch, die kleinste Bewegung. Sie wussten, dass jeder Moment der Beginn des Feuergefechts sein konnte. "Okay, Team, das ist es. Erinnert euch an das Training und bleibt fokussiert", flüsterte Mike ins Mikrofon. Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt, ein Anker in der angespannten Stille. Brian überprüfte seine Ausrüstung ein letztes Mal und murmelte: "Alles bereit für ein schönes Feuerwerk." Chris antwortete mit einem leisen Lachen: "Und ich sorge dafür, dass niemand unser Lichterfest stört." Terry warf ein: "Ich habe alle Frequenzen im Griff. Wir sind unsichtbar und unhörbar." Rafter nickte seinen Kameraden zu: "Passt auf euch auf da draußen. Ich möchte heute Nacht niemanden flicken müssen." Mit gezielten, leisen Schritten bewegte sich das Team vorwärts, jeder Schatten könnte ein Versteck für einen Feind sein. Ihre Bewegungen waren präzise und koordiniert – das Ergebnis unzähliger Trainingsstunden. Unter dem Mantel der Nacht begannen die "Black Devil Hawks" ihren Marsch ins Unbekannte. Das schwache Mondlicht war ihre einzige Beleuchtung, als sie sich vorsichtig und leise dem Ziel näherten. Mike Nowak gab das Zeichen zum Vorrücken. "Langsam und leise, wir kennen nicht alle Gefahren, die uns erwarten", flüsterte er. Brian überprüfte jede Bewegung. "Ich hasse es, blind in eine Situation zu gehen", murmelte er. Terry Flow hielt ständigen Kontakt zum Team. "Funksignale sind immer noch sauber. Keine Aktivität in unserer Nähe." Chris Hartmann antwortete leise: "Bleibt wachsam. Diese Stille gefällt mir nicht." Rafter warf ein: "Besser eine ruhige Nacht als die Hölle, die wir erwarten." Jeder Schritt wurde mit Bedacht gesetzt, um keinen Lärm zu machen. Ihre Augen durchsuchten die Dunkelheit, auf der Suche nach jedem Anzeichen einer Bedrohung. Die Stille der Wüste war beinahe greifbar. Mit jedem Schritt, den sie näher an den Außenposten kamen, wuchs die Anspannung. Sie wussten, dass jeder Moment der Ruhe der Vorbote eines Sturms sein konnte. Mike hielt das Team an einem sicheren Punkt an. "Chris, nimm eine erhöhte Position ein. Wir brauchen deine Augen. Brian, Terry, Rafter, mit mir. Wir nähern uns vorsichtig." Chris kletterte auf einen kleinen Hügel, um bessere Sicht zu haben. "Ich habe euch im Blick. Alles ruhig... bisher." Als sie sich weiterbewegten, spürte jedes Teammitglied die Nähe des Feindes, obwohl sie ihn nicht sehen konnten. Die Gefahr lauerte im Dunkeln, unsichtbar und doch so nah. Sie setzten ihren Marsch fort, bereit für alles, was kommen mochte. Jeder von ihnen wusste, dass die nächste Stunde über den Erfolg ihrer Mission und über ihr Leben entscheiden könnte. Chris, mit seinem Scharfschützengewehr ausgerüstet, suchte die Umgebung nach Bedrohungen ab. "Bis jetzt sieht alles ruhig aus", flüsterte er. Mike gab das Zeichen, weiterzumarschieren. "Halten wir die Formation. Brian, Chris, ihr vorne. Terry, Rafter, deckt unsere Flanke." In der undurchdringlichen Dunkelheit der Wüstennacht näherte sich das Team der "Black Devil Hawks" ihrem Ziel. Ihre Bewegungen waren flüssig und geräuschlos, während sie sich durch das raue Terrain bewegten. Rafter behielt die Umgebung im Auge, während er sprach: "Bleiben wir wachsam. Es ist zu ruhig hier." Brian Schuster, der Sprengstoffexperte, nickte zustimmend. "Ruhe vor dem Sturm", murmelte er. Mike hielt kurz inne, um die Lage zu beurteilen. "Brian, Rafter, auf meiner Sechs. Terry, bleib in Funkkontakt mit Chris. Wir bewegen uns zum Ostflügel des Lagers." Von seiner erhöhten Position aus behielt Chris das gesamte Team im Auge. "Ich habe euch im Blickfeld. Keine Bewegung im Lager." Das Team setzte seinen Marsch fort, jeder Schritt vorsichtig und bedacht. Sie wussten, dass in der Kriegsführung Stille oft eine Täuschung war, ein Vorzeichen für bevorstehende Gewalt. Nach einigen Minuten erreichte das Team einen Punkt, von dem aus sie das Lager besser einschätzen konnten. Mike signalisierte einen Halt. "Zeit für den nächsten Schritt. Chris, bleib wachsam. Wir gehen rein." Während sie sich dem Lager näherten, spürten sie die Spannung wie eine physische Präsenz. Jeder wusste, dass die geringste Unachtsamkeit tödlich sein könnte. Das Team der "Black Devil Hawks" bewegte sich unaufhaltsam näher an das Lager heran. Jeder Schritt wurde mit äußerster Vorsicht unternommen, als sie sich durch das Dunkel der Wüstenlandschaft schlichen. Eine spürbare Spannung lag in der Luft, fast so, als könne man sie greifen. Die Stille der Wüste war erdrückend, und jeder im Team war sich der drohenden Gefahr bewusst. Mike, der immer wachsam war, flüsterte ins Mikrofon: "Erinnert euch, ruhig bleiben. Wir wissen nicht, was uns erwartet." Brian antwortete leise: "Jedes Mal dasselbe Gefühl... wie das Warten auf den ersten Schlag." Terry, der seine Geräte überprüfte, murmelte: "Immer noch alles ruhig auf den Frequenzen... zu ruhig." Chris, von seinem Beobachtungsposten aus, gab durch: "Keine Bewegung. Es fühlt sich an, als würde uns jemand beobachten." Rafter fügte hinzu: "Lassen wir uns nicht überraschen. Wir sind auf alles vorbereitet." Mit jedem Schritt, den sie näher an das Lager kamen, wuchs die Anspannung. Das Team kommunizierte hauptsächlich mit Handzeichen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Mike überdachte die verschiedenen Szenarien, die sie im Training durchgespielt hatten. "Bleibt aufmerksam. Jeder von euch weiß, was zu tun ist." Ihre Sinne waren aufs Höchste geschärft. Das leiseste Geräusch, der kleinste Schatten konnte ein Signal für einen bevorstehenden Angriff sein. Als sie sich dem Lager bis auf wenige Meter genähert hatten, signalisierte Mike einen kurzen Halt. "Letzte Überprüfung. Wir gehen gleich rein. Jeder auf seinen Posten." Sie verharrten einen Moment lang in absoluter Stille, horchten in die Nacht, bevor sie sich zum finalen Teil ihres Vorhabens bereit machten. Als sie das Ziel erreichten, signalisierte Mike einen Halt. "Wir sind da. Erinnert euch an den Plan. Schnell rein, schnell raus. Keine Heldenaktionen." Brian nickte und setzte sich in Bewegung, um den Eingang zu präparieren. "Lasst uns zeigen, wofür die 'Black Devil Hawks' stehen." Vor ihnen lag das feindliche Lager, still und dunkel unter dem sternklaren Wüstenhimmel. Sie verharrten einen Moment im Schatten, um die Lage zu beurteilen. Brian Schuster überprüfte seine Ausrüstung ein letztes Mal und flüsterte: "Bereit für ein wenig Feuerwerk, falls nötig." Terry Flow nickte: "Alle Systeme sind grün. Wir sind gut zu gehen." Chris Hartmann meldete sich aus seiner Position: "Position gesichert. Keine Bewegung zu sehen." Rafter fügte hinzu: "Wir sind bereit, Mike. Lass uns das durchziehen." Langsam und bedacht bewegte sich das Team vorwärts, wobei sie die Dunkelheit zu ihrem Vorteil nutzten. Sie teilten sich auf, um das Lager aus verschiedenen Richtungen zu nähern. Jedes Teammitglied war hochkonzentriert, die Augen ständig in Bewegung, um jede mögliche Bedrohung zu erfassen. Die Stille war fast greifbar, als sie sich weiter ins Lager vorwagten. Mit jedem Schritt, den sie machten, wuchs die Anspannung. Das Wissen, dass jeder Moment der Beginn eines Gefechts sein könnte, hielt sie in höchster Alarmbereitschaft. Mike erreichte den ersten strategischen Punkt und signalisierte den anderen, ihre Positionen einzunehmen. "Positionen erreicht", bestätigte er leise. In der Stille, die vor dem möglichen Ausbruch der Gewalt herrschte, bereiteten sich die "Black Devil Hawks" auf das vor, was kommen mochte. Jeder von ihnen wusste, dass der nächste Schritt entscheidend sein würde. Das Team der "Black Devil Hawks" bewegte sich behutsam durch das düstere Gelände des Außenpostens. Mike führte sie an, seine Augen durchdrangen die Dunkelheit. Jeder Schritt war bedacht, jeder Atemzug kontrolliert. Plötzlich zischte ein Funkgerät. Terry flüsterte hastig: "Etwas stimmt nicht, ich bekomme Störsignale." Mike hielt inne, sein Instinkt signalisierte Gefahr. "Halt! Alle in Deckung!", befahl er. Während die "Black Devil Hawks" ihre Positionen im feindlichen Lager einnahmen, bemerkte Terry eine unerwartete Störung auf seinen Geräten. "Etwas stimmt nicht", flüsterte er. "Ich bekomme schon wieder Störsignale. Sie sind nicht stark, aber definitiv ungewöhnlich." Nowak reagierte sofort auf Terrys Warnung. "Das könnte eine Falle sein", murmelte er. "Jeder, bleibt in höchster Alarmbereitschaft." Schuster sah sich um. "Könnte das eine Art Frühwarnsystem sein?", fragte er leise. Chris Hartmann antwortete aus seiner Position: "Ich sehe nichts Verdächtiges, aber das bedeutet nicht viel." Rafter fügte hinzu: "Bleiben wir zusammen. Wir wissen nicht, was hier vor