Wenn ein Gott Geschichte macht
Was, wenn das biblische Gottesbild nicht einfach fertig vom Himmel gefallen ist, sondern sich aus älteren religiösen Schichten, Machtkämpfen, Übersetzungen, Umdeutungen und menschlichen Entscheidungen entwickelt hat?
Dieses Buchprojekt setzt bei einer unbequemen Beobachtung an: Die Bibel bewahrt nicht nur Glauben, Trost und Hoffnung, sondern auch Spuren von göttlichem Rat, Kriegsrhetorik, Opferlogik, Bann, Angst, Erwählung und der Verdrängung anderer Gottheiten. JHWH erscheint dabei nicht isoliert, sondern in einem altorientalischen Umfeld, in dem El, Elohim, Baal/Hadad, Aschera, Marduk, Enki, Enlil und mesopotamische Schöpfungs- und Fluttraditionen eine wichtige Rolle spielen.
Die stärkste Arbeitsthese lautet deshalb nicht: Alle Namen meinen ursprünglich dieselbe Gottheit. Belastbarer ist: Das spätere Bild des einen universalen Gottes entstand aus mehreren älteren Traditionssträngen. JHWH wurde wahrscheinlich mit El identifiziert, nahm Motive anderer Gottheiten auf und wurde im Laufe der Geschichte durch Schrift, Kult, Reformen, Reichspolitik, Mission und Auslegung zu einer Gottesgestalt, die bis heute Weltgeschichte prägt.
Das Projekt fragt nicht nur historisch, sondern auch moralisch: Was darf heilig genannt werden? Wann wird Religion zur Befreiung, wann zur Legitimation von Gewalt? Und was passiert mit einem Menschen, der alte Texte nicht länger nur verehrt, sondern ihnen ernsthaft widerspricht?