sich geht." Die Spannung im Team stieg. Jedes Mitglied war sich der möglichen Gefahr bewusst, die mit den Störsignalen verbunden sein könnte. Mike gab das Signal, dass sich das Team auf einen möglichen Hinterhalt vorbereiten sollte. "Wir müssen flexibel bleiben", sagte er. "Seid bereit, schnell zu reagieren." Während sie sich weiter durch das Lager bewegten, waren ihre Bewegungen nun noch vorsichtiger, ihre Sinne auf das Äußerste geschärft. Die unheimliche Stille des Lagers verstärkte das Gefühl der Unsicherheit. Jedes Knacken, jedes Rascheln ließ sie innehalten. Das Team setzte seinen Marsch fort, wobei jeder Schritt von der Ungewissheit über das, was kommen könnte, überschattet wurde. Die ersten Anzeichen der Störung hatten ein klares Signal gesendet: Sie betraten gefährliches Terrain. Aus den Schatten heraus brach plötzlich ohne Vorwarnung, ein Kugelhagel los. Das Team wurde von allen Seiten beschossen. Schüsse hallten durch die Nacht, als das Team von allen Seiten unter Beschuss genommen wurde. "Hinterhalt!", schrie Brian, während er in Deckung sprang. "Sie waren auf uns vorbereitet!" Chris zog schnell sein Gewehr hoch und erwiderte das Feuer. "Feindliche Schützen, Nordostturm!", rief er, während er abdrückte. Rafter zog Terry hinter eine Deckung. "Bleib unten!", brüllte er, während Kugeln über ihre Köpfe pfiffen. Mike reagierte blitzschnell. "Formation! Wir müssen uns wehren!", rief er, während er seine Waffe zog und das Feuer erwiderte. Chris gab Deckungsfeuer. "Ich habe die Scharfschützen im Visier!", rief er, während er zielte und schoss. Terry, der versuchte, die Kommunikationslinien offen zu halten, rief: "Ich kann keine Verbindung zur Basis herstellen! Wir sind auf uns allein gestellt!" Rafter, der sich um einen leicht verletzten Kameraden kümmerte, schrie: "Ich habe hier einen Verletzten! Brauche Deckung!" Mike koordinierte die Verteidigung des Teams, gab Anweisungen und hielt die Moral hoch. "Wir lassen uns nicht so leicht erledigen! Feuer frei!" Das Ausmaß und die Intensität des Hinterhalts überraschten das Team. Sie waren erfahren und gut ausgebildet, aber die Feinde schienen ihre Positionen genau zu kennen. Brian nutzte seine Sprengstoffkenntnisse, um eine Rauchbarriere zu schaffen und das Team zu schützen. "Rauchgranaten!", rief er, während er sie zündete. "Wir müssen hier raus, das ist eine Falle!", schrie Mike, während er weiter das Feuer koordinierte. "Chris, gib uns Deckung! Terry, versuche weiter, die Basis zu erreichen!" Inmitten des Chaos und der Kugeln, die um sie herum einschlugen, kämpfte jedes Teammitglied ums Überleben. Ihre Ausbildung, ihr Mut und ihre Entschlossenheit wurden auf eine harte Probe gestellt. Mike, der das Feuer koordinierte, rief: "Chris, Brian, Feuerunterstützung! Terry, Rafter, haltet die Flanke!" Brian, der neben Mike in Deckung ging, rief: "Verdammt, sie wussten, dass wir kommen!" Das Team reagierte gezielt. Trotz des Hinterhalts und der Überraschung blieben sie professionell und fokussiert. Chris' Schüsse fanden ihr Ziel, während Brian mit gezielten Granaten den Feind zurückdrängte. Terry, der versuchte, das Kommunikationssignal wiederherzustellen, rief: "Ich versuche, Verstärkung zu rufen!" Rafter, der sich um einen leicht verletzten Kameraden kümmerte, schrie: "Wir brauchen einen Rückzugsweg!" Mitten im Kugelhagel kämpften die "Black Devil Hawks" um ihr Überleben. Terry Flow, der Kommunikationsspezialist des Teams, arbeitete fieberhaft an seinem Gerät, um eine Verbindung zur Basis herzustellen. "Verdammt, die Kommunikation ist tot! Ich bekomme nichts durch!", rief er. Mike Nowak rief zwischen den Schüssen: "Terry, wir brauchen Unterstützung! Versuch alles, um durchzukommen!" Rafter, der neben Terry Deckung suchte, sagte: "Ohne Kommunikation sind wir blind hier draußen!" Im GSG-9 Hauptquartier herrschte ebenfalls Chaos. Ferris Eisenstein, der IT-Spezialist, tippte hastig auf seiner Tastatur. "Es muss einen Störsender geben. Ich versuche, das Signal zu umgehen." Ein Kollege neben ihm rief: "Ferris, irgendwelche Fortschritte? Das Team ist auf sich allein gestellt!" Ferris schüttelte den Kopf. "Ich arbeite dran. Dieser Störsender ist professionell. Die wissen genau, was sie tun." Zurück im Einsatzgebiet gab Terry nicht auf. "Ich versuche, die Frequenzen zu wechseln. Vielleicht kann ich den Störsender umgehen." Chris Hartmann, der von seiner Position aus das Feuer auf die Angreifer konzentrierte, funkte: "Beeilung, Terry! Wir können nicht ewig hierbleiben!" Jede Sekunde ohne Kommunikation erhöhte das Risiko für das Team. Sie waren isoliert, ohne Möglichkeit, Verstärkung zu rufen oder ihre Lage zu melden. Im Hauptquartier arbeitete Ferris weiterhin unter Hochdruck. "Ich habe fast die Quelle des Störsignals... Fast da!", sagte er, während seine Finger über die Tastatur flogen. Terry spürte plötzlich ein schwaches Signal. "Ich glaube, ich habe etwas... versuche, zu verstärken." Mike, der weiterhin das Feuer koordinierte, antwortete: "Gute Arbeit, Terry. Halte die Linie offen!" Während das Team weiterhin gegen die Übermacht kämpfte, war die Hoffnung auf eine erfolgreiche Kommunikation der einzige Lichtblick in dieser verzweifelten Situation. Mike, der die Situation im ganzen Ausmaß erfasste, erkannte, dass sie nicht lange standhalten konnten. "Wir müssen uns zurückziehen! Zum Hubschrauber!" Inmitten des Chaos nutzte jedes Teammitglied seine Spezialfähigkeiten. Chris, der Scharfschütze, suchte nach Zielen aus der Ferne, während Rafter verletzte Kameraden versorgte. Terry versuchte fieberhaft, ihre Position zu verschlüsseln, um keinen weiteren Angriffen Vorschub zu leisten. Die "Black Devil Hawks" waren in der Falle, aber nicht wehrlos. Nowak, ihr Anführer, rief aus: "Stellung halten! Wir lassen uns nicht so einfach ausschalten!" Brian Schuster reagierte blitzschnell, platzierte Sprengsätze strategisch an kritischen Punkten. "Das wird ihnen etwas zum Nachdenken geben", brüllte er, während er die Zünder aktivierte. Chris Hartmann, aus sicherer Position, zielte präzise auf die Angreifer. "Ein Ziel nach dem anderen", murmelte er konzentriert. Rafter und Terry Flow kämpften Seite an Seite. Rafter gab Deckungsfeuer, während Terry verzweifelt versuchte, die Verbindung zur Basis wiederherzustellen. "Ich bekomme kaum Signal durch", rief Terry. Rafter antwortete, während er einen Angreifer ausschaltete: "Konzentrier dich auf die Verbindung, ich decke dich!" Mike, der die Situation im Auge behielt, gab koordinierte Anweisungen: "Chris, konzentriere dich auf die Scharfschützen! Brian, bereite den Rückzug vor!" Brian, während er eine kontrollierte Explosion auslöste, rief: "Rückzugsweg ist fast bereit!" Chris antwortete, während er einen weiteren Feind ausschaltete: "Ich gebe euch so viel Zeit wie möglich!" Terry, sichtlich unter Druck, kämpfte mit der Technik: "Ich versuche, das Störsignal zu umgehen! Gebt mir noch eine Minute!" Rafter, der sich schnell von einer Deckung zur nächsten bewegte, rief: "Wir haben nicht viel Zeit, Terry!" Mike, der die Situation erfasste, entschied: "Wir können hier nicht lange standhalten. Wir müssen zum Puma durchbrechen!" Das Gefecht um die "Black Devil Hawks" erreichte seinen Höhepunkt. Mike Nowak erkannte, dass sie ohne Unterstützung nicht lange standhalten würden. "Wir müssen hier raus!", rief er über das ständige Feuer hinweg. "Bereitet euch auf eine schnelle Evakuierung vor!" Brian Schuster antwortete, während er eine Deckung hinter einem umgestürzten Fahrzeug suchte: "Mike, ich lege einen Sprengpfad! Das wird uns etwas Raum verschaffen!" Chris Hartmann, der noch immer Deckungsfeuer gab, rief: "Sagt mir, wann ihr bereit seid! Ich halte sie so lange wie möglich auf." In diesem Moment gelang Terry Flow endlich der Durchbruch. "Ich habe den Piloten! Er bereitet den Hubschrauber vor!" Mike antwortete eilig: "Gut gemacht, Terry! Sag ihm, er soll sich bereithalten. Wir kommen!" "Brian, jetzt!", befahl Mike. Brian zündete seine Sprengladungen, was eine massive Explosion und eine riesige Staubwolke zur Folge hatte. Rafter, der einen verletzten Kameraden stützte, rief: "Wir sind bereit, Mike! Lass uns diesen Ort verlassen!" Terry, der immer noch mit dem Piloten kommunizierte, sagte: "Pilot ist informiert. Er wartet auf unser Signal." Inmitten des Kreuzfeuers erkannte Mike die Notwendigkeit eines schnellen Rückzugs. "Zum Puma! Jetzt!", befahl er. Seine Stimme übertönte das Chaos. Das Team reagierte sofort. Brian, der Sprengstoffexperte, nutzte eine seiner Sprengladungen, um eine Rauchwand zu erzeugen. "Das gibt uns Deckung!", rief er. Chris sicherte die Rückseite, zielte präzise und effektiv. "Geht vor, ich decke euch!", rief er, während er weiter feuerte. Rafter half einem verletzten Kameraden, sich zu bewegen. "Bleib bei mir, wir schaffen das!", motivierte er. Terry, der die Kommunikation überwachte, bestätigte: "Der Puma ist in Position. Wir müssen uns beeilen!" Sie bewegten sich schnell und gezielt durch das Gelände, immer unter dem Schutz von Rauch und Feuer. Jeder Schritt konnte der letzte sein, und das wussten sie. Mike führte das Team an, immer ein Auge auf die Umgebung gerichtet. "Bleibt zusammen!", rief er. "Wir sind gleich da!" Brian, hinter ihm, antwortete keuchend: "Diese Typen sind hartnäckig!" Als sie den Landeplatz des Puma-Hubschraubers erreichten, war die Erleichterung greifbar, aber die Gefahr noch nicht vorbei. Der Puma-Hubschrauber der GSG 9 stand bereit, seine Rotoren warfen Staub und Sand in die Luft. Das Team der "Black Devil Hawks" rannte mit letzter Kraft auf den Hubschrauber zu, während hinter ihnen das Feuergefecht weiter tobte. "Fast da, Leute! Auf keinen Fall aufgeben!", rief Mike, während er voran sprintete. Rafter, der einem verletzten Kameraden half, antwortete keuchend: "Wir lassen niemanden zurück!" Terry, der sich hinter Chris herzog, schrie: "Chris, beeil dich! Wir müssen weg!" Chris, der immer noch Deckungsfeuer gab, erwiderte: "Geht schon mal, ich komme nach!" Als sie den Hubschrauber erreichten, warfen sich Mike, Brian und Rafter in die Kabine, während der Pilot ungeduldig auf Chris wartete, der immer noch auf dem Feld war. Chris, der letzte im Team, gab einen letzten Schuss ab, bevor er sich umdrehte und zum Hubschrauber, sprintete. "Das war's, ich komme!", rief er. Er sprang gerade noch rechtzeitig in die Kabine. "Los, flieg!", schrie er. Der Pilot, ein erfahrener Veteran, reagierte sofort und zog den Hubschrauber hoch. Der Puma hob ab, während Kugeln um sie herum einschlugen. Im Hubschrauber herrschte angespannte Stille, unterbrochen nur vom Heulen der Rotoren. Jeder atmete schwer, erleichtert, aber sich der Gefahr bewusst, in der sie immer noch waren. Mike überprüfte schnell den Zustand seines Teams. "Ist jeder okay?", fragte er. Rafter, der die Verletzungen des Kameraden versorgte, nickte. "Es geht ihm gut, dank dir, Chris." Der Puma-Hubschrauber der GSG 9 stieg rasant auf und entfernte sich schnell vom Schauplatz des Gefechts weg. Doch die Erleichterung währte nur kurz. In einem Moment der vermeintlichen Sicherheit zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Luft. Eine Panzerfaust traf den Hubschrauber mit brutaler Wucht. "Wir sind getroffen!", schrie der Pilot. Alarmlichter flackerten auf, und der Puma begann, unkontrolliert zu schwanken. Mike griff instinktiv nach etwas, um sich festzuhalten. "Status!", rief er. Chris, der sich am Sitz festklammerte, antwortete: "Verdammte Panzerfaust! Sie haben uns am Heck getroffen!" Terry, bleich im Gesicht, rief: "Kommunikationssysteme sind ausgefallen! Wir sind auf uns allein gestellt!" Rafter, der immer noch den Verletzten versorgte, schrie: "Wir müssen landen, bevor es zu spät ist!" Der Pilot kämpfte mit den Steuerungen, sein Gesicht angespannt vor Konzentration. "Ich versuche, ihn runterzubringen. Haltet euch fest!" Das Team klammerte sich an alles, was Halt bot, während der Hubschrauber in einer Notlandung nach unten trudelte. "Kannst du ihn stabilisieren?", rief Mike zum Piloten. "Ich gebe mein Bestes!", antwortete der Pilot, sein Blick starr auf die Instrumente gerichtet. Brian sah nach draußen und sagte: "Wir gehen in der Wüste runter!" Mit jedem Meter, den sie fielen, wuchs die Anspannung. Jeder im Team wusste, dass die nächsten Sekunden über Leben und Tod entscheiden würden. Mit erstaunlicher Fähigkeit brachte der Pilot den schwer beschädigten Hubschrauber unter Kontrolle. Sie stürzten in die Wüsteneinöde hinab, wo sie mit einem harten Aufprall landeten. Als sie aus dem Wrack kletterten, blickten sie auf die endlose Wüstenlandschaft. "Das war knapp", keuchte Brian. Mike, sein Blick düster, erkannte die bittere Wahrheit. "Das war kein Zufall. Wir wurden verraten." "Von wem?", fragte Rafter. "Das müssen wir herausfinden", sagte Mike. "Wir sind tief im Feindesland", sagte Terry. "Wir brauchen einen Plan." "Unser erster Schritt ist, aus dieser Wüste rauszukommen", bestimmte Mike. "Dann jagen wir den Verräter." Im Hauptquartier der GSG 9 herrschte eine Atmosphäre der Anspannung und Verzweiflung. Dr. Mikaele Ricci und Ferris Eisenstein saßen vor ihren Monitoren, umringt von blinkenden Bildschirmen und summenden Computern, und versuchten verzweifelt, die "Black Devil Hawks" zu erreichen. "Es muss einen Weg geben, sie zu erreichen", murmelte Dr. Ricci, während ihre Finger über die Tastatur flogen. Ferris, der sich auf seine technischen Fähigkeiten verließ, antwortete: "Ich verstehe es nicht. Alle unsere Versuche scheitern. Es ist, als wären sie vom Netz vollständig abgeschnitten." Die Situation verschärfte sich, als sie feststellten, dass General Borsdorf, der Einsatzleiter der Mission, unauffindbar war. "Wo zum Teufel ist Borsdorf?", fragte Dr. Ricci, während sie durch die Gänge des Hauptquartiers eilten. "Ich habe überall nachgesehen. Er ist wie vom Erdboden verschluckt", antwortete Ferris, während er auf seinem Handy scrollte. Das Hauptquartier der GSG 9 war ein Wirbelwind der Aktivität, als Dr. Mikaele Ricci und Ferris Eisenstein verzweifelt nach General Borsdorf suchten. Ihre Schritte hallten durch die langen Korridore, während sie von Raum zu Raum eilten. Dr. Ricci rief einem vorbeieilenden Offizier zu: "Haben Sie General Borsdorf gesehen?" Der Offizier schüttelte den Kopf. "Nein, Dr. Ricci. Er scheint verschwunden zu sein." Ferris, der sein Handy überprüfte, sagte: "Sein Handy ist offline, und niemand hat ihn seit Stunden gesehen." Mit jeder negativen Antwort wuchs ihre Besorgnis. Dr. Ricci murmelte: "Das ist nicht normal. Etwas stimmt hier nicht." Ferris nickte zustimmend. "Ich habe ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache. Wir müssen ihn sofort finden." Sie erreichten General Borsdorfs Büro und fanden es leer vor. Akten lagen unberührt auf dem Schreibtisch, und sein Computerbildschirm war dunkel. Dr. Ricci durchsuchte den Raum. "Keine Hinweise, nichts Ungewöhnliches. Wo zum Teufel kann er sein?" Ferris scannte die Überwachungskameras auf seinem Tablet. "Nichts auf den Kameras. Er ist wie vom Erdboden verschluckt." Die beiden zogen sich in einen leeren Besprechungsraum zurück. "Könnte er etwas mit dem Verschwinden des Teams zu tun haben?", fragte Ferris. Dr. Ricci schüttelte den Kopf. "Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber wir können nichts ausschließen." "Wir müssen unsere nächsten Schritte sorgfältig planen", sagte Dr. Ricci. "Ohne Borsdorf und ohne Kontakt zum Team sind wir im Dunkeln." Ferris sah sie entschlossen an. "Wir sollten das Hauptquartier nach Hinweisen durchsuchen. Vielleicht finden wir etwas, das uns weiterhilft." Zwei Tage vergingen ohne jegliche Nachricht, bis schließlich ein Funkruf von Mike Nowak eintraf. Er berichtete aus einem Armeestützpunkt in der Wüste, dass die Mission gescheitert sei und sie einen Verräter in ihren Reihen vermuteten. "Verdammt, das hatten wir befürchtet", sagte Dr. Ricci mit zitternder Stimme, als sie Mikes Bericht hörten. Ferris sah sie mit besorgtem Blick an. "Das ändert alles. Wir müssen jetzt vorsichtig sein." Dr. Mikaele Ricci und Ferris Eisenstein saßen in einem abgeschiedenen Büro, umgeben von Papieren und elektronischen Geräten. Die Stimmung war angespannt, die Luft mit Sorge und Misstrauen geladen. Dr. Ricci brach das Schweigen: "Ferris, wir können hier nicht einfach abwarten. Unsere Sicherheit steht auf dem Spiel." Ferris sah sie ernst an. "Stimmt. Wir wissen nicht, wer der Verräter ist. Es könnte jeder sein, sogar jemand aus unserem engsten Kreis." "Wir müssen alle Beweise vernichten, die uns in Verbindung mit der Mission bringen könnten", entschied Dr. Ricci. "Alles, was uns kompromittieren könnte, muss weg." Ferris nickte zustimmend. "Ich kümmere mich um die digitalen Daten. Ich kann unsere Spuren im Netzwerk und in den Kommunikationssystemen löschen." Sie begannen, das Büro zu räumen. Sie löschten Dateien, vernichteten Dokumente und zerstörten Festplatten. Jedes Stück Papier, jeder USB-Stick wurde sorgfältig untersucht und, falls notwendig, vernichtet. Ferris programmierte einen Algorithmus, der alle Spuren ihrer Arbeit aus dem Netzwerk löschte. "Das sollte uns etwas Zeit verschaffen", sagte er, während er den Löschvorgang startete. Dr. Ricci packte persönliche Gegenstände und wichtige Dokumente in eine Tasche. "Wir müssen untertauchen, bis wir mehr wissen. Es ist zu gefährlich, hier zu bleiben." Dr. Ricci begann, methodisch durch die Stapel von Papieren auf ihrem Schreibtisch zu gehen. "Diese Dokumente könnten uns verraten. Sie müssen vernichtet werden." Während sie die Blätter durchsah, zerriss sie jedes kompromittierende Dokument und warf es in einen großen Schredder neben ihrem Schreibtisch. Ferris, der einige Festplatten und USB-Sticks zusammensuchte, sagte: "Ich werde diese Datenträger verschlüsseln und dann physisch zerstören. Es wird keine Spuren geben." Dr. Ricci antwortete, während sie weiterhin Dokumente vernichtete: "Gut, stellen Sie sicher, dass alles unwiederbringlich gelöscht wird." Ferris setzte sich an seinen Computer und begann, Dateien zu löschen und Festplatten zu formatieren. "Ich starte den Löschvorgang. Das wird etwas Zeit in Anspruch nehmen." Er arbeitete schnell und effizient, seine Finger flogen über die Tastatur, während er sicherstellte, dass jede Datei unwiederbringlich zerstört wurde. "Dr. Ricci, ich habe unsere Kommunikationsprotokolle und Einsatzberichte gelöscht. Ich arbeite jetzt an den E-Mail-Archiven", meldete Ferris. "Sehr gut, Ferris. Lassen Sie nichts übrig, das uns belasten könnte." Nachdem alle Daten gelöscht waren, nahm Ferris einen Hammer und begann, die Festplatten und USB-Sticks physisch zu zerstören. Jeder Schlag war ein weiterer Schritt, um ihre Spuren zu verwischen. Nachdem die physische und digitale Säuberung abgeschlossen war, überprüften Dr. Ricci und Ferris das Büro ein letztes Mal. Sie wollten sicherstellen, dass kein Hinweis auf ihre Beteiligung oder ihre aktuellen Pläne zurückblieb. Dr. Ricci sah sich um und seufzte. "Das sollte reichen. Wir haben alles beseitigt." Ferris nickte. "Jetzt müssen wir verschwinden, bevor jemand Verdacht schöpft." Mit einem letzten Blick auf das nun leere Büro verließen Dr. Ricci und Ferris den Raum, bereit, unterzutauchen und die Wahrheit hinter der gescheiterten Mission zu entdecken. Als sie das Büro verließen, sahen sie sich an. "Wir finden heraus, wer dahintersteckt", sagte Dr. Ricci entschlossen. Ferris nickte. "Und dann zahlen sie dafür." Epilog Der neue US-Präsident Donald Trump hat eine Kommission aufgelöst, die einen angeblichen Wahlbetrug bei der Präsidentschaftswahl untersuchen sollte. Trump unterzeichnete am Mittwoch einen entsprechenden Erlass, wie seine Sprecherin Sarah Sanders mitteilte. Trotz "erheblicher Beweise für Wahlbetrug" hätten sich viele Bundesstaaten geweigert, der Kommission Informationen zu geben, sagte Sanders. Das Gremium war umstritten. Für Aufruhr sorgte unter anderem, dass es von den Bundesstaaten die Herausgabe teils sensibler Daten aus den Wählerverzeichnissen verlangte. Viele Staaten weigerten sich, dies tun. Trump hatte nach den offiziellen Beschuldigungen, dass er die Präsidentschaftswahl nur aufgrund von Hacker-Verbindungen mit Russland manipuliert und so gewonnen hätte, immer wieder erklärt, bei der Wahl habe seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton zwischen drei und fünf Millionen Stimmen erhalten, die nie hätten abgegeben werden dürfen. Trump lieferte für seine Behauptung nie Beweise. In der Gesamtzahl stimmten für Clinton fast drei Millionen Amerikaner mehr als für Trump. Entscheidend war jedoch die Verteilung auf die Bundesstaaten und damit auf die Wahlmänner. Die Wahl wird von den Bundesstaaten organisiert. Experten schließen aus, dass es zu einem Betrug in einer solchen Größenordnung kommen kann und vermuten eher, dass dies alles ein taktisches Ablenkungsmanöver des designierten US-Präsidenten Donald Trump sei. Dieser hat einem geheimen CIA-Bericht über gezielte russische Wahlhilfe zu seinen Gunsten als "lächerlich" zurückgewiesen. Dahinter steckten die Demokraten, die eine Entschuldigung für "eine der größten Niederlagen in der Geschichte der Politik dieses Landes" suchten, sagte Trump in einem Interview mit dem Sender „Fox News“. "Es ist nur eine weitere Entschuldigung", betonte der Republikaner. "Ich kann es nicht glauben. Jede Woche eine andere Entschuldigung. Wir hatten einen Erdrutschsieg!" Mehrere Medien hatten am Samstag über eine Schlussfolgerung des Geheimdienstes CIA berichtet, nach der Hackerangriffe auf Systeme der Demokraten darauf abgezielt hätten, Trump zum Sieg über seine Rivalin Hillary Clinton zu verhelfen. Im Wahlkampf war unter anderem das E-Mail-Konto des demokratischen Parteivorstands gehackt worden. Über die geheime Einschätzung hätten CIA-Vertreter in der vergangenen Woche Senatoren in Washington unterrichtet, meldete die "Washington Post" am Samstag unter Berufung auf informierte Kreise. Demnach war bisher eher davon ausgegangen worden, dass die Aktionen das Vertrauen in das US-Wahlsystem untergraben sollten. Auch die "New York Times" berichtet, die Dienste hätten "Individuen" mit Verbindungen zum Kreml identifiziert, die der Enthüllungsplattform "WikiLeaks" sensible Informationen über Clinton zugesteckt haben sollen. Es sei Ziel der russischen Regierung gewesen, Trump ins Weiße Haus zu verhelfen. Namentlich konnte aber weder die "New York Times" noch die "Washington Post" ihre Quellen benennen. Der "New York Times" zufolge beruht die CIA-Einschätzung zum Teil darauf, dass auch das Computersystem des republikanischen Parteivorstands gehackt worden sei. Aber die Russen hätten die auf diese Weise gewonnenen Informationen im Gegensatz zum Fall der Demokraten für sich behalten. Der republikanische Parteivorstand blieb dagegen auch am Wochenende bei seiner bisherigen Darstellung, dass sein System nicht kompromittiert worden sei. Das Trump-Team hatte die CIA-Einschätzung bereits am Freitag zurückgewiesen und sich über die Spionagebehörde mokiert. "Dies sind dieselben Leute, die gesagt haben, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt", hieß es in einer schriftlichen Erklärung mit Blick auf geheimdienstliche Erkenntnisse vor dem Irakkrieg, die sich als falsch herausstellten. Diese Ergebnisse sollten „jeden Amerikaner alarmieren", sagt der Republikaner John McCain hingegen. „Man dürfe den Bericht nicht für Partei-Gezanke missbrauchen, die vermuteten Cyberangriffe berühren das Herz unserer freien Gesellschaft", heißt es in dem Statement weiter. McCain gab außerdem an, dass das „Committee on Armed Services“ des US-Senats sich "unverzüglich" mit den im CIA-Bericht genannten Vorwürfen beschäftigen werde. Der Republikaner Lindsey Graham sowie ein Demokrat als Ko-Vorsitzender sollten die Bemühungen leiten, so McCain. Der scheidende US-Präsident Barack Obama hatte zuvor ebenfalls Geheimdienste und Sicherheitsbehörden angewiesen, einen umfassenden Bericht zu den Hackerangriffen vorzulegen. Zu einer Störung des Präsidentschaftswahlkampfes in den USA kam es durch den Hack von Kommunikationsinfrastruktur, Angriffen auf das digitale Wahlsystem der USA und lancierte Falschmeldungen. Der neue US-Präsident Donald Trump steht wegen möglicher illegaler Kontakte seines Wahlkampfteams nach Moskau unter Druck. Die vorliegenden Ermittlungsergebnisse weisen darauf hin, dass hinter den Angriffen der russische GRU steht und das Land versucht hat, die US-Präsidentschaftswahl zugunsten des späteren Siegers Trump zu beeinflussen. Die bis zuletzt amtierende Regierung der Vereinigten Staaten beschuldigte die Regierung Russlands, die Wahlen gestört zu haben. So teilte die Nachrichtendienstgemeinschaft der Vereinigten Staaten mit, Russland habe eine Operation durchgeführt, der US-Agenturen den Codenamen Grizzly Steppe gaben. Das Office of the Director of National Intelligence (DNI), welches alle 17 US-Nachrichtendienste und das Department of Homeland Security (DHS) vertritt, teilte mit, Russland habe das Democratic National Committee (DNC) gehackt und Dokumente an WikiLeaks weitergeleitet. Russland bestritt, in irgendeiner Weise in den Komplex involviert zu sein. Der US-Präsident Donald Trump äußerte wiederholt seine Ansicht, dass Russland keinen Einfluss auf den Wahlkampf in den USA genommen habe. In einigen US-Bundesstaaten wurden die Betriebsprogramme der Wahlsysteme ausgespäht. Die Angriffe wurden auf Server zurückverfolgt, die von einer russischen Firma namens RouterSystem betrieben werden. Diese Aktivitäten kann die CIA nach Auskunft allerdings nicht mit Sicherheit der russischen Regierung zuordnen und verfolgt diese Spur aufgrund von Ressourcendefiziten nicht mehr weiter. Das Wahlsystem in den USA ist dezentralisiert und Staaten sowie Kommunen betreiben eine Reihe von Schutzmaßnahmen. Das weitgehend zu US-Präsident Trump loyale US-Justizministerium reichte Klage gegen eine mutmaßliche Whistleblowerin ein, die vertrauliche Informationen der NSA weitergegeben haben soll. Die Dokumente seien mit „top secret“ klassifiziert gewesen. Das Kabinett Trump hatte in den Monaten zuvor das Justizministerium angewiesen, verstärkt gegen die Weitergabe vertraulicher Informationen vorzugehen. Aus bei Gericht eingereichten Unterlagen geht hervor, dass Reality Winner, eine nachrichtendienstliche Mitarbeiterin des NSA-Dienstleisters „Pluribus International Corporation“, die betreffenden Informationen an das Online-Nachrichtenmagazin „The Intercept“ weitergab. Deswegen nahm das FBI die Frau fest. Daraufhin veröffentlichte „The Intercept“ einen, sich auf geheimdienstliche Informationen der NSA berufenden, Artikel über die angeblichen russischen Eingriffe in die Präsidentschaftswahl. Dem Artikel[24] des Intercept zufolge zeigen die NSA-Dokumente eindeutig, dass der russische Militärgeheimdienst (GRU) noch weitgehender in die US-Wahl einzugreifen versuchte, als bis dahin bekannt. Es lagen demnach Belege für Attacken auf Systeme der Wählerregistrierung vor, wofür russische Hacker in den Tagen vor der Wahl mindestens einen Zulieferer der US-Wahl-Software angegriffen hätten. Für diesen Angriff seien unter anderem Phishing-E-Mails versendet worden, um damit Schadsoftware zu platzieren. Es habe Versuche gegeben, Login-Daten zu stehlen. Laut NSA-Bericht sei nichts über eventuelle Erfolge dieser Angriffe bekannt, so das von keinen US-Behörden weitere Verfolgungen von den „angeblichen Wahlmanipulationen der US- Präsidentschaftswahl und deren Sieger, der neue amtierende Präsident der vereinigten Staaten von Amerika, Mister Donald Trump verfolgt werden würde, da es absolut keine Beweise dafür gäbe. Das 1 Woche nach dieser Verkündung ein Betrag in Höhe von 250.000.000,00 $ von einem geheimen Auslandskonto auf den Cayman-Inseln, von einem nicht näher bekannten entfernten Schwager von Trump, für diverse Beratungsleistungen an eine Schweizer Briefkastenfirma überwiesen wurde, bekam jedoch keiner mit. Pamphlet des Bösen Endziel: Zerstörung und Neustrukturierung der bestehenden Weltordnung Inbesitznahme aller weltweit bestehenden Vermögen und Werte Aufteilung der Erde in 6 Zonen Wiedereinführung der totalitären Diktatur Einführung des Getreuen-Stabs des Diktators als 2. Ordnungsebene Einführung eines Weltrates zur Führung der Obersten der Zonengebiete als 3. Ordnungsebene Zentralisierung der Legislativen, Judikativen und Exekutiven auf JUDGES der 4. Ordnungsebene in Personenunion zur Kontrolle der Zonengebiete Benennung der Obersten der Zonengebiete zur Einhaltung der neuen Weltordnung als 5. Ordnungsebene Benennung des Führungskreises der Obersten der 6. Ordnungsebene für die Bereiche: Finanzen Überwachung Berichtswesen Defizitenausmerzung Bennenung der Exekutiven zur Gewährleistung der Ordnungskontrolle Strategie: Zerstörung des Kapitalmarktes mit Zielsetzung der Übernahme aller Vermögenswerte Unterwanderung aller wichtiger Gremien, Bankenvorstände, Finanzmärkte, Immobilienholdings, sowie aller global agierenden Unternehmen und sonstigen wichtigen Gesellschaften Infiltrierung aller wichtigen Länderkomitees und beschlussfähigen Ausschüssen Beschaffung aller wichtigen Personen- u. Unternehmensbezogenen Informationen sowie Übernahme und Kontrolle sämtlicher Informationsquellen Einleitung und Manipulation von Länder- u. Konventionsübergreifenden Gewaltaktionen und Kriegen Exekutionen aller aktuellen Landespräsidenten, Könige und sonstigen Führern sowie restlose Auslöschung aller Saudis und Prinzen Planung und Durchführung zur Übernahme aller weltweit wichtigen Ämter und Posten Verbot sämtlicher Religionen gez. Malique dé Maiziére, Chief Imperator of the All Dankwort Zusammenfassung Als die Sondereinheit „Black Devil Hawks“ der deutschen Anti-Terror-Elite GSG 9 nach einer, aufgrund eines internen Verrates, missglückten Operation im Sudan, per Sonderermittler der Nato aufgelöst wird, vertrauen sich die überlebenden Team-Mitglieder nicht mehr, da jeder von Ihnen der Verräter sein könnte. Daraufhin tauchen alle zum Selbstschutz ab und zerstreuen sich ohne weitere Kontaktaufnahme über mehrere Kontinente. Als die hochgradig gefährliche Hackerorganisation „Black Syndikat“ weltweit, durch gezielte Kompromittierung- u. Manipulationsaktionen für einen geheimen Auftraggeber, sehr großen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Schaden anrichtet, ist eine Aufrechterhaltung der westlichen Staatenordnung, wie wir sie kennen, stark gefährdet. Als ein Auftragskiller, der im verdeckten operierenden Sondereinheit „Orion Team“, welche als offiziell verleugnete Untereinheit der CIA per Top-Secret-Sonderbefehl des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, in Deutschland einen korrupten Großindustriellen, der zusammen mit den Taliban einen atomaren Vernichtungsschlag gegen die USA und deren verbündeten Länder plant, ausschaltet, und dabei einem von den eigenen Kollegen ausgeführten feigen Mordanschlag selbst nur knapp entkommt, muss er dringend herausfinden, wer in seinem Team mit falschen Karten spielt. Im Laufe der Handlung fügen sich die ehemaligen Black Devil Hawks nach langer Zeit, aufgrund von sich überschneidenten Ereignissen, wieder zusammen und versuchen die Weltordnung, so wie wir sie kennen, gemeinsam zu retten. Erst muss das Team jedoch den Maulwurf von damals aufdecken, wobei von ihnen dabei Kollateralschäden ebenso in Kauf genommen werden, wie sie kompromisslos und zielorientiert all ihre erlernten Fähigkeiten einsetzen und dabei schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen. Nicht jeder „Freund“ meint es dabei gut und nicht jeder „Feind“ handelt in schlechter Absicht! Knallhart – Kompromisslos – Humorvoll – Spannend – Vielschichtig!
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Buchmanuskript Analyse und Zusammenfassung
Strukturelle und Narrative Analyse von „Codename Minotaurus“ Einleitung Dieser Bericht bietet eine erschöpfende strukturelle und narrative Analyse des Manuskripts „Codename Minotaurus“. Das Manuskript präsentiert einen komplexen, nichtlinearen Techno-Thriller mit mehreren parallelen Handlungssträngen, die sich über verschiedene internationale Schauplätze...
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Strukturelle und Narrative Analyse von „Codename Minotaurus“ Einleitung Dieser Bericht bietet eine erschöpfende strukturelle und narrative Analyse des Manuskripts „Codename Minotaurus“. Das Manuskript präsentiert einen komplexen, nichtlinearen Techno-Thriller mit mehreren parallelen Handlungssträngen, die sich über verschiedene internationale Schauplätze und Zeiträume erstrecken. Das Hauptziel dieser Analyse ist es, diese verwobenen Erzählungen zu dekonstruieren und jede als eine durchgehende, lineare Zusammenfassung darzustellen. Diese Neuordnung wird die komplizierte Handlung verdeutlichen und ein tieferes Verständnis für die Charakterentwicklungen und thematischen Leitlinien ermöglichen. Der Bericht ist in zwei Hauptteile gegliedert: eine Dekonstruktion der sieben primären Erzählstränge und eine Reihe von tiefgehenden Profilen der Hauptprotagonisten. Teil I: Dekonstruktion der Erzählstränge Dieser Abschnitt entwirrt systematisch die parallelen Handlungsstränge des Manuskripts. Jeder Unterabschnitt synthetisiert Szenen aus dem gesamten Dokument, um eine kohärente, chronologische Erzählung für den jeweiligen Handlungsstrang zu präsentieren.1 Der Wüsten-Handlungsstrang: Das grundlegende Trauma von 2011 Dieser Handlungsstrang ist der chronologische und emotionale Ausgangspunkt für mehrere Hauptfiguren und etabliert ihre gemeinsame Geschichte und ihr Trauma. Er kombiniert Ereignisse aus den Kapiteln „Irgendwo in der Wüste 2011“, „Berührung mit dem Tod, Juni 2011“, „Der Absturz, Juni 2011“ und „Gesprengtes Team, Juni 2011“.1 Der Absturz: Ein Super-Puma-Hubschrauber der GSG 9 wird während einer Mission im Juni 2011 über der westirakischen Wüste abgeschossen. Die Überlebenden, darunter Brian Schuster, Mike Nowak und Chris Hartmann, werden schwer verletzt.1 Gefangennahme und Brutalität: Die Überlebenden werden zunächst von einheimischen Jugendlichen entdeckt und dann von Al-Qaida-Kämpfern gefangen genommen. Sie werden Zeugen der Schändung der Leichen ihrer gefallenen Kameraden, einschließlich einer rituellen Enthauptung, die von einem Al-Jazeera-Team gefilmt wird.1 Die Intervention von „The Don“: Ein mysteriöser deutscher Agent, Dominique (später als Nicolas „The Don“ Dominique identifiziert), beobachtet die Szene aus der Ferne. Von Wut überwältigt, setzt er ein Barrett M107 Scharfschützengewehr ein, um den Anführer der Al-Qaida-Zelle und mehrere andere Kämpfer zu eliminieren, wodurch er seinen eigenen Exfiltrationsplan gefährdet.1 Die Rettung: „The Don“ findet die gefangenen GSG 9-Soldaten (Schuster, Nowak, Hartmann) in einem Pick-up, tötet ihre Entführer und organisiert ihre Flucht. Er leistet Erste Hilfe, gibt ihnen ein Fahrzeug und weist ihnen den Weg zu ihrer Basis, bevor er wieder in der Wüste verschwindet und sie warnt, sein Gesicht zu vergessen.1 Der Verrat am Himmel: Tage später werden die drei Überlebenden mit einem Lockheed L-100 Transportflugzeug evakuiert. Das Evakuierungsteam unter der Leitung eines Agenten namens O'Brian erhält von seinem Vorgesetzten, Sir Donald Frankiston von der SHAPE, den direkten Befehl, die Überlebenden zu „vernichten“.1 Luftkampf und Flucht: Nowak ahnt den Verrat, und es entbrennt ein brutaler Schusswechsel im Inneren des Flugzeugs während eines steilen Sturzfluges. Den GSG 9-Soldaten gelingt es, ihre potenziellen Mörder zu töten und mit Fallschirmen aus der offenen Laderampe in die Nacht zu entkommen.1 Die Nachwirkungen: Das Team wird offiziell als „gesprengt“ (aufgelöst) erklärt. Die in Deutschland verbliebenen Teammitglieder (Dr. Mikaela Ricci, Ferris Eisenstein) werden über die Katastrophe und den wahrscheinlichen Verrat aus den eigenen Reihen informiert. Sie aktivieren einen Notfallplan („Aktion Triple X“), um alle Aufzeichnungen des Teams zu löschen und unterzutauchen. Nowak, Schuster und Hartmann trennen sich nach der Flucht, wobei Nowak einen letzten Anruf bei Dr. Mia Johnson von der CIA tätigt.1 Diese Ereignisse in der Wüste sind mehr als nur ein weiterer Handlungsstrang; sie stellen das grundlegende Trauma dar, das die Hauptfiguren prägt. Der Absturz etabliert die Kerngruppe und ihr gemeinsames Leid. Die Rettung durch „The Don“ führt eine mächtige, moralisch ambivalente Figur ein. Der Verrat während der Evakuierung erklärt, warum diese Eliteeinheit der GSG 9 („Black Devil Hawks“) aufgelöst wurde und warum ihre Mitglieder nun verstreut, paranoid und außerhalb offizieller Strukturen agieren. Diese Kette von Ereignissen ist die ursächliche Wurzel für die persönlichen Dramen und Motivationen der Charaktere in den Handlungssträngen der Gegenwart im Jahr 2019. Der Frankfurt- & Mannheim-Handlungsstrang: Ein Verrat in den Black Ops (Gegenwart) Dieser Strang folgt dem CIA-Agenten Mike Nowak auf einer Mission, die den Verrat widerspiegelt, den er 2011 erlebte. Er umfasst die Kapitel „Nächtliche Waldbegegnungen“, „Der perfekte Plan“, „Der Auftrag“, „Die Flucht“ und „Taxifahrt durch die Nacht“.1 Das Ziel: Nowak, der nun für das Elite-„Orion-Team“ der CIA unter der Führung von Dr. Mia Johnson arbeitet, wird nach Deutschland geschickt, um Graf Heinrich Himmelhagen zu ermorden, einen deutschen Industriellen, der Nukleartechnologie an den Irak verkauft. Die Mission wird persönlich von Präsident Obama genehmigt.1 Aufklärung: Nowak führt eine alleinige Aufklärung von Himmelhagens Anwesen in der Nähe von Frankfurt durch und stellt Sicherheitsmaßnahmen wie Hunde und Kameras fest. Er hat das Gefühl, beobachtet zu werden, schenkt dem aber keine weitere Beachtung.1 Das Unterstützungsteam: Seine Unterstützung ist ein Ehepaar, Tom und Judith Schumacher (die sich später als die Kubickis herausstellen), das von einem nahegelegenen Forsthaus aus operiert. Nowak verspürt ein unerklärliches Unbehagen bezüglich der Mission und seines Teams.1 Das Attentat und der Verrat: Als BKA-Beamte getarnt, verschaffen sich Nowak und Judith Schumacher während einer Party Zutritt zu Himmelhagens Villa. Nowak exekutiert Himmelhagen mit einer schallgedämpften Ruger Mk II. Unmittelbar danach schießt Judith Schumacher zweimal auf Nowaks Brust. Er überlebt nur dank einer Kevlar-Einlage in seinem Mantel, ein Detail, das er seinem Team nicht mitgeteilt hatte.1 Die Flucht: Nowak erwacht, erkennt den Verrat und legt im Arbeitszimmer Feuer, um Beweise (einschließlich seines eigenen Blutes) zu vernichten und eine Ablenkung zu schaffen. Er entkommt dem Anwesen, indem er den Mercedes eines Gastes stiehlt, und flieht zunächst in Richtung Hannover, bevor er nach Freiburg abbiegt.1 Untertauchen: Nowak entführt ein Taxi nach Freiburg und lässt den Fahrer schließlich unversehrt frei. Er nutzt seine Fähigkeiten, um sein Aussehen zu verändern, und überquert als Radfahrer getarnt mit einer Reisegruppe die Grenze nach Frankreich, wodurch er der massiven BKA-Fahndung erfolgreich entgeht. Sein nächstes Ziel ist es, ein sicheres Haus in Paris zu erreichen und herauszufinden, wer ihn verraten hat.1 Die narrative Parallele zwischen diesem Verrat und dem von 2011 ist unverkennbar und zentral für Nowaks Charakterentwicklung. Diese Wiederholung ist kein Zufall; sie ist das Kernthema seines Handlungsbogens und verdeutlicht, dass Nowak in einem Zyklus des Verrats gefangen ist und den Institutionen, denen er dient, nicht trauen kann. Dass er den zweiten Verrat aufgrund einer geheimen Vorsichtsmaßnahme überlebt, zeigt seine Entwicklung: Das Trauma von 2011 hat ihn dauerhaft paranoid und autark gemacht, eine Eigenschaft, die ihm nun das Leben rettet. Der Berlin-Handlungsstrang: Cyber-Spionage und Unternehmensintrigen (2019) Dieser Handlungsstrang ist ein High-Tech-Thriller, der sich auf eine massive Datenpanne mit nationalen Sicherheitsimplikationen konzentriert. Er umfasst die Kapitel „Berlin 2019“, „OperationsDivisionCenter Netzgermania, Berlin“, „Office Ralph Keller, Chief Finance Officer, Berlin“ und „Nächtliches Dilemma, Berlin“.1 Der Einbruch: Michael Kahrmann, ein IT-Experte bei der Sicherheitsfirma SEC-ON, entdeckt einen hochentwickelten Hack. Die Sicherheitscodes für das Bundeskanzleramt wurden gestohlen.1 Die Untersuchung: Kahrmann verfolgt die IP-Adresse zu Netzgermania, Deutschlands größtem Netzanbieter. Er sendet eine dringende E-Mail, die aufgrund des Fehlers eines unerfahrenen Mitarbeiters eine Eskalation der höchsten Stufe auslöst und den Vorfall direkt dem CEO, Ferris Eisenstein, zur Kenntnis bringt.1 Auftritt Ferris Eisenstein: Es stellt sich heraus, dass Eisenstein mehr als nur ein CEO ist. Er ist ein legendärer IT-Sicherheitsspezialist und ehemaliger Hacker mit einer verborgenen Vergangenheit, einschließlich Verbindungen zur GSG 9. Fasziniert von der Professionalität des Hacks, übernimmt er persönlich die Ermittlungen.1 Eine tiefere Verschwörung: Eisensteins Team entdeckt, dass der Hacker einen nicht existierenden internen Zugangscode verwendet hat, was bedeutet, dass das eigene Netzwerk von Netzgermania von innen kompromittiert wurde. Der CFO, Ralph Keller, reagiert abweisend, was zu Spannungen führt.1 Eskalation zum Mord: Eisenstein arbeitet mit Kahrmann zusammen. Nachdem Kahrmann Eisenstein eine Protokolldatei des Angriffs per E-Mail geschickt hat, wird er von einem Auto überfahren und getötet, sein Laptop wird gestohlen. Dies verwandelt den Cyber-Kriminalfall in eine Mordermittlung.1 Die London-Verbindung: Eisenstein, der die Gefahr erkennt, reist nach London, um seinen alten Freund und Expertenkollegen Leo Baldure zu konsultieren. Er wird von Leos Assistentin Judith empfangen. Bevor er Leo treffen kann, zerstört eine Bombe die Universität, in der sie arbeiten. Da er erkennt, dass er gejagt wird, taucht Ferris in London unter und nutzt ein altes GSG 9-Safe-House.1 Dieser Handlungsstrang folgt der klassischen Reise eines widerwilligen Helden. Eisenstein wird als gelangweilter, extrem reicher Tech-Mogul eingeführt. Der Hack fungiert als „Ruf zum Abenteuer“. Zunächst delegiert er, aber die Eleganz des Einbruchs weckt seine professionelle Neugier. Die Entdeckung, dass sein eigenes Unternehmen kompromittiert ist, macht die Sache persönlich. Der Mord an seinem neuen Mitarbeiter Kahrmann erhöht den Einsatz auf Leben und Tod. Der Bombenanschlag in London und die Bedrohung seines eigenen Lebens vollenden seine Verwandlung von einem distanzierten CEO zu einem aktiven Protagonisten auf der Flucht, der gezwungen ist, seine ruhenden Fähigkeiten zu reaktivieren. Der Hamburg-Handlungsstrang: Der gejagte Polizist (Gegenwart) Dieser Strang ist eine düstere Kriminalgeschichte auf Straßenebene, die die psychologischen Nachwirkungen von Brian Schusters GSG 9-Karriere untersucht. Er umfasst die Kapitel „Auf den Straßen Hamburgs“, „Das Verhör“, „Rückblende“, „Lauf gegen die Zeit“ und „Des Wahnsinns Grauen“.1 Ein Polizist am Abgrund: Brian Schuster ist nun Polizist in Hamburg. Er ist hart, desillusioniert und unterhält ein Netzwerk von Informanten wie Linda. Er führt eine leidenschaftliche Beziehung mit der Krankenschwester Claudia und hat eine angespannte Beziehung zu seiner Ex-Freundin Rosi, die jetzt Staatsanwältin ist.1 Die Intrige: Im Rahmen einer verdeckten Operation mit seinem alten GSG 9-Kameraden Chris Hartmann zur Enttarnung eines Maulwurfs wird Schuster von Rosi zu einer formellen Anhörung vorgeladen. Der Maulwurf entpuppt sich als Rosis junger Kollege Gratzky, der Schuster mit einem Taser außer Gefecht setzt und Rosi ermordet, um Schuster den Mord anzuhängen.1 Auf der Flucht: Schuster gelingt es, Gratzky zu töten und aus dem Büro der Staatsanwaltschaft zu fliehen. Er ist nun ein gesuchter Mann wegen zweifachen Mordes und erkennt, dass seine Freundin Claudia in Gefahr ist.1 Entführung und Verrat: Er entdeckt, dass Claudia vom Hamburger Unterweltboss „Fatty“ entführt wurde. Er wird in eine Falle in der Hama-Bar auf St. Pauli gelockt. Dort wird er gefangen genommen und brutaler Folter ausgesetzt. Der ultimative Schlag kommt, als sich Claudia als Fattys Geliebte zu erkennen gibt und anscheinend an seiner Gefangennahme beteiligt war.1 Ein Hoffnungsschimmer: In einer überraschenden Wendung tötet Claudia, während Fatty schläft, einen Wachmann und versucht, Schuster aus der Folterkammer zu befreien, was enthüllt, dass ihre Loyalität eine komplexe Täuschung war. Fatty erwacht jedoch, erwischt sie auf frischer Tat und schlägt sie bewusstlos.1 Schusters Charakter wird durch seine Vergangenheit definiert. Seine GSG 9-Ausbildung macht ihn zu einem effektiven, wenn auch brutalen Polizisten. Das Manuskript verknüpft seine gegenwärtigen Handlungen explizit mit Rückblenden auf den Wüsteneinsatz von 2011. Die Fähigkeiten, die er einsetzt, um auf den Straßen Hamburgs zu überleben und der Intrige zu entkommen, sind dieselben, die er in Spezialeinheiten verfeinert hat. Seine Bereitschaft, sich an einer verdeckten Operation mit Hartmann zu beteiligen, zeigt, dass er diese Welt nie wirklich hinter sich gelassen hat. Der Handlungsstrang in Hamburg ist daher nicht nur ein Kriminalfall, sondern eine Untersuchung der Unfähigkeit eines Soldaten, seinem vergangenen Trauma und seiner Ausbildung zu entkommen, was ihn in seinem neuen Leben sowohl verfolgt als auch stärkt. Der München-Handlungsstrang: Der forensische Dreh- und Angelpunkt Dieser Handlungsstrang ist im vorliegenden Text am wenigsten entwickelt, dient aber als entscheidender Punkt für die zukünftige Konvergenz der Handlungsstränge. Er konzentriert sich auf die Kapitel „München“ und „Pathologisches Institut der LMU München“.1 Auftritt Dr. Mikaela Ricci: Dr. Ricci wird als brillante, aber exzentrische forensische Pathologin am Pathologischen Institut der LMU in München vorgestellt. Sie ist scharfzüngig, anspruchsvoll und äußerst kompetent.1 Die Untersuchung: Sie führt eine Autopsie an einem Mordopfer, „Egon“, durch, dessen Zunge postmortal entfernt wurde. Sie vermutet, dass die Tatwaffe eine Axt ist, was eine Verbindung zu zwei weiteren kürzlichen Morden herstellt und auf einen Serienmörder hindeutet.1 Die Verbindung zur GSG 9: Es wird enthüllt, dass Dr. Ricci ein ehemaliges Mitglied des GSG 9-Teams „Black Devil Hawks“ ist, das für die medizinische Unterstützung zuständig war. Sie war Teil der Gruppe, die nach dem Verrat von 2011 untergetaucht ist. Diese persönliche Geschichte verbindet sie direkt mit den anderen Protagonisten.1 Das Manuskript zeigt mehrere, geografisch getrennte Gewalttaten: Morde in München, eine Schießerei in Hamburg, ein Attentat in Frankfurt. Eine forensische Pathologin ist einzigartig positioniert, um Verbindungen zwischen diesen Ereignissen zu finden, die anderen Ermittlern nicht offensichtlich sind. Dr. Riccis etablierte Persönlichkeit ist die einer akribischen und kompromisslosen Wissenschaftlerin. Ihr verborgener Hintergrund bei der GSG 9 gibt ihr die Motivation und den Kontext, um zu verstehen, dass es sich hier nicht um zufällige Verbrechen handelt. Ihre Rolle ist es daher, als erzählerischer Knotenpunkt zu fungieren, als die Figur, die wissenschaftlich beweisen wird, dass all diese unterschiedlichen Fäden Teil einer einzigen, koordinierten Verschwörung sind. Der USA- & Internationale Handlungsstrang: Das geopolitische Schachbrett Dieser Strang liefert den Makrokontext für die gesamte Handlung und beschreibt die übergeordneten Bedrohungen und die institutionellen Reaktionen. Er stützt sich auf die Kapitel „Washington, USA“, „Oval Office, USA“ und „6. Etage, Supreme HQ Allied Powers Europe“.1 Die globale Bedrohung: Im Situation Room des Weißen Hauses informiert CIA-Direktor Thomas Bush Präsident Obama und den Nationalen Sicherheitsrat über zwei große Bedrohungen.1 „Hand Gottes“: Eine neue israelische Extremistengruppe, die die Verantwortung für den verheerenden Bombenanschlag auf die Moschee in Medina übernommen hat und droht, einen umfassenden Krieg im Nahen Osten zu entfachen.1 Hashim Nidal („Ghazi“): Die noch größere Bedrohung ist das Auftauchen von Abu Nidals unbekanntem Sohn, der unterschiedliche Terrorgruppen (Hamas, Hisbollah, Al-Qaida-Überreste) unter einem Banner vereint hat, mit dem Ziel, zuerst Israel und dann die Vereinigten Staaten zu vernichten.1 Das Orion-Team: Angesichts dieser existenziellen Bedrohung aktiviert die CIA ihre elitärste, inoffizielle Einheit: das Orion-Team, zu dem auch Mike Nowak gehört. Dies liefert die offizielle Genehmigung für Nowaks Mission in Frankfurt.1 Die SHAPE-Verschwörung: Das Kapitel im Supreme HQ Allied Powers Europe enthüllt die Quelle des Verrats an den GSG 9-Überlebenden. Sir Donald Frankiston wird von einem Mann namens Lloyd erpresst, der seine Familie bedroht und ihn zwingt, die Hinrichtung von Nowak, Schuster und Hartmann zu befehlen.1 Das Manuskript präsentiert mehrere, scheinbar unzusammenhängende Antagonisten. Das am Ende des Manuskripts gefundene „Pamphlet des Bösen“ skizziert jedoch einen einzigen, grandiosen Plan zur globalen Herrschaft durch eine Gruppe, die von „Malique dé Maizière, Chief Imperator of the All“ angeführt wird.1 Dieses Pamphlet fungiert als Schlüssel zur Handlung. Es impliziert, dass diese verschiedenen antagonistischen Kräfte keine separaten Einheiten sind, sondern alle, ob wissentlich oder unwissentlich, Schachfiguren in einer einzigen, massiven Verschwörung sind. Der Angriff der „Hand Gottes“ dient beispielsweise dem Ziel, Nationen zu destabilisieren und Chaos zu schaffen, eine Schlüsselstrategie, die im Pamphlet beschrieben wird. Dies deutet darauf hin, dass die Schurken eine vielköpfige Hydra bilden und die Protagonisten nur einzelne Köpfe sehen, ohne zu erkennen, dass sie alle mit demselben Körper verbunden sind. Das Rätsel um „The Don“ (Nicolas Dominique) Dieser Strang folgt den Handlungen des mysteriösen freiberuflichen Attentäters, der im Verborgenen operiert. Er umfasst Szenen aus „Irgendwo in der Wüste 2011“, „Nachts in der Nähe von Mannheim…“ und „The Don…“.1 Der Retter in der Wüste: Wie oben beschrieben, rettet „The Don“ 2011 im Alleingang die GSG 9-Überlebenden, angetrieben von einem persönlichen Ehrenkodex oder Abscheu.1 Der „pensionierte“ Attentäter: In der Gegenwart lebt er in einem stark befestigten, abgelegenen Haus in der Nähe von Mannheim. Er wird als immer noch hochgradig wachsam und einsatzbereit dargestellt, als er zwei inkompetente Drogendealer in der Nähe seines Grundstücks beobachtet, bevor er eine hochpriorisierte Nachricht auf seinem Telefon erhält.1 Eine Legende im Schatten: Er wird von anderen Agenten mit Ehrfurcht erwähnt. Ihm werden hochkarätige Attentate zugeschrieben, einschließlich der Tötung des Mannes, der Slobodan Milošević getötet hat. Er wird als „ganz harter Hund“ beschrieben, der seine Aufträge erledigt.1 Die Erzählung ist hauptsächlich als Konflikt zwischen den Protagonisten und den Antagonisten strukturiert. „The Don“ passt nicht eindeutig in eines der beiden Lager. Er hilft den Protagonisten 2011, ist aber selbst ein rücksichtsloser Auftragsmörder. Seine Handlungen werden von seiner eigenen inneren Logik bestimmt, nicht von der Loyalität zu einem Staat oder einer Organisation. Dies positioniert ihn als eine „dritte Kraft“ oder einen Joker im Konflikt. Sein Wiederauftauchen in Mannheim signalisiert, dass er unweigerlich wieder in die Haupthandlung hineingezogen wird, aber es ist unklar, auf wessen Seite er sich letztendlich schlagen wird, was ihn zu einer Quelle immenser narrativer Spannung und Unvorhersehbarkeit macht. Teil II: Tiefgehende Charakterprofile Chris Hartmann Rolle: Ein Kernmitglied und Scharfschütze des ehemaligen GSG 9-Teams „Black Devil Hawks“. Er ist einer der drei Hauptüberlebenden des Wüsteneinsatzes von 2011.1 Persönlichkeit: Wird als ruhig, stoisch und hochprofessionell dargestellt. Als Scharfschütze ist sein Charakter durch Geduld, Präzision und Beobachtungsgabe definiert. Er spricht selten, aber mit Bedacht.1 Wichtige Handlungen: Überlebte den Hubschrauberabsturz, die Gefangennahme durch Al-Qaida, wurde von „The Don“ gerettet und überlebte den versuchten Mordanschlag in der Luft.1 In der Gegenwart koordiniert er eine verdeckte Operation mit Brian Schuster in Hamburg, um einen Maulwurf zu enttarnen.1 Beziehungen: Seine primäre Bindung besteht zu seinen ehemaligen GSG 9-Teamkollegen, insbesondere zu Mike Nowak und Brian Schuster, geschmiedet durch gemeinsames Trauma und Kampf. Er dient als stabiler, verlässlicher Kontakt für den impulsiveren Schuster in der Gegenwart. Dr. Mikaela Ricci Rolle: Eine forensische Pathologin am Pathologischen Institut der LMU in München und ehemaliges Mitglied des „Black Devil Hawks“ für medizinische Unterstützung.1 Persönlichkeit: Außergewöhnlich intelligent, schlagfertig und mit einem dunklen, sarkastischen Humor ausgestattet. Sie ist anspruchsvoll, ungeduldig mit Inkompetenz und ihrer Arbeit absolut ergeben. Sie zeigt eine kühle Professionalität, die ihre tieferen Loyalitäten verbirgt.1 Wichtige Handlungen: Führt eine Autopsie an einem potenziellen Serienmordopfer in München durch 1; war Teil des GSG 9-Heimatteams, das nach dem Verrat von 2011 „Aktion Triple X“ aktivierte, um die Existenz des Teams auszulöschen und unterzutauchen.1 Beziehungen: Ihre Hauptverbindung besteht zu ihrem ehemaligen GSG 9-Team. Das Manuskript deutet auf eine vergangene romantische oder enge Beziehung mit Mike Nowak hin („Nowak bedauerte vor allem die heißen Nächte mit seiner zukünftigen ‚Ex-Kollegin‘ Mikaela“).1 Sie hat auch eine berufliche Beziehung zum Münchner Kommissar Dennis Demirci. Brian Schuster Rolle: Ein ehemaliger Sprengstoffexperte der „Black Devil Hawks“, jetzt Hauptkommissar in Hamburg. Er ist ein zentraler Protagonist, zerrissen zwischen seiner Vergangenheit und Gegenwart.1 Persönlichkeit: Desillusioniert, zynisch und oft brutal in seiner Polizeiarbeit, aber auch fähig zu tiefer Loyalität und Leidenschaft. Er wird von seiner Vergangenheit heimgesucht, wie seine Rückblenden auf den Wüsteneinsatz von 2011 zeigen. Er ist impulsiv und hat Schwierigkeiten in seinen persönlichen Beziehungen.1 Wichtige Handlungen: Überlebte den Absturz und den Verrat von 2011; navigiert als Polizist durch die Hamburger Unterwelt; wird für den Mord an seiner Ex-Freundin Rosi hereingelegt; wird von „Fatty“ gefangen genommen und gefoltert; und entdeckt den komplexen Verrat/die Loyalität seiner Freundin Claudia.1 Beziehungen: Sein Charakter wird durch ein Dreieck komplexer Beziehungen definiert: die anhaltende, antagonistische Verbindung zu seiner Ex Rosi; die intensive, leidenschaftliche und letztlich trügerische Beziehung zu Claudia; und die tiefe, brüderliche Bindung zu seinen ehemaligen GSG 9-Kameraden Chris Hartmann und Mike Nowak. Ferris Eisenstein Rolle: Der milliardenschwere CEO des Technologiegiganten Netzgermania und ehemaliges Mitglied der „Black Devil Hawks“, wo er der IT- und Sicherheitsspezialist war.1 Persönlichkeit: Eine brillante, polymathische Figur mit einem bestätigten IQ nahe 200 und einem fotografischen Gedächtnis. Er wird anfangs als gelangweilt und von seinem Unternehmensleben distanziert dargestellt, aber die Hackerkrise weckt seine beeindruckenden Fähigkeiten und seinen Lebenszweck wieder. Trotz seines Status hat er ein lässiges, zugängliches Auftreten. Sein Modestil ist klischeehaft „nerdig“ (weite Jeans, Kapuzenpullover).1 Wichtige Handlungen: Wird in die Untersuchung des SEC-ON-Hacks hineingezogen; deckt die interne Kompromittierung seines eigenen Unternehmens auf; arbeitet mit Michael Kahrmann vor dessen Ermordung zusammen; überlebt einen Bombenanschlag in London und flieht; und war Teil des GSG 9-Heimatteams, das 2011 die Akten der „Black Devil Hawks“ vernichtete.1 Beziehungen: Er hatte eine kurze, gescheiterte Affäre mit der Assistentin seines CFO, Diana, was eine persönliche Spannung in sein Berufsleben bringt. Seine wichtigsten Beziehungen sind die zu seinen alten Freunden und Kollegen von der GSG 9, wie Mikaela Ricci, und seinem Studienfreund Leo Baldure in London.1 Mike Nowak Rolle: Der zentrale Protagonist, der mehrere Handlungsstränge verbindet. Er ist der ehemalige Teamleiter der „Black Devil Hawks“ und jetzt ein Top-Agent für das „Orion-Team“ der CIA.1 Persönlichkeit: Der vollendete professionelle Soldat und Spion. Er ist intelligent, körperlich beeindruckend, hochqualifiziert in Kampf und Infiltration und aufgrund vergangener Verrätereien zutiefst paranoid. Er ist ein Mann der Tat, angetrieben von der Suche nach Antworten und letztlich nach Rache. Er steht kurz davor, sich zur Ruhe zu setzen, um ein neues Leben mit einer Frau namens Brittany Share zu beginnen.1 Wichtige Handlungen: Überlebte den Absturz und den Verrat von 2011; leitete die CIA-Mission zur Ermordung von Graf Himmelhagen; überlebte den Mordanschlag durch sein eigenes Team; entkam einer landesweiten Fahndung und floh nach Frankreich; und begann die Suche nach seinen Verrätern, indem er den Hacker Michael Drummer kontaktierte.1 Beziehungen: Seine primäre berufliche Beziehung ist die zu seiner CIA-Handlerin, Dr. Mia Johnson, die zu einer Hauptverdächtigen in seinem Verrat wird. Er hat eine tiefe Bindung zu seinen ehemaligen GSG 9-Teamkollegen, Brian Schuster und Chris Hartmann. Er hatte eine frühere Romanze mit Mikaela Ricci. Seine Motivation, den Dienst zu verlassen, ist seine neue Liebe, Brittany Share. Terry Flow Rolle: Kommunikationsspezialist der „Black Devil Hawks“.1 Persönlichkeit & Wichtige Handlungen: Das Manuskript liefert sehr wenige Informationen über diesen Charakter. Er wird in einem Planungsdokument als Teil des Teams aufgeführt und es wird erwähnt, dass er aufgrund einer kurzfristigen Verletzung von der Mission 2011 abgezogen wurde. Seine E-Mail-Adresse ist auch als Kontakt des Autors aufgeführt. Innerhalb der Erzählung selbst ist er unterentwickelt.1 Anmerkung: Das Fehlen der Entwicklung eines namentlich genannten Teammitglieds ist ein potenzieller Bereich für eine Erweiterung des Manuskripts. The Don (Nicolas Dominique) Rolle: Ein legendärer, unabhängiger Auftragsmörder. Er fungiert als mächtige und unvorhersehbare „dritte Kraft“ in der Erzählung.1 Persönlichkeit: Extrem rücksichtslos, effizient und professionell. Er handelt nach seinem eigenen mysteriösen Moralkodex. Obwohl er ein Auftragsmörder ist, zeigt er die Fähigkeit zu gerechtem Zorn, wie man sieht, als er in der Wüste eingreift, nachdem er die Schändung der Leichen der deutschen Soldaten miterlebt hat. Er ist ein Mann weniger Worte und immenser Fähigkeiten.1 Wichtige Handlungen: Rettete 2011 die GSG 9-Überlebenden; lebt in einem befestigten, halb zurückgezogenen Zustand in der Nähe von Mannheim; wurde von Sir Frankiston angeheuert, um die Erpresser zu eliminieren, die dessen Familie bedrohten, was zu einem Massaker in einem französischen Schloss führte.1 Beziehungen: Seiner Natur nach ist er eine einsame Figur. Seine einzige gezeigte signifikante Interaktion ist die kurze, lebensrettende Begegnung mit Schuster, Nowak und Hartmann, bei der er als ihr rätselhafter Retter auftritt. Schlussfolgerung: Narrative Konvergenz und thematische Synthese Die unterschiedlichen Erzählstränge von „Codename Minotaurus“ sind darauf ausgelegt, sich um eine einzige, übergreifende Verschwörung zu vereinen. Das „Pamphlet des Bösen“ legt das Ziel explizit dar: die Zerstörung der bestehenden Weltordnung und die Errichtung einer globalen Diktatur unter einem „Chief Imperator“.1 Die verschiedenen Antagonisten – von den Straßenkriminellen in Hamburg über die Hightech-Saboteure in Berlin bis hin zu den geopolitischen Manipulatoren in Washington – sind allesamt Instrumente dieses einzigen Plans. Das zentrale Thema, das die Protagonisten verbindet, ist der Verrat, sowohl auf persönlicher als auch auf institutioneller Ebene, der ihr Leben zerstört und sie gezwungen hat, im Verborgenen zu agieren. Die primäre Entwicklung der Erzählung wird diesen verstreuten Helden folgen, wie sie unabhängig voneinander Teile der Verschwörung aufdecken, was sie unweigerlich dazu führen wird, sich wieder zu vereinen, um die wahren Architekten ihres Ruins und die globale Bedrohung, die sie darstellen, zu konfrontieren. Die endgültige Konfrontation wird ihre zerbrochenen Loyalitäten auf die Probe stellen und sie zwingen, ein letztes Mal einander zu vertrauen. Referenzen
Audio / Podcast
Begleitende Analyse- und Kritik-Audios zum Buchprojekt.